Privilegien, illustriert

Ich möchte noch einmal kurz die Fragen kommentieren, die sich in letzter Zeit bei Formspring sammeln – gerade habe ich zwei gelöscht, die sich auf konkrete Blogbeiträge hier bezogen – dafür gibt es hier die Kommentarfunktion oder, wenn man geblockt ist, E-Mail oder Trackbacks zu eigenen Blogs.

Für mich illustriert diese Fragewut, ähnlich wie das Verhalten der Typen von TeamLiquid auf Kritik, die Idee der Privilegien.

Bei Privilegien geht es nicht nur um Bevorzugung. Privilegiert sein bedeutet, nicht darüber nachdenken zu müssen, ob man bevorzugt oder benachteiligt wird. Privilegiert sein bedeutet, der “Normalzustand” zu sein. Männlich ist normal, weiblich die Abweichung; deutsch ist normal, “Migrationshintergrund” die Abweichung; heterosexuell ist normal, homosexuell (bisexuell, asexuell usw.) die Abweichung; gesund ist normal, beeinträchtigt die Abweichung. Und so weiter und so fort.

Wer privilegiert ist, ist gewohnt, dass er immer überall rein darf. Dass er immer zu allem gefragt wird. Dass er Forderungen stellen kann. Dass ihm Dinge erklärt werden, die andere selbst lernen müssen. Und so weiter und so fort.

Jetzt gibt es plötzlich Orte, wo man nicht reindarf. Wo die eigene Meinung nicht nur wegen dem gehört wird, der sie äußert. Wo es ausnahmsweise mal keine Entschuldigung ist, nett zu sein. Und der Privilegierte kann gar nicht anders: er versteht es nicht. Vielleicht fuchst es ihn sogar.

Also sucht er andere Möglichkeiten, sich in den Ort zu schummeln. In diesem Falle Formspring. Zuerst wird versucht, die Diskussion, aus der man ausgesperrt wurde, doch noch zu führen, aber je weniger das klappt, desto mehr fuchst es. Jetzt versucht man, Schwächen zu finden, oder Trickfragen zu stellen, oder einfach persönliche Fragen zu formulieren. Die Idee ist wohl: entweder ist die Antwort verfänglich, oder die Antwort wird verweigert – egal wie, wir haben etwas zum Bloßstellen gefunden. Und wenn das alles nichts hilft, stellen wir fragen nach der Besucherzahl des Blogs.

Interessanterweise haben die TeamLiquid-Jungs, die in dem verlinkten Beitrag des Sexismus überführt wurden, ähnliches getan: sie haben die Größe ihrer Seite in den Vordergrund gestellt. Wenn alle Stricke reißen, Schwanzvergleich.

Diese meine Seite ist ziemlich unbedeutend, selbst für deutsche Verhältnisse. Umso interessanter finde ich, wie sehr sich der oder die Frager (aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Umfeld von Christians Alles-Evolution-Seite) daran aufhängen. Es zeigt meines Erachtens das Unverständnis, einmal nicht gehört zu werden. Nicht reingelassen zu werden. Das angewöhnte Privileg, dazu zu gehören.

Hier gehören sie eben nicht dazu. Mann, muss das ärgerlich sein.

Comments 12

  1. avatar Lia wrote:

    Heißt das, alle, die hier schreiben können, sind privilegiert?

    Mich wundert diese ungeteilte Aufmerksamkeit auch. Deine Seite ist ja nun wirklich weder die größte noch die bekannteste im Netz. Ich bin auch erst durch die Twilight-Beiträge darauf gestoßen. Die Beiträge sind interessant, ich schaue gerne hier rein – so wie in viele andere Seiten, die ähnlich groß und ähnlich (un)bedeutend sind.

    Warum sind Christian & CO so sehr auf deine Anerkennung ihrer Thesen aus? Brauchen sie so sehr eine Bestätigung von außerhalb ihres eigenen Forums?

    Über die Sache mit den Privilegien denke ich übrigens immer noch nach. Sind Bisexuelle nicht eigentlich privilegierter als alle anderen, weil sie bei der Wahl ihres Partners keinerlei Einschränkungen unterliegen? Sind wir Frauen nun privilegiert, weil bunte Kleidung und luftige Röcke tragen können, während Männer da doch wesentlich eingeschränkter sind, wollen sie dem gesellschaftlich akzeptieren Bild eines Mannes entsprechen?

