Ich muss George R. R. Martin am Ende kritisieren und zugleich loben. Ich mag es eigentlich nicht, wenn ein Buch nicht zumindest eine abgeschlossene Geschichte erzählt. Wie es aussieht, endet A Game of Thrones aber nach allen Seiten offen.
Gleichzeitig kann ich mich dem Sog dieser Offenheit nicht erwehren.
In diesem vorerst letzten Tyrion-Kapitel gibt es viel Kriegsrat, den ich nur begrenzt interessant finde. Ich lerne, dass Robb Stark in einer sehr guten Position sitzt, zwischen Lannisport und Königsmund. Ich erfahre auch, was für eine Bestie Gregor Clegane ist:
“A man who sees nothing has no use for his eyes,” the Mountain declared. “Cut them out and give them to your next outrider. Tell him you hope that four eyes might see better than two… and if not, the man after him will have six.”
Das Tywin so eine Person nicht nur duldet, sondern am Ende auch noch (zusammen mit Vargo Hoat und Armory Lorch) voraus schickt, um das Land zu verwüsten, verrät viel über die Skrupellosigkeit des Lannister-Patriarchen. Wie auch sein Gewaltmarsch, bei dem er sterbende Soldaten einfach zurücklässt.
Oder die Art und Weise, wie Tyrion seine Handlungen interpretiert. Dass Tywin Tyrion nach Königsmund schickt, deutet dieser nicht als Zeichen des Vertrauens. Nein, wo Jaime Lannister gefangen ist, will Tywin für ihn nur sicherstellen, dass zumindest Tyrion noch den Familiennamen ehren kann. Vorher war ar unwichtig, jetzt ist er womöglich Tywins letzte Hoffnung. Das verrät viel über das Verhältnis der beiden.
Wie auch die Tatsache, dass Tyrion bei all seinen vorlauten Sprüchen eben seinem Vater doch nicht sagt, was er wirklich von ihm hält. Er wagt es nicht, tatsächlichen Streit zu verursachen. Aber er ist dann doch ungehorsam.
“One last thing,” he said at the door. “You will not take the whore to court.”
(…) “I have a mind to take you to King’s Landing, sweetling,” he whispered.
Tyrion nimmt also Shae mit. Gerate erst hatte ich übrigens ein Gespräch, bei dem mir ein Bekannter von seinem Hass auf Shae berichtete. Unter anderem deshalb, weil diese Tyrion so manipuliere, dass er sie mit an den Hof nehme. Dieses Kapitel kann er nicht gemeint haben, denn hier wacht Shae nur auf und Tyrion nimmt sie sogleich mit. Oder verrät sich da eine unfaire Sichtweise mit schlechter Erinnerung?
Wichtig in diesem Kapitel: das Reich ist jetzt wirklich im Chaos. Renly Baratheon hat sich zum König erklärt und mit den Tyrells verheiratet: die südlichen Lords haben große Felder – also erstens genug zu essen und zweitens eine Horde von Menschen, die sie rekrutieren können. Nun sitzt also Robb Stark im Norden, mit den Flusslords vereint und neu erstarkt (ha!), und aus dem Süden kommt “König” Renly. Womöglich sammelt auch Stannis Baratheon sein Heer im Osten, und Stannis wäre ja der wahre Thronerbe.
Die Starks sind noch diejenigen mit dem geringsten Anspruch: wenigstens wollen die nicht auf den Thron. Aber ein Frieden mit denen kommt nicht in Frage. Nicht nur, dass ein solches Angebot Schwäche verriete – die Lannister haben Eddard getötet. Robb will nun Rache. Und die beiden Töchter kann man auch nicht eintauschen, denn Arya ist ja ebenfalls geflohen. Aus Sicht der Lannister muss die Schlacht gegen Robb Stark beendet werden. Ob Robb das auch so sieht, sehen wir im nächsten Kapitel.
Jedenfalls ist die Lage der Lannister keinesfalls mehr sehr bequem. Und nun also soll Tyrion nach Königsmund reisen, um dort die Hand des Königs zu werden. Eine sehr spannende Entwicklung. Tyrion traue ich zu, dass er sich besser durchsetzt als Eddard, aber Cersei und er kommen auch nicht so richtig gut miteinander aus. Und dann war da ja noch der Dolch, mit dem das Attentat auf Bran verübt wurde – angeblich Tyrions. Da wird er vielleicht auch einmal mit Kleinfinger reden wollen…
Ich finde: Tyrion gehört nicht aufs Schlachtfeld. Also kommt er jetzt da hin, wo ich womöglich am meisten Spaß mit ihm haben werde. Mal sehen, wie viel Lannister und wie viel Gewissen in ihm stecken.

Comments 14
Tywin ist Napoleon in Russland, oder?
Mir ist jetzt erst klar geworden, dass Tywin tatsächlich nur zwei Söhne hat und nicht noch einen dritten, falls Jayme irgendwas passiert. Keine gute Sache. Ist seine Frau nach Tyrions Geburt gestorben, dass es keine weiteren Kinder gab? Immerhin ist mir jetzt klar, warum Tyrion überhaupt am Leben und in der Familie behalten wurde.
