Inhalt: Depression, (emotionale) Gewalt, Androhung von (sexualisierter) Gewalt, jeweils gegen Kinder)
Ich muss George R. R. Martin ein Lob zollen. Versetzen wir uns in seine Lage. Als 1996 A Game of Thrones erschien, da war es typisch, seine Fantasy in einer vage europäischen vage mittelalterlichen Landschaft anzulegen. Als Hauptfiguren nimmt man natürlich Jugendliche oder Kinder. Obwohl es einen Bösewicht gibt, geht es meistens den Menschen doch recht gut.
George R. R. Martin nimmt diese Situation und sagt: Wollt ihr wissen, wie es diesen Figuren in Wahrheit erginge? Die wären am Arsch!
Also häuft er Unheil über Unheil. Er entreißt den Figuren die Vaterfigur – nicht als diffuser Hintergrund, sondern “live” miterlebbar. Gleich zu Beginn bricht er Bran das Rückgrat.
Vor allem entzaubert er Mythen. Die ach so tolle Nachtwache? Verbrecher. Die ach so tolle Königsgarde? Feiglinge, die sich nicht zu schade sind, ein kleines Mädchen zu verprügeln. Die weisen Maester? Haben keine Ahnung. Und Kinder werden verschachert und missbraucht.
Es ist ein Weckruf für klassische, tolkieneske Fantasy.
Wenn Sansa in diesem Kapitel in Depression fällt, weil sie den Tod ihres Vaters mit ansehen musste, dann ist das unerhört. Wenn sie vom König geschlagen wird… nein, nicht vom König:
King Joffrey’s face hardened. “My mother tells me that it isn’t fitting that a king should strike his wife. Ser Meryn.”
The knight was on her before she could think, yanking back her hand as she tried to shield her face and backhanding her across the ear with a gloved fist.
…dann ist das ein Weckruf für sie – und für mich. Ich als Leser bin Sansa. Ich habe der Fantasy geglaubt, ich habe den Märchen geglaubt, und jetzt sehe ich, was die Bücher, die ich las, verschwiegen haben. Das romantische, konservative, verklärte Element der Fantasy, der Eskapismus – hier wird ihm der Zerrspiegel vorgehalten. Ich will nicht in diese Welt entfliehen. Ich wünschte, Sansa könnte in meine fliehen.
Das ist großartig. Das ist provokant. Das ist emanzipatorisch. Ich liebe es.
Augen reiben
Ich stehe voll hinter dem obigen Abschnitt. Ich glaube, dass George Martin (auch) zeigen wollte, dass diese bequemen Fantasien, die wir uns machen, in Wahrheit sehr unbequem wären. Ich glaube nicht, dass George R. R. Martin sich hinsetzte, um ein Buch zu schreiben, in dem endlich mal alle Frauen so richtig mit sexualisierter Gewalt konfrontiert werden. Meines Erachtens wollte er einfach zeigen, wie schmutzig und brutal diese Welt ist (oder sein kann).
Hier ist das Problem an der Sache. Habt ihr in den bisherigen Kapiteln gemerkt, dass das meine Meinung ist? Nein. Weil ich nur auf der sexualisierten Gewalt herumgeritten bin. Da ist es legitim, zu vermuten, dass ich diese sexualisierte Gewalt sehr einseitig interpretiere.
So ist es auch mit A Game of Thrones. George Martin baut so viel Gewalt und sexualisierte Gewalt und Sexismus ein, dass der Punkt dahinter verloren geht. Man versteht sehr schnell, dass diese Welt sexistisch, klassistisch, rassistisch, ableistisch und so weiter ist. Irgendwann ist eine Gewaltszene nur noch eine weitere Gewaltszene – und dann frage ich mich, ob es vielleicht doch andere Gründe gibt, dass die so häufig sind.
Meine vorherigen Kritikpunkte sollen dadurch nicht überspielt werden. Aber ich verstehe sehr wohl, dass die Gewalt von Westeros mehrere Ziele verfolgt, in der Story und außerhalb. Es ist nur schade, dass die Gewalt gegen Frauen dabei überwiegend sexualisiert wird – was absolut den inzwischen üblichen Vorgehensweisen entspricht. Hier entspricht Martin eben leider einem anderen Klischee.
Im nächsten Kapitel werde ich noch andere Ziele beleuchten, die so ein Handlungsverlauf haben kann. Bleiben wir hier beim emanzipatorischen Element.
Immerhin wird nicht nur mir der Spiegel vorgehalten. Auch Sansa bekommt nun die Wahrheit präsentiert: Joffrey ist kein Traumprinz.
