Jedes Mal, wenn ich meine Augen im Morgenlicht öffnete und erkannte, dass ich eine weitere Nacht überlebt hatte, war eine Überraschung für mich. Nachdem die Überraschung abgeklungen war, würde mein Herz zu rasen beginnen [aber nicht fertig werden? PP] und meine Handflächen würden schwitzen; ich konnte nicht wirklich atmen, bis ich aufgestanden war und sicher gestellt hatte, dass Charlie auch überlebt hatte.
Mit diesen Worten beginnt Kapitel 11, »Der Kult«. Bella steht mit Atembeschwerden und voller Überraschung auf. Und ich erkenne, dass Stephenie Meyer anscheinend einen finanziellen Bonus bekommen hat für jedes Mal, wo Bella etwas erkennt (oder entscheidet). »I realized« steht da ständig.
Und hier ein Zitat aus Dan blogs Twilight: »Nur, um Bellas Charakterzüge zusammenzufassen: Sie ist eine unglückliche, verlogene, überreagierende, ungehorsame, jammernde Angeberin, die gut riecht und oft hinfällt. Seit Hamlet hat es keine derart tiefe Figur mehr gegeben, und es ist kein Wunder, dass alle Jungs in Forks sich in sie verlieben.«
Und Bella vermisst Jacob »ganz furchtbar«. Zählen wir die Adjektive:
Jetzt, mehr denn je, sehnte ich mich nach seinem sorglosen Lachen und seinem ansteckenden Grinsen. Ich brauchte die sichere Gesundheit seiner selbstgemachten Garage und seiner warmen Hand um meine kalten Finger.
Da ist wörtlich keine einzige Gelegenheit ausgelassen worden.
Aber Jacob ruft auch am Montag nicht an. Am Dienstag ruft Bella einmal bei Billy an, aber niemand meldet sich. Am Mittwoch ruft Bella jede halbe Stunde an. Jede halbe Stunde! Um dann am Donnerstag eine Stunde in ihrem Laster zu sitzen und kurz davor zu sein, zu ihm zu fahren. Während sie aber gleichzeitig denkt, der abgebrochene Kontakt sei sicherer für ihn, schließlich ist ja noch Laurent unterwegs, der ganz bestimmt die Wölfe locker getötet hat. Dann ergeht sie sich in der Vorstellung, dass Victoria sie findet und tötet, und vielleicht wäre damit alles gut. Und meine gelangweilten Augen rollen so hart in meinem kahlen Kopf, dass sie fast aus meinem knochigen Schädel fallen. Oder so.
Und dann hat Bella die Erleuchtung. Plötzlich zählt sie zwei und zwei zusammen, plötzlich weiß sie, was mit Jacob los ist! Jacobs Fernbleiben, sein Streit mit Embry, Billys ausweichende Antworten:
Herrje, ich wusste genau, was mit Jacob los war. Es war Sam Uley. (…) Er war in Sams Kult hineingeraten.
Ganz ehrlich, wenn Schwangere dieses Buch lesen, dann hat inzwischen selbst ein mitlesender Embryo kapiert, dass hier Werwölfe umgehen. Dass Bella da nicht drauf kommt, dass Smeyer diese offensichtlich falsche Epiphanie auch noch so hervorsticht, ist weder ironisch noch tragisch, sondern führt nur dazu, dass ich Bella für ausnehmend dämlich halte.
Der Kult gibt Bella jedoch die Ausrede, um Jacob besuchen zu fahren, weil sie ihn dann ja da rausholen könnte. Schließlich will sie nicht riskieren, »Jacob an Sam zu verlieren«. Und so entschließt sie sich, Jacob zur Not auch zu kidnappen, wenn er nicht mitkommen wollte. Aber zuerst ruft sie ihren Vater an und erzählt ihm von Sam.
Charlie glaubt ihr nicht und meint, dass Bella eventuell beleidigt sei, weil Jacob Zeit mit anderen verbringe.
»Hier geht es nicht um mich«, versicherte ich
…was gelogen ist, weil wir gerade erst gelesen haben, dass Bella Jacob nicht an Sam verlieren will. Kein Gedanke, ob es Jacob gut geht. Nur, dass er nicht bei ihr sein kann. Was sich im Laufe des Kapitels auch bestätigen wird.
