SDT: Kritik, George Martin, Erm (Intern)

Dies ist Teil 57 von 77 der Serie Spiel der Throne

Erm hat einen – zumindest so angekündigten – »Abschiedskommentar« hinterlassen, dem ich ein wenig Raum geben wollte. Ich nehme mal den Einschub zu Beginn als einen der entscheidenden Kritikpunkte für meine Reihe zu George Martin:

Achtung – ist nur für Lesende geeignet, die wirklich an einer Diskussion interessiert sind, die auf textbezogenen sachlichen Argumenten aufbaut

Erm hat den Eindruck bekommen, hier solle es um einen bloßen Verriss gehen. Nun wäre es einfach für mich, das abzutun – aber tatsächlich möchte ich nicht Gefahr laufen, mich auf die Buchreihe einzuschießen. Ein solcher Vorwurf ist für mich also ernst zu nehmen.

Darum wird es verdammt lang.

Format der Buchreihe und der Besprechung

George R. R. Martin baut seine Geschichte langsam auf. Vieles, was früh angedeutet oder angesprochen wird, löst sich erst später auf – manches wenig später, manches sehr viel später.

Meine Besprechung erfolgt kapitelweise. Das ist nicht ideal, weil dann zuerst nur auf die Andeutung eingegangen werden kann, nicht auf die Lösung. Dadurch kann es passieren, dass man Martin Dinge vorwirft, die sich im Nachhinein aus unhaltbar, vielleicht sogar unfair herausstellen.

Gleichzeitig besteht eine Buchreihe aber aus Büchern, diese aus Kapiteln, diese aus Absätzen, Sätzen, usw, die aufeinander aufbauen. Eine totale Kehrtwende am Ende ist eher frustrierend. Andeutungen also wahrscheinlich nur selten konträr zum Ziel. Und Martin deutet ja manche Dinge sehr versteckt an bzw. greift sie subtil wieder auf – eine genaue Lesart wird durchaus auch belohnt. Und das soll hier passieren – eine genaue Lesart.

Alles außer Frauen

Ich habe den Eindruck, dass so eine Lesart auch passiert: Details, die auf Jon Snows Herkunft hindeuten, auf Jon Arryns Tod, auf das Inzest-Geheimnis, werden nach und nach aufgeführt. Gerade erst habe ich darüber geschrieben, was einen guten Herrscher ausmachen könnte, und ob Eddard einer wäre. All das erscheint unproblematisch.

Nicht aber, wie George Martin mit seinen Frauenfiguren umgeht. Denn darauf bezieht sich Erms Kritik im Speziellen. Zu Recht?

Cherchez la femme?

Textbezogene sachliche Argumente möchte Erm. Tatsächlich tue ich meines Erachtens genau das: ich zitiere den Text. Das wird mir dann nachteilig ausgelegt, aus zwei Gründen:

Wie ist nun diese Aussage zu werten? Als persönliche Meinung einer Romanfigur oder als persönliche Meinung / Einstellung ihres Erfinders?

Ergo: George Martin schreibt eben die Sicht seiner Figuren, und die sind möglicherweise eben misogyn oder haben Gründe für ihren spezifischen Frauenhass.

Im Buch selbst legt sich GRRM also nicht auf eine eindeutige Sicht fest, was die Ehefrau von Jora betrifft, er bietet mehrere Möglichkeiten, wie diese Frau zu sehen ist.

Ergo: später wird diese Beschreibung relativiert, wodurch sich der Vorwurf nicht halten lässt, Martin sei ein Sexist. Mein selektives Zitat verfälscht den Gesamtton der Reihe.

Gehen wir nacheinander darauf ein.

Der Vorwurf

Vorab möchte ich klarstellen: ich halte George Martin nicht für einen Frauenhasser. Ich halte diese Reihe aber für sehr problematisch, mit misogynen und rassistischen Anteilen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das einfach eine Folge von Martins Privilegien, nicht seiner moralischen Einstellung – er hat sich nicht genug gekümmert, so etwas zu vermeiden.

Ansonsten verweise ich auf den Beginn dieser Reihe, wo ich bereits ausführlich darauf einging, dass so ein Vorwurf die Bücher nicht aller Qualitäten beraubt – sie haben andere Stärken.

Figurensicht

Es stimmt: George R. R. Martin schreibt seine Romane aus Sicht einzelner Figuren. Insofern ist alles, was wir lesen, immer die subjektive Sichtweise dieser Figuren.

