Kritik: Inhalt, Ton und AutorInnentheorie

Es hat sich noch einmal ergeben, dass ich mein Blog ein wenig genauer beschreiben sollte, um die Erwartungen an meine Beiträge nicht fehlzuleiten. Daher möchte ich damit beschäftigen, worauf ich bei der Kritik eines Textes besonders achte, welchen Tonfall ich dazu wähle und auch, welche Rolle den AutorInnen zukommt.

Also los.

Kritik generell

Kritik ist für mich textnahe Kritik. Ich folge bedingt einer konstruktivistischen Sicht auf Texte: der endgültige Text entsteht erst beim Lesen/Hören im Kopf des Publikums. Allerdings muss für eine begründete Bewertung dann in meinem Verständnis der Rückgriff auf den Text erfolgen. Warum empfinde ich das? Welche Stelle löst das aus? Dies dient vor allem der Nachvollziehbarkeit der Interpretation und soll kein Beleg im wissenschaftlichen Sinne sein. Viele Stellen können auch anders gesehen werden.

Gleichzeitig gibt es natürlich Texte und Textstellen, die insgesamt bestimmte Sichtweisen bevorzugen. Bei Twilight habe ich einmal auf eine mögliche schwule Beziehung zwischen Edward und Seth hingewiesen – diese Interpretation ist zwar spaßig, aber auch weit hergeholt.

Aus diesem Verständnis von Kritik ergibt sich aber auch, dass ich mich bei Interpretationen frage, wo im Text sich diese Interpretation wiederfindet.

Dies gilt natürlich vor allem bei Diskussionen um den Subtext, um Thematik, um die eigenen Gefühle bei der Rezeption.

Wenn es um den Plot geht, um Charakterisierung, dann halte ich ebenfalls an einer textnahen Interpretation fest – allerdings sind diese Bereiche oft wesentlich geschlossener und bedienen keine Vielzahl von Sichtweisen. Entweder ist Tyrion Lannister blond – oder er ist es nicht. Der Text sagt es uns. Offenheit kann hier gewollt sein (Jons Geburt) oder auch ein Zeichen von Inkonsistenz.

Handwerk

Schließlich bleibt noch der handwerkliche Aspekt: ist das “gut geschrieben”? Woran mache ich das fest? Es gibt für mich bestimmte Faktoren, die ich an einem Text schätze und andere, die ich nicht so wichtig finde. Schließlich gibt es noch die allgegenwärtige Frage nach dem Stil.

Ich habe hierfür eine eigene Überschrift gewählt, weil ich in der Regel diesem Punkt weniger Aufmerksamkeit widme – wenn sich nicht geradezu aufdrängt, darüber zu sprechen.

Wichtige Faktoren sind für mich Konsistenz, Dynamik und Plausibilität. Ich möchte eigentlich, dass sich Figuren, Situationen usw. nicht ohne Grund ändern. Charakterisierungen sollen also konsistent sein: Varys ist nicht einmal das Superhirn und einmal ein Nichtsversteher. Gleichzeitig ist es für mich aber auch extrem wichtig, dass sich Dinge und Figuren verändern, dass Seite 1 nicht wie Seite 1000 ist – eben Dynamik. Entscheidend ist bei allem, dass Veränderungen und Entwicklungen nachvollziehbar sind. Das bedeutet in der Regel eine Erklärung – aber auch, dass die Erklärung stimmig ist.

Konsistenz bedeutet übrigens keine Gleichmacherei. Es gibt immer Ausnahmen, und ich kann mir vieles vorstellen, gerade weil Menschen eben lange nicht immer konsistent handeln. Aber Menschen rationalisieren ihre Handlungen gleichzeitig – plausibel darf es trotzdem sein.

Twilight versagt übrigens hierbei: es verändert sich kaum etwas, es gibt keine Konsistenz, und nachvollziehbar ist so wenig, dass ich sogar den Realismus anspreche.

