SDT: Visionen

Dies ist Teil 20 von 47 der Serie Spiel der Throne

Ich mag Prophezeiungen nicht. Ich mag auch keine Visionen.

Visionen zeigen eine (mögliche?) Zukunft, Prophezeiungen garantieren mehr oder weniger eine solche (sind dabei aber oft vage).

Bei George Martin gibt es beides.


Als Bran seinen Komatraum hat, hat er auch eine Art Vision. Was Bran sieht, ist jedoch hauptsächlich auf die Gegenwart bezogen und weniger auf die Zukunft. Damit kann ich noch umgehen. Aber auch hier sind Elemente der Vorsehung vorhanden:

He saw Winterfell as the eagles see it (…) At the heart of the godswood, the great white weirwood brooded over its reflection in the black pool, its leaves rustling in a chill wind. When it felt Bran watching, it lifted its eyes from the still waters and stared back at him knowingly.

He looked east, and saw a galley racing across the waters of the Bite. He saw his mother sitting alone in a cabin, looking at a bloodstained knife on a table in front of her, as the rowers pulled at their oars and Ser Rodrik leaned across a rail, shaking and heaving. A storm was gathering ahead of them, a vast dark roaring lashed by lightning, but somehow they could not see it.

He looked south, and saw the great blue-green rush of the Trident. He saw his father pleading with the king, his face etched with grief. He saw Sansa crying herself to sleep at night, and he saw Arya watching in silence and holding her secrets hard in her heart. There were shadows all around them. One shadow was dark as ash, with the terrible face of a hound. Another was armored like the sun, golden and beautiful. Over them both loomed a giant in armor made of stone, but when he opened his visor, there was nothing inside but darkness and thick black blood.
(…)
North and north and north he looked, to the curtain of light at the end of the world, and then beyond that curtain. He looked deep into the heart of winter, and then he cried out, afraid, and the heat of his tears burned on his cheeks.

Der ins Wasser sehende Baum ist für mich ein sehr greifbares, gruseliges Bild. Gefällt mir sehr. Prophetisch wirkt dann eher der Sturm. Catelyn gerät ja wirklich in einen Sturm, aber ich kann doch nicht umhin, es trotzdem metaphorisch zu sehen. Das finde ich nicht schlimm: es wird düster. Okay.

Die Schatten um seine Geschwister sind dann aber schon deutlicher: Sandor Clegane, Jaime Lannister und… wer? Jemand, den wir noch nicht kennen. Trotzdem eine klare Aussage, wie die Bedrohung aussieht. Das finde ich schon etwas einfach.

Oh, es verursacht trotzdem ein Kribbeln, das zu lesen – aber wenn ich darüber nachdenke, mag ich es nicht. Der Grund ist recht einfach. Dies sind geschriebene Bücher. Die Ereignisse stehen fest. Ich möchte mich aber im besten Fall im Plot verlieren oder mit den Figuren identifizieren – und eine solche Vision lenkt nur das Augenmerk darauf, dass das Ende bereits geschrieben steht (Wortspiel gewollt). Ich mag eine offene oder zumindest offen scheinende Zukunft, und Visionen deuten das Gegenteil an.

Mit Prophezeiungen habe ich noch viel mehr Probleme, hier ist aber zum Glück noch keine.

Stattdessen haben wir so eine Meisterin-Schüler-Beziehung, wie man sie aus anderen Geschichten kennt. Die Krähe erklärt Bran, wie einfach es sei, zu fliegen, und am Ende fliegt er denn auch. Es ist so eine Beziehung, die solche Dialoge hat:

What are you doing to me?” he asked the crow, tearful.
Teaching you how to fly. “I can’t fly!” You’re flying tight now. “I’m falling!”
Every flight begins with a fall, the crow said. Look down.

Und doch spricht mich das Kapitel an, wenn Bran sich entscheiden muss. Es ist der Moment, in dem er sich über die vermeintlichen Regeln hinwegsetzt und erkennt, dass sie für ihn nicht gelten. Es ist ein emanzipatorischer Moment, will ich damit sagen, als er sich zum Fliegen entschließt.

Auch, wenn er dabei etwas aufgibt:

He tried to remember. A face swam up at him out of the grey mist, shining with light, golden. “The things I do for love,” it said.
Bran screamed.
The crow took to the air, cawing. Not that, it shrieked at him. Forget that, you do not need it now, put it aside, put it away. It landed on Bran’s shoulder, and pecked at him, and the shining golden face was gone.

