KdK: Scully

In A Clash of Kings sprengt George R. R. Martin seine Erzählfesseln. Wo der erste Band noch primär mit der Familie Stark beschäftigt war, werden nun von Buch zu Buch neue und verstreute Erzählperspektiven dazukommen, wird nun die politische Landschaft komplexplodieren (ja, das ist ein Wort).

Es beginnt sogleich mit einem für mich großartigen Prolog, der viel vorausdeutet. Ich kann nicht umhin, als das mit einer Liste abzudecken.

Maester vs. Magie

Ist Cressen ein Symbol? In jedem Fall zeigt er, dass die Maester in ihrer Ausbildung darauf achten, jeglichen Aberglauben zu tilgen. Maester spielen mit Alchemie, um sich selbst zu überzeugen, dass an den Ammenmärchen nichts dran ist. Maester sind die Verfechter einer rationalen, empirisch erklärbaren Welt.

Ich verstehe das. Wissenschaft ist allgemeingültig. Mit Wissenschaft erforscht man Gesetzmäßigkeiten dessen, was möglich oder unmöglich ist. Magie macht das zunichte. Wissenschaft ist ein Gleichmacher, Magie ein Privileg.

Trotzdem fühle ich mich an Dana Scully aus Akte X erinnert: wenn es Magie gibt, dann würden Wissenschaftlier diese erforschen und womöglich deren Gesetzmäßigkeiten aufstellen. Leugnen im Angesicht des Beweises ist kein Zeichen wissenschaftlicher Genauigkeit. Wie lange wird es also dauern, bis die Maester Magie akzeptieren? Immerhin beeinflusst das eminent ihre Fähigkeit, guten Rat zu geben – oder Menschen zu vergiften. Cressen könnte also für das Scheitern der Maester stehen.

Die rote Frau

Es ist toll, dass George Martin mit Dragonstone beginnt, denn hier hat er drei der für mich faszinierenderen Figuren seiner Welt erschaffen. Eine dieser Figuren ist Melisandre von Asshai.

Many called her beautiful. She was not beautiful. She was red, and terrible, and red.

Okay. Ich finde es schade, dass Melisandre, die aus dem fernen Osten kommt, kalkweiße Haut und feuerrotes Haar hat. Das passt zu ihrer Rolle als Priesterin – aber gleichzeitig erinnert mich das an Jesus: der wäre wohl auch lange nicht so weiß gewesen, wie er oft dargestellt wird. Hier hat Martin die Chance, eine mächtige und wichtige nichtweiße Figur einzuführen. Stattdessen ultraweiß.

Aber ansonsten ist diese Figur toll. Melisandre ist die fanatische Anhängerin des roten Gottes Rh’llor – wir werden noch einiges über den Herrn des Lichts erfahren. Im Moment erleben wir nur ihr Vertrauen in ihren Gott (oder in den Giftschutz an ihrem Hals). Was für ein Moment, als der alte Maester Cressen sie mit Wein vergiften will.

“It is not too late to spill the wine, Maester.”

(…) Melisandre of Asshai took the cup from his hands and drank long and deep. There was only half a swallow of wine remaining when she offered it back to him. “And now you.”

(…) “He does have power here, my lord,” the woman said. “And fire cleanses.” At her throat, the ruby shimmered redly.

Melisandre ist keine nette Frau. Sie setzt Cressen eine Narrenkappe auf, und sie hat auch kein Problem dabei, Cressen bei seinem sinnlosen Selbstmord zuzusehen.

Stannis

Oh, Stannis. Stannis ist zugleich der beste und der schlechteste König aller Zeiten, und schon hier in diesem Prolog sieht man ihn sehr zwiespältig.

Er ist gerecht bis zum Erbrechen: als Davos der Schmuggler ihn und seine Leute rettete, hackte er ihm fürs Schmuggeln die Finger ab und ernannte ihn für die Rettung zum Ritter.

Er ist direkt:

“You are too ill and too confused to be of use to me, old man.” It sounded so like Lord Stannis’s voice, but it could not be, it could not. “Pylos will counsel me henceforth. Already he works with the ravens, since you can no longer climb to the rookery. I will not have you kill yourself in my service.”

Stannis ist so gar nicht wie Renly: wo der höfisches Verhalten zeigt, würde Stannis wohl nicht scharwenzeln oder diplomatisch sein. Stannis ärgert sich unter anderem, dass Robert ihn nicht zur Hand des Königs machte, aber ganz ehrlich: Stannis wäre wohl noch schlimmer als Eddard auf diesem Posten gewesen.

Stannis ist kalt und hart. Er wird nicht mit Menschen verhandeln, die sein Reich beanspruchen. Egal, wie zahlenmäßig unterlegen er ist:

“The Starks seek to steal half my kingdom, even as the Lannisters have stolen my throne and my own sweet brother the swords and service and strongholds that are mine by rights. They are all usurpers, and they are all my enemies.”

Ich kann mir nicht helfen. Stannis ist so ein eisenharter Mensch, dass es mich fasziniert, wie er die Welt bewältigt – immerhin müssen wir theoretisch ständig Kompromisse eingehen.

Davos

Der Zwiebelritter. Ein einfacher Schmuggler. Seine einfache Geburt steht ihm “ins Gesicht geschrieben” (klar). Ich mag ihn. Er ist so ehrlich, wie Stannis gerecht ist. Er ist für andere Adelige ein Emporkömmling. Er ist dem Mann treu ergeben, der ihm die Finger abhackte. Ich verrate schon mal, dass wir Stannis und Melisandre in Zukunft erst einmal aus der Perspektive des Zwiebelritters lesen werden. Die drei sind wahrlich ein interessantes Gespann.

Selises Bart

Gefällt mir nicht so, dass die miesepetrige Königin Selise, die sehr unsympathisch wirkt, auch noch einen Schnurrbart hat, den sie täglich und vergeblich rupft. Klingt nach Körperpolizei.

Regenbogengarde

Alles klar? Renlys Königsgarde ist in Regenbogenfarben. Renly ist schwul, und der Regenbogen die schwule Flagge.

Even as a boy, Renly had loved bright colors and rich fabrics,

Wobei: Auch Stannis kann mit Frauen nicht viel anfangen und erfüllt mehr notgedrungen jährlich seine eheliche Pflicht.

Der Komet

Above, the comet blazed red and malevolent.

Dieser Komet wird als Klammer über den verstreuten Ereignissen stehen, und ich finde spannend, wie er interpretiert wird. Für Cressen ist es einfach nur ein roter Komet, auch wenn er sich zwingen muss, darin kein Omen zu sehen. Königin Selise hingegen:

“Look out your windows, my lord. There is the sign you have waited for, blazoned on the sky. Red, it is, the red of flame, red for the fiery heart of the true god. It is his banner – and yours! See how it unfurls across the heavens like a dragon’s hot breath, and you the Lord of Dragonstone. It means your time has come, Your Grace. Nothing is more certain.”