Charlie erwähnt zwei verschwundene Camper, anscheinend von den Wölfen gefressen, und Bella ist bass erstaunt: Wenn die noch leben – ist Laurent etwa geflohen? Wieso flieht der denn vor pferdegroßen Wölfen? Aber er muss ja geflohen sein, weil die Wölfe den Vampir sicher nicht töten könnten.
Was ich auf der Weide gesehen hatte, war gerade seltsamer und seltsamer geworden – noch unmöglicher zu verstehen
Meine geputzten Zähne reiben aneinander, dass meine mahlenden Kiefer ein knirschendes Geräusch in der warmen Luft verursachen. Oder so. »More impossible«? Sprache böse, Smeyer, Sprache sehr, sehr böse. Und Bella sehr, sehr dumm.
Nachdem Billy Bella Bullo am Telefon noch einmal abgewimmelt hat, fährt Bella los. Sie wird zur Not die ganze Nacht vor dem Haus darauf warten, dass Jacob sich zeigt, und sogar die Schule schwänzen, wenn sie muss. Was absolut normales und gesundes Verhalten ist und ganz und gar nicht kultverdächtig. Nein nein.
Sie trifft Quil, Jacobs Kumpel, der ihr bestätigt, dass Jacob jetzt mit Sam Uley unterwegs ist. Quil ist nun der Außenseiter, der nicht dazu gehört, aber auch nicht dazugehören will – wie das so ist, wenn man der Einzige in seinem Ort ist, der nicht zur Gang gehört, will man das auch auf keinen Fall. Nein nein.
Aber Quil hat Angst.
»Ich will nicht der nächste sein.«
Meine Augen spiegelten seine Angst.
Was heißt das? Was bedeutet es, dass die Augen Angst spiegeln? Ist das eine Superkraft? Oder haben Bellas Augen Angst? Wovor? Und woher weiß Bella, ob ihre Augen ängstlich aussehen? Schließlich kann sie ihre Augen nicht sehen. Argh.
SMEYER!
Dann kriegen wir diesen Absatz. Ein Satz passt nicht rein. Suchen wir ihn gemeinsam.
Quils Gesicht spukte in meinem Kopf, als ich eine große Kehre machte und zurück zum Haus der Blacks fuhr. Was passierte hier? Ich hielt vor Jacobs Haus, schaltete den Motor aus und ließ die Scheiben runter. Es war schwül heute, ohne Wind. Ich legte meine Füße auf das Armaturenbrett und bereitete mich aufs Warten vor.
Mitten in eine Beschreibung dessen, was Bella tut, bindet Smeyer einen Wetterbericht ein.
Dann taucht Jacob auf. Und er hat sich verändert:
Das Erste, was ich bemerkte, war sein Haar – sein schönes Haar war weg. (…) Die Ebenen seines Gesichts schienen sich leicht verhärtet zu haben, verengt (…) Sein Nacken und seine Schultern waren auch anders, irgendwie dicker (…) Aber die körperlichen Veränderungen waren unbedeutend.
Bella bemerkt die Veränderungen zuerst, und beschreibt sie eine Seite lang, aber sie sind unbedeutend, unwichtig, vernachlässigbar.
In jacob ist jetzt jedenfalls Dunkelheit, als ob »meine Sonne implodiert wäre«. Jacob ist Bellas Sonne.
Sam, Embry, Paul und noch einer stehen hinter Jacob. Bella wünscht sich plötzlich, Sam so richtig Angst machen zu können: »Ich wollte ein Vampir sein.«
Dieser »verbotenste aller Wünsche« ist nicht überraschend, will Bella doch seit einem halben Buch nichts anderes, aber er nimmt Bella jeden Fokus, weil die Löcher in ihrem Körper, die sie etwa alle fünf Seiten erwähnt – wenn Smeyer mal eine Metapher gefunden hat, die sie mag, ist sie wie ein Terrier und beißt sich darin fest – wieder aufreißen. Doch es gelingt ihr, Jacob zu einem Gespräch unter vier Augen zu bewegen.
Die beiden stapfen also ins Unterholz und Bella schweigt, bis Jacob sich ihr in den Weg stellt. Und Bella… lest selbst.
»Ich dachte, wir wären Freunde.«
»Waren wir auch.« Da war eine leichte Betonung der Vergangenheitsform.
