Ausgebissen: Überraschung?

Dies ist Teil 7 von 52 der Serie Ausgebissen

Ich hörte das Kind hinter mir wimmern, aber ich konnte mich nicht zu ihm umdrehen. Obwohl ich verzweifelt wollte, dass er sicher war, konnte ich mir kein Nachlassen meiner Aufmerksamkeit leisten.
Sie geisterten näher, ihre schwarzen Roben bauschten sich leicht durch die Bewegung.

Es wird uns nicht gesagt, aber wir sind in Bellas Traum.

Plötzlich hungerte ich danach. Ich wollte, dass sie angriffen. Die Panik wurde zum Blutrausch, als ich mich vorwärts beugte, ein Lächeln auf den lippen, und ein Knurren durch meine gebleckten Zähne platzte.

Besmeyert geschrieben, aber den Hunger nach Action kann ich verstehen. Immerhin sind wir auf Seite 212 und haben damit – oh je – fast ein Sechstel des Buchs geschafft.

Also: Bella ist ständig hingrig und isst ohne Ende Eier. Sie träumt von Kindern, wegen derer sie – ganz Frau – zur Kämpferin wird.* Das Kapitel heißt zwar “unerwartet”, aber eigentlich ist klar: sie ist schwanger.

*Wohlgemerkt ärgere ich mich nicht darüber, dass ein Elternteil das Kind beschützt, sondern darüber, dass Bella ihrer Frauenrolle entsprechend nur dann kämpferisch ist, wenn es um ihre Brut geht.

Wir erfahren aus keinem besonderen Grund, dass Edward aufs Festland fuhr, um zu jagen.Na ja, immerhin kann Bella darum ungestört etwas essen, obwohl es mitten in der Nacht ist. Sie macht sich ein Hähnchen in der Pfanne und isst mit den Fingern. Dann wird ihr schlecht und sie übergibt sich. Alarmsirenen läutet: Heißhunger und Übelkeit bedeuten nur eins.

“Verdammtes abgelaufenes Hähnchen.”

Hier ächzte ich mit Bella, aber Smeyer macht etwas gut: sie wartet nicht, wie befürchtet, vier Kapitel, bevor die Schwangerschaft offenbar wird. Vielmehr merkt Bella plötzlich, dass ihre Tage zu spät sind (5 Tage zu spät, und bei Bella sind die natürlich stets pünktlich). Und sie hat einen Knubbel im Bauch. Ein übernatürliches Baby.

Hier versucht Smeyer nun, zu erklären, warum Vampirinnen nicht schwanger werden können, Vampire aber schwängern können. Diese Erklärung ist aber Unfug: wenn der Körper im Todesstadium verbleibt und sich nicht verändert, wie können Vampire dann heilen? Sie regenerieren ja sogar Körperteile. Warum also keine Schwangerschaft? Und umgekehrt: wie sollen die Spermien die ganze Zeit überleben? Bei Edward müssten sie ja seit hundert Jahren in den eiskalten Hoden hocken und hoffen, mal rauszukommen. Denn Hand anlegen ist für Edward sicher auch tabu.

Es ist übrigens eine übernatürliche Schwangerschaft, weshalb das Baby bereits in Bellas Bauch strampeln kann und fühlbar ist. So kommt Bella dann wohl doch noch ums College herum, auch wenn ich gespannt war, wie Smeyer das Leben dort beschreiben würde. Stattdessen sagt Bella Edward, dass sie schwanger ist. Edward fällt um und liegt in Starre – diese superschnellen Hirne sind wirklich beeindruckend flexibel.

Alice ruft an und Bella muss Edwards Telefon aus seiner Tasche fischen, weil der ja nicht reagiert. Alice ist dran, sagt aber nicht, was sie gesehen hat. Wir wissen: Bella hat das, was sie betrifft, nicht zu interessieren. Darum passiert auch das, sobald Carlisle ans Telefon kommt:

Edward streckte seine Hand nach dem Telefon aus, sein Gesicht weiß und hart.

Mann ist wach. Frau hat Telefon abzugeben.