Das ist eine weitere Qualität, die ich an Martins Büchern schätze. Hier bleiben Interpretationen offen, gibt es unterschiedliche Perspektiven. Ich kann nun sagen, dass der Komet einfach nur ein Naturschauspiel ist, der von anderen für ihre Zwecke benutzt wird. Aber in einer Welt der Magie? Kann da auch viel anderes hinterstecken.

Der Tisch

Ich liebe diesen Tisch von Stannis, der in der Form von Westeros geschnitzt ist, der eine Karte des Reiches ist.

He descended the steps of his chair to stand before the table, his shadow falling across the mouth of the Blackwater Rush and the painted forest where King’s Landing now stood. There he stood, brooding over the realm he sought to claim, so near at hand and yet so far away.

Ein tolles Bild.

Patchface

Ich bin bis heute unsicher, wie viel seiner Lieder tatsächlich Bedeutung tragen. Zumindest sein aktuelles Lied wirkt, als wäre es mehr als nur eine komische Weise.

“The shadows come to dance, my lord, dance my lord, dance my lord,” he sang, hopping from one foot to the other and back again. “The shadows come to stay, my lord, stay my lord, stay my lord.”

Ansonsten… hm. Der Narr wird leider als “gebrochen in Geist und Körper” geschildert. Leider, weil das eine defizitäre Sicht auf Behinderung ist. Immerhin hat der Narr ja Jahrzehnte überlebt, er muss also irgendwas richtig machen.

Natürlich passt es auch: dieser verstörende Narr, die traurige Shireen, und die ernste Umgebung von Dragonstone. Bei Stannis gibt es wenig Grund zu lachen. Und doch ist er der rechtmäßige König.

Comments 22

  1. avatar Wajakla wrote:

    Ohja, ich liebe die meisten Kapitel in denen wir Stannis, Melisandre, Davos und Co zu Gesicht bekommen.
    Von den Anwärtern auf den Thron halte ich Renly für am Geeignetsten aber ich finde es wirklich faszinierend wie Stannis seinen Krieg um den Thron sieht. Er will nicht die Macht die er als König hat, eigentlich WILL er gar nicht König werden – er MUSS um dem Thron kämpfen weil er ihm rechtmäßig zusteht. Er hat aus seiner Sicht gar keine andere Wahl denn Gerechtigkeit ist für ihn die oberste Maxime.

    Ich finde es auch lustig, wie der Komet von fast jeder Seite für sich interpretiert wird. Vielleicht ist er aber ja wirklich nur ein Naturphänomen.

    Bei Patchface sollte man mMn genau hinhören, was er so von sich gibt. Aus Sicht von Davos & Co muss es nach irrsinnigem Gebrabbel klingen aber da der Leser mehr weiß als die Charaktere kann man da hin und wieder interessante Aussagen finden.

    Posted 16 Aug 2012 at 17:37
  2. avatar Lia wrote:

    Der zweite Teil beginnt so freudlos wie der erste geendet hat.

    Interessanterweise erfahren wir hier aber ein wenig mehr über die Familie Baratheon. Die drei Brüder sind teilweise recht unterschiedlich und dann doch wieder ähnlich. Mich wundert nur wie ein so steifer Mensch wie Stannis aus derselben Familie wie Robert und Renly stammen kann. Robert war ein Genussmensch, der die sieben Todsünden sozusagen zum Lebenszweck erhoben hatte. Renly ist schwul und war offensichtlich ein sehr fantasievolles Kind. Er hat ähnliche Vorlieben wie Sam, ist aber wohl sportlicher und kommt daher mit den Anforderungen dieser Welt besser zurecht. Stannis dagegen…. es würde mich nicht wundern, würde er in unserer Welt als Asperger-Fall diagnostiziert werden. Dieses Unverständnis für komplizierte Gefühle, das Festhalten in fixen Regeln, die auch keinesfalls gebrochen werden dürfen könnten durchaus Hinweise darauf sein. Stannis war auch das ungeliebteste Kind, wenn man Cressens Erinnerungen trauen darf. Auch das könnte ein Zeichen sein. Es fällt schwerer, ein Kind zu lieben, das selbst keine Zeichen von Zuneigung und Gefühlen zeigt. Was, wenn Stannis tatsächlich so geboren wurde in einer Welt, die von Asperger & Co keinen blassen Schimmer hat.

    Man kann sicher mit ihm zurecht kommen, wenn man sich penibel an seine Regeln hält.

    Mit Shireen haben wir ein weiteres ungeliebtes Kind. Als Mädchen hat sie es in dieser Welt mit einer sichtbaren Entstellung nicht leicht. Sie wird schwer zu verheiraten sein und sehr viele andere sozial akzeptierte Wege gibt es hier ja nicht für Frauen. Ich bin gespannt, wie sie sich weiter entwickelt.

    Selise – ich muss sagen, dass ich ihre Miesepetrigkeit gut verstehen kann. Sie lebt mit Stannis zusammen auf einer Insel, die wenig Anlass zur Freude bietet. Ihre einzige Chance, von hier wegzukommen, besteht darin, Stannis in den Krieg zu treiben. Sie mag lange darauf gewartet haben. Und dass sie einen Damenbart hat? Ja mei, es muss ja nicht jede Heldin gutaussehend, makellos und wunderbar sein, oder? Mit einem Damenbart plagen sich jede Menge Frauen herum, ärgern und fluchen darüber und, nun ja, zupfen die Haare halt weg. Vielleicht wird ja irgendwann in unserer Welt ein Damenbart kein Stein des Anstoßes mehr sein bei einer Frau, aber momentan sind wir davon offensichtlich weit entfernt.

    Wie wärs, wenn sie aus einer Linie stammt, in der Frauen immer schon Bartwuchs hatten und der Bart als sexy betrachtet wird, je stärker er vorhanden ist? Vielleicht ist ihr Bart der einzige Grund, warum Stannis es wenigstens ein bis zwei Mal im Jahr schafft, seinen ehelichen Pflichten nachzukommen. Das ist ja auch meist eher etwas, worüber Frauen jammern.

    Melisandre hätte mir als Kreolin mit einem Voodoo-Kult auch gut gefallen. So ist sie halt eine faszinierende Priesterin eines semichristlichen Kults. Auch das finde ich durchaus faszinierend, weil es offensichtlich drei Religionen in dieser Welt gibt. Der Glaube an die alten Götter wird nur noch im Norden gehalten, der Großteil glaubt an diese Sieben a la griechischer Olymp und jetzt eben der Gott des Lichtes. Interessanterweise könnte das Jesus, das Licht der Welt, genauso sein wie Luzifer, der Lichtbringer. Mal sehen, was Melisandre so von sich gibt.

    Mit wem verbündet sich Stannis hier und zu welchem Preis? Mich wundert auch, dass er die Idee seiner Frau so widerstandslos aufgreift. Natürlich fühlt er sich schon sein Leben lang benachteiligt gegenüber seinen Brüdern. Ich habe nicht mal das Gefühl, dass er seine Brüder wirklich hasst, sondern einfach die Ungerechtigkeit des Ganzen ihm zu schaffen macht. Alles hätte anders laufen sollen, als es tatsächlich gekommen ist. Das ist nicht fair und vor allem gegen die Regeln.

