Die Sexualisierung von Kindern?

Die neuesten Sorgentrolle gehen um, und ihr Schlagwort lautet: Sexualisierung. Im Kampf um unsere Kinder kann man eben nicht konservativ und reaktionär genug sein, und wenn man dabei noch ein wenig auf (weiblicher) Sexualität rumhacken kann, umso besser.

Oder mit anderen Worten: Sexualisierung von Kindern – warum nicht?

Damit sich die Gemüter wieder abkühlen, erst einmal zur Weiblichkeit des Ganzen: der Vorwurf der Sexualisierung richtet sich nahezu einstimmig gegen junge Mädchen. Mädchen, die mit 11 oder 12 die Pille kriegen; Mädchen, die aufreizende Kleidung tragen; Mädchen, die Lady Gaga hören; Mädchen, die pornografisch tanzen.

Und wie lautet der Vorwurf? Sexualisierung. Was heißt das? Das heißt, Mädchen werden zu sexuellen Kreaturen gemacht. Ihnen passiert Sex. Denn Sex ist nichts, was Mädchen haben oder wollen, weder mit 12 noch mit 17 – übrigens haben die meisten Jugendlichen immer noch erst mit 16 Sex, die immer frühreifere Jugend ist ein Mythos. Weibliche Sexualität ist passiv.

Was also ist die Gefahr? Dass Mädchen Sexualität entdecken und vereinnahmen? Wenn man bisweilen Proteste aus konservativen Kreisen oder gar der Plattenindustrie hört, kann man diesen Eindruck gewinnen. Sexualität ist etwas, das die Männer kontrollieren – vor allem, wenn es um Künstlerinnen geht. Sich da bedroht zu sehen, kann gewaltig am Ego kratzen.

Oder ist es etwa… sexuelle Objektifizierung? Oder gar sexueller Missbrauch? Ist die Kritik vielleicht, dass weibliche Sexualität in der Popkultur, von Modefirmen zur Ware gemacht wird, dass Frauen nur Sexobjekte ohne eigene Entscheidung sind, dass Videos Frauen nur als Schlampen oder Heilige inszenieren?

In manchen Fällen ist das sicher so: die eigentliche Kritik geht gegen die Art und Weise, wie mit weiblicher Sexualität Konsum getrieben wird. Aber die Vorwürfe wenden sich eben nicht gegen die Objektifizierung, sondern gegen die Sexualisierung – und damit werden die vermeintlichen Opfer ebenfalls zu Objekten gemacht. Dann streiten sich die Moralapostel mit ihren Gegnern darum, wer denn nun den Körper und die Sexualität der Mädchen besitzen darf.

Die Mädchen selber jedenfalls bestimmt nicht.

Um es noch einmal klarzustellen: Kinder und Jugendliche zu »sexualisieren«, finde ich nicht per se schlimm. Ein offener Umgang mit Sexualität und die Anerkennung, dass Menschen nun einmal sexuelle Kreaturen sind und sich deshalb diesbezüglich Interesse entwickelt, sind in meinen Augen wichtig und ein Zeichen von Menschlichkeit. Die Hysterie, mit der bisweilen auf Sexualität reagiert wird, ist für mich irrational und eher schädlich.

Kritikwürdig hingegen ist es, wenn Menschen allen Alters sexuell ausgenutzt oder sexuell objektifiziert werden – und bei Kindern und Jugendlichen handelt es sich dazu um Bevölkerungsgruppen, die es nicht »besser wissen«, und die aufgrund rein kommerziellen Interesses ausgenutzt werden. Wenn man das kritisiert, kritisiert man nicht unbedingt alle Andeutungen von Sexualität oder gar sexuellen Eigeninteresses bei den vermeintlichen Opfern.

Mein Problem hat also eher damit zu tun, dass Kritik an sexueller Objektifizierung, an Missbrauch als Kritik an Sexualisierung bezeichnet wird. Denn sexuell werden Kinder und Jugendliche ganz von alleine, und das ist eben nicht per se schlecht. Aber Sexualisierung ist Code für Objektifizierung, und damit wird im Diskurs ein differenzierter Standpunkt ausgeschaltet. Wer gegen Netzsperren ist, ist für Kinderschänder, und wer nicht gegen Sexualisierung ist, ist vielleicht sogar selbst einer. Und das nervt mich.