Was ich auch noch interessant finde ist die Struktur einer Geschichte – darüber kann man aber am Besten in Gänze urteilen und sich dann passende Beispiele heraussuchen. Wie Martin seinen Spannungsbogen konstruiert, ist eine Frage, die ein ganzes Buch, vielleicht die ganze Serie behandelt. Außerdem fixen mich andere Gesichtspunkte eher an, zugegeben.

Eher unwichtige Faktoren sind für mich Realismus (und Vorlagentreue), Intention und Weltenbau. Mir ist ehrlich gesagt schnuppe, ob ein fiktionaler Text die Wirklichkeit abbildet. Das interessiert mich nur dahingehend, was mit dieser Abbildung erreicht wird. Ebenso gilt das für fiktive Vorlagen (“Das ist auch in den Comics so!”). Wenn bspw. in einem Roman Vampire auftauchen, dann ist ohnehin der Realismus zur Tür hinaus. Ich bevorzuge eben (s.o.) Plausibilität.

Was nicht bedeutet, dass ich Rechercheaufwand nicht schätze. Wenn man schon seine Geschichte in einer realen Situation ansetzt, dann können gut recherchierte Details diese Geschichte befeuern. Oder schlechte Recherche die Lektüre behindern. Ich will aber vor allem darauf hinaus, dass Realismus in sich kein gutes Argument darstellt, wenn ich etwas kritisiere – die Freiheit der AutorInnen, bewusst von der Realität abzuweichen, um eine bessere Geschichte zu erzählen, geht für mich immer vor. Daher ist die Vorlage oder die Realität auch nicht heilig. Gleichzeitig ist es dämlich, wenn Stephenie Meyer nicht einmal grundlegende Details hinbekommt.

Ähnlich ist mir auch ziemlich egal, was AutorInnen mit ihrem Text bezwecken wollen. Dies ist nur für die Frage relevant, ob sie erfolgreich waren, nicht aber, wenn man den Text bespricht. Ob Tolkien also nun ein Rassist war oder nicht, ob er das nun bezweckte oder nicht: Der Herr der Ringe enthält rassistische Elemente. Ob gewollt oder nicht: man kann King Kong als Geschichte lesen, in der ein wilder Eingeborener die weiße Frau wegnimmt. Das Gegenteil von gut gemacht ist oft gut gemeint. Oder auch: Entscheidend ist auf dem Platz bzw. dem Blatt.

Ich bin übrigens froh, das Silmarillion nie gelesen zu haben: eine sehr detaillierte Welt ist ebenfalls kein besonderer Pluspunkt für mich. Oft führt dies eher zu nebensächlichen Details, die meine Unterhaltung nicht steigern, auch wenn ich (vielleicht) nicht so weit gehen würde, dies als the disease of geek pride zu bezeichnen.

Schließlich noch die Frage nach dem Stil. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass gängige Regeln der Rechtschreibung und Grammatik eingehalten werden (manchmal zu Unrecht). Sprachliche Richtigkeit bedeutet für mich daher eher, ob die Sätze missverständlich oder schwer verständlich sind. Ich sehe es als Aufgabe der AutorInnen an, so klar wie möglich zu sagen, was sie sagen wollen: Sprache ist ihr Werkzeug, das sollten sie beherrschen. Neben Klarheit gibt es dann noch die Frage nach der Angemessenheit. Das ist ein weiter Rahmen.

Ich empfehle speziell hierzu, aber auch generell für dieses Thema Jim Emersons Beitrag über liking and disliking oder besser noch, der Text zu seiner eigenen Irrelevanz. Kurz gefasst geht es nicht darum, ob mir der Stil gefällt, sondern genauer, was mir warum gefällt.

Ton

Das war lang, darum jetzt umso kürzer. Zum Ton erst einmal Taylor Mali (via):

I entreat you, I implore you, I exhort you, I challenge you: To speak with conviction.

To say what you believe in a manner that bespeaks the determination with which you believe it.

