SDT: Melancholia

Dies ist Teil 68 von 77 der Serie Spiel der Throne

Inhalte: Vernachlässigung

Das zehnt-letzte Kapitel von A Game of Thrones hat mich erstaunt. Für den Plot zählt, dass Robb mit seiner Überraschungstaktik erfolgreich ist. Er trickst Tywin und Jaime Lannister aus, er befreit damit Riverrun. Wichtiger noch: er nimmt den Königsmörder gefangen – dabei sterben u. a. die beiden Söhne von Lord Karstark – und hat damit ein Druckmittel. Vielleicht hätten die Lannister Eddard eingetauscht, um Tyrion zu bekommen. Für den goldenen Sohn aber, für Jaime Lannister, kann man womöglich Eddard und Sansa eintauschen.

Es besteht also wieder Hoffnung.


Erstaunt hat mich aber, wie sehr ich dieses Kapitel mochte. In meiner Erinnerung hätte ich ihm wenig Wert eingeräumt. Aber das Merkmal dieser Art von Dekonstruktion ist es, dass man mehr auf die Details achtet. Man wird nicht so sehr mit der Story mitgerissen, zugegeben. Manchmal sind es vielleicht auch Details, die man lieber nicht so genau betrachten möchte. Hier bekomme ich neuen Respekt für ein zuvor missachtetes Kapitel.

George R. R. Martin zeigt mir hier, dass er sehr vielfältig ist. Im direkt vorherigen Kapitel hat er mir eine Schlachtszene geschildert, bei der die Erzählfigur mitten im Geschehen war. Nun erzählt Catelyn, und die ist außen vor. Sie kann die Schlacht nur durch die Bäume hindurch verfolgen und nahezu nichts sehen. Umso eindringlicher, was sie hört:

In the quiet she could hear them, far off yet moving closer; the tread of many horses, the rattle of swords and spears and armor, the murmur of human voices, with here a laugh, and there a curse.

(…) And Grey Wind threw back his head and howled.

The sound seemed to go right through Catelyn Stark, and she found herself shivering. It was a terrible sound, a frightening sound, yet there was music in it too. For a second she felt something like pity for the Lannisters below. So this is what death sounds like, she thought.

(…) She was high on the ridge, and the trees hid most of what was going on beneath her. A heartbeat, two, four, and suddenly it was as if she and her protectors were alone in the wood.

(…) She heard hoofbeats, iron boots splashing in shallow water, the woody sound of swords on oaken shields and the scrape of steel against steel, the hiss of arrows, the thunder of drums, the terrified screaming of a thousand horses. Men shouted curses and begged for mercy, and got it (or not), and lived (or died).

Bei Tyrion werde ich mitgerissen – hier lese ich mit der Perspektive einer Außenstehenden, und Cats Sicht verleiht der Schlacht einen melancholischen, fast tragischen Zug. Bei Tyrion ging es ums Überleben – hier geht es ums Töten. Muss das sein? Kann man sich nicht anders einigen? Kann man nicht.

Trotzdem wirkt die Freude und der Jubel der Menschen um Robb Stark aufgesetzt, falsch, nachdem ich diese Sicht auf den Kampf hatte. Auch die SiegerInnen sollten sich nicht so über ein Gemetzel freuen. Auch wenn die Menschen diese Freude brauchen, um mit der Lage umzugehen.

Diese Melancholie entsteht auch durch eine meiner (überraschend!) Lieblingsstellen in diesem Buch:

Her men had always made her wait.

Diese Beschreibung von Catelyn finde ich grandios. Sie wartete auf ihren Vater, auf Brandon und dann Eddard Stark, und nun auf Robb. Immer ritten die Männer in den Krieg, oft (nicht immer) kehrten sie zurück. Eddard war zwei Jahre weg.