Mit der Besonderheit (im Gegensatz zu Dokumentationen), dass diese Figuren nicht real sind, und ihre Umstände auch nicht. Wie sie eine Lage sehen, entscheidet daher immer noch George R. R. Martin. Wie Jon also bspw. von Catelyn denkt, liegt an Martin.

Gleichzeitig bedeutet das auch, dass alles in diesen Büchern subjektiv ist. Können wir also gar nichts mehr herauslesen? Dabei finde ich es recht deutlich, dass George R. R. Martin keine im engeren Sinne unzuverlässigen Erzähler einsetzt – die also bewusst über das Erlebte lügen. Ihnen fehlen höchstens Informationen.

Solche Erzähler können von anderen Figuren selbstverständlich widerlegt werden. Die Theorie, dass Lyanna freiwillig mit Rhaegar ging, hängt ja gerade davon ab, Roberts Schilderung für einseitig zu halten. Aber da gibt es auch immer wieder kleine Momente, die auch zu einer anderen Interpretation passen können.

Mit anderen Worten schafft George R. R. Martin es sehr gut, die Geschichte einer Entführung und Vergewaltigung subtil in Zweifel zu ziehen. Das gehört zu den Einflussmöglichkeiten eines Autoren, der nicht auktorial mit den LeserInnen reden möchte.

Diese Einflussmöglichkeiten bleiben in vielen anderen Fällen, in denen ich problematische Aspekte erkenne, ungenutzt. Stattdessen merken wir nur, dass Martin eine von Sexismus, Patriarchat und Rassismus geprägte Welt beschreibt.

Was aber macht ein Buch, das so eine Welt beschreibt, zu einem feministischen oder sonstwie aufgeklärten Text? Es sind eben die Momente der Brechung. In denen das System dekonstruiert wird, oder in denen das System als Verursacher benannt wird, oder in denen divergierende Schilderungen für einen Perspektivwechsel sorgen. Ansonsten lesen wir nur, wie schreckliche Dinge in einer schrecklichen Welt passieren.

Dann könnten wir immer noch einen feministischen Zug ausmachen (siehe meinen kommenden Beitrag zu Lisbeth Salander) – aber es fiele uns zunehmend schwer, dies mit dem Text zu vereinbaren.

Um es also klar zu machen: Jon mag Grund haben, Catelyn zu hassen. Jeor Mormont mag Grund haben, Lynesse zu hassen. Tyrion mag Grund haben, seine Schwester und seine Exfrau zu hassen. In der Summe lesen wir trotzdem immer wieder von Männern, die etwas gegen (bestimmte) Frauen haben – gegensätzliche Schuldzuweisungen oder Äußerungen gegen Männer, oder auch gegenteilige Schilderungen, sind selten und weit verstreut.

Die einzige Figur, die meiner Erinnerung nach bewusst den Sexismus und die Misogynie dieser Welt anspricht, ist darüberhinaus Cersei. Cersei, die eine der deutlicheren Schurkenfiguren der Serie ist – und die aus genau diesem Grund eine meiner Lieblinge ist, allerdings mit viel zusammen gekniffenen Augen und Fan-Interpretation.

divergierende Sichtweisen

Aber sehen wir uns das Ganze mal textnah an. Ich habe nach Erms Kommentar tatsächlich die Bücher durchsucht nach den Stellen, an denen Lynesse noch zur Sprache kommt. Wie verschieden ist denn da die Sicht? Tue ich Martin, über das ganze Werk gesehen, Unrecht?

Wohlgemerkt: diese Stellen stammen aus 3 Büchern, insgesamt also fast 3000 Seiten.

Spoiler für Lynesse/Jorah

My son [Jorah] loved that young wife of his. Vain woman. If not for her, he would never have thought to sell those poachers.

So spricht Jeor Mormont. Später erzählt Jorah Dany von ihr:

His face grew very still. “Her name was Lynesse.” “Your wife?” “My second wife.” It pains him to speak of her, Dany saw, but she wanted to know the truth. (…) “Was she beautiful?”

“Very beautiful.” Ser Jorah lifted his eyes from her shoulder to her face. (…) I crowned Lynesse queen of love and beauty, and that very night went to her father and asked for her hand. (…) We were married there in Lannisport, and for a fortnight I was the happiest man in the wide world.”

“Only a fortnight?” asked Dany.