Sansa stared at him, seeing him for the first time. He was wearing a padded crimson doublet patterned with lions and a cloth-of-gold cape with a high collar that framed his face. She wondered how she could ever have thought him handsome.
Es ist eine sehr gruselige Entwicklung, die hier vonstatten geht. Zu Beginn des Kapitels ist Sansa depressiv, sogar kurz vor dem Selbstmord. Dann wird ihr offenbar, wie sehr sie in einem Käfig steckt. Ich hatte große Mühe, die Stelle zu lesen, in der sie sich hübsch macht. Zu sehr klingt das bereits wie eine misshandelte Ehefrau – und genau das ist Sansa ja schon, mit ihren 12 Jahren. Sie retuschiert ihr Gesicht, weil Joffrey sie schön haben möchte, und überdeckt dabei die Blessuren, die er ihr zugefügt hat.
Sansa muss nun sehr schnell neue Regeln lernen: bloß nicht auffallen, Joffrey bloß keine Ausrede geben. Ihr wurden die Augen geöffnet, aber sie muss trotzdem wie die naive Sansa sein. Furchtbar.
Dazu passt, wie Sandor Clegane Sansa mit winzigen Momenten schon behilflich sein kann. Ihre Lage ist so schlimm, dass selbst minimale Anstrengungen eine Besonderheit darstellen. Der Bluthund – und wir wissen, was für ein Mistkerl das ist – schlägt sie nicht, sondern tupft ihr Blut ab. Er gibt ihr Ratschläge und klingt dabei nicht einmal grob.
My dog called him the lord of the wooden sword. Didn’t you, dog?”
“Did I?” the Hound replied. “I don’t recall.”
Bewundernswert dabei ist Sansa, die in dieser Situation doch wieder Stärke findet.
He can make me look at the heads, she told herself, but he can’t make me see them.
(…) The severed head had been dipped in tar to preserve it longer. Sansa looked at it calmly, not seeing it at all. It did not really look like Lord Eddard, she thought; it did not even look real “How long do I have to look?”
Joffrey seemed disappointed.
Beinahe stürzt sie Joffrey sogar in den Tod, oder versucht das zumindest. Aber Sandor hat das wohl geahnt und stellt sich dazwischen.
Das Kapitel endet tragisch, und es ist das letzte Mal, dass wir in diesem Buch Sansa begegnen. Ihre Geschichte endet fürs Erste damit, dass sie am Hofe gefangen ist, in einer grauenvollen Situation. Es ist ihr tiefster Moment in der Geschichte. Aber wenn sie ihre Höflichkeit zur Rüstung machen kann, dann besteht sie diese Situation hoffentlich lange genug, um herauszukommen. Oder ihre Höflichkeit sogar zur Waffe werden zu lassen.
Demnächst: Daenerys

Comments 10
Oh mein Gott, Sansa!
Gibt es noch nicht genügend traumatisierte Kinder in dieser Geschichte?
…….
Hallo Sansa,
willkommen in der Welt der Erwachsenen. Leider ist es keine gute Welt und du bist auch erst 12 und solltest noch Zeit haben, aber leider hat dein Autor es anders entschieden. Du wirst damit leben müssen.
Ich fand dich sehr tapfer und stark, sowohl als dieser Mistkerl Pycelle dich von oben bis unten abgetatscht hat, während deine Zofe dich niedergehalten hat, als auch später mit Joffrey. Du wirst das durchstehen, wenn du klug und vorsichtig handelst. Deine gute Erziehung wird Vorteil sein. Du kannst nach außen hübsche Worte sagen und zugleich dein Innerstes verbergen. Das können nicht viele Menschen in deinem Alter, sei stolz darauf.
Ich hoffe, du verlierst deinen Sinn für Schönheit nicht. Vielleicht kannst du auch ein paar deiner Träume für später retten. Schönheit und der Glaube an das Gute sind wichtig im Leben eines Menschen, sie erinnern uns daran, dass wir nicht nur aus Fleisch und Blut bestehen und halten uns von der Verzweiflung fern. Vielleicht lernst du mit der Zeit sogar, die Schönheit dort zu sehen wo sie nur auf den zweiten Blick zu erkennen ist.
In Sandor hast du einen Freund, er wird dir überleben helfen. Er mag dich wohl, vielleicht weil du ihn an all das erinnerst, was er verloren hat.
