Oh je. Ich habe mich ver-raten. Das Kratzen am Fenster sind keine Fingernägel, sondern Äste. Mea culpa.
Mit ist vorgeworfen worden, dass ich bisweilen missachte, dass es sich bei Bella um ein junges Mädchen handele, und die seien nun mal manchmal so, wie von Smeyer geschildert. Dass ich dadurch Positives ignoriere. Das mag sein. Allerdings liegt das wahrscheinlich daran, dass dieses möglicherweise manchmal realistische Mädchen in einem Text versteckt, der mir langsam den Verstand raubt, und ich dann vielleicht etwas betriebsblind werde. Und dazu kommt für mich auch immer, dass Realismus keine Qualität in sich ist – sondern die Frage gestellt werden muss, ob diese Realität denn auch lesenswert ist.
Aber jetzt zum Kapitel.
Bellas Augen fliegen weit auf, aber Bella selbst wacht noch nicht auf, sondern bleibt im Halbschlaf. Das ist der Tenor dieses Kapitels, in dem Bella wirkt, als stünde sie unter starken Schlafmitteln. Später wird sie fast im Stehen einschlafen und ist zu müde zum Denken, was keine sehr realistische (ha!) Darstellung von Adrenalinschüben ist, die man bei einem nächtlichen Eindringling erleidet.
Bellas Kehle schließt sich um einen Schrei herum – das bedeutet anscheinend, dass sie nicht schreit –, als sie die dunkle Gestalt sieht, die an ihrem Fenster hockt.
Victoria.
Sie war meinetwegen gekommen.
Ich war tot.
Nicht auch Charlie!
Da sich direkt danach die Gestalt als Jacob erweist, macht Smeyer hier der Spannung wegen etwas, wodurch Bella weiter als überdramatische Person dargestellt wird, die sofort nur an das Schlimmste denkt.
Zum Glück sind die Wolken sanft von hinten beleuchtet – so beschreibt Smeyer, dass Bella genug Licht hat, um Jacob zu erkennen. Der gerade schon zu ihr gesprochen hat. Und auf die Frage, was er tue, antwortet: »Ich versuche, mein Versprechen zu halten.«
Oh Gott, Jacob ist großartig. <3
Bella, die sich gerade erst in den Schlaf geheult hat, weil Jacob nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte - »seine kühle Ablehnung hatte ein neues Loch in den Überresten meiner Brust geschlagen« – freut sich allerdings nicht, sondern ist sofort sauer darüber, dass er gekommen ist. Weil man es Bella nicht Recht machen kann, egal, was man tut. Jacob kam, um sich zu entschuldigen - Bella akzeptiert nicht. Und dann:
Ich versuchte, ihn aus dem Fenster zu stoßen – wenn es sich um einen Traum handelte, würde ich ihn nicht wirklich verletzen.
Was zur Hölle? Aus irgendeinem Grund rechtfertigt sich Bella mit der Idee, es könne sich ja um einen Traum handeln, und he! dann ist ja alles egal. Ich gehe dann morgen mal eine Bank ausrauben – wenn ich in einem Film bin, kommt ja für die Verfolgungsjagd der Stuntman und es passiert mir nix.
Nachdem sie Jacob nicht schieben kann, schläft sie fast ein, aber Jacob fängt sie auf und trägt sie aufs Bett. Dann entschuldigt er sich und sagt, er würde gerne erklären, könne es aber nicht.
Und damit beginnt eine sehr komische Unterhaltung. Ich glaube, Stephenie Meyer kann nicht kommunizieren. Gar nicht. Ansonsten lässt sich fast nicht erklären, dass die von ihr geschriebenen Dialoge alle so seltsam sind. Niemand sagt jemals, was er sagen will – und das wird hier auf die Spitze getrieben.
Jacob hat nämlich ein Geheimnis, ein Geheimnis, dass er niemandem erzählen kann. Aber er will, dass Bella das Geheimnis auch kennt. Also sagt er ihr, dass er ein Geheimnis hat, dass er ihr nicht erzählen kann. Und bittet Bella, zu raten. Nicht nur das, er gibt ihr auch Tipps. Ehrlich, die Diskussion läuft so:
Jacob: Ich weiß etwas, das du nicht weißt.
Bella: Was denn? Bist du einem Kult beigetreten, der keine Hemden trägt?