Kurz gesagt: ich habe eine Meinung. Selbstverständlich vertrete ich diese offensiv. Das bedeutet nicht (das kann ich anscheinend nicht oft genug betonen), dass ich dogmatisch an der Meinung festhalte. Das bedeutet nur, dass ich meine Überzeugungen auch überzeugt vermittele. Zumindest hier im Blog, das ja genau dazu dient, meine Überzeugungen zu vermitteln.

Wem ich zu harsch schreibe: dieser Kritikpunkt wird sich nicht ändern.

Der Text und der Autor

Halte ich George R. R. Martin für einen Rassisten? Grundsätzlich ist das für mich nicht einmal besonders wichtig. Generell schreibe ich AutorInnen auch lieber die positivere Erklärung zu: rassistische Elemente sind ungewollt, womöglich unreflektiert, und erst in der Masse frage ich mich dann, ob hier System hintersteckt.

Gleichzeitig glaube ich trotzdem, dass man aus Texten Rückschlüsse auf AutorInnen ziehen kann – diese sind mit Vorsicht zu genießen. Im Vordergrund steht immer der Text. Aber jemand mit einem profunden Verständnis von Marginalisierung, Privilegien und (…) würde wahrscheinlich andere Entscheidungen treffen (oder wäre zumindest froh, wenn man auf problematische Stellen hinweist).

In vielen Fällen möchte ich aber, wenn ich George Martin erwähne, gar keine Aussagen über seine Wertvorstellungen machen. Ein Satz wie:

und weil das hier Martin ist, ist seine Frau natürlich 16 und nicht 20 oder 25

bedeutet für mich nicht, dass Martin auf Teenager steht, sondern nur, dass Frauen in solchen Situationen bei ihm dazu tendieren, sehr jung zu sein: Dany, Sansa und auch Lady Frey.

Martin ein schlechter Autor?

Zum Abschluss: ich halte George R. R. Martin nicht für einen schlechten Autoren. Aber auch nicht für einen besonders guten. Es gibt Momente, die sehr gelungen sind – aber im großen sind mir die Bücher zu langatmig, der Plot zu stockend, und die Details über die diversen Gerichte sind mir echt egal. Das ist sehr grob, aber ich werde mal die Augen offenhalten, um ein zukünftiges Kapitel daraufhin zu begutachten.

Fazit

Was soll das jetzt?

Ich hoffe, wenn ihr das gelesen habt, könnt ihr meine Einzelkritiken ein wenig besser einordnen und Dinge, die euch fehlen, womöglich auf meine Schwerpunkte zurückführen und nicht auf böswillige Absicht (oder, wahrscheinlicher, einfach ein Versehen). Vielleicht ergänzt ihr auch eigene Schwerpunkte – dies geschieht in den Kommentaren ja schon, vor allem beim Weltenbau und dem Realismus. Das finde ich interessant zu lesen und bereichernd, es wirkt sich aber nur begrenzt (siehe oben) auf meine Sicht aus.

Comments 9

  1. avatar Patrick wrote:

    Aus den Kommentaren bei Jim Emerson zu Taylor Mali übrigens:

    Reminds me of a commenter who once accused me of arrogance because I delivered my opinions as if I was 100% sure I was correct on the matter being discussed, to which I replied, Is there any other way to construct an argument?

    und

    Sometime during the Bush II administration somebody told me I presented arguments (and evidence) as if I expected “head-nodding agreement” (which, let’s face it, is the best kind). No, the person did not rebut my evidence or any conclusions I drew from it. The entire substance of his argument was: “YOU want people to agree with you!” First, that’s wrong. I love to be exposed to new evidence and new points of view. And they can only be “new” if they’re not the same as mine. But, more important, why would anyone construct an argument unless they thought it was solid enough to support scrutiny by others? I don’t care if somebody “agrees” or not — but I would hope I at least explained my own POV clearly enough that someone else could say, “Yes, I think I understand how you see it.”

    Truth!