Sei mutig und klug, Sansa. Du lebst im Moment in einer sehr feindlichen Umwelt, die dir wenig Chancen gibt. Manchmal kann man nur durchhalten und hoffen, dass es irgendwann besser wird.
Im übrigen finde ich gut, dass Sandor dich davon abgehalten hat, Joffrey zu töten. Ein Teil von dir würde sich ewig deshalb schuldig fühlen. Du hast schon genug zu tragen, da muss das nicht noch dazu kommen.
…..
Ich muss ehrlich sagen, dass dieses Buch eines der pessimistischsten ist, die ich jemals gelesen habe. Martin muss hier eigentlich nicht noch mal zementieren, wie schrecklich und schlecht die Welt ist, die er geschaffen hat, das hat er zuvor schon in jedem anderen Kapitel gemacht. Es ist tatsächlich so, dass die permanente Gewalt abstumpft. Wenn ich aber mit Figuren in einem Buch mitleiden, mitempfinden und miterleben soll, ist Abstumpfung kein sonderlich gut gewähltes Stilmittel. Ok, gut, diese ganze Welt ist schlecht, übel, brutal und was auch immer. Aber warum soll mich dann noch interessieren, wer als nächster den Thron dieser Welt besteigen wird? Hoffentlich ist es keines der Kinder, die haben alle ein besseres Leben verdient.
Was mir in diesem Buch auch entschieden fehlt ist Humor. Der einzige, der uns geboten wird, ist grimmig und sarkastisch. Immerhin etwas, wenn auch ein bisschen wenig.
Seit Beginn des Buches ist eine Menge passiert, jede Familie wurde auseinandergerissen, einige Familienmitglieder sind gestorben, es herrscht Krieg, alle Kinder sind auf die eine oder andere Weise traumatisiert.
Hat eigentlich ein echtes Spiel um den Thron stattgefunden? Robert ist tot, sein Sohn ist sein Nachfolger. Etwaige Anwärter sind geflohen oder getötet worden. Es mag Spieler im Hintergrund sehen, aber so richtig wissen wir noch nicht, wer was genau möchte. Findet das eigentliche Spiel erst in den nächsten Bänden statt oder hat es lange vor dem ersten Band stattgefunden?
Posted 27 Jul 2012 at 23:24 ¶Nur ein Detail am Rande, das zur Beantwortung einer Frage, die sich in den vergangenen Kapiteln gestellt hat, dienen könnte: Die Ermordung der Septa Mordane.
Ich habe es beim ersten Mal lesen nicht gemerkt, aber Cersei lässt Eddards Gefolgsleute umbringen, während er bei ihr im Thronsaal ist. Das bedeutet aber, die Möglichkeit, die sie ihm gibt, noch seinen Hals zu retten, war von ihrer Seite nur eine Finte, da sie seine Leute schon zu diesem Zeitpunkt umbringen lässt.
(In diesem Zusammenhang wäre vielleicht auch die Frage zu stellen, ob Cersei “Friedensangebot”, für das sie Eddard im Götterhain (Patrich hat diesem Kapitel sogar zwei Kommentare gewidmet, was zeigt, dass er sie für sehr wichtig hält) zu gewinnen versucht, tatsächlich ernstgemeint war. Da Eddard es nicht annimmt, kann diese Frage natürlich nicht eindeutig beantwortet werden, einige Hinweise dazu, dass dies bereits eine Falle für Eddard war, gibt es allerdings.)
Was allerdings zeigt uns die Ermordung von Septa Mordane?
Offensichtlich hat Jeyne P. nur überlegt, weil sie Glück hatte. Wir erfahren, dass jemand sie zu Sansa gebracht hat. Offensichtlich ist sie an jemanden geraten, der/die mit diesem Massaker nichts zu tun haben wollte/n oder nicht darüber informiert war/en.
Dass sie bei Sansa landet, war nicht geplant, wie auch der Umstand zeigt, dass Cersei sich sofort darum kümmert, dass sie von Sansa weggebracht wird, als sie davon erfährt.
Posted 31 Jul 2012 at 14:13 ¶Ich glaube, Cersei hätte Eddard in dem Moment ziehen lassen – aber nur, wenn sie ihn nicht sicher “besiegen” könnte. Wahrscheinlich wäre sie in der Nacht noch zum Schluss gekommen, Eddard zu schnappen.
Allerdings hat sie erst durch Eddards Taten auch einen öffentlichen Grund bekommen. Hm.