Bran wird keine Aussage machen können, wie es zu dem Sturz kam. Aber das ist egal. Die Figuren sind bereits in Bewegung, allein die Tatsache seines Sturzes hat ausgereicht. Und so kann er aufwachen und das Hausmädchen erschrecken – und seinem Wolf endlich einen Namen geben.

Winter is coming? Na dann:

When his brother Robb burst into the room, breathless from his dash up the tower steps, the direwolf was licking Bran’s face. Bran looked up calmly. “His name is Summer,” he said.

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Comments 8

  1. avatar Parias wrote:

    Prophezeihungen sind auch so eine Sache, weil man kann damit sehr vieles falsch machen.
    Entweder ist es ein ständiges Thema, der aber nicht relevant für den Verlauf der Story hat, oder es nimmt schon die Stannung, weil schon das Ende verraten wird. Ein weiterer Punkt; dadurch wird der/die Held/in faktisch in einem verklärten Licht dargestellt, wo man nur noch den Brechreiz kriegt.
    Anders wärs wenn die Prophezeihung in Rätsel gesprochen wird, so daß es nicht sofort nicht ganz klar ist, was genau gemeint ist, aber auch da braucht man Geschick und Einfühlvermögen.
    Außerdem sind Prophezeihungen in Geschichten ziemlich abgenutzt.

    Kennst Du Star Wars Episode I – III? Da war auch immer die Rede von einer Prophezeihung gewesen, (allerdings wurde diese angeblich falsch verstanden) und wenn Du mich fragt, war das total unnötig und sinnlos. Btw: Hast Du mal schon ein Verriss über die neuen Episoden gemacht?

    Den Wolf Summer zu nennen finde ich einfach genial. Auf den ersten Blick mag das ironisch erscheinen, aber auf dem zweiten deute ich das als Symbol der Hoffnung; Der Winter steht für Dunkelheit, Kälte, Tod/Schlaf und Ende. Der Sommer steht für Licht, Wärme, Leben/Erwachen und Anfang. Das könnte man verstehen, daß es noch Hoffnung für die Starks gibt.
    Das gefällt mir :)

    Posted 15 Feb 2012 at 17:46
  2. avatar Lia wrote:

    Prophezeihungen sind vor allem heikel für den Autor. Er kann sich dann nämlich selbst nicht mehr sonderlich weit von diesen entfernen. Sollten seine Figuren ein anderes Ende haben wollen, muss er sie trotzdem irgendwie in die vorgegebene Richtung zwingen.

    Am Ende kommt dann so ein Murks raus wie bei Harry Potter. Diese Prophezeihung war ein Rätsel, aber geholfen hat das auch nicht viel.

    Dieses Kapitel um Brans Erwachen ist äußerst mystisch. Sein Schutzgeist ist eine Krähe – durchaus passend. Der Wolf ist bei ihm und ich frage mich, wie viel Anteil er an dem Traum hat. Wird Bran immer im Traum mit Summer reden können?

    Irgendwie ist das Kapitel seltsam. Es wirkt unpassend zwischen den ganzen anderen Kapiteln, die sich um reale Dinge drehen und in denen Aberglaube als Weibergewäsch abgetan wird. War es dem Autor so wichtig an dieser Stelle, einen Ausblick auf die Zukunft zu geben? Oder wird Bran ab jetzt in Visionen die Zukunft sehen können? Wie viel von seiner Vergangenheit hat er aufgegeben? Nur die Zeit rund um seinen Fall vom Turm oder noch länger davor?

    Es ist jedenfalls wohl ein anderer Bran, der hier zu einem neuen Leben erwacht. Wie lange war er eigentlich im Koma? Wachsen diese Wölfe so extrem schnell oder war er wirklich mehr als einen Monat bewusstlos? Mit der Zeit tue ich mir in diesem Buch ein wenig schwer. Wie lange ist der Tross schon unterwegs? Wie lange braucht Cat nach Kings Landing?

    Das Erwachen geht mir übrigens zu schnell. Nach einem längeren Koma, in dem er gerade so eben genügend Flüssigkeit und Nahrung zum überleben bekommen hat und lt. Jons Beschreibung nur noch Haut und Knochen ist, sollte er kaum imstande sein zu reden. Einfach weil seine Kehle sehr ausgedörrt sein müsste und er allgemein schwach ist. Wenigstens flüstern hätte Martin ihn lassen können.

    Gut, dass Bran überlebt hat. Er ist eine interessante Figur, von der man noch einiges erwarten darf.

    Ach übrigens: sollte ich hier in der nächsten Zeit mal nicht so schnell wie üblich antworten, liegt das vermutlich daran, dass ich meine Arme nicht auf Tastaturhöhe heben kann. Wir ziehen um, sind mitten in den Renovierungsarbeiten und am Bücherkisten schleppen.