    Warum Stannis zulässt, dass Cressen so entwürdigt wird, ist mir nicht klar. Ein solches Verhalten passt tatsächlich irgendwie nicht zu ihm. Cressen ist alt und hat Vaterstelle an ihm vertreten. Was läuft da im Hintergrund ab, dass er diese Aktion seiner Frau sanktioniert. Selbst wenn er die Entwürdigung nicht unmittelbar nachempfinden kann, müsste sein Ehrbegriff so etwas verhindern.

    Warum die Maester real existierende Phänomene nicht genauer untersuchen, ist mir auch unklar. Cressen weiß interessanterweise, dass der Komet ein ziehender Stern ist und er nur einmal in einer Lebenszeit zu sehen ist. Woher? Warum weiß es sonst keiner? Was ist beim letzten Mal passiert, als der Komet zu sehen war?

    Aber Leser bestimmter Bücher wissen natürlich, dass nicht der Komet sich Westeros nähert, sondern Westeros sich dem Kometen und dass am Ende viele kleine neugeborene Schildkröten mit elefanten und flachen Welten auf dem Rücken ihrer Mutter ins All folgen werden. Ob Westeros eine Schwester oder eine Tochter von A’Tuin ist?

    Patchface ist interessant. Er scheint etwas erlebt zu haben, was seine Sicht auf die Realität vollkommen verschoben hat. Übrigens denke ich nicht, dass er überlebt hat, weil er irgendwas richtig gemacht hat, sondern weil er das Glück hatte, schon vorab eingekauft worden zu sein und in einem Haushalt zu landen, das zumindest die Verpflichtung den eigenen Leuten gegenüber ernst nimmt. Ich weiß nicht, wie eine Familie Lannister mit diesem Problem umgegangen wäre. Es mag also schon eine Portion Glück im Unglück dazu gehört haben. Was wohl wirklich im Meer mit ihm passiert ist? Was er singt, macht Sinn für den Leser. Wobei der Informationsvorschuss, den wir haben, nur dadurch entsteht, dass die Maester jede Auskunft über noch nicht geklärte Phänomene verweigert.

    Posted 18 Aug 2012 at 18:43
  3. avatar Erm wrote:

    Mein erster Gedanke dazu:
    Wir lernen jenen Hof kennen, an welchen Jon Arryn seinen Sohn schicken wollte (vorausgesetzt diese Version ist die richtige. Indizien dafür sind: Stannis und Jon A. hatten vor seinem Tod (und vielleicht bereits früher) engen Kontakt miteinander, für Walder Frey war entscheidend, dass der junge Robin nicht zu ihm geschickt, ob er zu Tywin oder zu Stannis geschickt werden sollte, dürfte für ihn unwichtig sein, also warum sollte er diesbezüglich lügen. …)

    Vielleicht verstehen wir jetzt, dass Lysa nicht wollte, dass ihr Sohn dorthin kommt, denn Dragonstone ist ein düsterer und trostloser Ort. Für Dragonstone würde allerdings sprechen, dass Shireen ein nettes und offensichtlich sensibles Mädchen ist, die selbst ihre Erfahrungen mit dem Kranksein hat. Gerade deswegen wäre sie wohl für den zurückgebliebenen kränkelnden Robin eine gute Gefährtin gewesen.

    Jedenfalls habe ich bei Shireen sofort Mitgefühl, das ich z. B. Sansa oder Cersei gegenüber nicht aufbringen konnte. (GRRM hat die Opferrolle von beiden als fragwürdig dargestellt, ich gehe davon aus, dass er dafür einen Grund gehabt hat, aber das ist hier nicht Thema.)

    Shireen wird als jemand gezeigt, der sich offensichtlich nicht als Opfer sieht, sondern versucht aus ihrer Situation das beste zu machen, eine stille Heldin also. (Auch die Umgebung, wo sie aufwächst, ist alles andere als angenehm.)

    Von Maester Cressen erfahren wir von Shireens Krankheit, die sie überlebt hat, durch die sie aber optisch entstellt ist.

    Übrigens gibt es inzwischen Theorien, nach denen Shireens Krankheit, die als unheilbar gilt, möglicherweise nur vorübergehend überwunden ist, und sie sozusagen auf Zeit lebt.

    Hofnarren gehören zum Repertoire von Mittelalterhöfen und sind auch in der Literatur und Trivialliteratur übliche Kulisse. Diese Narren waren tatsächlich oft Außenseiter oder Behinderte. Insofern kann mich Patricks Kritik einer defizitären Sicht auf Behinderung nicht zustimmen. (Schließlich befinden wir uns nicht im 21. Jahrhundert.)

    Was den jetzigen Zustand von Flickenfratz betrifft, so dürfte der allerdings die Folge dessen sein, dass er den Schiffbruch zwar überlebt hat, aber klinisch bereits tot war, als er aus dem Wasser gezogen wurde. Dass er noch am Leben ist, liegt sicher nicht daran, dass er alles richtig gemacht hat.

    Vielleicht wurde er behalten, weil sein Überleben auch als göttlicher Hinweis gesehen wurde. (Klinisch tot sein und wieder aufwachsen, wird auch heute noch, obwohl wir medizinisch weiter sind, als außergewöhnlich gesehen.)

    Vielleicht wurde er behalten, weil er für die Kinder und jetzt für Shireen wichtig ist.

    Was seine “Weissagungen” betrifft, jedenfalls eine wird sich im Buch 3 erfüllen.

    Posted 19 Aug 2012 at 20:28
  4. avatar Erm wrote:

    Was den Vergleich Renly und Sam betrifft, so kann ich dem als Leserin nicht so zustimmen. Immerhin wird Renly als gutaussehender, attraktiver Junge beschrieben, was Sam eindeutig nicht ist. (Ähnlich wie der junge Robert hat er offensichtlich Charisma.) Außerdem gibt es im Buch keine Hinweise dazu, dass Renly als verweichlicht oder unmännlich gilt, was bei Sam eindeutig der Fall ist.

    Das Problem, dass Stannis hat, finde ich insofern wichtig, da es sich wie ein roter Faden durch die Buchserie zieht: äußerliche Attraktivität und tatsächliches Können. Stannis dürfte von den drei Brüdern der fähigste sein, was auf Westeros für die meisten zählt, sind nicht die tatsächlichen Leistungen, sondern Charisma und gutes Aussehen sowie Heldenimage, etwas, was Robert als junger Mann gehabt haben dürfte und über das Renly offensichtlich verfügt. (Wir werden am Beispiel von Tyrion noch selbst eine Antwort auf die Frage bekommen, ob es in Westeros möglich ist, optische Mankos und körperliche Defizite durch andere Fähigkeit auszugleichen oder sogar vergessen zu machen.)