Posted 31 Jul 2012 at 15:24 ¶Ich wage zu behaupten, dass Jeyne nur überlebt hat, damit anhand ihres Beispiels die Alternativen klar werden, die Sansa bevorstehen, sollte sie nicht ganz klar das tun, was Cersei ihr sagt. So unerfahren Sansa ist, spürt sie doch, dass mit dieser schnellen Lösung etwas nicht in Ordnung ist. Wirklich gebraucht hätte es das nicht, die Figur Jeyne kam bis zu diesem Moment kaum zum Vorschein und dabei hätte es auch bleiben können. Die ganze Szene war beängstigend genug, auch ohne dieses Detail. Aber da hätte Martin doch tatsächlich eine Gelegenheit auslassen müssen, ein Kind zu quälen. Das darf natürlich nicht sein.
Posted 31 Jul 2012 at 20:06 ¶Durfte Jeyne P. wirklich nur deswegen überleben, weil GRRM keine Szene auslässt, um ein Kind zu quälen? Kam sie bisher wirklich kaum vor?
Anders gesehen:
Da Jeyne P. eine Nebenfigur ist, macht es durchaus Sinn, dass sie nicht ständig vorkommt.
Eigentlich wird sie immer nur in Beziehung zu Sansa gezeigt. Sie ist etwa in deren Alter und niedrigeren Standes als diese. Da sie gewöhnlich in Szenen vorkommt, die aus Sansas Sicht erzählt sind, ist es doch naheliegend, sie als eine Kontrastfigur zu dieser zu sehen. Beide Mädchen sind noch ziemlich naiv und unreif (oder negativ gesehen: nicht besonders intelligent). Beide schwärmen für Männer, die gut aussehen bzw. Champions sind, ohne diese tatsächlich zu kennen.
(In einem späteren Buch gibt es einen Hinweis darauf, dass Jeyne Sansa Abneigung gegen Arya teilt, der Spottname Pferdegesicht, so erfahren wir, stammt von ihr).
Allerdings ist Sansa Angehörige des Hochadels, Jeyne lediglich Tochter von einem Gefolgsmann von Eddard und daher gegenüber Sansa in untergeordneter Position. Während Sansa durch tolle Umgangsformen und Auftreten auffällt (und mit Blick auf die Maßstäbe des 20. und 21. Jahrhunderts sehr abgebrüht wirkt, siehe ihr Verhalten beim Turnier, abgesehen von der Szene mit Sandor, wirkt Jeyne emotionaler (Aus der Sicht 20./21. Jahrhundert dürfte sie wohl als das “normale” Schulmädchen durchgehen.). Vor dem Hintergrund einer feudalen Gesellschaft, in der Gewalt, Tod und Geburt zur Realität gehören und das Wahren von Haltung (selbst wenn es um den Gang in die Sklaverei geht) als hoher Wert angesehen wird, dürfte Sansa mit ihrer Haltung allerdings besser wegkommen, als die relativ unbeherrschte Jeyne.)
Sansas Umgang mit Jeyne wird außerdem dazu genutzt, einige charakterliche Defizite von Sansa zu zeigen: Arroganz gegenüber einer vom Stand her niedriger Gestellten (zum Vergleich Dany behandelt z. B. ihre drei Sklavinnen da wesentlich besser), Mangel an Empathie und Hilfsbereitschaft (beides gilt übrigens als Tugenden, die einer richtige Dame nachgesagt werden), Ichbezogenheit; dies gilt vor allem für 2 Szenen: Jeynes Schwärmerei für einen Adeligen, der ihr statusmäßig überlegen ist; Jeynes Verzweiflung nach dem Massaker an Eddards Leuten, zu den Toten hat ihr Vater gehört): von einer sehr unsympathischen Seite gezeigt wird.
Dadurch dass Jeyne vorübergehend zu Sansa gebracht wird, die zu diesem Zeitpunkt nur über den “Verrat” ihres Vaters informiert ist, hätte Sansa übrigens eine Chance gehabt, einiges über den wahren Sachverhalt herauszufinden. Sansa kommt nicht auf die Idee diese Gelegenheit zu nutzen.
Dieses Verhalten kann als weiteres Beispiel für ihre Naivität gesehen werden und damit ihre Rolle unschuldiges, missbrauchtes Opfer verstärken.
Allerdings ist auch eine negative Deutung möglich: Sansa ist an dem, was ihr widerfährt, nicht unschuldig, da sie mit ihrer Ichbezogenheit und Gedankenlosigkeit und ihrer Unfähigkeit eine Chance zu sehen und zu nutzen da einiges mitzuverantworten hat.