(…) “A fortnight was how long it took us to sail from Lannisport back to Bear island. My home was a great disappointment to Lynesse. It was too cold, too damp, too far away, my castle no more than a wooden longhall. We had no masques, no mummer shows, no balls or fairs. Seasons might pass without a singer ever coming to play for us, and there’s not a goldsmith on the island. Even meals became a trial. My cook knew little beyond his roasts and stews, and Lynesse soon lost her taste for fish and venison.

“I lived for her smiles, so I sent all the way to Oldtown for a new cook, and brought a harper from Lannisport. Goldsmiths, jewelers, dressmakers, whatever she wanted I found for her, but it was never enough. (…) It was as a tourney champion that I had won her hand and heart, so I entered other tourneys for her sake, but the magic was gone. (…) The cost could not be borne. Finally I insisted we return home, but there matters soon grew even worse than before. I could no longer pay the cook and the harper, and Lynesse grew wild when I spoke of pawning her jewels.

“The rest… I did things it shames me to speak of. For gold. So Lynesse might keep her jewels, her harper, and her cook. In the end it cost me all. When I heard that Eddard Stark was coming to Bear Island, I was so lost to honor that rather than stay and face his judgment, I took her with me into exile. Nothing mattered but our love, I told myself. We fled to Lys, where I sold my ship for gold to keep us.” His voice was thick with grief, and Dany was reluctant to press him any further, yet she had to know how it ended. “Did she die there?” she asked him gently. “Only to me,” he said. “In half a year my gold was gone, and I was obliged to take service as a sellsword. While I was fighting Braavosi on the Rhoyne, Lynesse moved into the manse of a merchant prince named Tregar Ormollen. They say she is his chief concubine now, and even his wife goes in fear of her.”

Dany was horrified. “Do you hate her?”

“Almost as much as I love her,” Ser Jorah answered.

Jorah hat also Grund, Lynesse zu hassen. Er bestätigt Jeors Sichtweise: Lynesse war mit Jorahs einfachem Haushalt nicht zufrieden, und Jorah tat all das Schlimme nur für sie – nicht etwa, weil er selbst Ruhm suchte oder Schuld trägt. Nein, er entehrte sich für die Liebe (in sich ehrenhaft) – und als er gar kein Gold mehr hatte, ließ Lynesse ihn stehen und bändelte mit einem Händler an.

Wisst ihr, was hier völlig fehlt? Irgendwelche Handlungen von Lynesse. Die ist ein reines Objekt in dieser Schilderung. Hat sie gedroht, Jorah zu verlassen? Wie stand sie zu seinen erfoglosen Turnierritten? Hat sie versucht, Gold aufzutreiben? Hat sie sich am Haushalt beteiligt?

So, wie das hier steht, war Lynesse nur goldversessen, hat womöglich immer genörgelt, sich geweigert, ihren Schmuck zu verkaufen, und sich dann den Händler für Geld geschnappt. Andere Gründe kommen nicht vor. Und in ihrer Ehe war sie ausschließlich passiv und nicht an Jorahs Entscheidungen beteiligt – sie war sein Lustobjekt und sein Niedergang. Einseitiger geht es kaum.

Im dritten Buch gibt es noch mal eine kurze Szene:

Arstan had seen Ser Jorah fight at Lannisport, Dany knew, in the tourney Mormont had won with a lady’s favor knotted round his arm. He had won the lady too; Lynesse of House Hightower, his second wife, highborn and beautiful… but she had ruined him, and abandoned him, and the memory of her was bitter to him now. “Be gentle, my knight.” She put a hand on Jorah’s arm. “Arstan had no wish to give offense, I’m certain.”

Sie hat ihn ruiniert. Und dass sie, aus diesem reichen, edlen, traditionsreichen Haus, einen niederen Adeligen der Liebe wegen heiratete, heiraten konnte – und dieser dann ins Exil floh: das hat Lynesse und ihrer Familie nicht geschadet? War sie dazu zu kaltherzig, Dany?

Und schließlich die Stelle, die Erm ansprach. Ebenfalls im dritten Buch:

“My nephew Jorah brought home a proper lady once,” said Lady Maege. “He won her in a tourney. How she hated that carving.”

“Aye, and all the rest,” said Dacey. “She had hair like spun gold, that Lynesse. Skin like cream. But her soft hands were never made for axes.”

(…)

Catelyn knew of whom they spoke; Jorah Mormont had brought his second wife to Winterfell for feasts, and once they had guested for a fortnight. She remembered how young the Lady Lynesse had been, how fair, and how unhappy. One night, after several cups of wine, she had confessed to Catelyn that the north was no place for a Hightower of Oldtown. “There was a Tully of Riverrun who felt the same once,” she had answered gently, trying to console, “but in time she found much here she could love.”