    Posted 11 Jul 2012 at 14:42
  2. avatar Lia wrote:

    Wie dir bei den Figuren ist mir auch beim Weltenbau eine gewisse Konsistenz und Plausibilität wichtig. Eine Welt kann so fantastisch sein wie sie will und sämtliche Regeln über den Haufen werfen, wenn sie in sich nicht plausibel ist, geht mir das beim Lesen gegen den Strich.

    Eine Steph, die ihre Vampire in der realen Welt agieren lässt, aber alle existierenden Gesetze der Physik und der Genetik ignoriert, bekommt bei mir in Sachen Weltenbau eben eine Fünf (mangels der Sechs in Österreich).

    Wenigstens ihre eigenen Regeln sollte eine erfundene Welt aufrecht erhalten können. Außerdem bin ich über alles froh, was nicht mit Magie erklärt wird.

    Die Entwicklung einer Figur schätze ich auch sehr. Bei Twilight steht die Heldin am Anfang wie am Ende faktisch in derselben Situation da. Als Leserin möchte ich, dass sich eine Figur anhand ihrer Fähigkeiten weiter entwickelt.

    Gedankenspiele wie die mögliche Homosexualität Edwards sind für mich eigentlich der Zuckerguss dieser Diskussionen. Ich finde es faszinierend, eine Geschichte und ihre Personen aus noch ganz anderen Blickwinkeln zu sehen. Oft impliziert der Text wohl auch Ansichten, die der Autor beim Schreiben gar nicht wahrgenommen hat. Ich bin mir sehr sicher, dass Steph niemals die Absicht hatte, Edward schwul aussehen zu lassen. Aber es gibt Details in den Büchern, die einen auf die Idee kommen lassen. Genauso wie bei Angela, deren sexuelle Orientierung für mich auch nie völlig eindeutig geklärt war.

    Ich denke nicht, dass man von einem Buch auf den Charakter eines Autors schließen kann, aber vielleicht bis zu einem gewissen Grad auf seine Lebensweise. Es gibt Details, auf die Steph oder Martin in ihren Büchern keinen Gedanken verschwenden, vermutlich, weil diese Details in ihrem Leben bisher auch keine Rolle gespielt haben.

    Außer Acht lassen sollte man den Autor trotzdem nicht. Auffallend war das zB bei der Tintentod-Reihe von Cornelia Funke, die für ein Kinder/Jugendbuch extrem und ungewohnt düster ist. In der geliebte Männer sterben und dann vom Tode wieder auferstehen. In der immer wieder der Gedanke auftaucht, alles hinter sich zu lassen und in eine andere Welt zu gehen. Seit ich weiß, dass während dieser Reihe ihr Mann gestorben ist, verstehe ich den Unterton dieser Bücher sehr viel besser.

    Posted 11 Jul 2012 at 18:23
  3. avatar Patrich wrote:

    Kann ich voll unterschreiben.

    Posted 11 Jul 2012 at 20:38
  4. avatar Diana wrote:

    Uff, das sind ja jetzt wieder eine Menge Ansätze….

    Was das Handwerk angeht, hast du natürlich recht. Das Mittel der Autoren ist die Sprache und dieses Handwerkszeug sollten sie beherrschen. Allerdings können auch sehr gute Autoren in Sachen Verständlichkeit voll daneben greifen. Die Schwierigkeit ist, dass ich als Autorin natürlich allwissend bin. Damit ist die Gefahr gegeben, dass ich Informationen vorenthalte (unverständlich werde), weil sie für mich selbstverständlich sind. Anders herum finde ich es wichtig, den Leser nicht für dumm zu verkaufen. Ich persönlich stelle einerseits den Anspruch an den Lesern: Was gesagt wurde, wurde gesagt. Ich muss es nicht 10x wiederholen, um es leichter zu machen. Andererseits begleitet mich ständig die Unsicherheit, ob ein wichtiger Aspekt bereits deutlich und verständlich genug gesagt wurde. Es kann passieren, dass ich Informationen innerhalb von 20 Seiten wiederhole und der Leser sich an den Kopf packt. Im Schaffensprozess sind dagegen Monate vergangen und ich erinnere mich schlicht nicht mehr daran, dass ich bereits alles gesagt habe.