Abschließend noch kurz eine Überlegung zu Sansas Charakterschwächen. Können diese aufgrund ihres Alters einfach zu entschuldigen sein? Sansa mag mit elf oder zwölf Jahre noch ein Kind sein, aber sie ist schließlich kein Kleinkind.
Posted 01 Aug 2012 at 22:03 ¶Ist man mit 12 jahren schon für seine Taten verantwortlich? Laut dem bürgerlichen Gesetzbuch nicht. Gott sei Dank! Da hätte ich sonst wohl öfter Schwierigkeiten bekommen. Zumindest hier in Mitteleuropa gelten Kinder in dem Alter als minderjährig und somit als nicht straffällig.
In meinen Augen hat nicht Sansa ihren Vater in böser Absicht verraten, Eddards absolute Nullkommunikation mit seinen Töchtern hat eine Situation verschärft, die mit ein paar wenigen klaren Worten ganz anders laufen hätte können.
Sansa ist Cat’s Tochter, durch und durch. Viele Verhaltensweisen Sansas spiegeln nur die Ansichten und Einstellungen ihrer Mutter wieder. Ich würde sie ihr in diesem Alter nicht vorwerfen, woher soll sie denn einen Vergleich haben? An welcher anderen erwachsenen Frau hätte sie sich denn in Winterfell orientieren sollen?
Lasst uns doch alle mal drüber nachdenken, was wir so mit 12 Jahren alles angestellt haben, wie oft wir mit besten Freunden gestritten und uns wieder versöhnt haben, wie heilfroh wir sind, dass unsere Eltern nicht alles wissen, was wir so im Laufe der Zeit gemacht haben.
Posted 01 Aug 2012 at 22:36 ¶Anmerkung zu Jeyne P.:
Ich glaube nicht, dass sie auch dazu dient, um zu zeigen, was mit Sansa passieren wird, wenn sie nicht folgt.
Jeyne P. ist nicht eine Gegenfigur zu Sansa, sie zeigt auch, wie gut es Sansa noch ergeht, weil sie Hochadelige ist und für politische Zwecke genutzt werden kann. Selbst wenn Joffrey sie nicht heiraten, hat sie noch immer Wert: als Geisel gegen die Familie ihres Bruders. Falls Joffrey / Cersei versuchen, die Starks als Herrscher im Norden abzusetzen und durch einen ihnen genehmen Kandidaten zu ersetzen (nicht einfach angesichts dessen, dass die Starks schon so lange dort herrschen), könnte dieser seine neue Position, vorausgesetzt die Starks müssen den Norden räumen, durch eine Ehe mit Sansa (einer Stark) noch offiziell eine Rechtfertigung geben.
Wohl auch der Grund, warum Cersei Littlefinger Sansas Hand verweigert hat. Abgesehen davon, dass Sansa für Cersei persönlich eine sehr geeigneter Schwiegertochter wäre (bei ihr ist nicht zu befürchten, dass sie Einfluss auf Joffrey gewinnt und daher Cerseis Position gefährdet), ist Littlefinger ein “Niemand” und sie ist sich über das Kapital, das Sansa bedeutet, klar.
Jeyne dagegen ist politisch unwichtig und hat für Cersei keinen wirklichen Wert. Sie überlebt das Massaker nur, weil sie das Glück hat, dass jemand sie vorübergehend zu Sansa bringt. Dass sie dann Petyr überlassen und nicht doch noch umgebracht wird, hängt wohl damit zusammen, dass es zu diesem Zeitpunkt (jedenfalls) wohl noch kaum zielführend gewesen wäre, Jeyne vor Sansas Augen umbringen zu lassen.
Mit dem Schicksal von Eddards Gefolgsleuten und Jeyne, Nebenfiguren, die aber immerhin nicht nur als Masse gezeigt werden, kann GRRM, dessen Erzählfiguren alle aus der obersten Schicht sind (erst mit Buch 2 taucht die erste der wenigen Erzählfiguren auf, die zumndest nicht dem Hochadel angehört), auch das Schicksal zeigen, das die haben, die nicht zum Hochadel gehören.
Posted 02 Aug 2012 at 15:03 ¶Stimmt, Erm, genau dafür ist Jeyne da und damit ist sie ein reines Vehikel, eine Figur, die eine Botschaft überbringen soll, eine Aufgabe erfüllen. Sie hatte – bisher zumindest – keine eigene Geschichte. Sie überlebt erst um Sansas Charakterisierung zu dienen und später, um die Alternativen aufzuzeigen. Man hätte Jeyne weglassen können ohne dass die Geschichte darunter leidet. Das ist normalerweise ein sehr deutliches Zeichen dafür, dass eine Figur überflüssig ist.