Jacob: Nein, mir ist nur immer warm. Pass auf, du kannst raten, was mein Geheimnis ist. »Ich kann es dir nicht sagen, aber wenn du es rätst! Dann habe ich nichts falsch gemacht!«
Bella: Ich kann nicht raten
Jacob: »Warte, mal sehen, ob ich dir nicht helfen kann. Mit Tipps.« Erinnere dich an den Tag am Strand, als ich dir von den Legenden unseres Stammes erzählt habe.
Bella: Ja, ich erinnere mich. Du hast von der Sintflut erzählt und dass deine Leute in Kanus überlebten. Oh Gott! Wird eine Sintflut kommen?
Jacob: Nein, denk weiter.
Bella: Bist du ein Kanut?
Jacob: Nein. Denk, Bella!
Bella: Ich bin soooo müüüüde!
Jacob: Ich muss gehen.
Bella: Ich kenne dein Geheimnis nicht
Jacob: Doch, kennst du. Du musst es erraten, das ist total wichtig. Aber erzählen werde ich das nicht. Und ich muss gehen.
Bella: Zu Sam?
Jacob: Ja, weil er glaubt, dass es zu gefährlich ist, wenn ich dich sehe. Zu gefährlich für dich. Und ich muss gehen.
Bella: kriegst du Ärger?
Jacob: Ja, bestimmt, aber das ist es wert. Ich habe versprochen, dir beizustehen. Ich muss echt los.
Bella: Und dein Geheimnis?
Jacob: Errat es. Und wenn du es errätst, aber mich dann nicht mehr sehen willst, ruf mich an. Ich muss übrigens los.
Bella: Ach, klar will ich dich noch sehen.
Jacob: Und wenn nicht, ruf an. Damit ich es weiß. Jetzt muss ich aber.
Bella: *schläft ein, träumt von Jacob, der sich in einen Wolf verwandelt.*
Das ist verdammt verflucht nervig zu lesen. Auch ohne Smeyers ganz eigenen Stil, mit dem Jacob zum Beispiel sagt: »Erinnere dich an den Tag, an dem wir uns zum ersten Mal trafen«, obwohl Jacob und Bella sich aus Bellas Besuchen in Forks seit Jahren kennen. Jacob stellt mehrmals Fragen, die das Thema einkreisen, sodass er eigentlich auch Galgenmännchen spielen könnte – oder Scharade. »Ein Wort! Hmm… Mond? Mondgeheul? Wolf? Okay, Wolf ist der zweite Teil. Frage? Du und ich? Wir? Oh mein Gott, du hast mir ein Wolfsjunges gekauft! Super!«
Oder der Art, wie Bella Jacobs, »Ich sollte nicht hier sein, es ist nicht sicher« interpretiert:
Jacob sollte nicht hier sein, in meinem Zimmer. Wenn jemand kam, um mich zu töten, musste ich alleine sein.
Also echt. Wenigstens sollte es heißen:
Jacob hatte Recht. Die paar Tage, die ich mit dem Katana trainiert hatte, machten mich nicht gerade zur Expertin. Wenn jemand käme, um mich zu töten, wollte ich das Schwert benutzen können, ohne die Gefahr, dabei Jacob verletzen. Und dann waren da noch die ganzen Fallen – nur ein Schritt weiter links, und Farbeimer würden Jacob auf den Kopf fallen.
Bella hat weniger Chuzpe als Kevin allein zu Haus.
Und dann ist da dieses literarische Meisterstück:
»Es würde wirklich helfen, wenn du das erraten könntest, Bella. Streng dich an.«
»Ich werde es versuchen.«
»Und ich werde versuchen, dich wieder zu besuchen. Und sie werden versuchen, mich davon abzubringen.«
»Hör nicht auf sie.«
»Ich werde es versuchen.«
Bella hat bei Jacobs Besuch bereits geschrieen, aber als sie aus dem Traum erwacht, in dem Jacob zum Wolf wird, hat sie einen hysterischen Schreianfall, wie das bei Mädchen eben so ist. Darum kommt wahrscheinlich Charlie auch nicht besorgt gucken, was los ist. Und auf Seite 388 von 751 spuckt Bella unter Mühe endlich »Werwolf« aus. Und fragt sich, ob das wirklich möglich sei. Schließlich war Edward eindeutig und in keinster Weise gewöhnlich, also sieht man ihm sein Vampirsein an. Jacob hingegen ist total gewöhnlich. Und was sagt das über Bella, dass sie sowohl Vampiren, als auch Werwölfen begegnet? Die Antwort ist klar:
Etwas stimmte mit mir ganz gewaltig nicht.
