BDSM und Traumata

Das Thema ist ein heißes Eisen. Schnell wird abgeblockt, weil BDSM nicht pathologisiert werden soll: BDSM ist keine Krankheit, BDSM’ler sind nicht krank. Das kann aber kontraproduktiv sein.

Denn ganz sicher haben nicht alle BDSM’ler psychische Probleme. Aber keiner? Das wäre nun wirklich ein Wunder, denn in der normalen Bevölkerung hat ja ein Teil diese Probleme.

Dieser Beitrag soll nicht dazu dienen, solche Menschen bloßzustellen, aber das Thema anzugehen, das eben leider oft tabuisiert wird.

[E]ine 2008 durchgeführte Untersuchung ergab, das 8,6% der (…) befragten Masochistinnen und 7,6% der (…) befragten Switcherinnen im Rahmen einer psychologischen oder psychiatrischen Behandlung die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung erhalten hatten. Im Vergleich hiermit hatten überzufällig weniger Nicht-SMlerinnen (3,7%) und Sadistinnen (4,0%) eine Borderline-Diagnose. Bei diesen Werten muss berücksichtigt werden, dass weitaus nicht alle Menschen, die an Borderline leiden, frühzeitig eine professionelle Behandlung aufsuchen. Deshalb dürfte die tatsächliche Zahl der Betroffenen in allen Gruppen höher sein, als die der bereits offiziell diagnostizierten Menschen.

Zwischen den männlichen Gruppen fanden sich keine Häufigkeitsunterschiede. Das könnte unter anderem daran liegen, dass die Borderlinediagnose bei Männern allgemein deutlich seltener gestellt wird als bei Frauen und dass Männer, die ihre Aggressionen nicht gut kontrollieren können, keinen Anschluss an die BDSM-Szene finden würden.
(…)
Auch bei der Frage nach sexuellen Missbrauchserfahrungen vor dem achtzehnten Lebensjahr ergaben sich überzufällige Unterschiede unter den weiblichen Neigungsgruppen: 13,6% der Masochistinnen, 11,6% der Switcherinnen, 10,9% der Sadistinnen, aber nur 5,8% der Nicht-SMlerinnen wurden vor ihrem achtzehnten Lebensjahr sexuell missbraucht.

So steht es in den Schlagzeilen 110[1].

Ich zitiere einfach mal weiter:

Das bedeutet zunächst, dass die Mehrzahl der SMlerinnen weder eine Borderline-Persönlichkeitsstörung aufweist noch in der Kindheit sexuell missbraucht wurde. Der aktuelle Forschungsstand weist darauf hin, dass für das Zustandekommen jeder Art von sexueller Vorliebe ein Zusammenspiel unterschiedlicher genetischer, sozialer, psychologischer und sonstiger Einflüsse eine Rolle spielt. So kommt es, dass eine bestimmte sexuelle Neigung bei verschiedenen Personen durch unterschiedliche Einflüsse entsteht. Nach aktuellem Forschungsstand gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Entstehung einer sadomasochistischen sexuellen Neigung im Allgemeinen mit psychischen Erkrankungen oder Traumata zu erklären ist.

Also alles gut? Jein.

Man sieht zumindest, dass BDSM eine höhere Zahl von Menschen mit den hier genannten Erfahrungen anzieht. Und wenn so etwas ungezielt geschieht, unbewusst, dann kann da m. E. durchaus Gefahr drohen, weil Traumata oder Persönlichkeitsstörungen durchbrechen:

BDSM kann aber niemals eine Therapie ersetzen. In manchen Fällen wirken Sessions besonders positiv auf diese Untergruppe, doch ändert sich dadurch nichts an den eigentlichen Problemen, unter denen traumatisierte Menschen leiden. Um diese Probleme längerfristig und effektiv zu bewältigen ist eine Psychotherapie notwendig.

Wird damit aber bewusst umgegangen, so haben auch Menschen mit bspw. MIssbrauchserfahrungen das Recht, BDSM zu leben, ohne dies dadurch zu entwerten oder zu »falschen« BDSM’lern zu werden. Was umgekehrt nicht bedeutet, dass es nicht Menschen gibt, die auf der Suche nach Selbst- oder Fremdzerstörung dort landen.