Posted 02 Aug 2012 at 18:45 ¶GRRM hat sich jedenfalls entschieden, die Figur der Jeyne nicht wegzulassen. Also ist davon auszugehen, dass sie für ihn keine überflüssige Figur ist und dass es für ihn wichtig war, sie vorkommen zu lassen.
Übrigens habe ich deinen Tipp inzwischen befolgt, mich an die Zeit, als ich selbst in Sansas Alter war, zu erinnern, und da habe ich in Bezug auf Sansa eine ganz neue Sichtweise entdeckt.
Ich habe nämlich jetzt den Eindruck, dass deine Idee von der Außenseiterin Sansa, die von ihren Geschwistern getriezt wird, und dem verzogenen Fratzen Arya nicht zutrifft. Ganz im Gegenteil, es dürfte sich umgekehrt verhaltenb haben.
Einige Beobachtungen dazu:
Bis zur Reise nach King’s Landing kann ich im Text keinen Hinweis dafür finden, dass Arya tatsächlich gegenüber Sansa bevorzugt wird, dass sie ein verzogener Fratz ist.
Wie passt zu einem verzogenen Fratzen, dass Arya Handarbeiten muss, obwohl sie das nicht freut und sie nicht gut ist? Warum zwingt Septa Mordane sie, ihre Sachen für die Reise ein zweites Mal zu packen? Warum beschafft ihr Jon das Schwert heimlich? Wie passt das zu der Vorstellung von Arya als verzogenes Kind?
Weiter kommt hinzu, dass wir im Buch auf Winterfell keine einzige Szene erleben, wo Arya zum Beispiel offiziell mit einem ihrer Brüder Kampf üben darf oder Ähnliches?
Das sind alles Beobachtungen, die die Theorie von der verzogenen Arya, der alles erlaubt wird, eindeutig widerlegen.
In Buch 1 erfahren wir außerdem bereits im ersten Arya-Kapitel, dass Arya gewöhnlich von den anderen “Pferdegesicht” genannt wird. Sie selbst ist über diesen Spitznamen unglücklich.
In Buch 1 bleibt offen, wem Arya diesen Spitznamen verdankt. Erst in einem späteren Buch gibt es dazu die Aufklärung.
Jeyne P. gesteht hier, dass sie Arya diesen Namen gab, wobei deutlich wird, dass sie diesem hässlichen Mädchen damit weh tun wollte. Hätte Jeyne P. (immerhin nur die Tochter eines Gefolgsmannes von Aryas Vater) sich das getraut, wenn sie nicht dabei Sansa an ihrer Seite gehabt hätte oder diese da Einwände gehabt hätte?
Wir haben es also hier mit drei Mädchen zu tun, die altersmäßig etwa vergleichbar sind. Sansa ist viel mit Jeyne zusammen, während wir nichts davon erfahren, dass Arya eine vergleichbare Beziehungsperson hat. Sansa und Jeyne werden beide als “brave” Mädchen eingeführt. Sie träumen von Mister Right, schwärmen für Turnierhelden, die ihnen Blumen verehren, legen beide Wert auf ihr Aussehen (bereits bevor sie von Joffrey misshandelt wird, gibt es Szenen in denen gezeigt wird, wie wichtig Sansa ihre Kleidung ist und wie viel Wert sie darauf legt, hübsch auszusehen). Beide finden sich hübsch, beide sind gut in Handarbeiten, bei Sansa erfahren wir außerdem, dass sie gerne Zitronenkuchen isst (also für Naschen etwas übrig hat). Beide entsprechen in etwa dem, wie sich Mädchen in der von GRRM vorgeführten Gesellschaft verhalten sollen.
Und dann haben wir Arya, die sich selbst nicht für hübsch hält und die von anderen auch nicht für hübsch gehalten wird, die deswegen von der älteren Schwester und ihrer Gefährtin (und in der Folge noch von anderen) als Pferdegesicht verspottet wird, die sich beim Handarbeiten äußerst ungeschickt anstellt und die nicht von Mister Right und Helden träumt, sondern lieber selber der Held sein würde.
Wir haben hier also ein “braves” und hübsches Vorzeigemädchen namens Sansa, ein weiteres “braves” und hübsches Mädchen Jeyne und mit Arya ein Mädchen, das etwas anders ist, sozusagen eine, die sich ideal zum Triezen, Lächerlich machen und Ähnliches eignet. (Kinder können sehr grausam sein, und Sansa und Jeyne sind da offensichtlich keine Ausnahmen.)
