SDT: Führung im Blut?

Dies ist Teil 59 von 77 der Serie Spiel der Throne

Was macht einen guten Anführer aus? Diese Frage wird bei Game of Thrones wieder und wieder gestellt. George Martin zeigt uns mehrere Varianten von Anführern, die wir vergleichen können.

Robert Baratheon und Khal Drogo sind aus einem ähnlichen Holz geschnitzt: Drogo holt sich seine Befriedigung, er geht jagen, er trinkt gerne – aber für die Reiternomaden ist er dank seiner Kampfeskraft ein legendärer Führer. Robert hingegen herrschte über ein Reich, das andere Fähigkeiten benötigt.

Hat Dany diese Fähigkeiten?

Bislang sehen wir nicht viel davon. Dany hat nur eins: einen Anspruch qua Geburt. Außerdem fühlt sie sich berufen, den Thron zu besteigen.

If I were not the blood of the dragon, she thought wistfully, this could be my home. She was khaleesi, she had a strong man and a swift horse, handmaids to serve her, warriors to keep her safe, an honored place in the dosh khaleen awaiting her when she grew old… and in her womb grew a son who would one day bestride the world. That should be enough for any woman… but not for the dragon. With Viserys gone, Daenerys was the last, the very last. She was the seed of kings and conquerors, and so too the child inside her. She must not forget.

Meiner Meinung nach sollte man Anführer haben, die auch führen wollen. Allerdings muss man vorsichtig sein, warum sie das wollen. Dany will auf den Thron, weil er ihr zusteht. Punkt. Das ist eine gefährliche Motivation.

Nachdem Jorah den Mordanschlag auf sie verhindert hat, ist sie nur noch entschlossener. Und in einem Anfall von Wahn legt sie die Dracheneier ins Feuer und hofft, dass sie schlüpfen. Vergessen wir nicht, dass es ihr Vater Aerys war, den man den “verrückten König” nennt.

Was it madness that seized her then, born of fear? Or some strange wisdom buried in her blood? Dany could not have said. She heard her own voice saying, “Ser Jorah, light the brazier.”

(…)This is madness, she told herself as she lifted the black-and-scarlet egg from the velvet. It will only crack and Burn, and it’s so beautiful, Ser Jorah will call me a fool if I ruin it, and yet, and yet…

(…)She watched until the coals had turned to ashes. Drifting sparks floated up and out of the smokehole. Heat shimmered in waves around the dragon’s eggs. And that was all.

Ich gebe es zu: für einen Moment glaube ich wie Dany daran, dass die Eier jetzt schlüpfen werden. Immerhin lese ich eine Fantasy-Geschichte.

Die Magie mag aus der Welt geflohen sein – aber gerade erst habe ich von Untoten gelesen, die ihre ehemaligen Kameraden angreifen und kaum (erneut) zu töten sind. Warum soll das nicht funktionieren? Aber nein.

Es gibt keine Drachen mehr. Dany ist die letzte. Und ihr ungeborenes Kind.

Umso ironischer ist, dass Khal Drogo keine Anstalten macht, nach Westeros zu gehen. Eddard hätte also Recht behalten: Dany und ihr Kind stellen keine direkte Bedrohung für Robert dar. Aber dann versucht Robert, sie umzubringen, und weckt – nicht den Drachen, aber die Dothraki.

And to Rhaego son of Drogo, the stallion who will mount the world, to him I also pledge a gift. To him I will give this iron chair his mother’s father sat in. I will give him Seven Kingdoms. I, Drogo, khal, will do this thing.” His voice rose, and he lifted his fist to the sky. “I will take my khalasar west to where the world ends, and ride the wooden horses across the black salt water as no khal has done before. I will kill the men in the iron suits and tear down their stone houses. I will rape their women, take their children as slaves, and bring their broken gods back to Vaes Dothrak to bow down beneath the Mother of Mountains. This I vow, I, Drogo son of Bharbo. This I swear before the Mother of Mountains, as the stars look down in witness.

Ist das Kharma? Das kann man so wohl nicht sagen, denn Robert ist tot, und Westeros droht, sich in Erbfolgekriegen zu verwickeln – da kommen die Dothraki gerade Recht. Und, um den Khal noch einmal zu wiederholen, so stellt sie die Zukunft mit den Reiterlords dar:

I will rape their women, take their children as slaves,

Weil so ein Schwur nicht vollständig wäre ohne Vergewaltigungsdrohung, nehme ich an.

Machen wir lieber einen Schwenk zu Jorah: er entfernt sich von Dany, um seine Instruktionen zu bekommen. Dann rettet er sie vor dem Giftmischer. Meine Frage ist: hat er die Nachricht bekommen, den Anschlag zu verhindern? Oder hat er sich selbst entschlossen, nun Daenerys zu folgen und sie zu beschützen?

Dothraki

So. Dieses Kapitel hat wieder ein paar Momente, in denen die Wildheit dieser Barbaren (“Drogo, Sohn von Bharbo”?) deutlich werden soll.