Die Frage, was in Kings Landing passiert, dass niemand Joffrey aufhält ist wirklich berechtigt. Dieses Kind handelt auf eigene Faust und niemand greift ein. Unter Maria Theresia hätte er sich das nicht getraut!
Posted 06 Aug 2012 at 20:27 ¶Tywin Lannister war mit einer Cousine Joanna Lannister verheiratet, die allerdings bei Tyrions Geburt gestorben ist.
Posted 07 Aug 2012 at 15:53 ¶In Bezug auf Joffrey – wer sollte eingreifen? Die Geschichte spielt schließlich nicht zurzeit Maria Theresias.
Als Sohn von Robert und dank seiner Mutter ist Joffrey offiziell jetzt rechtmäßige König. Zumindest in Kings Landing kann er tun und machen, was er will.
Posted 07 Aug 2012 at 15:56 ¶Ah ja, das erklärt warum es keine weiteren Kinder nach Tyrion gab.
Erm, jetzt mal ganz ehrlich, Joffrey ist 12 Jahre alt. Wenn er so ein Psychopath ist, als der er hier teilweise dargestellt wird, dann dürfte das den wichtigen Leuten in Kings Landing schon seit einiger Zeit aufgefallen sein. Es heißt ja, dass dort nichts verborgen bleibt. Eine Menge Erwachsene waren an der Entscheidung beteiligt, Joffrey zum designierten König zu machen und nicht einen Vormund an seiner Stelle regieren zu lassen bis er das richtige Alter und vor allem das nötige Wissen dafür hat.
Solche Fälle gab es in der Geschichte haufenweise auch vor Maria Theresia, die ein solches Verhalten wie Joffrey es zeigt bei ihren Kindern wohl nie geduldet hätte. Edmund Mortimer stand zB auch in der Erbfolge direkt vor Heinrich IV. und es gab einen guten Grund warum er nicht König wurde. Damit haben wir einen Fall, der in der Zeit spielt, die für dieses Buch angeblich Vorbild war.
Sorry, aber “er stand in der Thronfolge als nächster” war noch nie ein Grund für eine Ernennung zum König. Es hätte ein Rat gegründet werden können bis er alt und vernünftig genug ist oder eben ein Regent an seiner statt. Der letzte König wurde auch nicht auf Grund der Erbfolge ernannt, wenn ich das richtig mitbekommen habe.
Wer sollte eingreifen? Ganz einfach, alle Erwachsenen, die ja sehr wohl sehen, dass Joffreys Verhalten Probleme verursacht. Wäre Tywin in Kings Landing gewesen, dann wette ich, dass jetzt nicht Joffrey König wäre. Joffrey ist ein Kind, das von Erwachsenen allein gelassen wird. Er darf tun und machen, was er will und das ist in seinem Alter weder sinnvoll noch gesund.
Ich denke auch nicht, dass es in Westeros vorgesehen ist, dass die Königin den nächsten Thronfolger ernennt. Wäre ja schön, wenn Frauen dort so viel Macht hätten, aber uns wurde kapitelweise gezeigt, dass sie diese Macht eben nicht haben, dass speziell Cersei in Kings Landing auch nicht extra viel zu sagen hat.
Ich nehme jetzt mal an, dass es in der Absicht einiger Leute lag, eben nicht eingreifen zu wollen. Das dürfte der einzige Grund sein, warum Joffrey grad König spielen darf.
Posted 07 Aug 2012 at 17:44 ¶Wer sollte eingreifen? Ganz einfach, alle Erwachsenen, die ja sehr wohl sehen, dass Joffreys Verhalten Probleme verursacht. (ZITAT von Lia)
Alle Erwachsenen? Ich kann mir noch vorstellen, dass ein Herr Müller aus Flea Bottom da einfach im Red Camp auftaucht und dafür sorgt, dass Joffrey nicht König wird, in dem er einfach erklärt, dass Joffrey ein Psychopath ist und daher Probleme verursacht.
Die gute Cersei, die schließlich eine brutal-verschlagene Figur ist, würde den guten Müller gleich umbringen lassen und nicht einmal in Erwägung ziehen, ihn in eine Klapsmühle zu stecken.
Die Buchserie spielt nun einmal im Spätmittelalter bzw. in der Frühen Neuzeit und da benötigt ein Thronanwärter noch eine gewisse Legitimation, und mag die noch zu dünn sein, zumindest am Anfang. (Historisches Beispiel: der englische König Henry VII.)
Posted 08 Aug 2012 at 15:10 ¶Welche Alternativen hätte es außerdem zu Joffrey gegeben?
Robert selbst hat nichts getan, um Joffreys Nachfolge zu unterbinden, obwohl er über dessen Charakter Bescheid wusste.
Posted 08 Aug 2012 at 15:11 ¶[Hinweis: mit einem />/-Zeichen (grösser als) und Leerzeichen könnt ihr Zitate kennzeichnen]
Ob Robert Bescheid wusste? Joffrey erscheint mir eher ein Fall von “Wehe, wenn er losgelassen”. Für Robert war der Junge 13 und hatte noch Zeit, sich zu fangen. Oder?