Arya wurde also, solange sie auf Winterfell war, zumindest von ihrer Schwester und deren Freundin getriezt. (Und Sansa dürfte von der Septa und ihrer Mutter genug Komplimente für ihr gutes Benehmen, ihre schöne Handarbeit und ihr hübsches Gesicht bekommen haben.)
Im ersten Arya-Kapitel hat Patrich seinerzeit versucht, Sansa als liebevolle Schwester zu sehen, die Arya eigentlich nur helfen will, was diese nicht kapiert. An dieser Stelle im Buch wäre Patrichs Interpretation zunächst sogar duchaus eine Mögliche. Da es Aryas Sicht ist, wäre vorstellbar, dass Sansas Hilfsbereitschaft von ihr nicht als solche wahrgenommen wurde.
Dass sich allerdings auch in den Kapiteln, die aus Sansas Sicht geschrieben sind, keine einzige Stelle findet, wo Sansa einmal tatsächlich etwas für Arya tut, spricht allerdings gegen diese Deutung der Stelle.
Eine andere mögliche Sicht der Stelle: Sansa setzt sich auf Kosten ihrer Schwester als “braves” Vorbildmädchen vor der Septa in Szene und versucht sich außerdem noch bei Myrcella, immerhin ihrer zukünftigen Schwägerin einzuschleimen.
Als Jon Arya das Schwert schenkt, macht er sie ausdrücklich darauf aufmerksam, dass Sansa das nicht erfahren darf. Für Arya ist das eine klare Sache, und daher erfahren wir leider nicht, ob beide Sansa für eine Petze halten oder nur für ein gedankenloses Plappermaul. (Hier wird noch offengelassen, ob diese Einschätzung von Sansa durch ihre Geschwister tatsächlich stimmt.)
Am Ende des Buches zeigt sich allerdings, dass Jon und Arya recht hatten, sich nicht auf Sansas Verschwiegenheit zu verlassen. Sansa liefert Cersei ihren Vater und dessen Leute ans Messer, als sie zu dieser geht, um ihr mitzuteilen, dass ihr Vater mit ihr und den anderen aus Kings Landing abzureisen gedenkt.
(In Buch 4 findet sich die Bestätigung, dass es tatsächlich Sansas Gedankenlosigkeit war, die ihrem Vater und seinen Gefolgsleuten zum Verhängnis wurde.)
Auch wenn Sansa hier nicht vorsätzlich gepetzt hat und die Folgen sicher nicht wollte, ist es eine Tatsache in der Buchserie, dass Eddard und eine ganze Menge unschuldiger Menschen sterben müssen, weil Sansa ihren Mund nicht halten konnte.
Aryas Lage verbessert sich erst, als Sansa und sie nach Kings Landing reisen. Plötzlich werden beiden Schwestern Möglichkeiten geboten, die sie vorher nicht hatten. Während Arya diese nützt und so neue, für sie tolle Erfahrungen machen darf (sie zieht es vor zu reiten, statt in der Kutsche zu fahren, so hat sie Möglichkeit, die Landschaft zu studieren und die Vegetation kennen zu lernen), kann Sansa damit nicht viel anfangen. (Sansa zieht es vor in der Kutsche zu bleiben.)
Für Sansa muss diese Reise ziemlich frustrierend gewesen sein, und das umso mehr, wo sie gerade mit Joffrey verlobt wurde und sich somit bereits als zukünftige Königin sehen kann. Als sie die Einladung von Königin Cersei erhält, wagt es das “Pferdegesicht” doch glatt, diese Ehre auszuschlagen und ihr Vater hält es nicht für notwendig, sie dazu zu zwingen. Sansa erhält dazu nicht einmal von ihm Anerkennung, dass sie diese Einladung erhalten hat. Er wagt es, offensichtlich nicht zu erkennen, welche Ehre da seiner Tochter widerfahren ist.
Für Sansa, die bisher gewohnt war, als “braves” Vorführmädchen zu reussieren, muss dies ein ziemlicher Schlag gewesen sein, dass dem “Pferdegesicht” erlaubt wird, das zu tun, was Sansa nicht für richtig hält.
Dass “Lady” umgebracht wird, ist ein schreckliches Erlebnis für Sansa, zudem diese absolut nichts getan hatte, was ihre Tötung rechtfertigen würde. Für Sansa mag das Ganze aber aus einem weiteren Grund, eine besonders schreckliche Erfahrung gewesen sein. Zum ersten Mal erlebt sie, dass ihr gutes Benehmen und ihr “Bravsein” nicht gewürdigt werden.