Bella ist schuld, dass in Forks Vampire und Werwölfe leben, und nicht etwa das Touristenbüro mit seiner gekonnten und zielgruppengerechten Werbung.
FORKS! Die Stadt, in der es immer regnet! In der Sonnenschein eine Seltenheit ist.
FORKS! Die Stadt, in der man ohne Ankündigung von Schule oder Beruf fernbleiben kann!
FORKS! Die Stadt, in der es keine Archive gibt! In der Namen nach einem Jahr vergessen werden.
FORKS! Die Stadt für den vegetarischen Vampir, der etwas auf sich hält! Großzügige Wildnis nur einen kurzen Sprint entfernt. Jagen Sie Wildkatzen in den Bergen oder Haie im Meer, ganz wie Sie es wünschen! Und für den Ausrutscher hier und da: Port Angeles ist voller Vergewaltiger! Die vermisst niemand!
—
FORKS! Wo der Mond noch voll und rund am Himmel steht!
FORKS! Wo Vampire sich vertraglich verpflichten, ein großzügiges Reservat nicht zu betreten!
FORKS! Wo Indianer noch Indianer sein können, ganz ohne soziale Probleme.
FORKS! Wo Werwölfe auch im Winter ohne Hemd rumlaufen dürfen! Wir stellen keine Fragen! (Jetpacks bitte selbst mitbringen)
Bella steht früh auf, um Jacob zu besuchen. Sie muss Jacob von ihrer Theorie erzählen, damit er ihr sagen kann, dass sie nicht verrückt wird. Und nachdem sie schon so oft da angerufen hat, kann sie jetzt keinesfalls das Telefon benutzen, das wäre zu unproblematisch. Also muss sie hinfahren.
Aber da trifft sie ihren Vater, der ihr von einem Wolfsangriff erzählt. Und von der beginnenden Treibjagd auf die Wölfe. Bella hat Gewissensbisse: Man wird auf Jacob schießen! Aber gleichzeitig: sind die Wölfe etwa Monster?
»Sie werden die Wölfe erschießen?«
(…)
»Du wirst doch nicht zum Öko-Futzi werden?«
Ich habe Neuigkeiten für Charlie bzw. Stephenie Meyer. Wölfe greifen normalerweise keine Menschen an. Und wo wir gerade dabei sind: Alphawölfe sind anscheinend auch Schwachsinn – was übrigens und nebenbei das Gerede von “Alphamännern” bei den Beziehungsexperten der Männerbewegung noch lustiger macht. In New Moon ist allerdings Sam Uley klar der Alphawolf.
Da Bella aber kein Öko-Futzi wird, geht Charlie auf die Jagd. Und Bella fällt zu Boden und nimmt den Kopf zwischen die Knie, weil nichts passieren kann, das nicht mit den extremsten und dramatischsten Gesten beantwortet wird.
»Bella, der Toast ist angebrannt!« Seine Stimme war stimmlich.
Der scharfe Geruch des verbrannten Brotes stieg in meine empfindliche Nase. Nie zuvor und nie danach hatte jemand so etwas Schreckliches erlebt. Ein weiteres gezacktes Loch tat sich in meiner hohlen Brust auf. Und das Schlimmste war, nicht nur ich hatte jetzt nichts, was ich in meinen heißen Kaffee tunken konnte – sondern auch Charlie! Charlie war ohne knuspriges Toast! Mein geplagter Körper begann, sich zu krümmen.
Ach nee, das steht hier:
Ich musste ihm und seinen Freunden sagen, dass sie aufhören mussten. Sie mussten aufhören! Charlie war draußen im Wald. Würde sie das kümmern? Ich fragte mich… bislang waren nur Fremde verschwunden.
Weil es natürlich völlig okay wäre, wenn die Wölfe nur Fremde anfielen.
Jacob war mein bester Freund, aber war er auch ein Monster? Ein echtes? Ein böses? Sollte ich sie warnen, wenn er und seine Freunde… Mörder waren?