Wichtig ist meines Erachtens, dass man die Augen offen hält und, wie in anderen Bereichen auch, gefährliche Handlungen zumindest hinterfragt: wissen die Leute, was sie da tun? Ist das eine bewusste Entscheidung? Und ein Unwille, auch nur das Vorhandensein von psychologischer Auffälligkeit zu diskutieren, ist da ganz und gar nicht hilfreich, aber auch nicht, instinktive Urteile zu fällen. Fragen eben.

Wie überhaupt ein wenig Reflexion nicht schaden kann. Nicht, dass man die Neigung einem Schlüsselerlebnis zuordnen muss – das ist oft ohnehin im Nachhinein erst zurecht-erinnert. Oder hinterfragen muss, warum man denn jetzt bspw. auf rosa Elfenkostüme steht. Aber zumindest vielleicht wissen, dass man darauf steht, und vielleicht sogar wissen, dass die Idee des Fliegens an sich fasziniert – denn dadurch ergeben sich ja noch andere Möglichkeiten, z.B. Rollenspiel »Pilot – Flugzeug«.

  1. [1] http://www.schlagzeilen.com/de/shop/122/122-110.htm // Die Untersuchung: Fragebogenauswertung zur Diplomarbeit „Ist das Persönlichkeitskonstrukt „Experience Seeking“ bei Sadomasochisten stärker ausgeprägt als bei Nicht-Sadomasochisten?“, http://benecke.com/pdf-files/Diplomarbeit_Sadomasochismus_2009_Wawrzyniak.pdf

Comments 8

  1. avatar namenlos ;) wrote:

    Ich mache dieses Thema nun mal zu einer persönlichen Sache:

    BDSM´ler sind natürlich nicht alle „krank“ und leiden an psychischen Problemen,
    aber es gibt schon einen großen Prozentsatz der BDSM „benutzt“ um verschiedene Dinge zu kompensieren. Nach meinem persönlichen nicht repräsentativen Empfinden, ist der Prozentsatz sogar größer als in der Studie beschrieben. In offenen Gesprächen mit befreundeten BDSM´lern kommt doch recht häufig raus, dass im Hintergrund deutlich mehr arbeitet anstatt einfach „nur“ sexuelle Lust.

    Ich selber weiß dass meine Vorliebe zu BDSM Gründe hat. Ich habe viel sexuelle Gewalt in der Kindheit erlebt. Der perverse Onkel in der Kindheit (wo es aber nie zum GV kam, sondern Nähe die immer direkt an der Grenze zwischen lieber Onkel und Straftäter war. Teilweise sogar öffentlich auf Familienfeiern (ein Griff an den Busen eines pubertierendes Mädchens mit dem Satz „Wow, Du wirst ja eine richtige Frau“ können doch sehr peinlich und zerstörend wirken wenn man keine selbstbewusste Persönlichkeit hat. Zu Hause herrschte sehr viel Leistungsdruck, Anerkennung gegen Leistung. Dazu noch eine Vergewaltigung mit 18 (auch dort kam es nicht zum GV aber zu Oralverkehr usw.). Täter nie gefasst.

    Dieses ganze Paket an Erlebnissen beeinflusst noch heute meine Sexualität sehr. Aber ich leide nicht darunter sondern genieße meine Form der Sexualität (Devotion und Masochismus). Ich habe dieses Leistungsdenken so sehr verinnerlicht, so dass ich Nähe und sexuelle Lust besser durch Leistung an mich heran lassen kann. Wenn ich Leistung erbringe, dann
    darf ich genießen. Ich habe also doppelt Spaß dabei… ich genieße es wenn ich Leistung in Form von Masochismus und Devotion erbringe (ähnliche Gefühle wie beim Sport) und ich genieße es mein Gegenüber zufrieden und stolz zu machen. Mir bereitet das sexuelle Lust und ein intensives Gefühl von Nähe.

    Das ganze ist sicherlich eine sexuelle Störung, aber ich bin sehr glücklich damit
    und es ist keine Last die ich durch eine Therapie los werden möchte!

    Posted 22 Feb 2011 at 11:03
  2. avatar Lia wrote:

    Schwer zu sagen, wie viele da wirklich vorbelastet sind. Ich bin’s jedenfalls nicht. Keine sexuelle Gewalt, keine Misshandlungen, weder als Kind noch später.