Ob Sansas weiteres Verhalten nicht darauf zurückzuführen ist, dass sie es einfach nicht ertragen kann, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen und erleben zu müssen, dass ihre Schwester eigenen Wege gehen darf, womit diese sich nämlich auch endlich die Möglichkeit hat, sich von Sansa und Jeyne fernhalten zu können.
Arya bekommt ihre “Tanzstunden”, die übrigens als ziemlich harte und schmerzhafte Arbeitsstunden sind. Dass Arya sich darauf einlässt, zeigt, dass ihr Wunsch, selber kämpfen zu dürfen, keine kindische Laune ist, sondern es ihr wirklich damit ernst ist. Um ein Ziel zu erreichen, ist sie auch bereit etwas dafür zu tun. Mit Syrio bekommt sie zudem einen Lehrer, von dem sie tatsächlich lernen kann und für den der Umstand, dass sie ein Mädchen ist, keine Bedeutung zu haben scheint.
Sansa bekommt zwar keinen “Tanzunterricht”, aber auch auf ihre Wünsche wird Rücksicht genommen. Eddard verschafft ihr und Jeyne immerhin “Karten” für das Turnier der Hand, das sie besuchen möchten.
Sansa wird also jetzt keineswegs gegenüber Arya benachteiligt.
Am Schluss sind beide Schwestern in keiner beneidenswerten Lage. Allerdings hat Sansa im Unterschied zu Arya diese Lage großteils selbst verschuldet.
Bei aller Tragik haben beide Schwestern aber zumindest eine Chance, das zu bekommen, was sie haben wollten:
Am Trident, als Arya Micah zu schützen vesuchte und dabei nicht zögerte, Joffrey seine Waffe wegzunehmen, hatte sie bewiesen, dass sie als Ritter oder Krieger besser ist, als die meisten, die es bereits sind. Aber das ist nicht die Zukunft, die ihr Umfeld für Mädchen vorgesehen hat.
Am Schluss ist Arya heimatlos und kämpft um ihr Überleben, aber außerhalb der höfischen Welt mag sie vielleicht doch einen Ort finden, wo sie ihre Träume verwirklichen kann, ohne gleich als Außenseiterin zu gelten.
Was für Arya vielleicht eine Chance auf eine bessere Zukunft sein könnte, ist für Sansa bittere Ironie. Für die Erfüllung ihres Lebenstraums, Joffrey zu heiraten, hat Sansa einen hohen Preis bezahlt, und es scheint nun, dass dieser in Erfüllung gehen wird. Nun aber muss sie erkennen, dass es Traum ein Albtraum ist und diesen Preis nicht wert.
Posted 02 Aug 2012 at 23:52 ¶Ich hab grad nicht viel Zeit, daher nur kurz:
Schuld am Tod dieser vielen Menschen dürften Lysa (wenn ich richtig vermute) und Eddard selbst sein.
Sansa hat nur das getan, was jedes Mädchen in ihrem Alter in derselben Situation tun würde – sich von dem Menschen, den sie liebt, verabschieden. Eddard hat ihr zwar verboten, zu gehen, aber ganz ehrlich, ich hätte mich da auch nicht dran gehalten ohne jede Begründung. Schon gar nicht, wenn meine kleine Schwester noch ihre heißgeliebte Tanzstunde haben darf. Wenn die gehen darf, dann ich auch. Wäre ja sonst unfair und immerhin bin ich die Ältere.
Man kann Sansa das wirklich nicht vorwerfen, Erm. Tut mir leid, aber die Schuld am Tod so vieler Menschen Sansa in die Schuhe zu schieben – einem 12 Jahre alten, zum ersten Mal verliebten Mädchen – finde ich ein wenig extrem. Ich würde etwas anderes schreiben, hätte Eddard seinen Töchtern die Sachlage erklärt, aber das hat er nicht.
Sorry, aber es haben eine Menge Erwachsene auf diesen Krieg hingearbeitet, es gab eine Menge Fehlentscheidungen, da muss man ihn nicht einem kleinen Mädchen in die Schuhe schieben.
War Sansa denn auch Schuld daran, dass Jaime Eddards Gefolge abgeschlachtet hat? Hat sie auch Jon Arryn vergiftet? (Achtung: Sarkasmus!)
Morgen mehr.
Posted 03 Aug 2012 at 21:43 ¶Post a Comment