»Aber du brauchst keine Freunde mehr«, sagte ich säuerlich. »Du hast Sam. Ist das nicht schön – du hast immer so zu ihm aufgesehen.«
(…)
»Machst du… mit mir Schluss?«
(…)
»Ich wünschte ich könnte ändern, wie ich für dich empfinde, Jacob.« Ich war verzweifelt, dehnte die Wahrheit so sehr, dass sie fast die Form einer Lüge annahm. »Vielleicht… vielleicht würde ich mich ändern«, flüsterte ich. »Vielleicht, wenn du mir etwas Zeit gäbst…«
Ja, ganz Recht: Bella versucht, Jacob wegen seiner Gefühle für sie zu manipulieren, seine Verliebtheit auszunutzen und ihm falsche Hoffnungen zu machen. Unsere Heldin. Und warum?
»Ich brauche dich!« Die inhaltslose Leere [geniales Adjektiv, übrigens. PP] meines Lebens bevor – bevor Jacob die Andeutung von Vernunft zurückgebracht hatte – erhob sich und stellte sich mir entgegen.
Ja. Selbstsucht. Jacob hält zum Glück dagegen und sagt Bella, sie solle aufhören Sam zu beschuldigen, es sei nicht seine Schuld. Wessen dann?
»Das willst du nicht hören.«
»Zur Hölle, ich will!«, schnappte ich. »Ich will es wissen, und ich will es jetzt wissen.«
»Du hast Unrecht«, schnappte er zurück.
»Sag mir ja nicht, ich hätte Unrecht – ich bin nicht diejenige, die eine Gehirnwäsche hatte! Sag mir, wessen Fehler das alles ist, wenn es nicht dein toller Sam ist!«
»Du wolltest es so«, grollte er mir entgegen, die Augen hart glitzernd. »Wenn du jemanden beschuldigen willst, warum dann nicht diese dreckigen, stinkenden Blutsauger, die du so sehr magst?«
Jacob weiß von den Vampiren! Bella spürt, wie sich ein zweites Loch in ihr auftut, und wie reagiert sie darauf wohl?
»Ich weiß nicht, wen du meinst«, flüsterte ich.
Er hob eine Braue. »Ich glaube, du weißt genau, wen ich meine. Du zwingst mich nicht, es auszusprechen, oder? Ich mag es nicht, dir wehzutun.«
»Ich weiß nicht, wen du meinst«, wiederholte ich mechanisch.
Sie lügt. Und ist verletzt, als er die Cullens nennt. Und sie fragt sich, ob Sam und seine Leute am Ende fanatische Vampirhasser seien.
Ganz ehrlich: Mit Vampiren, deren Biss immer tödlich endet, kann ich Vampirhasser gut verstehen. Bella versucht noch einmal, sich über »Billys abergläubischen Unsinn« lustig zu machen, weil Wahrheit und Bella wie Öl und Wasser sind.
Dann regt Jacob sich über Quil auf und schlägt vor einen Baum. Der Baum, schmal und nur etwa drei Meter hoch, zerbricht – genauer gesagt, er zerbricht laut. Weil so viele Dinge leise zerbrechen, bin ich froh, dass Smeyer das spezifiziert. Wie mit der inhaltslosen Leere, man kann ja nie wissen.
Jacob macht also Schluss mit Bella und verpasst ihr ein zweites Loch. Bella fährt nach Hause und erkennt ein paar Dinge. Weil Bella so durchlöchert ist, ruft Charlie wütend Billy an und beschwert sich über Jacob, zumal Bella »immer klar gemacht habe, dass sie nur seine Freundin sein wolle«. Was erstens nicht wirklich stimmt und zweitens etwas schaurig ist, weil Bellas Vater anscheinend genau über ihr Liebesleben informiert ist. Charlie und Billy streiten sich jedenfalls am Telefon.
Bella legt sich hin und träumt von Jacob, dessen Augenfarbe von gold zu rot zu gold wechselt, und dessen Haut bleich wird (soo viel hübscher als die eklige dunkle Haut, gell Smeyer?) – er wird zu Edward. Und dann wacht Bella auf und hört ein Kratzen an ihrem Fenster, »wie Fingernägel gegen Glas.«
Ich sage voraus: es sind Fingernägel, die Smeyer hier so geschickt vorausdeutet.

