Syrio Forel ist tot. Eine der beliebteren Theorien für Fans dieser Buchreihe ist das Schicksal des Tanzlehrers. Ich habe das nie verstanden. Forel mahnt Arya, richtig hinzusehen, und mit ihren Augen sehen wir, dass Forel keine Chance hat, den Ritter der Königsgarde zu verletzen. Einzig, wir sehen keine Leiche.
Aber Syrio Forel ist tot.
Schreibstil
Ich würde George R. R. Martin nicht unbedingt als einen begnadeten Autoren bezeichnen, dazu beschreibt er schon allein viel zu viele Essgelage. Aber wie er in diesem Kapitel Aryas Flucht beschreibt, ist gelungen spannend:
All that Syrio Forel had taught her went racing through her head. Swift as a deer. Quiet as a shadow. Fear cuts deeper than swords. Quick as a snake. Calm as still water. Fear cuts deeper than swords. Strong as a bear. Fierce as a wolverine. Fear cuts deeper than swords. The man who fears losing has already lost. Fear cuts deeper than swords. Fear cuts deeper than swords. Fear cuts deeper than swords.
Es ist eindringlich, wie sie sich Syrios Lektionen ins Gedächtnis ruft. Und sie abtut:
“Fear cuts deeper than swords, “ she said aloud, but it was no good pretending to be a water dancer, Syrio had been a water dancer and the white knight had probably killed him, and anyhow she was only a little girl with a wooden stick, alone and afraid.
Dieses Kapitel ist packend.
Arya
Die arme Arya. Es ist viel zu früh Zeit für sie, erwachsen zu werden. Sie muss mit ansehen, wie Syrio Forel sie gegen die Wachen der Lannister verteidigt und dann doch unterliegt. Und für einige Momente ist sie das kleine verängstigte Mädchen auf der Flucht. Sie kann nicht zu ihrem Vater, zu niemandem mehr.
Dann trifft sie den Stallburschen. Und tötet ihn.
In that instant of sudden terror, the only lesson Arya could remember was the one Jon Snow had given her, the very first. (…) She backed away slowly, Needle red in her hand. She had to get away, someplace far from here, someplace safe away from the stableboy’s accusing eyes.
Arya ist zu jung, um derart anklagende Augen ertragen zu müssen. Aber wen kümmert das schon? Sie muss den Jungen töten, und sie muss dann schnell weiter. Oder besser langsam und gemächlich, um kein Aufsehen zu erregen. Und ist ein Stück weniger Kind.
Calm as still water, a small voice whispered in her ear. Arya was so startled she almost dropped her bundle. She looked around wildly, but there was no one in the stable but her, and the horses, and the dead men.
Quiet as a shadow, she heard. Was it her own voice, or Syrio’s? She could not tell, yet somehow it calmed her fears.
She stepped out of the stable.
It was the scariest thing she’d ever done.
Es ist traurig, denn ich lese den letzten Satz des Kapitels auch metaphorisch.
Her footsteps sent soft echoes hurrying ahead of her as Arya plunged deeper into the darkness.
Sie hat getötet. Sie hat einen Schritt in die Finsternis getan. Wird ihr Weg sie weiterführen?
Die Lannister
Sie machen ernst, oder? Eddards Gefolge wird erschlagen, rundheraus. Nicht gefangen, nicht ausgewiesen, Arya findet nur Leichen. Wenn Cersei etwas tut, dann aber richtig und rücksichtslos.
Nun sind also wieder ein paar Menschen tot, nur weil sie aus dem falschen Ort kamen, dem falschen Lehnsherrn folgten.
Empirie
Look with your eyes. Hear with your ears. Taste with your mouth. Smell with your nose. Feel with your skin. Then comes the thinking, afterward, and in that way knowing the truth.
Erst beobachten, dann deuten – ein guter Rat für ein rudimentär wissenschaftliches Vorgehen. Der Versuch, menschliche Sinnsuche und Mustererkennung zu umgehen. Syrio Forel, der Karl Popper von Braavos? Wir werden es nie erfahren.
Vorbilder
Die arme Arya. Dass ihre Mutter nicht auf ihrer Seite ist, hat sie wohl schon früh gemerkt (wenn es um Aryas Interessen im Vergleich zu “fraulichen” Interessen geht). Eddard ist kaum da, und nun nicht zu erreichen, vielleicht tot. Jon ist weg gegangen. Syrio jetzt auch. Und nun will ein neunjähriges Kind sich allein nach Winterfell durchschlagen… in so einem Alter sollte man noch spielen dürfen. (Siehe auch: Sansa)
Die Erinnerung an die Gruft
Was für ein bescheuertes Spiel der Jungs, wenn auch “typisch”. Schön, dass Arya das missbilligte und durchschaute.