    Ob Stannis eine schlechtere Hand als Eddard gewesen wäre?
    Ich glaube nicht, aber ich halte im Gegensatz zu Patrick und Lia auch Eddard für keine schlechte Hand. Vom Charakter und seinen Werdegang her, war er eine sehr gute Wahl. und dem verkommenen und verluderten Hof von Kings Landing hätte jemand, da energisch durchgreift, sicher gut getan.
    (Für den Red Keep mag der Tower von London das konkrete Vorbild gewesen sein, aber er zeigt auch sehr schön den Abstand, der in Kings Landing zwischen Hof / Regierung und Volk eingehalten wird. Auf der einen Seite haben wir die verkommene Luxuswelt des Hofs, und die Mauern des Red Keep trennen diese Welt von der “wirklichen” Welt, für die beispielsweise ein Viertel wie Flea Bottom steht. Einerseits die verluderte und verkommene Adelsgesellschaft, die auf Pump lebt und andererseits das Volk, das ums Überleben kämpft. (Solche “soziale” Konflikte werden zwar erst in den Büchern nach Band 1 thematisiert werden, finden sich aber bereits in Buch 1.
    Zum Vergleich – Winterfell erscheint keineswegs als eine Welt, wo das normale Volk gänzlich ausgeschlossen ist und hungern muss, während es sich die Starks gut gehen lassen.
    GRRM wird die Gegenüberstellung Red Keep – Flea Bottom sicher nicht grundlos gewählt haben.

    Eddard scheitert allerdings, zum einen ist er mit der Welt des Red Keeps nicht vertraut und hat, da eine Menge Aufgaben zu bewältigen sind, auch nicht die Zeit, sich mit Geschehnissen unter Jon Arryn vertraut zu machen.
    (Hätte er z. B. gewusst, wir, die Leserschaft erfahren das auch erst in Buch 3, dass Petyr Baelish und Janos Slynt allen Grund hatten, einen König Stannis zu fürchten, da es bereits einen früheren Zusammenstoß gegeben hatte, wäre ihm natürlich klar gewesen, dass die beiden ihn sicher nicht unterstützen würden, wenn er Stannis zum König machen will. Ziemlich sicher hätten sie ihn unterstützt, wenn er auf Renlys Vorschlag eingegangen wäre, vielleicht sogar, wenn er selbst Usurpationsabsichten gehabt hätte. Der zweite Grund, warum Eddard als Hand scheitert, ist allerdings, dass Robert (sein König) nicht wirklich hinter ihm steht.

    Insofern macht es auch Sinn, die Rolle einer Hand mit Blick auf ihre/n König/in zu interpretieren.

    Es könnte ganz interessant sein (noch nicht jetzt, aber z. B. nach Buch 4 (Originalausgabe)) einmal eine Analyse über die verschiedenen Hände und ihre Könige/innen zu machen, die noch kommen werden. (Vielleicht könnten auch die Könige als Vergleich einbezogen werden, die keine Hand haben bzw. die einzige Figur, der das Amt angeboten wird und die dieses tatsächlich zurückweist).

    Stannis hätte Eddard gegenüber den Vorteil gehabt, dass er den Hof von Kings Landing gut kennt, gehörte er doch dem Rat an und hat er sich bis zu Jon Arryns Tod regelmäßig selbst am Hof aufgehalten.

    Außerdem dürfte er mit Eddards Vorgänger, eben Jon A., eng zusammengearbeitet haben. So gesehen, wäre er wohl auch der naheliegende Nachfolger für Jon A. gewesen, wenn sich Robert nicht Eddard eingebildet hätte. (Roberts ständige Drohung, Jaime zu seiner Hand zu machen, dürfte eher darauf abzielen, Eddard aus emotionalen Gründen von einem Rücktritt vom Amt abzuhalten. Immerhin kann Robert Jaime nicht leiden, und es gebe noch weitere Kandidaten für das Amt (außer Renly gibt es noch andere Leute am Hof, die Robert damit betreuen könnte.)

    Übrigens ist nach wie vor offen, warum Stannis nach Jon A.s Tod den Hof verlassen hat. Fürchtete er um sein eigenes Leben, weil er wusste, dass Jon A. ermordet war. Fühlte er sich deshalb bedroht, da Robert ihn auich nicht zu seiner Hand gemacht hat? Oder war er nur beleidigt, dass er nicht die nächste Hand wurde, sondern Eddard?

    Abschließend noch eine Theorie, die mir untergekommen ist und die ich zu jenen Theorien zähle, die durchaus stimmen könnten.

    Einige Leser/innen vermuten, dass es Stannis war, der als erster den Verdacht gehabt hat, dass Robert nicht der Vater von Cerseis Kindern ist und der Jon A. damit konfrontiert haben dürfte. Zu dieser Theorie würde jedenfalls passen, dass beide die Recherchen dazu (Besuch im Bordell, beim Schmied etc.) zusammen gemacht haben.

    Posted 19 Aug 2012 at 20:41
  5. avatar Erm wrote:

    Könnte es sein, dass diese Hinweise und Patricks Urteil doch eine etwas zu positive Erwartungshaltung in Bezug auf Stannis aufgebaut haben?

    Die Behandlung von Cressen zeigt jedenfalls, dass Stannis auch eine negative Seite hat. Er mag oft gerecht sein, aber er ist auch ein Mann, der bedenkenlos die opfert, die für ihn keinen Nutzen mehr haben, wenn sich etwas bietet, was mehr Nutzen verspricht.

    Posted 19 Aug 2012 at 20:41
  6. avatar Erm wrote:

    Ad. Melisandre

    “Melisandre hätte mir als Kreolin mit einem Voodoo-Kult auch gut gefallen.” (Zitat von Lia)

    Vielleicht wollte GRRM einfach mit Melisande keine zweite Figur á la Mirri Maz Duur schaffen.

    “Okay. Ich finde es schade, dass Melisandre, die aus dem fernen Osten kommt, kalkweiße Haut und feuerrotes Haar hat. Das passt zu ihrer Rolle als Priesterin – aber gleichzeitig erinnert mich das an Jesus: der wäre wohl auch lange nicht so weiß gewesen, wie er oft dargestellt wird. Hier hat Martin die Chance, eine mächtige und wichtige nichtweiße Figur einzuführen. Stattdessen ultraweiß.” (ZITAT Patrick)

    Ehrlich, den Jesus-Vergleich kann ich nicht nachvollziehen, aber vielleicht ist es ganz gut, dass Melisandre keine Farbige ist.

    Mit Mirri Maz Duur hatten wir bereits eine farbige Zauberin, in der Folge werden wir noch einige weitere Frauen mit magischen Fähigkeiten, die aus Essos sind, treffen. Da ist es vermutlich keine schlechte Idee, dass eine dieser Frauen eben auch eine Weiße sein darf.

    Davon abgesehen davon, ist das vielleicht auch nur ein Hinweis darauf, dass die Bevölkerung in Essos nicht ausschließlich schwarz- oder dunkelhäutig ist.