Wobei Edward ihr erzählt hat, dass er auch schon Menschen getötet und getrunken hat. Wobei sie im Endeffekt auch den Cullens nur glaubt, dass keiner von ihnen ab und zu einen Menschen angreift. Wobei die Werwölfe gerade erst zu solchen wurden und das auch bei Vampiren – siehe den immer noch vergleichsweise alten Jasper – nicht so einfach ist, auf Menschenfleisch zu verzichten.
Trotzdem baut Smeyer anscheinend hier einen Gegensatz auf zwischen den heiligen Vampiren und den unheiligen Wölfen, und ganz ehrlich, das gefällt mir gar nicht, und nicht nur wegen der mormonischen Rassenlehre. Sondern auch, weil Jacob cool ist. Bella hingegen denkt: »Es konnte nicht schlimmer sein als das, was die Cullens durchmachten.« Na dann.
Wird Bella also die Wölfe warnen? Wir werden sehen.
UPDATE: hier eine verkürzte Fassung von New Moon für Leute, die gerade dazu kommen.
Kapitel Eins: »Bella, ich habe zu viel Angst, dich zu verletzen, ich ziehe weg.«
Kapitel Zwei: »Edward ist ein Arsch, aus Rache knutsche ich mit Mike und dann schnappe ich mir Jacob!«
Kapitel Drei: »Heilige Scheiße, Bella, ich bin ein Werwolf!«

Comments 4
Ich muss sagen der Schreibstil erinnert mich diesmal irgendwie viel mehr an Dan
Dennoch tun mir die direkten Zitate aus dem sinnlosen Buch übermäßig weh, denn sie füllen meine geweiteten Augen mit einer klaren Flüssigkeit, vielleicht Tränen.
Oder so ähnlich ^^
Posted 22 Dec 2010 at 11:44 ¶Dir noch viel Erfolg bei den restlichen Seiten. Schonmal überschlagen wieviele Seiten das insgesamt noch sind – nicht nur in diesem Buch?
Ja, ich kann den Einfluss auch nicht verleugnen. Dan nimmt es mit Humor, das hilft vielleicht
Überschlagen? Warte… in meinem ebook-Leser sind es noch etwa 350 Seiten… plus 890?! Oh… plus 1300?!?!?! 2500 Seiten noch? Zweitausendfünfhundert Seiten?
Da werde ich womöglich live im Blog den Verstand verlieren.
Posted 22 Dec 2010 at 11:50 ¶Ich habe festgestellt, dass Dan’s Blog einem hilft, gegen den beginnenden Wahnsinn bei der Lektüre dieser Bücher anzukämpfen. Wann beginnt Wahnsinn? Merkt man, wann es anfängt und wann ist es zu Ende? Oh Gott, ich schreibe schon wie Steph.
Dieses Kapitel fand ich auch aus mehreren Gründen heftig. Erstens die Bigotterie, die den Vampiren zugesteht, dass sie auch mal Menschen getötet haben, den Werwölfen aber dieses Recht abspricht (vermutlich weil es bei den ersten lange her ist und damit nicht mehr zählt). Zweitens wegen Stephs unmögliche Art, ihre Protagonisten selten dämlich und begriffstutzig hinzustellen. Ich wette, ich war nicht die einzige, die Bella heimlich angeschrien hat, dass es sowieso nur eine einzige Antwort auf sein Rätsel gibt. Jeder hatte es vorher kapiert. Nur die arme Bella nicht.
Das schlimmste ist aber, dass später im Buch eine noch viel heftigere Szene zu diesem Thema kommt. Auch dort wird Bella den Vampiren alles verzeihen, was sie Jacob vorerst ankreidet.
Zu dem Vorwurf, Bella wäre ein junges Mädchen und die wären eben oft so: Bella ist 17 und keine 13. Mit 17 sollte man sich eben nicht mehr so benehmen, wenn man nicht als extrem unreif gelten möchte. Gut, ich weiß jetzt nicht, inwieweit das in Amerika anders ist als hier. Aber ich bin zwei Monate nach meiner Volljährigkeit von zu Hause ausgezogen. Da war ich auch noch jung, aber eindeutig in der Lage, mein Leben selbst zu meistern. Nein, Mädchen sind hoffentlich nur ganz selten so.
Gib’s zu, die Sache mit den Jetpacks ist genial.
)
*geht jetzt, Fledgling lesen*
Posted 22 Dec 2010 at 20:39 ¶Bella ist sogar 18
Und ja, die Jetpacks sind sehr gut.
Posted 22 Dec 2010 at 21:42 ¶Post a Comment