Demnächst: Sansa

Comments 2
Hach Mensch, Hoffnungen wird man sich doch wohl noch machen dürfen, oder? Syrio Forel war eine so sympathische Gestalt, dass sein Verlust wirklich schmerzt. Mir fällt hier übrigens auf, dass auch bei Martin die Nebenfiguren oft interessanter sind als die Hauptfiguren. Auch Syrio war leider nur Mittel zum Zweck. Arya braucht eine Kampfausbildung, also muss es einen Trainer geben. Der Tod des Mentors ist Grundausstattung jeder echten Heldengeschichte. Ich schätze also nicht, dass Syrio noch mal lebendig auftaucht. Außer es wäre aus irgendeinem Grund gar nicht mehr anders möglich. Martin hält ihn gebauso im Hintergrund wie Benjen Stark. Oder ist von dessen Schicksal irgendwas bekannt?
Ich denke, Martin mag Arya und dementsprechend schreibt er sie auch. Es gibt Figuren in seinem Buch, denen er weniger Gunst erweist. Allerdings lässt er Arya selten altersgemäß reagieren. Ja, ok, das Mädchen hat eine Kampfausbildung bekommen, aber das kann eigentlich noch nicht so arg lange sein. Bestenfalls ein paar Monate. Sie scheint ein echtes Naturtalent zu sein, so weit wie sie schon ist.
Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, hätte ich mit neun Jahren einen Menschen töten müssen. Es zeigt auch, dass Arya wenig andere Wege kennt als sich erst einmal körperlich zu wehren. Sie wird sich nie wie Tyrion aus einer Sache raus reden können. Sie wird immer kämpfen müssen. Vielleicht entwickelt sie sich ja noch weiter mit den Jahren, aber momentan ist sie ein höchst verstörtes Kind. von erwachsen werden ist sie weit entfernt. Außerdem ist sie jetzt wohl ein Straßenkind. Sie bringt die besten Voraussetzungen dafür mit dank Syrio.
Momentan bin ich gerade froh, dass Sansa wohl irgendwo im Schloss ist. Sie würde auf der Straße vermutlich nicht lange überleben. Arya traue ich tatsächlich zu, wenigstens in Kings Landing eine Zeit lang zu überleben. Alleine nach Winterfell zu gehen – nein, das sollte sie nicht können. Ich hoffe nicht, dass Martin das so schreibt. Sie ist zu klein dafür und so was sähe eher nach Mary Sue aus als nach echtem Kind.
An Martins Schreibstil finde ich übrigens auch interessant, wie sehr er auf die Gefühle seiner POV-Figur eingeht. Hier bei Arya kann man ihre Angst beinahe körperlich spüren. Bei anderen wie Eddard, Jon oder auch Cat gelingt ihm das lange nicht so gut. Auch bei einem Tyrion sind wir alle oft nicht sicher, was er fühlt. Bei Arya sind wir das eigentlich immer. Sie ist eindeutig der Autorenliebling und daher mache ich mir um sie keine gigantischen Sorgen.
Aber dieses “Spiel” in der Gruft zeigt uns ganz deutlich, was Syrio in Arya gesehen hat: sie kann “sehen”, sie weiß es nur nicht. Sie hat sich nicht vom äußeren Schein täuschen lassen, sondern hinter die Verkleidung (und ihre Angst) gesehen. Wie alt war sie damals wohl? Sie ist jetzt neun, das scheint einige Jahre her zu sein. Die Jungs sind jetzt 15, Bran war auch dabei und der kleine Rickon. Es kann also maximal zwei Jahre her sein (was extrem grausam Rickon gegenüber gewesen wäre). Demnach war Arya 6 – 7 Jahre alt. Nicht schlecht für ein Grundschulkind.
Posted 11 Jun 2012 at 18:35 ¶Ja, man merkt schon, dass Tyrion und Arya Martins Lieblinge sind.
Du hast Recht, Arya ist sicher überlebensfähiger als Sansa auf der Straße. In einer Szene in der Serie, die nicht in den Büchern ist, wird eine von Aryas Lügen aber dadurch aufgedeckt, dass sie nicht sagen kann, welches Wappen der Lord ihrer angeblichen Heimat hat – Sansa hat also je nach Situation auch nützliche Dinge mitbekommen. Für die Stadt oder die Wildnis allerdings…
Gut gefällt mir, wie du Arya einschätzt. Ich sehe ihre kriegerische Art auch nicht positiv. Zwar verstehe ich den toten Stalljungen als Affekthandlung aus Angst – aber Gewalt ist eben nur selten eine gute Lösung, und doch anscheinend die Lösung, auf die Arya kommt / angewiesen ist.
Posted 12 Jun 2012 at 16:25 ¶Post a Comment