Was lesen wir hier? Ja, Lynesse war unglücklich. Aber Catelyn zeigt ja auf, wie es richtig wäre: Finden, was man lieben kann, und bleiben. Das beeinflusst keinesfalls, dass Jorah ihretwegen die Schulden machte und auch nicht, dass sie ihn für einen reichen Händler verließ. Hier wird kein Stück Schuld von Lynesse genommen.

Ich gebe aber zu, dass es eine andere Sicht eröffnet: Lynesse darf Gefühle haben. Wir wussten natürlich vorher schon, dass sie unglücklich gewesen sein muss – aber hier ist es explizit.

Dabei bleibt es aber. Weder erzählt sie Cat, dass sie aus der Ehe wolle, noch beschwert sie sich über Jorah, noch sonst etwas.

Lynesse ist eine tragische Figur: aus Verliebtheit in eine Ehe gerutscht, aus der sie nicht herauskam. Mit einem Mann, der sie mit seinen Erwartungen erdrückte, weil sie unglücklich war und er das nicht ertragen konnte. Der sich verschuldete und ins Exil musste. Der dann ständig unterwegs war, sich “für Jobs” in Kneipen aufhielt und alles Unheil ihr zuschrieb. Dann traf sie einen Händler, der ihr einen Ausweg bot, der sie nett behandelte – und sie griff zu.

Diese Interpretation ist jedoch nur dann im Text, wenn man all dem, was wirklich im Text steht, mit sehr kritischem Blick begegnet und praktisch die Wahrheit hinter der offiziellen Geschichte sucht. Die sieht verkürzt so aus:

JEOR MORMONT: Jorah hat alles getan, um Lynesse glücklich zu machen, es war nie genug. Sie ist schuld.

JORAH: Ich habe alles getan, um Lynesse glücklich zu machen, es war nie genug. Sie ist schuld.

DANY: Lynesse hat Jorah ruiniert.

DIE MORMONT-FRAUEN: Jorah hat Lynesse in einem Turnier gewonnen. Sie hat alles gehasst.

CATELYN: Lynesse war unglücklich. Ich habe ihr geraten, das Beste draus zu machen.

Und diese letzte Sicht soll das Vorherige gerade rücken? Wenn man genausogut denken könnte: Hätte Lynesse auf Catelyn gehört, wäre all das nicht passiert. Sie ist schuld.

George R. R. Martin hat womöglich gewollt, dass Lynesse eine tragische Figur ist. Er hat womöglich den Erzählungen der Mormonts mit Cat etwas entgegen setzen wollen. Aber das steht nicht wirklich hier drin. Wenn er das wollte, hat er versagt.

Also hat er das entweder nicht gewollt, oder er ist generell ein schlechter Autor, oder er ist schlecht, wenn es um genau solche Elemente geht – letzteres ist meine These.

Denn wir hören von einem Sack voll Mormonts, aber von keinem Hightower. Lynesse bleibt ungehört, Jorahs Sicht wird transportiert. Und nach der hat Lynesse als Mätresse ihr Glück gefunden – als eine Frau, die spezifisch für finanzielle Sicherheit bei dem Händler ist (sie prostituiert sich), und die auch die Ehefrau des Händlers in ihre Schranken verwiesen hat, was sie nicht sympathischer macht.

Das ist so, wie man nur die Geschichte Dareons hört. So, wie man nicht von Tysha hört.

Darauf sollen meine Zitate hindeuten. Auf ein Muster, das ich erkenne. Das sich über die Reihe hinweg vielleicht auflöst – vielleicht auch nicht. Aber dazu muss man das Muster erst einmal schildern. In den einzelnen Beiträgen.

Ich glaube schließlich nicht, dass ich einseitig Hetze gegen George Martin betreibe. Ich will auch weiß Gott niemanden zwingen, das hier zu lesen – erm hat alle Rechte, dieser Seite auf Wiedersehen zu sagen. Und wahrscheinlich ist das gut, bevor wir zu Ygritte kommen.

Morgen dann das nächste Kapitel.

