Ich bin außerordentlich gelangweilt. Ich ersehne das Ende von New Moon. Aber mein Sehnen wird noch nicht erfüllt.
Es gibt Bücher, die leben von dem, was passiert. Von der Action. Es gibt solche, denen vergibt man über die Formulierungen viele Schwächen. Und die meisten Bücher brauchen Figuren, die interessieren.
Smeyer hat versagt, mich für Bella und Edward zu interessieren.
Darum habe ich keine Geduld, wenn Bella drei Seiten lang glaubt, dass sie noch träumt, weil Edward an ihrem Bett sitzt. Drei verdammte Seiten »von wegen, ich träume noch«, »das würde mein Traum auch sagen« und »meine Wahnvorstellung war sehr realistisch.« Wenn sie fast das ganze Kapitel hindurch glaubt, dass Edward sie nicht liebt, dass er sie jeden Augenblick verlassen wird. Wenn Edward sagt, er werde bleiben und zusehen, wie sie altert, und sie nicht zu einer Vampirin machen. Und wenn sie sich gegenseitig ihre tiefe Liebe versichern und sich gegenseitig nicht glauben.
Das ist nur noch nervig.
Es gibt einen Moment, in dem Bella etwas Gutes sagt:
»Du kannst diese… Schuldgefühle… nicht über dein Leben bestimmen lassen. Du kannst nicht dafür die Verantwortung übernehmen, was mir hier passiert. (…) Also, wenn ich vor einen Bus falle oder was immer beim nächsten Mal passiert, dann musst du verstehen, dass es nicht deine Schuld ist. Du kannst nicht einfach nach Italien abhauen, weil du mich nicht retten konntest und dich schlecht fühlst. Selbst, wenn ich von der Klippe gesprungen wäre, um zu sterben, wäre das meine Wahl gewesen, und nicht deine Schuld. Ich weiß es ist deine… deine Natur, die Schuld für alles zu übernehmen, aber du kannst das wirklich nicht in solche Extreme treiben! Das ist sehr unverantwortlich – denk an Esme und Carlisle und-«
Mit dem klitzekleinen Schönheitsfleck, dass es Bella ist, die Königin der Schuldkomplexe, die das sagt.
Und interessant ist, dass Smeyer instinktiv religiöse Untertöne einfließen lässt, als Edward über seine Lüge spricht:
»Aber wie konntest du mir glauben? Nach den tausenden von Malen, an denen ich dir sagte, dass ich dich liebe, wie konntest du ein Wort deinen Glauben an mich zerstören lassen?«
Bella hat unzählige Male erlebt, dass Edward wahr ist, dass ihr Glaube wahr ist – wie kann sie so schnell zweifeln? Ich bin sicher, Smeyer will Bella hier nicht mit einer Atheistin vergleichen, aber das ist trotzdem die Sprache, mit der sie sich auskennt, und die sie instinktiv benutzt. Und Edward ist ja ein Gott – wenn auch einer, der daneben steht und zulässt, dass Unschuldige ermordet werden. Die Theodizee von Edward hat Bella bestimmt schon ausgearbeitet.
Und ganz ehrlich, mehr Worte will ich hier nicht verlieren, weil der Rest des Kapitels darauf besteht, dass sie einander nicht glauben. Weil diese Figuren dämliche Idioten sind, mit denen ich keine weitere Seite mehr verbringen will.
Klar, dass Edward ohnehin zurückkommen wollte. Klar, dass keiner in der Familie Cullen ein Problem damit hat, ständig umzuziehen. Erst aus Forks raus, vier Monate später wieder nach Forks zurück, weil der bekloppte Edward Anwandlungen hat – warum auch nicht? Es geht ja um seine bescheuerte Freundin, der man alles zehn Mal erklären muss. Oh, und jetzt wollen die Volturi, die mächtigsten Vampire der Welt, dass Bella zur Vampirin wird, und Edward ist trotzdem noch dagegen – obwohl Bella das will.
Und wie reagiert Bella? Sie will zu den Cullens. Nicht, um Alice zu bitten, sie zu beißen. Nein, ach wo. Sie will über ihre Sterblichkeit abstimmen lassen.
Im nächsten, vorletzten Kapitel darf ich also lesen, wie die Cullens über Bellas Schicksal entscheiden und abstimmen. Nee, wat freu ich mich.
Sollte ich vor einen Bus fallen – dann ist das Smeyers Schuld. Ich konnte es dann einfach nicht mehr ertragen.
Prophezeiung: Rosalie ist dagegen. Edward ist dagegen. Alle anderen sind dafür. Dann packt Edward Bella und rennt mit ihr weg und sperrt sie zehn Jahre in einen Schrank. Davon erzählt das dritte Buch. Danach reisen Bella und Edward mit dem Schrank durch die Zeit und besuchen Massaker, an denen Edward untätig daneben stehen und Bella das Gesicht streicheln kann. Bella ist glücklich. Dann besucht Bella die vierte Klasse und schafft mal wieder die Prüfung nicht, und die Volturi kommen und befehlen, dass sie nur leben kann, wenn sie die Prüfung irgendwann in den nächsten zehn Jahren nachholt. Und Alice sieht voraus, dass Schnee im Sommer schmilzt.