    Posted 05 Oct 2010 at 15:20
  2. avatar Patrick wrote:

    Die Möglichkeit, einen Rock zu tragen, ohne schief angeschaut zu werden, kann tatsächlich als Privileg verstanden werden.

    Zu Privilegien siehe auch What Privilege, die bezeichnenderweise vorher Blind Privilege hieß, was zeigt, dass niemand perfekt ist.

    In gewisser Weise ist es tatsächlich ein Privileg, hier kommentieren zu dürfen. Denn dafür braucht es zumindest Zugang zu einem Computer und dem Internet. Privilegien sind Chancenungleichheiten, und leider damit einhergehend oft eine Selbstverständlichkeit in der Annahme dieser Privilegien.

    Gerade habe ich einen Bericht über Wall Street gehört, wo die Broker es selbstverständlich fanden, dass der Staat sie mit Milliarden aus der Scheiße geholt hat. Die Interviewerin sagte: “Okay, wir haben euch geholfen, aber ich fände es nett, wenn ihr da wenigstens dankbar wäret und das anerkennt.” Die Broker aber fanden das völlig unverständlich. In ihren Augen hatten sie ihren Job nicht immer noch wegen der Staatshilfe, sondern weil sie die Besten und Klügsten waren. Dankbarkeit – pah!

    Dieses Gefühl, auch noch ein Recht auf Bevorzugung zu haben, zeigt sich m.E. auch hier. Die letzte Frage bei Formspring war ja, ob Schwanzvergleiche immer schlecht seien. :)

    Ansonsten: wie, Lia, du liest auch andere Blogs? Du liest fremd? Ich wusste gar nicht, dass wir eine offene Beziehung haben…

    Posted 05 Oct 2010 at 15:40
  3. avatar Lia wrote:

    Ähh ja *verlegen guckt* ich lese auch noch an anderen Orten wie zB hier:

    http://www.anders-anziehen.blogspot.com
    http://www.soukmagazine.de
    http://www.dannygregory.com
    http://www.notquitelikebeethoven.com
    http://www.moonlightchronicles.com
    bei Sparknotes natürlich
    http://www.die-geschlossene-gesellschaft.com (da schreibe ich sogar)

    und manchmal, wenn mein Skurrilitätsanteil im Blut zu gering wird, lese ich hier:

    http://www.femininelesbians.wordpress.com

    Die sind – nun ja – was spezielles. Irgendwie die Kehrseite von Christians Blog. *ggg*

    Posted 05 Oct 2010 at 20:43
  4. avatar Lia wrote:

    (Doppelkommentar entfernt)

    Posted 05 Oct 2010 at 20:44
  5. avatar Patrick wrote:

    Tja, dann werde ich mir jetzt auch andere Kommentatoren suchen. Pöh.

    Posted 05 Oct 2010 at 23:24
  6. avatar Lia wrote:

    Darfst ja auch dort mitlesen und -schreiben, wenn du gerne magst. *Privileg weiterreicht* Falls du das nicht eh schon längst tust.

    Wieso steht mein Beitrag eigentlich zwei Mal da? Beim ersten Mal hatte das Absenden doch gar nicht funktioniert?!

    Immerhin möchte ich darauf hinweisen, dass dein Blog einer von zwei ist, in dem ich überhaupt regelmäßig schreibe.

    Posted 06 Oct 2010 at 11:29
  7. avatar Patrick wrote:

    Ah, der erste Beitrag ist im Spamordner gelandet, weil er so viele Links enthielt. Und dann habe ich ihn freigeschaltet. :)

    Ich entferne den ungelinkten. Und danke, deine Kommentare schätze ich sehr sowie die Links waren interessant, ich kannte keine einzige der Seiten. Hast du ein Blog oder so was in der geschlossenen Gesellschaft? Kannst du mir ja auch mailen, falls ja, würde mich interessieren :)

    Posted 06 Oct 2010 at 11:31
  8. avatar Angelika wrote:

    ahoi Patrick, danke für deine beobachtungen, die ich in diesem falle auch wieder gerne gelesen habe.

    ich habe deinen blog ja über die maedchenmannschaft gefunden.

    wenn ich als nicht-bloggerin mal etwas “kommentiere”, dann ist meine einstellung 1. es sollte positiv sein und 2. hoffentlich konstruktiv.

    und das thema “christian u.a.” war ja bereits angesprochen.
    auch ich wundere mich dann schon sehr über die einstellung/mentalität solcher “herrschaften” (freundlicher ausgedrückt als mir zumute ist).

    meine realistische einschätzung : das wird noch “schlimmer” werden (wenn private blogerrInnen da nicht konsequent moderieren).
    ich beobachte es am rande mit der MRA-bewegung (sog. “men’s rights activists) i.d. englischsprachigen blogspäre.