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Comments 6

  1. avatar NW wrote:

    “GRRM ist wieder schnell dabei einer Frau die Schuld zu geben”

    Das ich dies GRRM anlasten soll ist für mich alles andere als klar. Zu typisch ist es im Roman, dass anderen die Schuld zugeschoben wird, auch wenn die eigenen Unzulänglichkeiten dabei sind. Zu klassisch ist das Bild der “Hure” in der Literatur, die als Verderberin der Männer da ist, als dass man es bei den vielen Varianten die sonst vorkommen nicht aufgreiffen kann. Zu eingebettet ist es in der Charakterisierung von der Beziehung von Mormont zu Dany und in der Entwicklung des Charakters von Dany. Gerade diese Stelle ist für mich viel zu sehr ein Ausfluss von Mormonts Charakter, wie er die Welt sich zurechtlegt, als dass ich es GRRM in den Mund legen würde.

    “Die einzige Figur, die meiner Erinnerung nach bewusst den Sexismus und die Misogynie dieser Welt anspricht,”

    Etwas Platt, aber in der Liste sollte auch Brienne von Tarth auftauchen. Dann vielleicht Cathelins Schwester. Dann Asha Greyjoy. Dann wenn auch in der kindlichen, fragenden Version Arya. Keine besitzt den analytischen Verstand von Cersei und daher ihre Deutlichkeit und Klarheit und Komplexität.

    “gegensätzliche Schuldzuweisungen oder Äußerungen gegen Männer, oder auch gegenteilige Schilderungen, sind selten und weit verstreut.”

    Zu wenig erwachsene Frauen mit eigenem POV um ein Mann mit gleichem Fokus zu haben wie die Männer mit den Frauen? Dany ist eine Verzeihende/Vergebende. Cathelin ist konfirmistisch mit der Rollenverteilung. Brienne und Ahsa sind zu kämpferisch um die Schuld einem einzelnen Mann in die Schuhe zu schieben, da es vor allem die Gesellschaft ist, an der sie sich aufziehen.

    Doch als Hassobjekte habe ich prominenter viel mehr den “Berg”, Tywin Lannister, Aryas Liste, Robert Baratheon, Bastard Bolton, Ned Stark, Drogo und der alte Lord von der Blutigen Hochzeit in Erinnerung. Aber die spielen alle eine eigene Rolle und dadurch in der Regel ihre eigene Verteidigung.

    Posted 18 Jun 2012 at 22:22
  2. avatar Patrich wrote:

    Ich finde, dass die von dir genannten Frauen zwar auf ihre Weise den Erwartungen widersprechen, aber meiner Erinnerung nach dies nicht kommentieren. Wobei – macht Asha das nicht? Vielleicht kommt das ja auch bei anderen vor. Wir werden sehen. Danke für die Liste.

    Cersei und Hassobjekt? Hm, da sind andere sicher stärker. Die Schuldzuweisungen im Text bemerke ich hoffentlich, wenn sie kommen.

    Deinen ersten Punkt nehme ich hin, wobei ich wie gesagt mit Lynesse nur ein Teil eines Musters sehe. Wäre das für mich ein besonderes Beispiel, wäre ich wohl länger darauf eingegangen (im ursp. Beitrag).

    Aber “George Martin ist wieder schnell dabei” ist vielleicht eine Formulierung, die zu sehr die Schuld direkt bei Martin sucht, ohne dies zu begründen. Ist mir gerade erst aufgefallen.

    Posted 19 Jun 2012 at 05:02
  3. avatar Patrich wrote:

    Ansonsten wiederhole ich gerne, dass Martin sich diese Geschichte ausgedacht hat. Wenn die Figuren das System nicht durchschauen, ist das in sich keine Begründung. Martin hätte das problemlos anders anlegen können.

    Posted 19 Jun 2012 at 06:00
  4. avatar Anders wrote:

    Lynesse Hightower Mormont ist doch nur ein Vehikel um

    Jorah Mormonts Vorliebe für Mädchen/junge Frauen einzuführen
    zu erklären, wieso Jorah eine Daenerys Obsession entwickelt (Dany ist im wesentlichen eine zweite Lynesse für ihn).

    Sie ist weder als tragische Figur konzipiert, noch sollen wir als Leser viel Mitleid für sie empfinden. Wenn hier etwas dargestellt wird, dann die Tragik von Liebesheiraten per se, die sich nicht innerhalb der Stadesgrenzen bewegen. Jorah war zu arm für Lynesse, und beide haben nicht über die Konsequenzen ihrer Handlungen nachgedacht, als sie sich in ineinder verliebt und geheiratet haben.

    Eine pflichtbewusstere/bescheidere/unterwürfigere Frau hätte sich möglicherweise mit dem Leben auf Bear Island arrangieren können. Aber Lynesse Hightower hat niemand auf das Leben in einer Holzhalle am Ende der Welt vorbereitet. Schon in Winterfell gibt es wenig Zerstreuung, Bear Island ist dagegen eine totale Einöde.