Diese Stelle zeigt, wie unterschiedlich die Rollen verteilt sind: die Männer dürfen ausziehen, sie müssen es sogar. Sie bleiben Jahre weg. Frauen müssen »brav« warten. Cat könnte es auch so formulieren, dass sie Winterfell leitet – aber sie hat die Geschlechterrollen verinnerlicht, und sie definiert sich erkennbar über ihre männliche Bezugsperson. Oder anders: sie empfindet ihre Rolle (hier) als Defizit. Sie muss warten, ist hilflos, passiv.

Und pragmatisch:

One of his companions was even a woman: Dacey Mormont, Lady Maege’s eldest daughter and heir to Bear Island, a lanky sixfooter who had been given a morningstar at an age when most girls were given dolls. Some of the other lords muttered about that, but Catelyn would not listen to their complaints. “This is not about the honor of your houses,” she told them. “This is about keeping my son alive and whole.”

Catelyn mag sogar zustimmen, dass es unehrenhaft ist, mit einer Frau an der Seite zu kämpfen. Vielleicht versteht sie auch Dacey Mormont nicht. Es scheint nicht so, als würde sie die junge Frau bewundern. Aber wichtig ist ihr, dass Robb mit ihr weiteren Schutz um sich hat.

Und so wartet sie, und hofft, pragmatisch und pflichtbewusst. Und ich verliere mich in ihrer Schilderung.

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Comments 2

  1. avatar Lia wrote:

    Ein Kampf aus der Sicht einer Mutter. Mich wundert nicht, dass er melancholisch ist, ich hätte eher mehr Angst erwartet. Angst um ihren Sohn. Aber vielleicht hat sie dafür schon zu oft auf Menschen gewartet und sie verloren.

    Keine Ahnung, wie Männer sich nach einem Kampf verhalten? War der Adrenalinausstoß so groß, dass er weiter anhält? Sind sie müde und erschöpft? Diese Männer brüsten sich mit dem Kampf und vielleicht ist das ganz normal. Ich bin sehr froh, in einer Welt zu leben, in der ich damit keine Erfahrungen habe.

    Interessant fand ich in diesem Kapitel auch die Erwähnung der Eiswürger. Nordvögel, die offensichtlich viel weiter südlich auftauchen als das üblicherweise der Fall ist. “Sie kommen”, denkt Cat und es bezieht sich wohl nicht auf die Lannisters. Immer wieder gibt es Hinweise, dass an der falschen Front gekämpft wird. Denn Vögel an der falschen Stelle zur falschen Zeit sind immer ein Zeichen für extreme Witterungsbedingungen.

    Ich bin mir sehr sicher, dass Cat, ginge es um die Ehre, es völlig falsch finden würde, dass eine Frau kämpft. Das ist für sie nicht der Platz einer Frau. Das wird hier sehr deutlich. Insofern dürfen wir uns fragen, was sie mit Arya machen wird, wenn diese sich gegen die geplante Heirat wehrt. Allerdings haben wir von Arya eine ganze Weile nichts gelesen. Ich hoffe, sie kommt nicht auf die wahnwitzige Idee, sich irgendwie nach Winterfell durchschlagen zu wollen. Sie würde nur in die Fänge der Lannisters und ihres Heers geraten, egal auf welchem Weg sie unterwegs ist.

    Frauen waren damals wohl auch drauf angewiesen, dass der Vater/Ehemann wieder kommt. Was wäre eigentlich mit ihr passiert, wäre Eddard nicht zurückgekehrt? Hätte sie zurück nach Riverrun zu ihrer Familie gehen müssen? Andererseits hat sie einen Erben geboren.

    Posted 18 Jul 2012 at 18:22
  2. avatar Patrick wrote:

    Arya komt :-)

    Für mich ist bezeichnend, dass Cat nicht mehr Angst hat: sie hat sich mit dem Warten abgefunden. Sie hat keinen Einfluss auf den Ausgang. Also wartet sie pragmatisch ab und wird dann mit dem Ergebnis umgehen. Das ist wahrscheinlich die beste und »stärkste« Möglichkeit, mit dieser Rolle zurecht zu kommen.

    Posted 19 Jul 2012 at 15:09

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