    (Sofern du Verständlichkeit auf Satz- und Wortebene gemeint hast und nicht den Gesamtzusammenhang eines Textes, habe ich dich missverstanden. Ahem ich werde gerade unsicher…)

    Anyway, irgendwann ist auch der beste Autor seinem Text gegenüber blind und blöd. Und deshalb würde ich gern noch einmal ein Loblied auf Lektoren singen… ;-)

    Die Intention: Kein Autor schreibt ohne Sendungsbewusstsein und ohne sich ganz aus seinem sozialen und kulturellen Kontext herauslösen zu können. Ich stelle zum Beispiel immer wieder fest, wie wenig ich in der Lage bin, mich von meinem christlich-abendländischen Hintergrund zu lösen. Dabei spielt es keine Rolle, wie ich zu diesem stehe. Es gibt also immer viele Richtungen, in die man denken kann. Wichtig ist auch, wie du sagst, dass Muster verschiedene Ursachen haben können. Fantasy und Rassismus ist so eine Sache. Wiederum aus Autorensicht finde ich es toll, dass ich mit wenig Aufwand Dichotomien aufbauen und für die Story nutzen kann, ohne gegen real bestehende PC zu verstoßen.

    Daher halte ich z.B. bei Martin und den jungen Frauen auch für die wahrscheinlichste Erklärung, dass er sich (wie in so unglaublich vielen anderen Dingen) an europäisch mittelalterlichen Realitäten orientiert hat. Heirat mit 11 oder 12 kam vor, war mit 15 durchaus üblich und weder unmoralisch noch ungesetzlich.

    Posted 12 Jul 2012 at 22:32
  5. avatar Patrich wrote:

    In Gedenken an Stephenie Meyer meinte ich tatsächlich primär die Satzebene. :-)

    Dass ich als AutorIn Intentionen habe, ist klar…

    Vielleicht sollte bei den unwichtigeren Faktoren eher stehen: das sind für mich keine Entschuldigungen. “das wollte ich nicht” / “das war damals so” – mag alles sein, verändert aber nicht, was im Text steht.

    Posted 13 Jul 2012 at 07:21
  6. avatar Diana wrote:

    Das stimmt.
    UND diese Dinge können sich eben auch ändern. Siehe die Diskussion um eine Neu-Übersetzung respektive den Umgang mit “Pippi Langstrumpf” und der Frage, wie man die Darstellung der Völker dort heutzutage umgehen sollte. Ich bin auch kein Freund von Kultur-Relativismus. Trotzdem fällt es mir schwer, einer Astrid Lindgren rassistische Tendenzen zu unterstellen…

    Posted 13 Jul 2012 at 09:10
  7. avatar Patrich wrote:

    Ja. Lindgren hat da vielleicht nicht weit genug gedacht. Zu ihrer Zeit haben das wenige. Darum kann das eine reine Feststellung sein. Es kann sogar sein, dass die Neufassung in ihrem Sinne wäre.

    Was alles nicht beeinflusst, ob sich jemand an dem Original stört.

    Posted 13 Jul 2012 at 09:46
  8. avatar Erm wrote:

    Kurz zum Thema Kritik:
    Ein perfektes Buch gibt es nicht, denn selbst wenn Autor/in es sich mit dem Schreiben wirklich nicht leicht macht, allen Leser/innen kann er/sie es nicht recht machen.

    Buchleser/innen, die freiwillig ein Buch lesen sind gewöhnlich Genießer/innen. Wenn ihnen ein Buch nicht zusagt, werden sie nicht weiterlesen. (Es sei denn, sie sind masochistisch veranlagt oder sie müssen das Buch für die Schule oder aus beruflichen Gründen lesen.)