    Als Therapie eignet sich BDSM allerdings bestimmt nur in den allerseltensten Fällen. Deswegen finde ich den Film Secretary so gefährlich, weil der das vermittelt.

    Andererseits ist bestimmt alles gut, was einem bei der Verarbeitung schlechter Erfahrungen weiter hilft. Ich kenn mich da echt zu wenig aus, als dass ich das beurteilen möchte. Ich kann mir nur vorstellen, dass es viele Partner gibt, die das nötige Rüstzeug für solche Hilfe einfach nicht mitbringen und die die Situation dadurch verschlimmern.

    Posted 22 Feb 2011 at 20:50
  3. avatar Patrick wrote:

    Danke für deine namenlose Offenheit :)

    Es besteht ja ein Unterschied zwischen einer psychologischen Störung und einfach nur bestimmten Einflüssen. Entscheidend ist m.E., ob jemand vor Problemen flieht und dies mit BDSM zu kompensieren sucht.

    Ich habe wiederum kein traumatisches Erlebnis hinter mir (vielleicht Ehescheidung meiner Eltern?), aber ich kann z.B. sagen, dass ich in der Kindheit gelernt habe, meinen Willen zurückzustellen. Gut möglich, dass ich auch dadurch Macht erotisiert habe. Oder vielleicht wäre ich auch so bei BDSM gelandet, das kann ich ja nicht wissen.

    Ich weiß auch, dass ich ebenfalls mag, mit Tabus und Konventionen zu spielen, und mit BDSM kann ich dieses “Verbotene” auch gut kanalisieren. Das wiederum ist fast schon ein analytischer Beweggrund.

    Und dann macht es eben einfach an :)

    So, wie du schreibst, hast du vielleicht einen Weg gefunden, mit deiner Vergangenheit umzugehen – wichtig ist aber, dass du vor allem glücklich damit bist. Freut mich.

    (Anders als Bella)

    Posted 22 Feb 2011 at 23:36
  4. avatar Patrick wrote:

    Lia: Das ist auch, was mich an Secretary enorm stört.

    Du hast sicher auch Recht: wenn man wirklich versuchen will, durch BDSM Traumata nachzuerleben oder zu überwinden, dann ist das eine heikle Sache, die leicht schiefgehen kann. Und die auch von den Mitspielern abhängt.

    Für mich klang Namenlos aber nicht einmal so, als suche sie speziell, diese Erlebnisse zu bearbeiten – BDSM nicht als gezielt beabsichtigtes Gegenmittel, sondern als Konsequenz des Erlebten.

    Aber ja, Einzeltherapie ist keine gute Idee.

    Posted 22 Feb 2011 at 23:40
  5. avatar Namenlos wrote:

    “Für mich klang Namenlos aber nicht einmal so, als suche sie speziell, diese Erlebnisse zu bearbeiten – BDSM nicht als gezielt beabsichtigtes Gegenmittel, sondern als Konsequenz des Erlebten. ”

    Das ist richtig, ich versuche damit nichts zu verarbeiten oder zu therapieren. Es ist einfach die Folge von verschiedenen Erlebnissen. Dabei möchte ich mich nicht festlegen, ob ich nicht auch ohne diese ganzen Erlebnisse beim BDSM gelandet wäre.

    Ich muss aber zugeben, dass BDSM in der Vergangenheit ungeplant therapeutische Zwecke erfüllt hat – wenn man das so bezeichnen will. Ich hatte mit der Entdeckung meiner Sexualität eine besondere Störung und das war der absolute Ekel vorm Küssen. Wie gesagt, früher auf Familienfeiern wurde ich von gewissem Onkel „geküsst“ was Ekel auslöste da es über ein „Begrüßungsbussi“ hinaus ging. Das war für mein späteres Sexualleben schwierig, da man bei einem Partner doch in Erklärungsnot kommt „Ja, wir können ficken aber küssen darfst Du mich nicht“. Wie dem auch sei, es hat mich nicht daran gehindert zu heiraten, ein normales Leben zu führen und jahrelang ohne Küsse wunderbar zu leben. Aber mit 30 Jahren kam dann DAS Aha-Erlebnis und in einer intensiven „BDSM-Session“ entwickelte ICH den Wunsch meinen Partner zu küssen. Seitdem ist es nicht mehr weg zu denken und ich weiß nun was ich all die Jahre verpasst habe. Aber auch da kann ich nicht schwören ob nur die BDSM-Session der Auslöser war, oder einfach nur der richtige Partner, der Richtige Moment? Vielleicht wäre es auch ohne BDSM irgendwann so gekommen.