Comments 6

  1. avatar Lia wrote:

    Das Problem dabei sind eigentlich die Bilder in unseren Köpfen. Wir alle haben ziemlich genaue Vorstellungen und Schubladen, in die wir Menschen stecken, die diesen Vorstellungen entsprechen. Mädchen zwischen 12 und 16 entdecken ihre Sexualität. Sie probieren aus, welche Reaktionen ihre Umwelt zeigt, sie provozieren, um die Grenzen des Möglichen auszutesten. Natürlich probieren sie auch ihre Wirkung auf das männliche Geschlecht aus, ohne noch den Anspruch zu haben, damit wirklich ernst genommen zu werden. Das wäre eher erschreckend für Mädchen dieses Alters. Sie brauchen ja nur die Reaktion, um damit ihre eigenen Bilder entwickeln und festigen zu können. Sind wir mal ehrlich, ohne diese “Bilder” und “Vorgaben” wäre unser Leben manchmal sehr erschreckend. Es gibt Dresscodes ja nicht nur im sexuellen Bereich, sondern auch im Berufsleben. Im Management wird man zu einer Besprechung nicht in Jogginghose und Turnschuhen erscheinen. Zum Picknick mit Freunden wird man nicht im Anzug gehen. Kleidung ist ein großes Thema in unserer Gesellschaft und speziell Mädchen versuchen hier, einen eigenen Weg zu finden. Dazu gehört auch, dass man sich mal als Lady Gaga produziert. Nicht um damit in eine Schublade gesteckt zu werden, sondern um eine Rolle auszuprobieren. Das haben Mädchen zu allen Zeiten so gemacht. Die Lady Gaga unserer Generation hieß Madonna und die ist inzwischen auch recht handzahm geworden.

    Das Problem dabei ist eigentlich nicht die Tendenz junger Menschen, auf Teufel komm raus Reaktionen zu provozieren, sondern die Schubladen, in die sie deswegen von ihrer Umwelt gesteckt werden. Ein Mädchen, dass tagtäglich als Lady Gaga auftritt wird anders beurteilt als eines, das das nur im Fasching macht. Ein Mädchen, das grundsätzlich in dunkler Kleidung und ebensolcher Schminke rumläuft ordnet man einer anderen Gruppierung zu als eines, das mit bunten Haaren und abgerissenen Klamotten auftritt. Gesunde, vernünftige Erwachsene wissen, dass das reines Rollenspiel ist. Andere werden nur ihre Schubladen füllen. Mädchen bekommen Bilder vorgesetzt auf von magersüchtigen Models und halbnackten Stars. An der Reaktion ihrer Umwelt sehen sie, dass diese Frauen etwas Besonderes sind. So besonders, wie sie selbst auch gerne sein würden. Mich wundert nicht, dass das Experimentier-Alter immer früher einsetzt. Im Grunde sollte ein 12 Jahre altes Kind nicht über Diäten und modische Exzesse nachdenken müssen. Da sie aber von klein auf mit diesen Bildern überhäuft werden, eifern sie diesen “Vorbildern” eben nach. Bilder beeindrucken uns und bestimmen in vieler Hinsicht die Art, in der wir unsere Umwelt wahrnehmen. Jeder Erwachsene, der in einem Teenager schon einen Erwachsenen sieht, muss sich da eher selbst an der Nase nehmen und seine eigenen Ansichten überprüfen.

    Moralapostel, die über die strikte Einhaltung gesellschaftlicher Normen bestimmen wollen, hat es immer schon gegeben. Genauso wie Kinderschänder. Ich weiß nicht, wie hilfreich Netzsperren beim Kampf gegen Pädophilie ist, denn die hat es auch schon gegeben, als es noch kein Internet gab. Vielleicht ist die Annäherung an ein Kind über das Internet einfacher geworden. Aber auch vor 50 Jahren gab es nicht weniger Fälle, höchstens weniger, die nach außen bekannt wurden. Denn die größte Gefahr für Kinder kommt ja nicht vom bösen Onkel aus dem Internet sondern unter Umständen vom realen Onkel, der jeden Sonntag zu Besuch kommt und gerne mal was mit dem Kind unternimmt. Oder womöglich sogar vom eigenen Vater, der den Unterschied zwischen Frau und Tochter nicht erkennt. Was sollen da Netzsperren bringen? Müsste man dann nicht auch Familien verbieten, in denen ja der Großteil an Missbrauch und Misshandlung stattfindet?