Edward spricht mit Carlisle, aber Bella erfährt aus Edwards Sätzen nichts. Später wird klar: Carlisle vermutet, dass das Baby Bella umbringen wird. Aber diese relativ wichtige Information wird ihr nicht mitgeteilt, sie muss es aus dem Kontext erraten. Was furchtbare Kacke ist.

Edward wirft Bella ein paar Sachen aufs Bett – “es war Zeit, mich anzuziehen” – und dann geht Bella aus dem Zimmer, weil sie Edwards gewalttätige Energie nicht mehr aushält. Sie geht ihm aus dem Weg, damit seine schlechte Stimmung verziehen kann. Bella hingegen versteht jetzt Rosalies Schmerz darüber, niemals Mutter werden zu können. Vorher hatte sie wirklich kein Interesse an Kindern, aber jetzt…

Natürlich gibt es diese Situationen: Mit der Schwangerschaft oder mit der Geburt setzen die Pflegeinstinkte ein. Aber wenn jemand wirklich keine Kinder möchte, fände ich es schön, wenn das im Moment der Schwangerschaft nicht sofort über den Haufen geworfen und als Naivität beschrieben wird, weil Frauen eben Muttertiere sind. Stattdessen: “Ich wollte ihn so sehr, wie ich Luft zu atmen wollte.” Was zugegeben von einer Frau, die unbedingt sterben und Vampirin werden wollte, ein nicht ganz so starker Wunsch ist.

Dann kommt es heraus:

“Wir werden in sechzehn Stunden zu Hause sein. Dir wird nichts passieren. Carlisle ist bereit, wenn wir ankommen. Wir kümmern uns darum, und dir wird es gut gehen, dir wird es gut gehen.”

Nicht nur, dass Edward nicht einmal erzählt, welche Gefahr von dem Kind ausgeht (oder auch nicht) – er entscheidet auch für Bella, dass es abgetrieben wird. Das passt vielleicht zu den Ideen von Stephenie Meyer, die vielleicht glaubt, dass Abtreibungsbefürworter wirklich Pro Abtreibung sind und nicht Pro Entscheidungsfreiheit. Weder sollte man Frauen vorschreiben, ihr Kind kriegen zu müssen, noch, es abtreiben zu müssen. Dabei mögen medizinische Notwendigkeiten eine Ausnahme sein: wenn man ohnehin nur das Leben der Mutter retten kann, zum Beispiel. Liegt diese Notwendigkeit hier vor? Wer weiß, Bella wird ja nichts erzählt.

Die Putzkolonne taucht plötzlich auf. Edward versucht, sie abzuwimmeln, aber die Kaure – die Halbindianerin – drängt sich in die Küche und sieht, wie Bella sich übergibt. In ihrem Indianerdialekt – den Edward natürlich spricht** – geht es dann hin und her, und anstatt Edward anzugreifen oder ähnliches, gibt diese weise Frau (Indianerinnen sind immer weise) ihre Meinung zu Bellas Baby ab. In einer Sprache, die Bella nicht versteht. Wörter fliegen durch den Raum “wie Messer”.

**Ich finde das gar nicht so weit hergeholt. Edwards Gedankenlesen könnte ihm wirklich eine außerordentliche Sprachbegabung verschaffen, solange er sich nur mit Leuten in ihrer Sprache unterhalten muss.

Aber:

“Morte”, sagte sie leise. (…) Ich sprach ausreichend Spanisch für dieses Wort.

Nur mal angenommen, es gibt Leser_innen, die das nicht verstehen: Smeyer übersetzt es nicht. Sie versteht es schließlich. Die Leser_innen sind unwichtig.

Update: und auch ich übersetze es nicht. Ich habe es aus dem Französischen entlehnt als »Tod« verstanden – es ist wohl auch portugiesisch für Tod (nicht aber Spanisch, passt also zu Smeyer).

Aber nun wissen wir es: das Baby wird Bella töten, und darum wird Edward es abtreiben lassen. Und Bella ist total dagegen.

Um ehrlich zu sein, bin ich zwiegespalten. Diese übernatürliche Schwangerschaft geht wirklich sehr schnell vonstatten, und dieser Plot ist Horrormaterial: ein Körperfresser, der seinen Wirtskörper übernimmt und Bella deshalb einen Schutzreflex einbaut. Aber auch dann wäre das natürlich eine problematische Geschlechterkonstellation, wenn man die Schwangerschaft zum Parasitenbefall macht und darum das Recht hat, über den Kopf der Frau hinweg zu entscheiden. Die ist ja Gefangene ihrer Hormone und weiß es nicht besser.