    Posted 07 Oct 2010 at 13:42
  9. avatar Lia wrote:

    Ich habe Privilegien eigentlich nie als Normalzustand gesehen sondern als Sonderrechte. Schwanger zu werden mag als Privileg der Frauen gesehen werden, ist aber einfach eine biologische Tatsache. Als WASP geboren worden zu sein mag zu einem absolut privilegierten Leben führen, ist aber nichts, worauf man selbst Einfluss gehabt hätte. Ist Intelligenz ein Privileg? Sehe ich mir an, wie viele intelligente Kinder in der Schule demotiviert werden und durch den Rost fallen, wage ich, daran zu zweifeln.

    Männer mögen beruflich privilegierter sein als Frauen in Bezug auf Karrierechancen. Aber ist Karriere das einzige, was ein erfolgreiches Leben definiert? Ist nicht eigentlich der Mensch privilegiert, der Freude im Leben empfinden kann und das tut, was er wirklich will?

    Schließen sich Männer nicht selbst vom Privileg der freien Berufswahl aus, wenn Berufe in typisch männlich (verbunden mit besserer Bezahlung) und typisch weiblich (verbunden mit schlechterer Bezahlung) unterteilt werden?

    Mir kommt vor, als wären Privilegien in vieler Hinsicht auch Einschränkungen. Denn Privilegien will man nicht verlieren. Man kämpft darum, sie zu behalten. So ganz bin ich da gedanklich noch nicht durch, einfach weil ich wenige Sonderrechte erkennen kann, auf die man wirklich Einfluss hätte.

    Posted 08 Oct 2010 at 14:57
  10. avatar Anonymous wrote:

