Es gibt wirklich schlechte Texte. Wenn ich diese konsumiere, dann bekomme ich das Gefühl: »Das könnte ich besser!« Und ich kriege Lust, zu schreiben.
Es gibt auch wirklich gute Texte. Diese lösen in mir Lust an der Kreativität aus – und ich kriege Lust, zu schreiben.
Breaking Bad macht mir große Lust, zu schreiben. Auf die gute Art.
Die Story ist kurz erzählt: Walter White (Brian Cranston) ist ein Genie, wenn es um Chemie geht – aber er ist in einem langweiligen Job als High-School-Lehrer gelandet, in einer Ehe, in der er wenig zu sagen hat. Ein Arztbesuch verrät: er hat Krebs und nur wenige Monate zu leben. Um die Behandlung zu bezahlen und ggf. seiner Familie etwas Geld zu hinterlassen, macht er einen drastischen Schritt. Mit seinem ehemaligen Schüler Jesse (Aaron Paul) kocht er das beste Metamphetamin der Welt – und verkauft es.
Das könnte schon der Stoff für eine unterhaltsame Serie sein: ein Chemielehrer bekommt es mit Gangstern zu tun. Aber Breaking Bad macht sehr viel mehr.
Auf Ebene der Story – und hier inspiriert mich die Show am Meisten – verlässt die Show sehr schnell das oben erwähnte Gleis. Walter hat reiche Freunde, die anbieten, seine Behandlung zu bezahlen. Sie bieten ihm sogar einen gut bezahlten Job mit toller Krankenversicherung an. Walter müsste also gar kein Meth herstellen.
Er tut es trotzdem.
Dann geht sein Krebs in Remission. Walter hat nun wohl doch noch etwas länger zu leben und steht nicht mehr so unter Zeitdruck. Er müsste kein Meth mehr herstellen.
Er tut es trotzdem.
Walter White ist stolz. Zu stolz, um die »Almosen« seiner Freunde anzunehmen. Und mehr noch, er hängt relativ starren Rollenbildern an: in seinen Augen sollte er der Ernährer der Familie sein und als solcher geschätzt werden. Überhaupt will er geschätzt werden. Walter White möchte sein Licht nicht unter einen Scheffel stellen.
Und so trifft er Entscheidungen, die höchst egoistisch sind. Er genießt es, der beste Meth-Koch überhaupt zu sein. Er genießt es, als Gangster zu gelten. Er wird, nach und nach, zum Bösewicht der Serie.
Ich finde diese Idee faszinierend: keine Figur, die vom Schicksal in eine schlechte Situation gedrängt wird und nun das Beste daraus machen muss. Stattdessen eine Figur, die sich ihre schlechte Situation bewusst schafft.
Dabei vergisst Breaking Bad nie die Frage, warum Walter so handelt. Die Motivation der einzelnen Figuren, vor allem Walters Motivation, spielen eine große Rolle. Und doch werden auch äußere Einflüsse nicht vergessen. Entscheidungsfreiheit hin oder her – nichts geschieht hier in einem Vakuum.
Das macht Lust, dieses Thema aufzugreifen. Handlungsfreiheiten zu beleuchten.
Breaking Bad ist aber noch mehr als das. Die Darsteller sind rundum gut, in vielen Fällen herausragend. Die Nebenfiguren, die zu Beginn noch sehr holzschnittartig wirken, gewinnen an Leben. Vor allem Jesse und Walts Schwager Hank (Dean Norris), ein Drogenfahnder, entwickeln faszinierende Tiefe. Und Skyler (Anna Gunn), zu Beginn noch sehr die nörgelnde Ehefrau und damit Plot-Konstrukt, damit Walter sich entmannt fühlt, wird auch spätestens in Staffel drei sehr viel lebendiger. Erwähnenswert auch, dass RJ Mitte, der den Sohn spielt, in der Serie und im wirklichen Leben infantile Zerebralparese hat – selten genug, dass beeinträchtigte Figuren mit entsprechenden Darstellern besetzt werden.
Über allem thront Brian Cranston. Dean Norris, Aaron Paul, Giancarlo Esposito, Anna Gunn können herausragend sein – Cranston aber lässt sich kaum eine Szene abluchsen. Walter White ist bemitleidenswert, bedrohlich, verabscheuungswürdig, herablassend, genial, liebevoll – man kann nicht genug Lob für Cranstons Spiel finden. Es ist die Rolle seines Lebens.
Die Serie lässt sich sehr viel Zeit, zu erzählen. In 4 Staffeln ist gerade etwa ein Jahr Spielzeit vergangen. Wir erleben viele Geschehnisse sehr genau mit und können so auch die Konsequenzen von Handlungen auskosten. Dadurch ist nicht jede Folge explosiv, aber es schimmert immer – und wenn es dann kocht, kocht es gewaltig (und meistens über). Breaking Bad hat gleich mehrere der größten Spannungsmomente, an die ich mich in Fernsehserien erinnern kann. Das liegt auch daran, dass die Show toll fotografiert ist und sich nicht scheut, Einstellungen lange zu halten, Zeit zu dehnen.
Aus einem Familienvater wird nach und nach Scarface – und das nachvollziehbar. Man fühlt mit Walter White, ahnt, dass seine Reise nicht gut enden wird, und ist doch auch froh, weil er so viel Schaden anrichtet. Absolute Top-Empfehlung.
Die fünfte und letzte Staffel von Breaking Bad wurde in zwei Hälften zu je 8 Folgen aufgeteilt. Die ersten 8 Folgen laufen seit Sonntag im US-Fernsehen. Die ersten 4 Staffeln gibt es mit sehr guter Synchro auf DVD


Comments 2
Bravo! SUPER zusammengefasst, was eine der besten Serien im aktuellen TV (und meiner Meinung nach auch im TV der letzten 10 Jahre) genau ZU einer der besten Serien macht.
Ich liebe Breaking Bad und erwarte stets mit Qual die nächste Folge.
Es macht sicher nichts aus, dass ich den Artikel weiteren Leuten empfehle?
Posted 19 Jul 2012 at 22:33 ¶He. Nur zu
Posted 19 Jul 2012 at 22:41 ¶Post a Comment