Jons Entwicklung in diesem Kapitel ist ein Anfang. Wenn ich ihm eins anrechne, dann die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen… nachdem ihm jemand genau erklärt hat, wo der Fehler liegt. Der Hellste ist er nicht.
Aber immerhin. Zu Beginn des Kapitels macht Jon Snow seine Überlegenheit deutlich: er besiegt spielend seine Mitbewerber um die Nachtwache, weil er lange Erfahrung im Schwertkampf hat (übungsweise) und die anderen keine. Am Ende bietet Jon an, seine Fähigkeiten weiterzugeben.
Ich finde es relevant, was dieses Kapitel über Privilegien sagt. Denn die Nachtwache, so dezimiert sie auch ist, stellt sich als Ort dar, in dem Privilegien auf dem Papier ausgeglichen werden: alle Männer sind gleich, es zählt nur, was jeder Einzelne leistet:
“On the Wall, a man gets only what he earns. You’re no ranger, Jon, only a green boy with the smell of summer still on you.”
(…)
Benjen Stark frowned. “A boy you are, and a boy you’ll remain until Ser Alliser says you are fit to be a man of the Night’s Watch. If you thought your Stark blood would win you easy favors, you were wrong. We put aside our old families when we swear our vows. Your father will always have a place in my heart, but these are my brothers now.”
Und doch wird klar, dass Jon selbst in so einer Umgebung immer noch privilegiert ist, weil er eben aus der Vergangenheit zehrt: er hat eine gute Ausbildung, er hat eine gute Ausrüstung – und auch den Wolf.
Alliser Thorne, der Ausbilder der Nachtwache, hat ein Gespür dafür, dass in diesen Privilegien Sprengkraft steckt, und entsprechend verteilt er den Spitznamen »Lord Snow« um zu zeigen, dass Jon eben doch besser ist als seine Mitstreiter.
Und sich auch für besser hält. Ebenfalls bezeichnend ist, dass Jon blind ist für seine Privilegien. Wenn ich mich recht erinnere, wird es nun wieder und wieder passieren, dass andere ihm erklären, was er selbst sehen könnte. Es ist frustrierend, dass diese Aufklärungsarbeit vonnöten ist – aber auch realistisch. Immerhin versucht Jon dann, sich zu bessern:
“They’re not my brothers,” Jon snapped. “They hate me because I’m better than they are.”
“No. They hate you because you act like you’re better than they are.
wird zu…
Grenn edged backward and put up his hands. “Stay away from me now, you bastard.”
Jon smiled at him. “I’m sorry about your wrist. Robb used the same move on me once, only with a wooden blade. It hurt like seven hells, but yours must be worse. Look, if you want, I can show you how to defend that.”
Alliser Thorne overheard him. “Lord Snow wants to take my place now.” He sneered. “I’d have an easier time teaching a wolf to juggle than you will training this aurochs.”
“I’ll take that wager, Ser Alliser,” Jon said. “I’d love to see Ghost juggle.” Jon heard Grenn suck in his breath, shocked. Silence fell. Then Tyrion Lannister guffawed. Three of the black brothers joined in from a nearby table. The
laughter spread up and down the benches, until even the cooks joined in. The birds stirred in the rafters, and finally even Grenn began to chuckle.
Es ist, man merkt es, nur ein Anfang, weil auch hier Jon noch seine Überlegenheit zeigt – aber er bietet immerhin an, sie positiv zu nutzen. Der nächste Schritt wäre nun, den Wert Grenns zu erkennen und auch von ihm zu lernen.
Immerhin ist Jon jetzt, so scheint es, in der Wache angekommen, so kalt und hart es dort auch sein mag, und einen Feind hat er sich auch gemacht:
Ser Alliser never took his eyes from Jon. As the laughter rolled around him, his face darkened, and his sword hand curled into a fist. “That was a grievous error, Lord Snow,” he said at last in the acid tones of an enemy.
Tyrion hingegen ist dieser Feind nicht.
Es ist seltsam, dieses Kapitel zu lesen, nachdem man gerade die Sache mit dem Messer erfahren hat. Es sieht aus, als helfe Tyrion Jon. Er sagt ihm immer noch die Wahrheit über die Nachtwache; er gibt ihm Tipps, wie er sich zurechtfindet; er nimmt ihn vor Alliser Thorne in Schutz. Ich frage mich dennoch, ob er damit ein anderes Ziel verfolgt, denn da ist ja auch dies:
“Bran,” Jon breathed, scrambling to his feet. “Something’s happened to Bran.” Tyrion Lannister laid a hand on his arm. “Jon,” he said. “I am truly sorry.”
(…)
“Bran is going to live!” he whooped. Lannister looked startled. Jon put him down and thrust the paper into his hands. “Here, read it,” he said.
Tyrions Mitleid, weil er meint, der Anschlag hatte Erfolg – oder fühlt er wirklich mit dem Bastard? Wir wissen es hier nicht, da wir nur Jons Perspektive kennen.