Edward holt noch ein paar Tabletten aus dem Boot, und er vergisst sein Handy.

Ich wirbelte herum und nahm das Telefon, das er auf der Theke liegen gelassen hatte. Es sah ihm nicht ähnlich, Dinge zu vergessen (…) Ich war froh, dass er es lautlos gestellt hatte, und ängstlich, dass er mich erwischen würde.

Das liest sich so, wie wenn eine Figur im Horrorfilm Hilfe holen will, bevor ihr Peiniger wiederkommt. So weit ist es schon: Bella muss hoffen, dass Edward sein Telefon vergisst, damit sie Kontakt zur Außenwelt aufnehmen kann, bevor er zurückkommt. Nicht etwa: “Edward, gib mir mal dein Handy” oder gar ein eigenes Handy zu haben. Nein, das geht nur im Geheimen, weil das so eine perfekte Beziehung ist.

Bella ruft Rosalie an und bittet sie um Hilfe. Und damt endet Teil 1. Es folgt: Jacob. Smeyer im Kopf eines jungen Mannes. Leah sollte sich in Acht nehmen.

Was mir an diesem Kapitel gefällt

Tatsächlich freue ich mich darüber, dass Bella hier ihren Mutterinstinkt entdeckt. Denn dadurch bekommt die Geschichte ein wenig Fahrt, weil sie nun nicht nur anderer Meinung ist als Edward, sondern auch – wie in ihrem Traum zu Beginn – kämpft, um ihre Meinung durchzusetzen. Sie wird aktiv, sie lässt sich nicht mehr alles vorschreiben. Das verheißt Spannung. Ich vertraue Smeyer zwar, dass sie diese Spannung ins Nichts auflöst, aber im Moment jedenfalls rebelliert Bella ein wenig, und das kann nur gut sein – weil damit unterschiedliche Interessen entstehen.

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Comments 7

  1. avatar Lia wrote:

    Glaub mir, diese Schwangerschaft ist alles in allem das Schlimmste an dem Buch. Steph hat keinen normalen Umgang mit diesem Thema. Denn natürlich kommt Abtreibung für Mormonen nicht in Frage. Auch dann nicht, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Also darf Edward hier der Böse sein und Bella wird zur heiligen Märtyrerin, die ihr Kind retten muss.

    Denk dran, dass diese Geschichte in Amerika spielt, wo Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, schon mal von den Befürwortern des Rechts auf Leben erschossen werden können.

    Es gibt vieles, was ich Steph übel nehme. Aber für diese Schwangerschaft und die Geburt hasse ich sie. Sie meinte irgendwo auf ihrer HP, dass das vielleicht mithelfen könnte, frühzeitige Schwangerschaften zu vermeiden. Sie wusste also, was sie da schrieb. Trotzdem hat sie das der Altersgruppe ab zehn Jahren angetan.

    Die Themen problematische Schwangerschaft, Abtreibung und Folgen von Sex vor der Ehe hätte man auch auf vernünftigere Weise bringen können. Einerseits beschweren sich viele Leute, dass Frauen immer weniger Kinder auf die Welt bringen, andererseits werden diese Bücher jungen Mädchen als gute Lektüre empfohlen.

    Nein, es gefällt mir nicht, wie Bella mit dieser Schwangerschaft umgeht. Natürlich ist seit Buch Nr. 1 klar, dass sie um jeden Preis sterben will. Auch hier geht sie mit der potentiellen Lebensgefahr für sich selbst genauso um wie immer: sie will lieber sterben. Leben kommt nicht in Frage. Das ist so vollkommen unnatürlich.

    Wenn Bella wenigstens einmal ernsthaft darüber nachdenken würde, dass dieses Baby sie umbringen wird. Aber Steph lässt ihr dazu ja auch keine Zeit. Bella spürt das Kind in sich schon und spätestens dann entwickeln die meisten Frauen Gefühle für das Kind. Steph lässt eine ernsthafte Alternative und die Diskussion darüber gar nicht erst zu. Bella muss die Übermutter sein, die ihr Leben für ihr Kind hingibt. Nur das ist gut und richtig und natürlich gottgefällig.