    Posted 23 Feb 2011 at 04:30
  6. avatar xyz wrote:

    Hallo

    das Seltsame bei diesen Fragen ist, finde ich, dass die umgekehrte Frage nach Vanilla-Sex nicht gleichzeitig gestellt wird. Nach meiner Vergewaltigungserfahrung liegt der Ablauf üblichen Sexes viel näher an der Vergewaltigung als zumindestens Mal bei einigen BDSM-Praktiken. Ich kann mir viel leichter Praktiken suchen, die damit nicht so viel zu tun haben.
    Aber ich spiele auch im BDSM mit üblichem Vögeln, das ich auch als Vergewaltigungspraktik erfahren habe.
    Ich finde es im BDSM wesentlich angenehmer, dass Penetration nicht ein Image von “gutem, schönem und moralisch richtigem” Sex hat, sondern irgendwie präsent ist, dass Vögeln auch Machtausübung ist und (vage und abstrakt gesagt) Identitäten schafft.
    Es ist natürlich auf jeden Fall wichtig aufzupassen und ich sorge mich, nicht zu exzessiv mit Traumainhalten zu spielen – aber ich passen auch auf, mich nicht zu sehr durch Erzählen sich in den Traumasituationen zu verlieren. usw. …
    Außerdem ist die Sache mit dem Konsens, jedenfalls in Form von Codewort, präsenter als beim üblichen Sex. Das Codewort gibt mir ein Gefühl von Souveränität, das ich beim üblichen Sex so nicht kenne.

    wenn ich mich mit PTBS-Problemen auseinandergesetzt habe, habe ich wenig über sexuelle Praktiken nachgedacht – da liegt eher anderes oben. wie Leute reagieren, wie viel Raum einer zugesprochen wird, etc. …In der Frauenbewegung gabs ja mal den Versuch den Blick bei Vergewaltigungen weg von der Sexualität hin zur Macht zu lenken. Jedenfalls dieses ganze Drumherum (auf einmal keine Person mehr zu sein, die die Wahrheit sagt; nicht schutzwürdig zu sein sondern eher selbst Angreiferin wahrgenommen zu werden, dadurch dass man nicht schweigt, all der ganze Quatsch. …) ist auch wichtig … naja ich schreib mich gerade vom thema weg. jedenfalls trotzdem interessant, bdsm + ptbs, aber mich nerven auch diese doppelten offenen Flanken zur Pathologisierung von sowohl ptbs als auch bdsm.
    soweit.

    und ein interessantes blog, merci.

    Posted 25 Apr 2011 at 11:03
  7. avatar Patrick wrote:

    Der KOmmentar war im Spam gelandet, habe ich freigeschaltet :)

    Danke für deine Einsichten. Ich stimme dir zu, dass die Frage umgekehrt selten gestellt wird.

    Posted 25 Apr 2011 at 12:35
  8. avatar Jule wrote:

    Hallo..
    ich finde das Posting von “xyz” recht gut. Ich bin Borderlinebetroffene und lebe BDSM in meiner langjährigen Beziehung aus. Ich wurde als Kind emotional/körperlich und sexuell missbraucht, aber ich kenne auch viele SM´ler, wo dies eindeutig nicht der Fall war.
    Es ist ein schmaler Grad zwischen dem Geniessen von Unterwerfung & Co und der Vermeiden von Flashbacks. Aber es kann durchaus gelingen.
    Im Gegensatz zu meinen Kindheitserfahrungen kann ich aber nun das Geschehen steuern (Safeword etc.) und das gibt Sicherheit, man ist sich sicher, dass einem nicht mehr “angetan” wird als man wirklich möchte.
    LG Jule

    Posted 14 Aug 2012 at 08:34

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