Andere Dinge, die wir erfahren:
Benjen Stark ist zu lange weg. Kommt er mit wichtigen Infos zurück, muss Jon ihn retten, oder ist er tot?
Die Mauer: über 200 Meter hoch, aus Eis gebaut, breit genug für mehrere Reiter nebeneinander. Ein gewaltiges, unvorstellbares und uraltes Bauwerk. Die chinesische Mauer in einem Fantasy-Kontext. 19 Burgen bewachen sie – aber nur noch 3 sind besetzt, und kärglich. Jetzt wird auch klar, was im Prolog gemeint war. »Die Mauer weinte« bedeutet, dass Schmelzwasser an ihr herablief, es also nicht so kalt sein konnte.
Auf einer Mauer Dienst zu tun, die so hoch ist und aus Eis, stelle ich mir extrem ungemütlich vor. Kalt und kalt und kalt und ungemütlich. Jons neues Zuhause. Tyrion wird froh sein, wieder abreisen zu können.
Im nächsten Kapitel geht es dann zurück nach King Landing. Ich verstehe inzwischen, dass die TV-Serie die Kapitel nicht in der Reihenfolge wie im Buch behandelte. Daenerys war schon lange nicht mehr dran.

Comments 1
Jon ist ein völlig normaler 14 Jahre alter Teenager. In einem Moment zu Tode betrübt, selbstmitleidig und heimwehkrank, im nächsten himmelhochjauchzend, freundlich und bereit, anderen zu helfen.
Den 14-Jährigen zeigt ihr mir, der sich seiner Privilegien bewusst ist. Natürlich fühlt Jon sich den anderen überlegen und ebenso natürlich ist das momentan etwas, woran er sich klammert. Er hat Heimweh, leidet unter dem Verlust seiner Kindheitsträume, es ist kalt – nicht nur außen, sondern auch innen. Einsamkeit kann verdammt weh tun. Bisher hat er in einem sehr behüteten Rahmen gelebt und den Verlust dieses Privilegs spürt er nur zu deutlich. Da hilft es doch, wenn man sich wenigstens beim Zweikampf überlegen und besser fühlen kann, wenn man “weiß”, dass man mit “solchen” Jungs nichts gemein hat. Jon hatte bisher vermutlich wenig Kontakt zu weniger Privilegierten, schon gar nicht zum sogenannten Abschaum der Gesellschaft. Ich kann mir gut vorstellen, wie über “solche” Leute auf Winterfell geredet wurde. Das waren die schlechten Beispiele, die zur Abschreckung dienten. Nun soll Jon plötzlich dazu gehören. Sind wir mal ehrlich, wer möchte das schon?
Was mir an Jon gefällt ist, dass er durchaus lernfähig ist. Über seine altersbedingte Sturheit hinweg, ist er fähig zur Einsicht und auch dazu, sein Verhalten zu ändern. Das ist mehr als manche Erwachsenen können. Er ist erst 14, geben wir ihm doch einfach ein wenig Zeit.
Bei Tyrion bin ich mir auch nicht sicher, wie seine Reaktion aufzufassen ist. Ich nehme an, dass die meisten mit dem Tod des Kleinen gerechnet haben. Er war doch sehr schwer verletzt und hat lange im Koma gelegen. In einer Welt mit so schlechter medizinischer Versorgung wie Westeros bedeutet das recht oft den Tod. Ich bin mir auch nicht sicher, ob seine Verwunderung nicht einfach der Tatsache gilt, dass Jon ihn mühelos hochheben und herumschwenken kann. Ich bin mir nämlich sehr, sehr sicher, dass DAS schon lange niemand mehr mit Tyrion gemacht hat. In Zusammenhang mit dem Dolch liest man die Stelle aufmerksam. Ohne das Wissen um den Dolch ist die Stelle völlig normal und unauffällig. Hier gefällt mir Martins subtile Schreibweise sehr gut. Die Geschichte bleibt spannend.
Im übrigen kann ich mir gut vorstellen, wie die Mauer gebaut wurde. Was ich mir kaum vorstellen kann ist, wie sie mit so wenigen Leuten in Stand gehalten wird. Bei Tauwetter taut sie offensichtlich ein wenig ab. Das heißt, Stufen verschwinden, möglicherweise werden Stellen brüchig, Halterungen könnten unsicher werden. Die Mauer ist ungefähr so hoch wie der Millennium Tower in Wien oder das Wiehengebirge in Niedersachsen. Im Winter wird vermutlich das zusätzliche Eis ein Problem sein, das sich laufend bildet und die Benutzung der Mauer einschränkt, im Sommer das Schmelzwasser. So ein gepflegter Eisberg ist nicht uninteressant als Verteidigungslinie, aber die Wartung muss ganz schön kräftezehrend sein.
Posted 21 Feb 2012 at 22:23 ¶Post a Comment