    Eine weitere Überlegung zu Melisandres Beschreibung:
    kalkweiß, diese Gesichtsfarbe findet sich in der volkstümlichen Malerei immer wieder als Kennzeichen von Figuren, die tot sind oder ein Geschehen auf dem Bild nicht überlebt haben.

    Die Erwähnung der kalkweißen Haut ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass Melisandre eine Grenzgängerin sein könnte: Keine Untote wie die Wiedergänger auf der Mauer, aber vielleicht eine, die auch nicht mehr ganz zu den Lebenden gehört.

    Das könnte auch der Grund sein, dass Cressens Giftanschlag scheitert. (Natürlich könnte Melisandre aber auch durch regelmäßige Einnahme von Gegengiften oder ein Amulett geschützt sein. Vielleicht hat sie sich durch gezielte Einnahme von Giften gegen diese immun gemacht.)

    Posted 19 Aug 2012 at 20:45
  7. avatar Erm wrote:

    Ad. Davos

    Ein Kritikpunkt in Bezug auf GRRM, der für mich Relevanz hat, ist, dass seine Hauptfiguren zumindest bis Ende von Buch 5 (Originalausgabe) gewöhnlich Angehörige des Adels sind.

    Bisher die einzige Ausnahme: Davos. Diese Figur ist zwar in den Adelsstand erhoben worden, aber ursprünglich gehörte er der Unterschicht an.
    Wie Patrick bereits angedeutet hat, gehört er in der Folge zu den POV-Figuren.

    Interessant ist seine Einführung. Sie erfolgt nämlich einerseits durch die Meinung, die Cressen von ihm hat und andererseits durch sein Verhalten. Von Cressen erfahren wir seine Vorgeschichte, zumindest was die harten Fakten betrifft. (Hier gibt es noch keine Sicht von Davos dazu.)

    Cressen selbst hält Davos für einen relativ harten Menschen und er scheint ihm daher nicht ganz geheuer zu sein.

    Was zeigt eigentlich die Geschichte um die Verstümmelung? Entweder haben Stannis und Davos in Bezug auf Gerechtigkeit durchaus dieselbe Werte-Ebene oder letzterer muss wohl schwerwiegende Gründe gehabt haben, weswegen er mit Stannis‘ Vorschlag einverstanden war.

    Was dem Abschluss des Kapitels betrifft, ist Davos übrigens der einzige, der Cressen zu helfen versucht, indem er ihm zum Beispiel dem Platz neben sich anbietet, der also Selbstcourage zeigt und sich nicht an dessen Demütigung beteiligt. Seine Einführung würde ich daher als die eines Sympathie-Trägers bezeichnen.

    Kurze Anmerkung – ACHTUNG leichte SPOILER:
    Es gibt außer Davos noch einige Figuren, die als POV eingesetzt werden und ebenfalls nicht adelig sind. Dazu gehören die POV-Figuren in einigen der Prologe und Epiloge, die sind allerdings im Unterschied zu Davos als Randfiguren konzipiert und überleben meistens auch ihr einziges Kapitel nicht.

    Ebenfalls eine Ausnahme ist auch der Hauptmann der Wache des Prinzen von Dorne (der in Buch 4 zum ersten Mal vorkommt). Allerdings habe ich im Gegensatz zu Davos bei dieser Figur den Eindruck, dass sie nur dazu da ist, um uns Leser/innen über die Geschehnisse in Dorne am Laufenden zu halten. Daher würde ich Davos tatsächlich bis zum Erscheinen vom nächsten Buch als einzige wichtige Figur / Hauptfigur, die nicht aus dem Adel ist, sehen.

    Posted 19 Aug 2012 at 20:48
  8. avatar Lia wrote:

    Gerade wegen Mirri Maz hätte ich eine zweite dunkelhäutige Zauberin gut gefunden. Melisandre hätte ein guter Ausgleich zu dieser Figur sein können. Die Idee, dass Melisandre eine Wiedergängerin ist, gefällt mir aber gut. Bisher haben wir noch nicht viele erlebt und alle waren männlich. Vielleicht reagieren Frauen besser auf diese Verwandlung und gehen eher als normale Menschen durch. Eine faszinierende Idee, die sicher noch einiges bietet.

    In Sachen Gifttrunk allerdings hatte ich den Eindruck, dass man den Samen schlucken muss, damit der Effekt eintrifft. Der löst sich nicht im Getränk auf, oder? Sie hätte also nur aufpassen müssen, dass sie ihn nicht versehentlich schluckt, sondern dass er im Glas bleibt. Cressen musste austrinken und daher konnte er nicht verhindern, dass er dieses Zeugs mitschluckt.

    Wenn ich mir ansehe, wie viel Anteil die Väter üblicherweise in der Erziehung der Kinder haben, mache ich mir um Shireen diesbezüglich wenig Sorgen. Sie wird offensichtlich ausreichend geliebt, dass sie trotz der Entstellung ein relativ normales Kind ist. Es hätte also schlimmeres passieren können, als dass little Robert gerade an diesen Hof kommt. Ganz im Gegenteil hat Selise Erfahrung mit kranken Kindern und hätte Robert vielleicht wirklich helfen können. Momentan haben wir sie nur als machthungrige Frau erlebt, die nur zu gerne von diesem Hof wegkommen möchte. Wir wissen nichts von ihren Fähigkeiten als Mutter. Und für Shireen wäre ein zweites Kind sicher eine tolle Erfahrung gewesen. Am liebsten allerdings würde ich Arya dort hin schicken. Die Kombination der beiden Mädchen wäre ausgesprochen spannend. Sie würden sich gegenseitig vermutlich sehr gut tun.

    Im übrigen denke ich, dass Shireens fehlende Opferhaltung auch damit zusammenhängen mag, dass sie keinen großen Kontakt zu anderen Kindern hat. Das erspart ihr die Ausgrenzung und Verhöhnung so mancher Kinder, die erst lernen müssen, dass Aussehn nicht alles ist im Leben. Ich würde sagen, dass Shireen in vieler Hinsicht sehr behütet aufwächst und in Dragonstone jeder von der schlimmen Krankheit weiß. Wer weiß, wie es ihr woanders ginge und mit welcher Haltung sie durchs Leben ginge, wäre sie in der Eyrie oder auch in Kings Landind aufgewachsen.

    Die Ähnlichkeiten zwischen Sam und Renly habe ich nur in ihrer Fantasie und ihrer Kreativität gesehen. Renly ist weniger verweichlicht, allerdings hat er auch zwei Brüder, die ihn in dieser Hinsicht wohl gefordert haben. Sams einziger Bruder kam sehr viel später und er hatte relativ unfähige Erzieher. Eine vorhandene Attraktivität schließe ich allerdings als Grund für Sams Verweichlichung aus. Darauf kommt es ganz bestimmt nicht an, sondern eher auf körperliche Voraussetzungen wie einen ausbaufähigen Muskelansatz, gute Augen, gute Ohren und eine verdammt gute Augen-Hand-Koordination. Das dürfte beim Schwertkampf hilfreicher sein als ein hübsches Gesicht. Im übrigen ist Sam sowieso zu jung als dass man schon sagen könnte, wie er als Mann mal aussehen wird. Da erlebt man gigantische Überraschungen bei so manchen Männern, die man zuletzt als Teenager gesehen hat.