    Posted 15 Feb 2012 at 21:22
  3. avatar Wajakla wrote:

    Wie lange Bran im Koma lag, weiß ich nicht mehr, das ist zu lange her.
    Aber die Wölfe wachsen tatsächlich ein wenig rascher.

    Posted 16 Feb 2012 at 00:06
  4. avatar Lia wrote:

    Irgendwie tue ich mir wirklich schwer mit der Zeit. Grundsätzlich läuft die Zeit aber linear ab, oder? Danys Hochzeit geschieht ziemlich gleichzeitig mit Brans Unfall. Oder muss man das zeitversetzt sehen? Wie viel Zeit ist überhaupt vergangen seit Beginn des Buches? Im Prolog ist es noch Winter, im ersten Kapitel ist es Sommer. Zu der Hinrichtung mag Papa Stark mit seinen Söhnen an einem Tag hin und zurück geritten sein. Als der König ankommt, sind die Wölfe aber schon ein wenig gewachsen und können einfachen Befehlen nachkommen. Das Fest auf dem Dany verkuppelt wird, läuft wohl ziemlich zeitgleich ab, aber wie kurz darauf findet eigentlich die Hochzeit statt? Ich hab so gar kein Zeitgefühl für diese Geschichte. Der Tross braucht anscheinend ewig bis nach Kings Landing, aber auch da wird nicht klar, was “ewig” bedeutet. Kann mir da mal bitte jemand helfen?

    Posted 16 Feb 2012 at 22:23
  5. avatar Patrich wrote:

    Das ist “persönliche Zeit”. Eine genaue Abfolge gibt es nicht, in der Regel sind die Kapitel aber chronologisch. Der “Winter” am Anfang ist aber dieselbe Jahreszeit wie sonst, also Spätsommer. Da ist nur immer Schnee… aber im Winter ist es da kälter. Seit dem Prolog sind m. E. etwa zwei Monate vergangen, vielleicht drei. Seit Brans Fall 1 Monat? Irgendwie so.

    Posted 17 Feb 2012 at 00:05
  6. avatar Lia wrote:

    Oh, doch nur so wenig Zeit? Diese Wölfe müssen wachsen wie verrückt. Es muss die Hölle sein, sie zu ernähren.

    Noch eine Frage zur Zeit: gibt es irgendeine Aussage dazu, wie lange ein Tag, ein Monat, ein Jahr dauert? Hat der Tag 24 Stunden wie bei uns oder 30 Stunden oder nur 15? Ist die Umlaufbahn länger, wären die Kinder tatsächlich älter als unsere Kinder im gleichen Alter. Dann wäre es auch kein Wunder, dass die Wölfe so schnell groß werden.

    Posted 17 Feb 2012 at 22:17
  7. avatar Erm wrote:

    Ich mag eigentlich Visionen und Weissagungen. Sie haben viel Potential, wie z. B. die Geschichte von Ödipus zeigt (Prophezeiung kann sich gerade deshalb erfüllen, da alle Betroffenen das zu verhindern versuchen) oder auch ein Unterhaltungsroman wie “La Reine Margot” von Alexandre Dumas (Thriller-Element: Ausgang, dass eine Serie von Mordanschlägen, scheitert, ist von Anfang an klar, aber die Spannung ergibt sich aus der Frage: warum / wie / was wird falsch laufen.)

    Wichtig ist allerdings, dass Autor/in dieses Potential sinnvoll für ihre Geschichte nutzt, was leider nicht immer der Fall ist.

    Posted 18 Feb 2012 at 17:53
  8. avatar Lia wrote:

    Ich glaube, dass solche Prophezeihungen den Autor unglaublich einengen können. Nötig sind sie selten, wenn es nicht gerade um genau die Erfüllung dieser Prophezeihung geht wie bei Ödipus.

    In dieser Geschichte hier weiß ich einfach nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Schön, er hat eine Vision, aber will ich zu diesem Zeitpunkt schon irgendwas von der Zukunft wissen? Wenn Prophezeihungen nicht wirklich gut eingebaut sind, erinnern sie einen auch immer zu sehr daran, dass da ein Autor sitzt, der bestimmt, wo es lang geht. Bei wirklich guten Büchern kann ich das vergessen.

    Es gibt dazu aber noch eine Steigerung. Kapitel, die mit solchen (oder ähnlichen) Sätzen anfangen: “Hätte er an diesem Tag gewusst, dass …… und ….. passiert, hätte er ….. und …… gemacht. So was ist für mich ein ganz grässlicher Spannungskiller.

    Posted 18 Feb 2012 at 21:53

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