Comments 3
Patrick, ich hoffe, du liest und schreibst trotzdem weiter. Es macht Spaß, diese Bücher mit dir zu zerpflücken, grad weil sie so einen Hype ausgelöst haben. Lange Zeit dachte ich, ich wäre die Einzige, die diese Bücher grässlich findet. Auch wenn du momentan sehr genervt bist (und es noch oft sein wirst), du bietest hier einen Kontrapunkt zur allgemeinen Twilight-Hysterie.
Nein, ich kann dich nicht damit trösten, dass alles besser wird. Auch wenn es nicht ganz so schlimm eintrifft wie in deiner Vorhersage, bleibt die Handlung trotzdem weiterhin äußerst abstrus. Immerhin hast du New Moon aber auch in Rekordzeit durchgelesen. Auch wenn die anderen beiden Bücher dicker sind, wirst du sie genau so schnell durch haben. Vom Plot her ist New Moon übrigens das Schlimmste, weil es rein gar keine sinnvolle Handlung gibt. Dafür ist im 4. Buch ein ganzer Teil aus Jacobs Sicht geschrieben.
Wären die Volturi richtig üble Typen, hätten sie Bella umgebracht (denn angeblich gewähren die Volturi ja keine zweite Chance) oder Edward gezwungen, sie auf der Stelle zum Vampir zu machen – oder das einfach selbst erledigt. Leider sind sie allesamt Weicheier.
Vielleicht macht es Sinn, nebenbei weiterhin auch andere Bücher zu besprechen. Es muss ja noch mehr Bücher wie Fledgling geben. Vampire müssten da noch nicht mal zwingend vorkommen, denn eine echte Vampir-Story ist Twilight sowieso nicht. Stephs Vampire sind einfach unsterbliche Wesen, austauschbar gegen jede andere Spezies, die es da gibt. Die besonderen Eigenheiten und Konflikte richtiger Vampirgeschichten treffen hier ja nicht zu. Ok, sie trinken Blut, aber eigentlich könnten sie auch einfach Veganer sein.Die Geschichte würde genauso funktionieren, wenn Edward Afro-Amerikaner wäre und Bellas Eltern Anhänger der weißen Leintuch-Fraktion.
Denn selbst die Unsterblichkeit der Vampire kommt in Twilight nicht so richtig zum tragen. Weder interessiert sich Bella für die Erfahrungen der Cullens aus den letzten Jahrhunderten, noch zeigen diese auf irgendeine Weise, dass sie schon so lange leben. Ok, da wird mal kurz erzählt, wer wie zum Vampir wurde, aber das wars auch schon. Edward ist manchmal ein wenig altmodisch, aber Carlisle hat so gar keine Probleme mit der modernen Medizin. Ich erinnere mich an ein Buch von Marion Zimmer-Bradley, in dem ein Unsterblicher durchaus seine ganz eigenen Ansichten über die aktuelle Medizin im Vergleich zur altägyptischen hatte. Oder an den Modevergleich aus verschiedenen Jahrhunderten, den Lestat in Anne Rice’ “Fürst der Finsternis” zieht. In Twilight ist das offensichtlich ein so unwichtiges Detail am Rande der Liebesgeschichte, dass es nicht wert ist, überhaupt darüber zu schreiben.
Aber bitte mach weiter. Ich will nicht alleine da stehen mit meinem Hang zu schlechter Literatur. *ggg*
Posted 05 Jan 2011 at 09:47 ¶Keine Angst, ich werde weiterlesen. Nur nicht unbedingt sofort.
Ich habe momentan ja leider keinen Job, aber das kann sich ab nächster Woche ändern, und dann stehen auch noch mal ein paar Prüfungen an. Die Masse an Lesestoff, die ich hier runterreiße, ist dann sicher nicht mehr möglich. Ich weiß daher auch nicht, wie wahrscheinlich es ist, dass ich zwei Bücher gleichzeitig lese – und so ausführlich beschreibe.
Aber Twilight wird fertiggemacht, bis es mich fertig macht
Posted 05 Jan 2011 at 14:21 ¶Viel Glück in Sachen Job. Ich bin mir sicher, da wird sich dein Status recht schnell ändern.
Lies lieber schnell weiter, damit du es ebenso schnell vorbei hast. Ich war am Ende froh, dass ich die Bücher ziemlich alle hintereinander lesen konnte. Am Ende habe ich mir sogar noch das Bree Tanner Buch gegeben. Hätte ja sein können, dass Steph irgendwann doch was dazu lernt. Immerhin hat sie ja auch diese andere Serie mit den Seelen angefangen.
Aber nein, es gibt keine Entwicklung. Bree Tanner ist noch unlogischer und sinnloser als New Moon. Wer hätte gedacht, dass es dazu eine Steigerung geben könnte? Aber sie schafft es.
Posted 05 Jan 2011 at 15:41 ¶Post a Comment