    Gegenthese: Deine Verwendung des Begriffs „Privileg“ ist (a) in einem wesentlichen Teil Falsch, was dazu führt, dass du (b) dich nicht erklären kannst und (c) an sich nicht Zielführend ist.
    (b) der ‚Falsche‘ Gebrauch widerspiegelt sich darin, dass du eine andere Sprache sprichst, jedoch die gleichen Worte benutzt was unklar und verwirrend ist, insbesondere, da sie nur teilweise ‚Falsch‘ ist. Sprache ordnet die Gedanken und lenkt dadurch Einsichten in die eine oder andere Richtung. Da mit dem Begriff ‚Privileg‘ ein moralisches Urteil mitschwingt, sehe ich in deiner Darlegung den Versuch, mittels Sprache eine moralische Wertung bei Geschlechterfragen durchzudrücken, die so nicht geteilt wird und deswegen mit ‚richtigen‘ Gebrauch von Privileg nicht akzeptiert werden muss. Gerade weil dein Sprachgebrauch ‚falsch‘ ist, sehe ich eine gewisse Legitimität darin, dies als eine Trickserei zu sehen und dem mit Trickfragen zu begegnen (allgemein, ohne den Verknüpfungen nachgegangen und so ohne konkrete Trickfragen nachgelesen zu haben).
    (a) Wenn ich sage, dass dein gebrauch Falsch ist, sollte ich wohl eine Skizze des richtigen Gebrauchs dazustellen:
    Privileg: Duden Online Gratisvorschau: a) Sonderrecht, Sonderregelung. b) Erstrecht, Vergünstigung, Vorrecht, Vorzug, Vorzugsrecht[…]
    Wiktionary dt.: [1] Vorrecht, das einem einzelnen oder einer sozialen Gruppe zugestanden wird
    Ganz kurz um der Komplettheit willen: Der enge, juristische Begriff wird bei dir und im Alltagsgebrauch nicht gemeint.
    Die ‚richtige‘ Verwendung im Alltagsgebrauch, ist naturgemäss schwammig und sehr stark von meiner persönlichen Sichtweise geprägt:
    Ein Privileg ist eine Bevorzugung, also eine vorteilhafte Andersbehandlung. Ich brauche hier also mindestens zwei Individuen oder Gruppen. Nenne ich die Gruppe, so z.B. bei dir ist es legitim das Begriffspaar „Männer sind gegenüber Frauen privilegiert, Frauen sind benachteiligt gegenüber Männern“ zu bilden, auch wenn ich Inhaltlich erst nach einer Präzisierung zustimmen kann. Nicht legitim hingegen ist es, zu sagen „Männer sind Privilegiert“. Denn dieses „Privilegiert“ fordert einen Vergleichswert und dieser Vergleichswert ist, im Gegensatz zu deiner Darlegung, der „Normalzustand“. Dadurch ist die erste Hälfte deines dritten Absatzes Falsch, weil ein Privileg immer eine ‚Bevorzugung‘ ist und für sich allein gestellt auch immer gegenüber dem ‚Normalzustand‘.
    Und gerade bei Geschlechterfragen ist dies ungünstig, da die Gesamtheit jeweils grob hälftig aus beiden Geschlechtern besteht und es dadurch keine Normgruppe und keine abweichende Gruppe gibt. Bei Geschlechterfragen bin ich (um mich hier als Repräsentant der Allgemeinheit hinzustellen) darauf getrimmt, in der Kategorie Mensch zu denken und nicht als wir Männer gegen die Frauen. Auch weil die Unterschiede, auch im Hinblick auf Privilegien, innerhalb der beiden Gruppen grösser sind als zwischen beiden Geschlechtern. Dadurch enthält die Gruppe, die für den Normalzustand steht, sowohl Männer als auch Frauen, wenn auch nicht zwingend zu gleichen Anteilen, genau so wie die Gruppen der Privilegierten und der Benachteiligten beides enthalten.
    (c) Problematisch wird deine Verwendung dadurch, dass der Begriff ‚Privilegiert‘ eine moralische Herabsetzung enthält. Es schwingt mit, dass Privilegierte in der Zeit des Ideals von Gleichberechtigung wesentliche, unrechtmässige Vorteile gegenüber der Norm haben. Es ist eigentlich ein Versuch darauf aufmerksam zu machen, dass die Normgruppe Vorteile gegenüber Benachteiligten besitzen, ein Verhalten besteht, das als ablehnungswürdig gesehen wird.
    Als Mittel dazu wird die Vereinnahmung eines Begriffs mit der Implikation klarer moralischer Herabsetzung gewählt. Anstelle vom gewohnten Benachteiligt wird Privilegiert gewählt um mehr Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken und die ‚offensichtlich richtige‘ Wertung zu portieren. Entstanden bzw. benutzt in einem leicht abgeschotteten Milieu von Feminismus/ Bürgerrechtsbewegungen mit dem Ziel der Gleichstellung benachteiligter Gruppen.
    Das erste Problem dieser Vereinnahmung besteht darin, dass eine andere Sprache gebraucht wird, im Zusammenhang mit einem direkten Angriff. Die andere Sprache ist einfach nicht klar, wie in (b) angesprochen. Dazu kommt, dass ich als Mitglied der ‚privilegierten Gruppe Männer‘ herabgesetzt werde, da ich zu unrecht über Vorteile verfügen soll. Oft gerne als Pauschalvorwurf den ich bitteschön selbst mit Inhalt füllen soll, weil ja klar ist, was gemeint wird. Bei einem Angriff reagiert man normalerweise mit Blockade und baut klar den Widerspruch, ein simples Nein, auf. Insbesondere dann wenn kein gutes da nachvollziehbares Argument vorgebracht wird, weil ein falsch verwendetes Wort benutzt wurde. Auch gerne, wenn man Selbstverständlichkeiten anprangern will sollte man darlegen können, wieso die nicht selbstverständlich sind. Hier war die Aufzählung, was Privilegien für dich sind in einem Kommentar in diesem Blog doch hilfreicher, da sie stärker zum Denken anregten.
    Das zweite Problem der Vereinnahmung von Wörtern ist, dass sie ein Versuch darstellen die (hier moralische) Minderheitsmeinung als allgemeine Tatsache hinzustellen. Dadurch verfällt man auch eher dem Denken, dass dies so ist, und dass es nicht weiter Begründet werden muss. Es ist ein Versuch, die Diskussion zu umgehen, ein Trick, um Wörter in den Mund zu legen.
    Das dritte Problem der Vereinnahmung ist, dass das Wort verwässert wird. Beim hier verwendeten Privileg wird versucht, kleine Unterschiede (ok, das ist diskussionswürdig) grösser zu machen, indem man sie den bereits stärker besetzten Bedeutungen als gleichwertig angehängt wird. Wenn ich diese Privilegierung nun inhaltlich nicht akzeptiere, schwächt es den Begriff Privileg. Einerseits bei dir, da ich deine Verwendung von Privileg weniger als Deutlichmachen von Unterschieden wahrnehme, andererseits bei mir, da, wenn ich den Begriff so in meinen Wortschatz übernehme, die Sprache mein Denken strukturiert und nun mein Gefühl für Privileg kleinere Dinge umfasst und so insgesamt weniger ablehnungswürdig ist.