    Autoren/innen schreiben also gewöhnlich für ein Publikum, von dem sie annehmen, dass es ihre Bücher liest, weil sie ihm gefallen. (Autoren/innen, die nicht offiziell Anerkennung finden, sondern auch wirklich gerne gelesen werden, meinen gewöhnlich, dass sie jene Bücher schreiben, die sie auch gerne selbst lesen möchten.)

    Geschichten zu schreiben, ist viel Arbeit. Selbst wenn die Geschichte grundsätzlich packend ist oder packend erzählt wird, nicht jedes Detail lässt sich immer perfekt auflösen.
    Aber “Nobody is perfect” – das wissen auch die Leser/innen und wenn es Autor/in nicht zu arg mit den “Fehlern” oder “Schwachstellen” treibt, kann von Seiten der Leserschaft eine gewisse Toleranz durchaus vorausgesetzt werden.

    Schlimm für Autoren/innen aber, wenn ihre Bücher einer bestimmten Spezies, die sich Kritiker/innen nennt, aber in Wirklichkeit Nörgler/innen sind, in die Hand fällt,also eine/n Leser/in, die entschlossen ist, das Buch bzw. die Bücher (die Arbeit des/r Autors/in) zu kritisieren, in der Bedeutung von Verreißen, Zerpfllücken etc.

    Nobody ist perfect und wer (Fehler, Kritikpunkte) suchet, der/die findet … (schon etwas). Wer Blut leckt …

    Kritik ist eine Form von Machtausübung, und so etwas wird gewöhnlich von Personen, die Macht ausüben wollen, als sehr positiv für sich wahrgenommen.
    Kritiker/in nimmt sich das Recht, über Autor/in aufgrund seines/ihres Textes zu werten.

    Attraktiv ist die Position von Kritiker/in auch deswegen, weil diesen Job jede/r übernehmen kann. Um als Kritiker/in von Texten ernst genommen zu werden, sollte Kritiker/in zwar imstande sein, zu buchstabieren. Mehr muss er/sie aber nicht können. (Es sogar möglich, Bücher zu kritisieren, aufgrund dessen, was über diese erzählt wird, allerdings macht sich Kritiker/in in diesem Fall doch sehr angreifbar. Ein/e Kritiker/in und gerade eine von der Sorte Verreißer/in bzw. Nörgler/in ist immer in der Gefahr, dass sich seine/ihre Kritik gegen sie selbst wendet.)

    Kritiker/in kann sich bei seiner/ihrer Kritik auf den Text einlassen und das ist für faire Kritik (Kritik, die auch bereit ist, Autor/in ernstzunehmen und die Arbeit, die sich Autor/in gemacht hat, anzuerkennen) eine Grundvoraussetzung. Nur Kritiker/in muss das nicht.

    Besonders schlimm wird es dort, wo Kritiker/in mit einem Raster von Richtlinien / Vorurteilen / Vorstellungen (was ein guter Text zu sein hat) an den Text / Autor/in rangeht. Das war bis ins 19. Jh. durchaus die übliche Methode der Kritik, wird aber seit Ende des 20. Jh. zumindest in der wissenschaftlichen Kritik als zweifelhafte Methode abgelehnt. (Das betrifft übrigens nicht nur Buchkritik.)

    Dabei kann es sich um formale Kritikpunkte handeln: z. B.Kritik: Der Text von Autor/in XY ist schlecht hat, da keine Absätze gemacht wurden / da eine grüne Schrift verwendet wurde u. ä.
    Problematisch an so einer Kritik ist, dass die Schriftfarbe / das Fehlen von Absätzen zwar beim Lesen eine Hürde sein kann, aber nichts über die inhaltliche Qualität des Textes aussagt. (Wenn es nicht gerade ein Buch ist, dass Autor/in im Eigenverlag herausgegeben hat, wäre solche Kritik wohl auch an den Verlag zu richten.)