Posted 08 Aug 2012 at 16:08 ¶Erm, ich gehe jetzt doch irgendwie davon aus, dass es außer Cersei und Hr. Müller aus Flea Bottom noch andere Erwachsene in Kings Landing gibt? Ich nenne da jetzt nur Littlefinger, die Leute vom Rat etc. Es ist ja nicht so, als würden Joffrey oder auch Cersei in einem luftleeren Raum agieren.
Noch mal: warum hat Cersei plötzlich die Macht, den nächsten König zu ernennen? Machen das immer die Königswitwen in Westeros? Oder hat einfach kein anderer erwachsener Mann in ihrer direkten Umgebung gewagt, sich ihrem Wunsch entgegen zu stellen? Kann ich mir echt nicht vorstellen, dass eine Frau in Westeros urplötzlich eine solche Macht hat. Im übrigen hab ich dir ein Beispiel aus dem 14. Jh genannt mit Heinrich dem IV. War das nicht auch Spätmittelalter?
Robert hätte seinen Sohn wenigstens mal vom Hof wegschicken können, Patrick. Das scheint ja in Westeros durchaus üblich zu sein. Er hat sich so wenig für seine Kinder interessiert, dass ihm wohl egal war, wer nach ihm regiert. Seine Gleichgültigkeit seiner Familie gegenüber ist so essentiell, dass ich Cersei in ihrem Hass auf ihn durchaus verstehen kann.
Posted 08 Aug 2012 at 17:15 ¶Ich denke, Cersei setzt einfach nur den Standard durch. Der würde lauten: Joffrey ist König, die Mutter Regentin. Die Macht der Lannister ist dann gefestigt durch Schwerter und Gold und Treueeide auf den König (Barristan).
Aber ja, Robert hätte Joffrey wegschicken können.
Posted 08 Aug 2012 at 17:44 ¶Das meine ich eben, Patrick. In der Erbfolge mag Joffrey der nächste König sein, aber er müsste nicht ohne erwachsene Hilfe reagieren. Man hätte bis zu seiner Volljährigkeit einen Erwachsenen als Regenten ernennen können. Das war durchaus gängige Praxis in solchen Fällen. Es gibt einen Rat, wozu ist der da, wenn nicht genau dafür?
Posted 08 Aug 2012 at 18:24 ¶Ist wohl wirklich Korruption. Kleinfinger und der Großmaester widersprechen nicht, Varys lehnt sich nicht aus dem Fenster. Stannis und Renly sind weg und Selmy königstreu. Wenn dann Cersei sagt, sie werde regieren und auf Joffrey aufpassen…
Ich weiß nicht. Ich neige immer dazu, sehr viel Verhalten für möglich zu halten. Habe ich ja schon mal beschrieben. Das hat mich jedenfalls nicht rausgerissen.
Posted 08 Aug 2012 at 21:04 ¶Tywin hat ja schon klar gemacht, dass er nichts davon hält, dass Joffrey am Thron sitzt. Er hat völlig recht damit. Ich bin ehrlich gespannt, was Tyrion so alles in Kings Landing anstellt. Mag sein, dass er dem designierten König keine physische Ohrfeige mehr gibt, aber so manch verbale bestimmt.
Posted 08 Aug 2012 at 21:16 ¶Zunächst einmal Lias Anmerkung zu Henry IV. und Mortimer:
Die Situation lässt sich wirklich mit der bei GRRM vergleichen, denn Henry IV. wurde König, in dem er seinen Vorgänger Richard II. absetzte. Als Richard II. dann starb, war Henry IV. sozusagen bereits an der Macht.
Günstig war für ihn allerdings, dass Richard keine Nachkommen hinterließ und somit er aufgrund seiner Abstammung über seinen Vater der nächste in der Erbfolge war.
Der Gegenkandidat Mortimer rangierte nach der Abstammung durch seinen Vater hinter Henry und dessen Nachkommen. Dass sein Anspruch auf den Thron berechtigter war als der von Henry und dessen Nachkommen, führte er auf die Abstammung über seine Mutter zurück.
Die weibliche Erbfolge war in den meisten europäischen Ländern im Mittelalter umstritten, auch wenn sie in den meisten Ländern nicht ausdrücklich verboten war.
Dass jemand die Erbfolge über seine Mutter beansprucht und Erfolg hatte, ist ebenfalls vorgekommen, aber auch diese Auslegung der Erbfolge war umstritten. Mortimers Anspruch war also keineswegs eindeutig.
In diesem konkreten Fall kam hinzu, dass Henry IV. und sein Nachfolger Henry V., was man auch immer von ihnen als Menschen hält, jedenfalls tatkräftige und aktive, durchaus erfolgreiche Herrscher waren.
Posted 09 Aug 2012 at 14:50 ¶Inhaltliche Korrektur: Der erste Satz lautete natürlich, dass sich die Situation von Henry IV. nicht mit der von GRRM vergleichen lässt.
Posted 09 Aug 2012 at 14:51 ¶Post a Comment