    Posted 19 Oct 2010 at 10:53
  2. avatar thoughtsunderconstruction wrote:

    Erst mal danke dafür dass du so konsequent Trigger-Warnngen ausgibst, Patrick!

    Jetzt zu Lias Kommentar:
    “Oder womöglich sogar vom eigenen Vater, der den Unterschied zwischen Frau und Tochter nicht erkennt.”
    Ich weiß nicht wie es im Kop eines Menschen der meint “Sex” mit Kindern wäre schon okay, aber das Zitat zeigt sehr deutlich wie weit Gewalt in unserer Gesellschaft reicht – nicht nur Kindern wird Gewalt angetan wenn die Tatsache dass sie zu “Sex” mit Erwachsenen keine Zustimmung geben können. Sondern dass auch Erwachsene erst mal Zustimmung geben müssen bevor man irgendwas sexuelles mit ihnen machen kann und dass das sonst “Sex” ist, und nicht Sex.
    Dass ich mit “Sex” sexualisierte Gewalt meine ist hoffentlich rübergekommen…

    Die meisten Menschen checken die Notwendigkeit von Zustimmung so gar nicht dass sie es selbst dann nicht kapieren wenn sogar “Nein” gesagt wird. Traurig. So traurig dass es zum heulen ist.

    Posted 22 Nov 2010 at 01:00
  3. avatar Patrick wrote:

    äh… deinen Nutzernamen würde ich gerne abkürzen… “thoughts” oder “tuc” – oder hast du eine bestimmte Vorliebe? Oder ist dir das gar nicht Recht?

    Ich bemühe mich, konsequent Trigger-Warnungen zu geben, aber ich verbasele da bestimmt auch mal welche. Aber schön, dass das auffällt :) Und in den Archiven sind bestimmt auch genug unnotierte Beiträge. Das ist wie das Gender Gap oder Ableist Language oder… ich bin eben doch eine Kreatur meiner Privilegien und kann nicht mehr tun, als zu versuchen, sie im Zaum zu halten.

    Was du ansprichst, ist nicht falsch. Auch wenn ich glaube, dass Lia das nicht so gemeint hat (zumindest nicht bewusst, aber das ist ja das Blöde mit solchen Sachen), kann man da den Anspruch des Ehemanns auf Beischlaf herauslesen. Und die Vergewaltigung in der Ehe ist ja auch lange sehr umstritten gewesen (oder ist sie vielleicht noch, k. A.).

    Posted 22 Nov 2010 at 01:14
  4. avatar Lia wrote:

    Was hab ich jetzt wie vermeintlich gemeint?

    Posted 22 Nov 2010 at 19:47
  5. avatar Patrick wrote:

    Wenn ich thoughtsunderconstruction richtig verstanden habe, dann klingt:

    Oder womöglich sogar vom eigenen Vater, der den Unterschied zwischen Frau und Tochter nicht erkennt

    aus einer gewissen Perspektive so: Der Vater nimmt sich Sex mit der Tochter, was falsch ist – hätte er sich Sex mit der Frau genommen, wäre das okay gewesen. Also, als sei das Problem bei der sexuellen Nötigung das Alter, nicht auch der Zwang.

    Das meine ich, hast du, soweit ich dich einschätze, nicht so gemeint. :)

    Posted 22 Nov 2010 at 20:01
  6. avatar Lia wrote:

    Nein, es bezog sich rein darauf, dass es offensichtlich Kreaturen gibt, die nicht mal einen Altersunterschied erkennen. Für die Kleinkinder sexuelle Signale aussenden, die nur sie selbst erkennen und die ihnen (aus ihrer Sicht) das Recht gibt, alle Hemmungen fallen zu lassen.

    Die erwachsene Frau könnte sich vielleicht ja erfolreich wehren. Das gefällt solchem Pack nicht besonders.

    Ganz sicher war nicht damit gemeint, dass er besser die Ehefrau vergewaltigen sollte als die Tochter. Sorry, wenn das falsch rüber kam.

    Posted 22 Nov 2010 at 20:14

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