    Posted 10 Oct 2010 at 19:37
  11. avatar Patrick wrote:

    Hm, wenn ich das recht verstehe: Privilegiert ist aufgeladen, Benachteiligung aber neutral?

    Ansonsten lasse ich mich nicht auf eine semantische Diskussion ein. Ich benutze den Begriff nicht “falsch”, ich benutze ihn nach meinem Verständnis. Nun können wir entweder über das reden, was ich als Privilegien bezeichne, du meinetwegen als Benachteiligung – oder wir können uns darüber streiten, ob meine Verwendung denn Dudenkonform ist.

    Und natürlich bedeutet “Männer sind privilegiert”, dass sie allen anderen Geschlechtsausprägungen gegenüber privilegiert sind. Und es ist ein Privileg, der Normalzustand zu sein.

    Privilegien sind für mich übrigens nicht einmal negativ konnotiert, sondern positiv. Es sind ja Vorrechte. Als Abiturient habe ich das Privileg, studieren zu dürfen, und zumindest zum Teil habe ich mir das verdient – in wie fern aber auch hier wieder “unverschuldete” Privilegien eine Rolle gespielt haben, wegen derer ich meine Fähigkeiten besser zur Geltung bringen konnte, ist schwer zu sagen.

    Als Student war ich privilegiert, weil ich während des Studiums nicht regelmäßig arbeiten musste – auch wenn ich dann anschließend einiges zurückzahlen muss.

    Und als heterosexueller Deutscher bin ich privilegiert, weil ich eigentlich nie fehle, mich berücksichtigt man immer. Ein Buch, in dem eine Schulklasse und die Klassensprecher und die Lehrer usw. alle ohne Leute wie mich auskommen, gibt es eigentlich nicht. Ich bin die Norm, das ist ein Privileg. So rum ist das gemeint.

    Und diese Sorge um die Abschwächung der Sprache kam ja auch schon bei der Vergewaltigungsdiskussion auf. Die kannst du dir sparen. Sorg dich, wenn du magst, ist mir egal.

    Posted 10 Oct 2010 at 20:12
  12. avatar NW wrote:

    Privileg ist bei mir anders aufgeladen als Benachteiligung. Wenn ich Privilegien aufheben will, verlieren Privilegierte ihre Privilegien, den anderen geht es gleich. Alle müssen sich nun rechtfertigen. Wenn ich Benachteiligung aufheben will, verschwinden die Nachteile. Niemand muss sich mehr rechtfertigen.

    Der zentrale Gedanke in meinem vorherigen Post war, dass du mit deiner Semantik bei mir einen Widerspruch auslöst, der bei anderem Sprachgebrauch nicht da wäre.

    Ein wenig Paradox dabei ist, dass ich mich daran störe, dass ich Diskriminierung eigentlich gerne in seiner alten, wertneutralen Bedeutung gebrauchen würde, bei Privileg aber die deutlich stärkere Wertekomponente sehe.

    Die Idee, dass hier ein sprachlicher Aspekt wichtig ist, nährt sich aus deiner Darlegung, dass die Privilegien der Normalzustand sind, und sich die Privilegierten nicht ihrer Privilegien bewusst sind. Was dazu führt, dass sie diese eben nicht als Privilegien sehen und es in der Sprache der Privilegierten auch keine sind. Im gegensatz hierzu steht eines der letzten überlebenden richtigen Privilegien, also vererbbare Vorrechte, auch im juristischen Sinn: das Bürgerrecht und all seine Konsequenzen. Hier sieht man ein Bewusstsein von Vorrechten, von Privilegien, die man gegenüber den Anderen, hier nicht Bürger bzw. Ausländer, verteidigen will.

    Posted 13 Oct 2010 at 11:05

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