Da ist die Vergewaltigungsdrohung – nicht, dass Westeros nicht auch voll von sexualisierter Gewalt ist, aber diese Offenheit ist doch sehr einfach. Auch die Bestrafung des Giftmischers – er läuft nackt hinter Dany her, bis er stolpert. Dann wird sie ihn hinder sich herziehen, bis er tot ist – ist barbarisch in ihrer Brutalität. Immerhin hat man in Westeros Henker. Aber mehr noch:

“No horse can cross the poison water.”
“In the Free Cities, there are ships by the thousand,” Dany told him, as she had told him before. “Wooden horses with a hundred legs, that fly across the sea on wings full of wind.”

(…) To the Dothraki, water that a horse could not drink was something foul; the heaving grey-green plains of the ocean filled them with superstitious loathing.

Das Meer ist Quelle von Angst und Aberglaube. Die Dothraki als Ganzes verstehen die Idee von Salzwasser nicht. Oder Handel:

The Dothraki did not truly comprehend this business of buying and selling.

Nicht, dass die Dothraki Handel nicht mögen, oder nicht wollen – nein, sie verstehen die Idee nicht.

Und das ist das Volk, das ist der Mann, in den sich Dany verliebt. Der Mann, der sie kaufte und vergewaltigte (anders als Lia glaube ich auch nicht, dass ihr Bruder dies tat. Misshandlung ja, Vergewaltigung nein).

When he had taken his pleasure, Khal Drogo rose from their sleeping mats to tower above her. (…) His manhood glistened wetly. (…) Dany propped herself on an elbow to look up at him, so tall and magnificent.

Das alles macht mich beim Lesen ein wenig unruhig.

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Comments 5

  1. avatar Lia wrote:

    Ich schreib später ausführlicher, deshalb hier nur kurz: auf die Idee, dass Viserys seine Schwester vergewaltigt hat, kam ich durch die Szene, in der er ihre Brustwarze zwischen die Finger nimmt und zudrückt. Eine Warnung, sie solle den Drachen nicht wecken.

    Schon das ist ein sexueller Übergriff. Viserys kommt dazu aus einer Familie, in der es Tradition ist, Geschwister miteinander zu vermählen. Aus seiner Sicht hat er also einen Anspruch auf Danys Körper. Er macht lt. den familieneigenen Traditionen nichts falsch.

    Und: Dany reagiert nicht wie eine Jungfrau auf Drogo. Tut mir leid, entweder ist die Szene extrem schlecht geschrieben oder sie weiß eben sehr genau, was auf sie zukommt und ist dann überrascht, dass es Männer gibt, die ihr doch die Wahl lassen. Zumindest im Buch.

    Das ist die einzige Erklärung für ihre Reaktion am Ende, in der sie Drogos Finger in sich steckt. Sie weiß, was sie tut. Sie tut es nur zum ersten Mal in ihrem Leben freiwillig.

    Posted 24 Jun 2012 at 01:18
  2. avatar Patrich wrote:

    Gutes, trauriges Argument.

    Posted 24 Jun 2012 at 07:24
  3. avatar Anders wrote:

    In ‘A Dance with Dragons’ erfahren wir, dass Daenerys definitiv nicht von Viserys vergewaltigt wurde. Danys Jungfernschaft vor ihrer Heirat mit Khal Drogo ist da nämlich Gesprächsthema.

    Ob und wie realistisch Danys Reaktion auf Drogos Zärtlichkeiten ist, kann ich als Nicht-Frau nur eher schwer einschätzen. Allerdings scheint zumindest in Westeros Sex per se nicht unbedingt schamhaft jenseits der Augen von Kindern stattzufinden, wie z.B. Bran in ‘A Clash of Kings’ mitbekommt. Und Dany ist ja nicht gerade beschützt und abgeschieden aufgewachsen. Dazu kommt, dass davon auszugehen ist, dass Illyrio und Viserys dafür gesorgt haben, dass sie nach ihrer Verlobung mit Khal Drogo umfänglich über den körperlichen Aspekt ihrer Ehe aufgeklärt wurde. Viserys verlangt von ihr ja, Drogo glücklich zu machen.

    Was Danys Motivation angeht, so muss man da vorsichtig sein. Meiner Interpration nach ist Danys Aristokratengetue, dieses ständig auftauchende ‘I am the blood of the dragon’ weniger eine politische Motivation à la ‘Uns Targaryen gehört Westeros, also hole ich’s mir zurück’ sondern eher der verzweifelte Versuch eines kleinen Mädchens sich irgendworan festzuklammern. Das ändert sich dann später etwas, in diesem Kapitel ist für Dany und Drogo aber der Giftmordanschlag auf sie und ihr ungeborenes Kind der Auslöser (so wie für Dany natürlich ihre Überzeugung, dass der böse Usurpator und seine Hunde ihr Vater, Bruder, Nichte und Neffe genommen hat, was so ja auch stimmt).