    Sam wurde nie an einen anderen Hof geschickt, oder? Da fällt mir ein, Robb und Jon waren auch nie woanders. Stimmt das? Warum sind die beiden nie von Winterfell weggekommen? Vom Alter her hätte das doch eigentlich längst der Fall sein müssen.

    Posted 19 Aug 2012 at 22:05
  9. avatar Patrick wrote:

    Insofern kann mich Patricks Kritik einer defizitären Sicht auf Behinderung nicht zustimmen. (Schließlich befinden wir uns nicht im 21. Jahrhundert.)

    Ich befinde mich im 21. Jahrhundert. :-)

    Aus irgendeinem Grund muss Flickenfratz ja noch leben. Hat Stannis Mitleid gehabt? Erscheint mir unwahrscheinlich. Aber irgendwas muss ihn ja ausmachen.

    Mich stört bei dem Zitat primär das »broken«. Menschen mit Behinderung müssen nicht gebrochen oder kaputt sein.

    Ich glaube übrigens, dass Flickenfratz durchaus ein Wiedergänger sein könnte, auch nach dem, was wir von den Eiseninseln erfahren werden. 3 Tage später, klinisch tot? Klingt schon sehr wundersam.

    Meine Kritik an Eddard ist, dass ein Politiker – und die Hand ist ja eine Entsprechung – in der Lage sein sollte, Kompromisse zu schließen. Eddard fiel das schwer. Stannis und Kompromisse? Puuh.

    Aber du hast Recht, was die Unterstützung angeht. Robert hätte Eddard zu einer starken Hand machen können.

    Melisandre ist eben eine wichtige Figur – da wäre eine farbige Frau willkommen. So viele nichtweiße wichtige Figuren gibt es ja nicht, und Drogo ist gerade gestorben.

    Aber ich warte mal ab, wie es weitergeht. So genau habe ich die Bücher bislang auch nicht gelesen…

    Posted 20 Aug 2012 at 10:21
  10. avatar Erm wrote:

    Ich verstehe nicht, warum es irgendeinen Grund geben muss, dass Flitzenfratz noch lebt bzw. dass er alles richtig gemacht haben muss. Immerhin wird Westeros nicht als Regime gezeichnet, wo Behinderte laut Gesetz oder Gewohnheitsrecht keine Existenzberechtigung haben.

    (Sinn würde daher nur die Frage machen, warum ihn die Baratheon-Familie nicht verkauft oder verschenkt hat.)

    Was sein Überleben unter Wasser betraf, so war das sicher ungewöhnlich. (Wir werden allerdings noch mit einer weiteren Religion zu tun bekommen, dem Glauben an der Ertrunkenen Gott, dem die Familie Greyjoy und die Eisenmänner anhängen. Vielleicht ergibt sich da noch eine Parallele.)

    Wir sollten vielleicht auch nicht übersehen, dass die Figur des Geistesgestörten, der zwar nicht seine Umgebung, aber dafür anderes (Zukunft z. B.) wahrnimmt, eine lange literarische Tradition hat. GRRM könnte vielleicht mit der Figur Flickenfratz daran angeknüpft haben.

    Sein ungewöhnliches Überleben mag vielleicht für die Vormünder der Baratheon-Kinder als ein Wink der Götter verstanden worden sein. Offensichtlich war es die Entscheidung der Götter ihn überleben zu lassen, also wäre es wohl auch ein Sakirleg gewesen, ihn zu töten.

    Schließlich könnte die Jungen Robert und Stannis beide dafür gewesen sein, den Narren zu behalten, weil er für sie eine Art Vermächtnis ihrer bei dem Schiffbruch ertrunkenen Eltern war.
    (Renly war damals offensichtlich noch zu jung, um den Tod seiner Eltern richtig mitzubekommen, aber von Stannis erfahren wir später noch, wie er das wahrgenommen hat.)

    Was Robert und Figuren mit Behinderung betrifft:
    Tyrions Reaktion zu Roberts Tod (neben Eddard ist er übrigens der einzige, von dem wir erfahren, dass er gewisse Betroffenheit zeigt), deutet an, dass Robert ihn offensichtlicht aufgrund seiner Missgestalt und körperliche Behinderung nicht abgelehnt hat.
    Vielleicht der Grund, dass der Narr eben behalten wurde.

    Ad Melisandre: sie ist bis jetzt eine ambivalente (vielleicht sogar negative) Figur.

    Wie Farbige in einer Geschichte rüberkommen, hängt nicht nur von ihrer Anzahl ab, sondern auch davon, welche Rollen sie haben.

    Eine weitere Farbige hätte GRRM sicher den Vorwurf eingebracht, dass er wichtigen farbigen Figuren nur negative oder frag-würdige Rollen gibt. Wäre das die bessere Entscheidung gewesen?

    Ob ein Politiker Kompromisse eingehen muss / sollte, hängt für mich davon ab, welche politischen Ziele er erreichen will? Manche politischen Ziele sind nur zu erreichen, wenn jemand kompromisslos ist und wirklich durchgreift.

    Posted 20 Aug 2012 at 11:37
  11. avatar Patrick wrote:

    Nun, Flickenfratz ist ein freier Mensch, der zudem “gebrochen” ist. Er lebt aber am Hof, also gibt es wohl Gründe, warum Stannis ihn unterhält. Und wenn er als Zeichen der Götter gilt. Egal wie, muss er nicht als “broken” beschrieben werden.

    Ich glaube übrigens nicht, dass er als Zeichen gesehen wird – da bei Stannis nun der neue Glaube prominent wird, wäre der Narr da sicher ein Ziel von Selyses Fanatismus.

    Die Trope der behinderten Menschen, die “Ersatzkräfte” kriegen, ist auch problematisch.

    Posted 20 Aug 2012 at 12:21
  12. avatar Patrick wrote:

    Ich gebe dir Recht, dass es mitunter schwierig ist, weibliche / farbige Figuren zu schreiben, ohne sich der Kritik zu öffnen.

    Aber die Lösung ist nicht, dann eben keine solchen Figuren zu schaffen.

    Die bleiche, rothaarige Zauberin mit Sexappeal ist ja nun auch nicht neu, sondern fast ein Klischeebild. Da ist also wenig gewonnen.

    Posted 20 Aug 2012 at 12:31
  13. avatar Anders wrote:

    Das war wohl der schönste und atmosphärischste der Prologe, die Martin bislang zustande gebracht hat.

