Kritiken, Argumente, Reflexionen

Ich bin gerade in Jim Emersons Blog über mehrere Beiträge gestolpert, die sich mit Filmkritik beschäftigen und mich nachdenklich stimmten. Im Grunde spricht er über die Nachvollziehbarkeit von Filmkritik und die Qualität von Argumenten, und macht mich unsicher, ob meine Kritiken dem Standard genügen. Hier ein paar der für mich wichtigen Zitate:

Reviews should be challenged on the grounds of descriptive accuracy, clarity of expression and intellectual consistency. More ephemeral qualities like fairness, usefulness and originality can be grounded in textual evidence and comparative criticism. No one’s opinion is more objectively right than any other, but there’s no question that some are better argued, better supported and ultimately more interesting.

I will start by saying that the idea of film criticism as a consumer guide is utterly phony and the worst thing that ever happened to movies, to criticism, and to reader/audience expectations. Nobody can predict whether you will “like” or “dislike” a movie, and no responsible film critic would pretend to try. If that’s what you want from a professional source, you should consult market-research services that can compile ratings for demographic groups similar to yours. That’s what the studios do. Film criticism, on the other hand, is maybe 10 percent somebody’s opinion and 90 percent observation, interpretation and analysis. Only the 90 percent can justify the 10 percent; otherwise the 10 percent is worthless.
(…)
If a review is doing what it should, it will tell you what the critic thinks and provide you with reliable information and observations to consider before or after you see the movie (if you decide, for whatever reasons, to do so).

I don’t care if you like the whole tie or not, but tell me exactly what you see in it that you like or don’t like, and why.

Or, as Michelle Cottle says in The New Republic, “Increasingly no one cares about (or recognizes) the difference between marshalling facts to make your argument and just completely making shit up.”

Es ist auch dieses letzte Zitat, das mich sehr trifft. Es gibt einen sehr schönen Aphorismus, der lautet, dass jeder das Recht auf eine eigene Meinung hat, aber nicht auf eigene Fakten. Leider ist das in unserer Gesellschaft aktuell nicht immer so: Fakten und Meinungen werden durcheinander geworfen, und das zeigt sich bei Themen wie dem Klimawandel ebenso wie in der kürzlichen Umfrage, nach der die Hälfte der Republikaner glaubt, Präsident Obama sei Muslim.

Als jemand, der Analyse und Fakten hoch schätzt, kann ich aber schlecht vor mir selbst vertreten, bei Filmkritiken meinungsgetrieben zu sein und eben keine Argumente zu liefern. Zumal die Twilight-Reihe, die ich wöchentlich schreibe, ja genau dazu dient, am Ende über 50.000 Worte von mit Zitaten argumentierter Kritik anzusammeln und ein Urteil formulieren zu können, das Bestand hat und, wenn falsch, widerlegt werden kann.

Ich habe ein paar Kritiken in den Entwürfen zu Filmen, die bereits lange her sind, und da werde ich die Kritiken wohl unverändert veröffentlichen. Aber für die aktuelleren Beiträge werde ich noch einmal sehen, ob ich die argumentative Qualität nicht noch anheben kann. Für Lesende gilt die Bitte, mich darauf festzunageln, wenn ich floskelhaft oder oberflächlich werde.

Wie Emerson schreibt, geht es bei Filmkritiken nicht darum, zu sagen, ob ich einen Film mochte oder nicht – “mögen” ist eine relativ sinnfreie Kategorie – und schon gar nicht darum vorherzusagen, ob speziellen Lesenden der Film gefallen könnte. Interessant ist die Diskussion, nicht das Ergebnis. Gedanken mitzuteilen, zu begründen, und Filmtipps zu geben oder vor Filmen zu warnen, vielleicht neue Sichtweisen eröffnen – das ist die Idealvorstellung.

Versuchen wir, uns ihr anzunähern.

Comments 1

  1. avatar Lia wrote:

    Finde ich einen interessanten Ansatz, den ich durchaus auch mit übernehmen möchte.

    Klar, man kann nie sagen, ob jemand anders ein Film oder ein Buch gefallen könnte. Aber ich finde es wichtig, dass man über Bücher und Filme diskutiert und sich austauscht. Seine eigene Meinung an der eines anderen misst und überprüft, ob sie standhält.

    Posted 04 Sep 2010 at 21:33

Trackbacks & Pingbacks 1

  1. From Derangierte Einsichten - The Ghost Writer on 12 Oct 2010 at 02:08

    [...] (Anmerkung: diese Kritik entstand vor meinen neuen guten Vorsätzen) [...]

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