    Oder es kann sich um inhaltliche Kritikpunkte handeln, die in Wirklichkeit aber Vorurteile sind: Autor/in XY z. B. schreibt gerne graphische Sexszenen. Kritiker/in YZ dem ihr Buch in die Hände gefallen ist, findet graphische Sexszenen unmoralisch. YZ wird daher dem Buch, in dem es von solchen Sexszenen wimmelt, nicht viel abgewinnen. Dabei hat das Buch eigentlich mehr zu bieten, aber dieser Punkt verstellt Kritiker/in YZ den Blick auf Qualitäten des Buches.

    Wenn Kritiker/in YZ Autor/in XY gegenüber fair ist, räumt er/sie ein, dass ihm/ihr das Buch wegen der Sexszenen nicht zusagt und dass es somit kein Buch für ihn/sie ist (und für Leser/innen mit seiner/ihrer Einstellung).

    Wenn Kritiker/in YZ dagegen das Buch verreißen will, wird er/sie ihre Kritik gerade an diesen Sexszenen aufhängen, diese besonders ausschlachten und andere Aspekte links liegen lassen. Allerdings ist ein Merkmal von Verreißer/innen oder Nörgler/innen, dass sie nicht als solche entlarvt, sondern nur als Kritiker/innen ernst genommen werden wollen.

    Also pflegen diese Kritiker/innen gewöhnlich sich fragwürdigen Habitus zu schützen, in dem sie ihre subjektive Kritik im Sinne einer höheren Sache (z. B. Berufung auf die gesellschaftliche Moral) absichern. Andere Möglichkeiten, die solche Kritiker/innen auch gerne nutzen:

    Autor/in z. B. über sein Privatleben zu einer zweifelhaften Person zu machen und dieses, nicht den Inhalt des Textes, als Argument gegen den Text verwenden.
    Scheinheilige Floskeln: z. B. “Ich, YZ, habe grundsätzlich nichts dagegen, dass Sex vorkommt und beschrieben wird, aber ist das bei Autor/in XY nur widerwärtig, aus diesem und diesem Grund.”
    Wenn Kritiker/in gewöhnlich nichts gegen Sexszenen hat, sollte das aus dem Text der Kritik erkennbar sein, ohne dass er/sie ausdrücklich darauf hinweist.
    Rhetorische Floskeln / Fragen z. B. “Es sei jedem erlaubt, solche Sexszenen gut finden …” Bei einer solchen Formulierung folgt gewöhnlich irgendetwas, was von Kritiker/in besonders widerwärtig beschrieben wird. Die Botschaft: die Kritik richtet sich hier nicht mehr auf Autor/in bzw. Buch, sondern auch gegen Leser/innen, die Autor/in und Buch nicht verteufeln oder sogar gut finden. Sie werden durch so ein rhetorisches Gebilde von Kritiker/in als zweifelhafte Individuen abgewertet, für andere, die seine/ihre Kritik lesen und hoffentlich auch für sich selbst. (Gerade jüngere Leser/innen lassen sich leicht verunsichern.)

    Kritiker/innen, und das ist ein netter Nebeneffekt, verraten, in der Art, wie sie ihre Kritik (ob Verriss, fair oder wissenschaftlich) immer auch eine Menge über sich selbst.

    Kritik, zudem öffentlich, ist also eine heikle Sache und sollte daher sehr behutsam und mit Verantwortungsgefühl betrieben werden, vor allem, wenn dabei der öffentliche Raum (Zeitung, Internet etc.) benutzt wird.

    Schreiben ist gewöhnlich Arbeit, das finde ich, dass bei allen (berechtigten) Kritikpunkten nie vergessen werden darf.

    Abschließend ein Zitat von Kurt Tucholsky: “Der Leser hat’s gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.”

    Posted 16 Jul 2012 at 11:07
  9. avatar Patrich wrote:

    Schreiben ist sogar harte Arbeit. Und Handwerk.

    Posted 16 Jul 2012 at 11:47

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