Comments 6
Die inhaltslose Leere ist mir damals gar nicht aufgefallen. *ggg* Vermutlich war die Qual des Lesens zu groß um noch auf Kleinigkeiten zu achten.
Hier lernen wir Bella als Stalkerin kennen. Es ist vielleicht ganz gut, dass sie vorher offensichtlich nie einen Freund hatte, denn ihr Umgang mit einem solchen ist absolut krankhaft. Immerhin haben wir nun auch die Erklärung, warum Edwards Stalking sie nicht schockiert. Sie hält dieses Verhalten für absolut normal.
Leider hält Steph nicht viel von ihren Lesern. Zumindest nicht von deren Intelligenz. Bella merkt nicht, dass das Werwölfe sind, wie sie im ersten Band ewig nicht begriffen hat, dass Edward ein Vampir ist. Genauso wenig wie die Familie Cullen im vierten Band auf Jacobs geniale Idee zur Steigerung Bellas’ Überlebenschancen angewiesen ist. Steph hält ihre Protagonisten klein und dumm und auch ihre Leser für extrem minderbemittelt.
Und wieder frage ich mich: Wo war der Lektor???
Posted 19 Dec 2010 at 23:30 ¶Sehr gute Frage. Stephs Vorteil ist, dass man als Leser_in ja mitdenkt. Jacobs aggressives Verhalten zum Beispiel werte ich unbewusst als Nachwirkung der Verwandlung und daraus, dass Sam und die anderen in Hörweite sind (Wolfhörweite).
Dan imponiert mir, weil er so fröhlich und positiv an die Sache rangeht und zur Not einfach selbst etwas weiterspinnt. Die Idee, dass Emmett Laurent im Wald tötet, und ihn so vor den Wölfen rettet, zum Beispiel: großartig *g*
Ich weiß nicht, ob ich auch noch so ein Ventil finde.
Und Bella als Stalkerin: ja, absolut. Nur komisch, dass sie auf »Pack mich nicht an« und »wir können keine Freunde sein« und »ich bin gefährlich und böse« nicht reagierte, indem sie sich sofort in Jacob verliebte. Hm.
Posted 19 Dec 2010 at 23:37 ¶Immerhin ist sie daraufhin das erste Mal bereit, darüber nachzudenken. Auch zwischen Edward und ihr ist ja faktisch keine Liebe im Spiel sondern rein die Faszination, die dieses Wesen auf sie ausübt. Bella erkennt nur den Unterschied nicht.
Dass Leser mitdenken dürfte für Steph kein Vorteil sondern eher ein Nachteil sein. Man hält ihre Protagonisten ja irgendwann wirklich für ein wenig dämlich.
Dan macht mit den Büchern eine gigantische Wandlung durch. *ggg* Er ist ja schon knapp vorm Ende des vierten Bandes. Glaub mir, es war nicht leicht für ihn. Vermutlich weil er ein intelligenter und kreativer Mensch ist.
Wolfhörweite…. schon mal nicht schlecht. Glaub mir, es ist schlimmer.
Posted 19 Dec 2010 at 23:54 ¶Oh, dann bin ich gespannt. Habe Spaß daran, mir den Dan im Nachhinein durchzulesen.
Hatte heute übrigens das Problem, dass ich die Figuren in “Eclipse” zählen musste, anhand einer Zusammenfassung des Plots – da musste ich mich sehr bemühen, nur nach den Schauspieler_innen-Namen in Klammern zu suchen und nix mitzukriegen. Ist mir aber gelungen. Okay, ich weiß, dass Bella und Edward und Jacob und Charlie wieder dabei sind, aber das hatte ich eh gedacht.
Posted 20 Dec 2010 at 00:00 ¶Bei der Charakterisierung fehlt meiner Meinung nach definitiv die Eigenschaft Manipulativ
Ansonsten stimme ich Dan’s Charakterisierung zu.
Posted 20 Dec 2010 at 12:00 ¶Der Hausarrest den Charlie verh ngt hatte und dieser unselige Job bei Newtons reduzierten meine Zeit mit Bella auf ein unertr gliches Ma . Auch wenn ich es hasste dass Bella eingesperrt war so akzeptierten wir doch beide die Strafe die sich eigentlich gegen mich richten sollte.
Posted 21 Dec 2010 at 05:16 ¶Post a Comment