    Keine Ahnung wie man sich in eine solchen Situation einfach so mit einer Lebensweise abfinden soll, die man nie gewollt hat. Dazu kommt, dass Lynesse wohl kein besonders netter, bescheidener Mensch war. Anstatt Jorah davon abzuhalten, sich ihretwegen zu verschulden (‘Ich bin zwar unzufrieden, aber meinetwegen sollten wir nicht alles aufs Spiel setzen, was wir haben’), hat sie das alles geschehen lassen. Und nachdem Jorah dann wegen ihr zum Verbrecher wurde, ins Exil gehen musste, und sich in Essos als Söldner verdingen musste, hat sie sich dem nächstbesten reichen Mann (Tregar Ormollen von Lys) an den Hals geworfen.

    In AFfC bezieht sich Lynesses Hightower-Bruder, dem wir in Samwells letztem Kapitel treffen, auf sie als ‘Hure’, und in ADwD erzählt uns Jorah höchstselbst wie es dazu kam, dass sie sich getrennt haben:

    Lynesse wurde Ormollens Lieblingskonkubine während Jorah als Söldner im Krieg war. Als er nach Lys zurückkam, hat Ormollen ihm angedroht, ihn zu versklaven, wenn er die Stadt nicht sofort verlässt und Lynesse aufgibt.

    Ja, Lynesse Hightower verkörpert nicht das Rollenbild einer modernen selbstbestimmten Frau. Aber solche Rollen kann es in einer von Männern dominierten, mittelalterlichen Welt auch gar nicht geben. Frauen wie die historischen Kriegerköniginnen Nymeria oder Visenya Targaryen sind extrem selten. Frauen, die Männer in die Schlacht führen/selbst kämpfen, sind Über-Frauen, die sich ihre Freiheit/Selbstbestimmung hart erkämpfen mussten, und dafür geschmäht werden (wie z.B. Brienne oder Mad Danelle Lothston).

    Die einzige Frau, die wirklich an der Begrenzung ihrer weiblichen Rolle zerbricht ist Cersei, wie man später noch mitbekommen wird. Aber ihr ‘Penisneid’ erklärt sich auch sehr stark aus ihrer Biographie und ihren spezifischen Erfahrungen. Sie konnte eben als Kind mit Jaime die Kleider tauschen und ‘Junge’ spielen, und hat so am eigenen Leib erfahren müssen, dass sie ein Ritter hätte werden können, wenn die Welt nicht so ungerecht wäre.

    Posted 19 Jun 2012 at 13:39
  5. avatar Lia wrote:

    Ein interessanter Aspekt, dass Cersei so lange an die Stelle ihres Bruders treten konnte bis ihr Körper ihr einen Strich durch die Rechnung machte.

    Kommt es mir eigentlich nur so vor oder sind die Frauen bei den Wildlingen selbstbestimmter?

    Ich denke, die Figuren in diesem Buch handeln auf Grund ihres Charakters und ihrer Erfahrungen. Erfunden mitsamt ihrer Biographie wurden sie aber von Martin. Bei manchen hat er mehr Sorgfalt walten lassen, bei manchen weniger. Ganz absprechen kann man ihm die Verantwortung nicht, was er mit seinen Figuren so anfängt. Er ist ihr Schöpfer und daher für sie verantwortlich.

    Posted 20 Jun 2012 at 19:41
  6. avatar Lia wrote:

    Wie alt war Lynesse eigentlich bei der Hochzeit und warum war ihre Familie bereit, sie so völlig unterhalb ihres Standes zu verheiraten? Ist das so ein König-Drosselbart-Motiv, in dem die zickige Prinzessin an den erstbesten Mann verheiratet wird, der für ihre Hand anhält?

    Lynesse’s Sicht erfahren wir anscheinend wirklich nicht. Wenn sie tatsächlich nur als Vehikel dient für Joras beginnende Liebe zu Dany hätte man sie auch weglassen können. Warum muss Joras Liebe unbedingt auf Äußerlichkeiten wie Jugend und Schönheit beruhen? Warum kann er sich nicht einfach in eine interessante und vielversprechende Frau verlieben? Noch dazu eine, die ihm möglicherweise eher eine Rückkehr nach Hause verspricht als sämtliche Varys und Illyrios zusammen. Auf diese Weise wird Jora selbst viel einseitiger gezeigt als nötig wäre.

    Posted 10 Jul 2012 at 11:41

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