Dogmatiker

Ab und an wird mir vorgeworfen, dogmatisch zu sein. Festgefahren in meiner Meinung. Verschlossen gegenüber Andersdenkenden. Darum schreibe ich diese Seite, damit ich in Zukunft darauf verweisen kann.

So siehts aus: Ich liebe es, neue Dinge zu lernen. Ich finde es toll, von etwas überzeugt zu werden. Es ist ein großartiges Gefühl, Fehler gezeigt zu bekommen. Wenn es um Fakten geht, bin ich wahrheitsgetrieben – und Wahrheit ist für mich immer provisorisch und unzureichend und mit aller Wahrscheinlichkeit subjektiv gefärbt, selbst mit den besten Versuchen, diese Färbung auszuschalten.

Das bedeutet Offenheit, und ich halte mich für einen offenen Menschen. Aber das ist wie mit meinem Wohnzimmerfenster: wenn ich das im Sommer offen lassen möchte, hänge ich ein Fliegengitter davor. Einen Filter, damit durch die Öffnung nicht einfach alles reinkommt.

Außerdem versuche ich, so weit es meine Zeit erlaubt, bei wichtigen Themen, zu denen ich einen Standpunkt beziehe, Informationen einzuholen. Mich fortzubilden. Auch mal über den Tellerrand zu gucken und andere Meinungen zu lesen.

Wie Harlan Ellison sagt: Es gibt kein Recht auf eigene Meinung, aber ein Recht auf die eigene informierte Meinung.

Ja, ich habe feste Standpunkte. Ich argumentiere harsch. Aber das hat seinen Grund. Ich bin von der Wahrheit meiner Argumente überzeugt, weil ich sie hinterfragt habe. Wäre ich nicht davon überzeugt, hätte ich eine andere Meinung. Das bedeutet nicht, dass ich nicht Unrecht haben kann, oder nicht in Betracht ziehe, Unrecht zu haben. Sondern nur, dass ich die grundlegenden Gegenargumente geprüft und für falsch befunden habe. Das mein aktuelles Verständnis einer Lage diese Meinung rechtfertigt.

Und bei Dingen, von denen ich wenig verstehe – aktuell versuche ich, mehr über den Israel-Palästina-Konflikt zu lesen –, halte ich mich raus oder zurück oder argumentiere nicht so heftig.

Und damit zum zweiten Teil dieses Themas: Es ist nicht meine Aufgabe, andere zu bilden. Zumindest nicht immer. Wer sich informieren will, soll das selbst tun.

Ich liebe andere Meinungen – aber bitte Meinungen. Standpunkte. Und die wollen argumentiert werden. Tu das, und ich höre zu, werde vielleicht sogar überzeugt. Ich kann ad hoc Beispiele bringen für Dinge, zu denen ich in kürzerer Vergangenheit meine Meinung geändert habe, überzeugt wurde, einen Irrtum erkannte. Du auch?

Und egal, wie klug oder gebildet du bist – kein Sarkasmus –, es ist wahrscheinlich, dass ich deine Argumente schon mal gehört habe. Gerade in Bereichen, wo ich mich informiert habe, tauchen immer wieder dieselben Argumente auf. Das mag manchmal komisch erscheinen, wenn man das nicht realisiert, aber beim tausendsten Mal habe ich wenig Lust, noch einmal genau zu erklären, warum du Unrecht hast. Die Antwort ist im Netz zu finden, wenn du wirklich suchst.

Aber viele tun das ja nicht. Sie erwarten, dass sie ihre abgelutschten Argumente bringen und dafür gelobt werden. Sie erwarten, dass es reicht, abgelutschte Argumente oder Vorwürfe zu bringen, um nicht kritisiert zu werden. Dass ich schweige oder umkippe oder was auch immer. Und haben selbst keine Bereitschaft, meine Position auch nur in Erwägung zu ziehen. Sie sind es, die verbohrt sind, die selbstsicher sind. Und ich weigere mich, deren Illusion diesbezüglich mitzutragen.

Wenn ich falsch liege, sag mir warum. Zeige mir den Fehler. Argumentiere deine Seite. Korrigiere mich. Zeige mir, dass deine Meinung ebenfalls informiert ist – vielleicht sogar informierter als meine. Oder schweige.