    Hab ich erwähnt, dass ich Steph hasse?

    Posted 10 Apr 2011 at 22:17
  2. avatar Parias wrote:

    >ein Knurren durch meine gebleckten Zähne platzte.<

    Äh, wie soll ich diesen Satz verstehenO.o? Platzen ihr jetzt die Zähne weg, oder was? Zumindest kriege ich immer diese Bild von wegsprengenen Zähne in meinen Kopfkino, wenn ich diesen Satz lese. Echt eklig, wenn man mich fragt :O

    Bella ist echt einer der Dümmsten Progatonistin (gleich neben Zoey Redbird), die ich kenne. Jede Frau kommt sofort darauf, daß sie im besonderen Umstand sein könnte, nein, das Hähnchen ist abgelaufen. Wie hat die nur die siebzehn Jahre überleben können ohne einen Smeyerpir an ihre Seite zu haben?

    Posted 13 Apr 2011 at 19:31
  3. avatar Lia wrote:

    Vielleicht muss man es anders rum sehen: 17 lange Jahre musste sie für ihre Mutter und sich alleine sorgen, hatte alles am Hals – jetzt endlich ist ein Mann da, der ihr das alles und zusätzlich das Denken abnimmt. Welch eine Erleichterung? Auf nichts anderes warten wir Frauen doch! *Sarkasmus off*

    Posted 13 Apr 2011 at 20:15
  4. avatar Parias wrote:

    Also daß ihre Fähigkeit zum Denken ausgeschöpft ist? Wäre eine Erklärung, wenn auch eine recht frauenfeindliche *nicht böse gemeint *pfeif*.
    Bella ist für mich ein “Frauchen” oder “Weibchen”, so wie sich unterwürfig verhält, bis auf die Sache mit den Kind, kommt aber unglaubwürdig rüber :X
    Ich weiß zwar, daß Mütter unglaubliche Kräfte zum Schutzes ihrer Kinder entwickeln (hab von einen Fall gehört, wo eine Mutter ihr eingeklemmtes Kind befreit hat, indem sie die für sie zu schwere Last mit bloßen Händen hochgehoben hat), aber selbst diese Sache verhaut Smeyer, was ich besonders schlimm finde, da sie als Mutter eigendlich auf ihre Erfahrung mit Mutterinstinkt berufen könnte, um Bellas erwachene Muttergefühle glaubhafter darzustellen…

    …vergeßt meine Frage-_-
    Wie Lia es schon treffend feststellte, hat Smeyer keinen normalen Umgang mit Schwangerschaften, also wie soll sie dann einen glaubwürdigen Beschreibung von Mutterinstinkten abgeben?? *rolleyes*

    Posted 13 Apr 2011 at 23:19
  5. avatar Zoé wrote:

    Ich les’ hier eigentlich bloß still mit, aber grade ist mir was aufgefallen:

    Nachdem Meyer nicht erklärt hat, was “morte” heißt, hast du es auch nicht erklärt.

    Dass das gar nicht so einfach ist, Leuten Probleme bereitet und vielleicht (bin selbst unsicher) von Meyer nicht ganz durchdacht war, könnt ihr hier sehen:
    http://dict.leo.org/forum/viewUnsolvedquery.php?idThread=785294&idForum=&lp=esde&lang=de

    Hm, ob ich hier überhaupt Links posten kann? Ich werd’s merken.

    Posted 15 Apr 2011 at 21:52
  6. avatar Patrick wrote:

    Danke für den Hinweis, ich hatte gedacht, der Tag reicht. Ich editiere.

    Posted 15 Apr 2011 at 22:06
  7. avatar Lia wrote:

    Wow, ich hätte eigentlich gedacht, dass “Morte” eindeutiger zuzuordnen wäre, auch für Menschen, die kein spanisch oder portugiesisch sprechen (was ja eher die richtige Sprache wäre, da Spanisch in Südamerika lange nicht überall Hauptsprache ist).

    Ich melde mich mal für eine Woche Urlaub ab. Bin in Mannheim, ist da sonst noch wer?

    Posted 16 Apr 2011 at 08:01

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