    Posted 24 Jun 2012 at 19:02
  4. avatar Patrich wrote:

    Ja, das klingt glaubwürdig, dieses Festhalten. Cool.

    Posted 24 Jun 2012 at 21:01
  5. avatar Lia wrote:

    Ehrlich gesagt bin ich sehr froh, dass Viserys Dany nicht auch noch vergewaltigt hat. Schön, dass ich mich hier geirrt habe. Weit weg dürfte er davon aber nicht gewesen sein. Zumindest einen sexuellen Übergriff haben wir miterlebt.

    Anders, ich kann mir einfach kein 14 Jahre altes Mädchen vorstellen, das nach noch so viel theoretischem Einführungsunterricht so reagiert wie Dany. Grade eben noch ein weinendes verschüchtertes und ängstliches Kind, im nächsten Moment eine frivole junge Frau. Das ging mir zu schnell. Aber ich nehme an, dass Martin sich da auch nicht richtig einfühlen kann und es daher einfach nur schlecht geschrieben ist.

    Dieses Kapitel fand ich richtig interessant. Anfangs habe ich auch überlegt, aus welchen Gründen Dany an den Zielen ihres Bruders festhält. Ein Teil mag Loyalität einer Familie gegenüber sein, die sie selbst zwar nicht kennt, die sie aber von ihrem Bruder Zeit ihres Lebens eingetrichtert bekommen hat. Der andere Teil ist schlicht und einfach Heimweh. Ein Teil von Dany sehnt sich nach dem relativ unbeschwerten Leben in dem Haus mit der roten Tür – und dieser Teil hat vollkommen recht. Sie sollte weder verheiratet noch schwanger sein. Mit 14 oder auch mit 15 hätte ich in so einem Fall auch gerne gehabt, dass bitte alles wieder so ist wie früher.

    Am Ende des Kapitels ist Dany wieder ein wenig erwachsener geworden. Das Teenie-Mädel, das den Markt in seiner Vielfalt liebt, muss miterleben, dass es beinahe getötet worden wäre. Dass die vage Bedrohung ernst geworden ist. Sie vertraut Mormont übrigens blind. Insofern ist ihre Naivität ungebrochen. Aber wen wunderts…..er verkörpert den Vater den sie nie hatte. Ich bin mir auch nicht so sicher, wie ich sein Verhalten interpretieren soll. Handelt er noch auf Auftrag oder löst sie seinen Beschützerinstinkt aus?

    Zusammen mit dem Feuer lösen sich wohl auch Danys letzte Illusionen in Rauch auf. Es ist ok, als Kind an Drachen zu glauben, aber wenn dein ungeborenes Baby in Gefahr ist, ist Schluss mit der Träumerei. Ich fürchte zwar, dass diese Dracheneier nicht so sinnlos in die Geschichte eingeführt wurden wie Lady und Nymeria, aber eigentlich hoffe ich auf weniger Magie. Auch wenn ich Drachen mag. Dany ist auch ohne Drachen interessant genug.

    Ja, und die Dothraki, dieses wilde Reitervolk. Ich… sollte nicht darüber nachdenken. “Sein Haar war noch nie geschnitten worden…” Ähhh. Ja ne, is klar, eine wilde Horde ungewaschener Reiter, die mit wilder Mähne durch die Steppe rasen. Haare wachsen ca. 1 cm pro Monat. Wie alt ist Drogo? 25 Jahre? Das wären 300 cm. Wieso fällt mir jetzt Rapunzel ein?

    Dothraki verstehen das Konzept des Handelns nicht? Nun, das erklärt Viserys Tod ein wenig besser. Jeder Dothraki kann also alles selbst herstellen oder stehlen. Keiner hat schönere Pferde als ein anderer (und wenn, werden sie ihm gestohlen). Allen gehört alles, auch das, was noch gar nicht hergestellt wurde. Wer einen Bogen braucht, baut sich einfach einen. Und wenn ein anderer genau diesen Bogen will, klaut er ihn. Oder baut sich selbst so einen.

    Auch Tauschhandel ist Handel. Die Dothraki erwarten Geschenke dafür, dass der Markt bei ihnen abgehalten wird. Wer kauft auf dem Markt ein, wenn die Dothraki das Konzept des Handelns nicht verstehen? Oder gibt es den Markt erst seit Dany dort hingezogen ist, weil die Marktbetreiber wissen, dass sie kaufen wird? Kein Dothaki hat jemals nach einem erfolgreichen Beutezug sein siebzehntes Messer gegen eine Anzahl guter Pfeile getauscht?

    Ich sage mal, es gibt keine Menschen, die nicht handeln. Selbst Religion basiert auf dem Grundprinzip des Handels. Ich verehre dich, du lässt mich dafür ins Paradies.

    Verehren die Dothaki eigentlich Götter?

    Posted 25 Jun 2012 at 17:59

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