    Was Stannis angeht, so fällt in jedem Fall auf, dass er es war, der Jon Arryn dazu gebracht hat, Cerseis Kinder einmal genauer zu untersuchen. Soll heißen, er wusste, dass Roberts Kinder nicht die seinen sind, und das schon relativ lange (und deswegen beansprucht er jetzt auch die Krone – ihm hat ja niemand davon erzählt).

    Mentalitätstechnisch unterscheidet sich Stannis in der Tat von allen anderen Baratheons. Renly ist physisch und charisma-technisch Robert 2.0, wenngleich er mehr Grips in der Birne hat, und weit besser intrigieren kann (und unter dem Samthandschuh auch machtgieriger ist), und von Roberts Bastarden schlagen die meisten auch eher nach ihm (Edric Sturm, den wir noch kennenlernen, z.B.; wobei Mya Stein und auch Gendry eher mehr von Stannis zu haben scheinen).

    Stannis ist allerdings auch der mittlere Bruder, knapp ein Jahr jünger als Robert, und Renly das verwöhnte Nesthäckchen. Stannis hat eine ganz andere Persönlichkeit als Robert, aber er musste sich mit ihm in den männlichen Disziplinen messen, und da konnte er nur sehr, sehr alt aussehen. Stannis’ Fixierung am Recht mag eine Art Opposition zu Roberts Willkür gewesen sein.

    Selyses und Stannis’ Ehe wurde wohl von Robert arrangiert – sie lieben sich nicht (bzw. wir wissen mit Sicherheit, dass Stannis Selyse nichts abgewinnen kann) und deswegen führen sie faktisch keine Beziehung (was aber nicht nicht heißt, dass Stannis seine Frau irgendwie nicht ‘korrekt’ behandeln würde, also so wie das von ihm erwartet wird).

    Die Frage ob Stannis ein guter König wäre, kann man eigentlich nur mit Ja beantworten. Zumindest unter der Prämisse dass er tatsächlich König sein darf (ob er ein guter Politiker/Kämpfer um den Eisernen Thron werden wird, werden wir abwarten müssen). Bei ihm würde es jedenfalls streng gerecht zugehen, und es gibt sogar das eine oder andere gute Gesetz in dieser etwas zurückgebliebenen feudalen Welt ;-) . Intriganten und Meuchler wie Varys, Littlefinger, Slynt, Cersei etc. hätten unter Stannis Baratheon jedenfalls nichts zu lachen. Genauso wenig ehrgeizige Lords wie Mace Tyrell und andere.

    Posted 20 Aug 2012 at 19:37
  14. avatar Lia wrote:

    Welche Haarfarbe hat eigentlich Stannis?

    Posted 20 Aug 2012 at 20:23
  15. avatar Erm wrote:

    Kalkweiße Haut ist nicht unbedingt ein Zeichen für Schönheit oder Sexappeal, rote Kleidung und rote Haare können, müssen aber keineswegs als sexy gedeutet werden, und zumindest in diesem Kapitel heißt es ausdrücklich, dass Melisandre nicht schön ist, also dürfte es im Auge des/der Betrachter/in liegen, ob sie schön oder attraktiv ist.

    Insofern ist deine Beschreibung von ihr (Die bleiche, rothaarige Zauberin mit Sexappeal ist ja nun auch nicht neu) für mich nicht nachvollziehbar. Nichts gegen deine persönliche Meinung, aber es ist eine subjektive Meinung, der Text selbst legt diese Deutung keineswegs nahe.

    Das Kalkweiß (eine weitere Interpretationsmöglichkeit habe ich hier bereits erortert) könnte auch Hinweis darauf sein, dass Melisandre eine Farbige ist, die sich einfach auf hellhäutig geschminkt hat.

    Außerdem wäre auch ein Essos, auf dem es auch Hellhäutige oder “weiße” Einheimische gibt, nicht nur Farbige interessant.
    (Ich finde es jedenfalls gut, dass GRRM mit der Figur Melisandre nicht einfach das Klischee der Voodoopriesterin bedient.)

    Davon abgesehen ist die Verwendung von Klischees bei der Einführung einer Figur für mich durchaus ein gutes und akzeptables Stilmittel, um Leser/innen den ersten Eindruck von einer Figur zu vermitteln, gewisse Erwartungshaltungen zu wecken und Ähnliches. Entscheidend ist erst, wie die Figur dann weiter eingesetzt ist und wie sie sich z. B. entwickelt.

    “…, dass es mitunter schwierig ist, weibliche / farbige Figuren zu schreiben, ohne sich der Kritik zu öffnen.” (Zitat von Patrick)

    Warum nur bei farbigen, weiblichen Figuren?

    Abgesehen davon, genauso berechtigt ist es, der Meinung zu sein, dass Weglassen noch immer besser ist als Klischees zu bedienen.

    Ad. Flickenfratz:

    Zunächst einmal ist er für mich wichtig, dass er eine fiktive (literarische) Figur ist, innerhalb einer Buchserie agiert, also nicht im Alltagsleben bzw. in der Realleben. Dort hat eine Rolle, die mit dieser Figur abgedeckt ist.

    Dass eine Nebenfigur oder sogar Randfigur ist, ist mit Blick auf seine Rolle in der Geschichte auch zu berücksichtigen. (Neben- bzw. Randfigur: er tritt stets zusammen mit Shireen, ebenfalls einer Nebenfigur oder Randfigur in Erscheinung, ist dieser zugeordnet.)
    In diesem Kapitel haben er und Shireen neben anderen Figuren die Aufgabe uns einen ersten Eindruck vom Hof in Dragon Stone zu vermitteln. (Ob er noch weitere Funktionen hat, wird sich noch zeigen.)
    Soweit der erste Eindruck.

    Als Figur, die durchaus eine literarische Tradition aufzuweisen hat, ist Flickenfratz natürlich ebenfalls interessant.

    Im Text selbst findet sich jedenfalls nichts, was belegt, dass die fiktive Figur Flickenfratz als Mensch unfrei ist. Ebensowenig gibt es Hinweise im Text, dass Königin Selyse so fanatisch ist, dass sie “Geistigbehinderte” liquidieren will.

    Eine Trope der behinderten Menschen, die “Ersatzkräfte” kriegen, was laut Patrick problematisch ist, finde ich im Text von GRRM ebenfalls nicht, und das habe ich in meinem Statement auch nicht geschrieben. Ich habe nur einen Hinweis auf die literarische Tradition von bestimmten Figurentypen wie eben die Figur des Narren oder die Figur des Sehers hingewiesen. Mein Grund dafür: Vielleicht gibt es hier einige, die mitlesen und die solche Zusammenhänge interessant finden.

    Posted 20 Aug 2012 at 20:52
  16. avatar Erm wrote:

    Anmerkung zu meinem Statement, es war natürlich auf Patricks Statement bezogen.

    Was an den Statements von Anders bewundere, ist ihre knappe, präzise Sprache, die die Dinge sachlich und anschaulich auf den Punkt bringt. Ich hoffe sehr, dass wir hier noch mehr von seinen Statements zu lesen kriegen.

    Posted 20 Aug 2012 at 20:56
  17. avatar Lia wrote:

    Ich frage mich, wie ein Lord Vetinari wohl Westeros regieren würde.

    Posted 20 Aug 2012 at 21:20
  18. avatar Patrick wrote:

    Also bitte, Erm. In diesem Prolog heißt es, dass alle Männer sich von Melisandre angezogen fühlen. Cressens Sicht ist der Kontrast.

    Und was den nun? Wäre die dunkelhäutige Priesterin ein zum Glück vermiedenes Klischee, oder sind Klischees eine gute Kurzhand-Einführung? Dann hätte Melisandre auch dunkelhäutig sein können.

    Was ich meinte und vielleicht nicht ganz klar wurde: feministische, antirassistische (und natürlich auch andere sozial gerechte) Kritiken sehen schnell Tropen. Da ist eine Hausfrau schnell das passive Eheweib, aber eine aktivere Frau dann der “Mann mit Brüsten” oder oder. Da kann man schnell ein paar Stunden bei tv tropes verbringen.

    Der Weg heraus wird von die ja geschildert: eben komplexe Figuren mit eigenen Zielen und nicht eindimensionale Stereotypen. Leider ist es oft so, dass diese Komplexität für (weiße, heterosexuelle, gesunde) Männer geliefert wird, für andere Figuren aber nicht.

    Darum ist es gerade bei diesen Figuren schwer, nicht für einem solchen Tropen kritisiert zu werden.

    Nun kann man diese Tropen nutzen und dann komplexplodieren, sie dekonstruieren – oder vermeiden. Wenn man sich nicht auf ihnen ausruhen will. So könnte Melisandre auch untersetzt sein und trotzdem anziehend, oder hager und mit Nickelbrille, oder… wenn eben nicht die rothaarige Verführerin gewollt ist.

    Melisandre wird ja in meinen Augen sehr komplex – eine Schwarze (mit rotem Haar?) wäre also m. E. ebenso über die Trope hinausgewachsen.

    Posted 20 Aug 2012 at 21:46
  19. avatar Lia wrote:

    Also dass Melisandre eine weiß geschminkte Schwarze ist, glaube ich nicht. So penibel kann man sich nicht schminken, dass nicht an manchen Stellen die dunkle Haut bemerkt würde. Das hätte Cressen sicherlich angemerkt.

    Mir gefällt immer noch der Gedanke einer erfolgreichen Wiedergängerin oder einer Essos-Version der Anderen. Was wissen wir schon über diese Wesen wirklich? Vielleicht hat sich irgendwann ein Teil abgespaltet und es geschafft hitzeresistent zu werden.

    Ich glaube, wenn man einen Menschen nach einem Schiffbruch halbtot aus dem Meer fischt, fällt es schwer, ihn danach zu töten. Dann hätte man ihn ja gleich ertrinken lassen können. Bei Patchface kommt dazu, dass er ja erwartet wurde und man schon Geld für ihn ausgegeben hatte. Dann sollte er sich wenigstens auf irgendeine Weise bezahlt machen und wenn es nur durch die Unterhaltung des Kindes ist.

    Da Patchface nach dem Schiffbruch ein völlig anderes Verhalten zeigt als vorher, könnten die Menschen einer Welt, die psychische Probleme nicht erkennen kann (was man ja schon bei Sansa mitbekommen konnte), diesen Zustand als “zerbrochen” bezeichnen. Irgendetwas hat ihn in diesen drei Tagen auseinandergenommen und anders zusammengesetzt als vorher. Ich kann mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, dass das der Schiffbruch alleine war. So etwas haben schon viele Menschen körperlich und geistig überlebt, wenn sie vielleicht auch nie wieder eine Schiffsreise unternommen haben in ihrem Leben. Normalerweise gehört schon mehr dazu, dass sich ein Mensch in so kurzer Zeit so grundlegend und nachhaltig verändert.

    Posted 20 Aug 2012 at 22:08
  20. avatar Anders wrote:

    Zu Melisandre:

    Es gibt sehr guten Grund zu der Annahme, dass sie

    möglicherweise selbst eine Westerosi ist
    selbst nicht so aussieht wie sie auszusehen scheint
    sehr viel älter ist, als es den Anschein hat (letzteres hat GRRM sogar schon bestätigt).

    Nur weil Melisandre ‘of Asshai’ ist (in der neuen deutschen Ausgabe vernünftigerweise ‘Melisandre aus Asshai’, nicht ‘von Asshai’, weil sie eben keine Adlige ist), heißt das nicht, dass sie dort geboren wurde. Sie wurde nur u.a. dort ausgebildet, und kam wohl von dort nach Drachenstein.

    Angedeutet wird das allerdings alles erst in ‘A Dance with Dragons’. Die Dinge brauchen Zeit. Stannis und die meisten der ihn umgebenden Figuren scheinen als Langzeitspieler entworfen zu sein…

    Posted 20 Aug 2012 at 23:31
  21. avatar Erm wrote:

    Was die Attraktivität von Melisandre aufgrund ihrer “Schönheit” oder trotz ihrer “Nichtschönheit” betrifft, sollten wir nicht übersehen, dass der Prolog aus der Sicht von Cressen geschrieben ist. Er ist der Meinung, dass alle Männer (außer eben ihn) von dieser Frau fasziniert sind.

    Dass die Information, dass sich alle Männer sofort von ihr angezogen fühlen, ihn ausgenommen, allgemein gültig ist, das wird später keineswegs bestätigt. Davos z. B. ist nicht von ihr fasziniert.

    Dass Melisandre vielleicht sogar aus Westeros stammt, habe ich auch schon überlegt.

    “Feministische”, “antirassistische” (und natürlich auch andere “sozial gerechte” ) Kritiken (oder Verrisse) halte für keine gute Idee, aus dem einfachen Grund, da sie in zweifacher Hinsicht problematisch sind. Zum einen engen sie den Blickwinkel stark ein und können komplexen Texten (und nicht nur diesen) daher überhaupt nicht gerecht werden. Zum anderen führen sie nicht selten zu einer “Ver-Interpretaiton”, die mit Endeffekt mit den ursprünglichen Text nichts zu tun hat.

    Als Ergänzung für eine sachliche, textbezogene Interpretation mögen sie nicht uninteressant sein, für sich alleine bringen nichts.

    Posted 21 Aug 2012 at 12:38
  22. avatar Lia wrote:

    Ich glaube nicht, dass Stannis ein guter König wäre. Zu einem Herrscher gehört mehr als nur reines Rechtsempfinden. Er muss Kompromisse eingehen können, braucht Verhandlungsgeschick und einen wachen Geist für neue Entwicklungen. Gerechtigkeitssinn ist immens wichtig, aber absolut nicht alles bei einem König. Stannis ist in meinen Augen zu verknöchert und verbittert als dass er ein guter König sein könnte. Er kann nicht lieben und nicht wertschätzen. Was wäre das für ein König, der immer nur das Schlechte in allem sieht?

    Posted 03 Sep 2012 at 19:02

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *