»Graphic Sexual Horror« lautete die Warnung, wenn man auf die >BDSM-Pornoseite Insex.com klickte. Es passt also, dass die Dokumentation über Insex denselben Namen trägt, und es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass dieser Titel Aufmerksamkeit erzeugt. Aber ist eine Dokumentation über Pornografie wirklich sehenswert? Nehmen diese Filme nicht immer eine von zwei Rollen ein, entweder die Verteufelung oder die Lobeshymne?
Die Dokumentation dreht sich mindestens so sehr um Insex-Gründer PD wie um die Internetseite. Zu Beginn ist er ziemlich klar der Gute, der seine sexuellen Interessen in ein erfolgreiches Unternehmen verwandelte. Pornografie ist grundsätzlich eine Möglichkeit für vor allem schlecht ausgebildete Frauen, sich einen guten Lebensunterhalt zu verdienen und dabei halbwegs sicher zu sein. Und PD bezahlte seine Models anscheinend ausnehmend gut, vor allem für die Live-Shows, bei denen Mitglieder per Chat mitbestimmen konnten. Dort konnten die Frauen bis zu 4000 Dollar pro Tag verdienen, inklusive der Chance, wieder eingeladen zu werden.
Geld war entsprechend eines der großen Motive, um dort mitzumachen. Aber auch die Herausforderung, ein solches Shooting zu überstehen, denn PD ging tatsächlich an die Grenzen der Models. Das war nicht nur eine Karrierehilfe – Insex-Models waren in anderen Produktionen gern gesehen –, sondern auch ein emotionaler Kick, den man vielleicht mit Extremsport vergleichen kann. Und natürlich gab es auch genug Models, die zudem sexuelle Befriedigung durch Fesseln, Schmerz oder Erniedrigung erlangten.
Früh wird darauf hingewiesen, dass die Models ihre harten Limits abstecken konnten – Aktivitäten, die sie keinesfalls erlauben wollten – und auch ein Safewort hatten, also eine Möglichkeit, jederzeit abzubrechen, wenn es ihnen zuviel wurde. Ebenso früh sehen wir auch, dass PD die Limits nicht unbedingt einhielt, sondern sich in der Situation nicht unbedingt beschränken wollte. Diese Grenzerfahrung mag es sein, die von einigen Models gewünscht wurde, ist jedoch gleichzeitig nicht unbedingt der Sinn von vorher abgesprochenen Limits, gerade in professionellem Kontext.
Insex war rasend erfolgreich, und der Erfolg stieg zu Kopf. Die Kompromisslosigkeit von PD wurde spürbarer – ein ehemaliger Mitarbeiter berichtet von wöchentlichen Wutanfällen. Ein Wassertank explodierte, weil das Glas zu dünn war (es kam niemand zu Schaden), was noch in der Dokumentation zu wütenden Schuldzuweisungen führt. PD begann, die Models nach dem Dreh noch zu privaten BDSM-Spielen aufzufordern, mit der klaren Implikation, durch sexuelle Gefälligkeit oder Gefügigkeit mehr Geld verdienen zu können.
In der wohl schwierigsten Szene des Films sehen wir ein nacktes Model, das als Limit erbeten hatte, keine Ohrfeigen zu bekommen, das geohrfeigt wird. Als sie zusammenbricht, wird sie von PD noch beschimpft. PD hat vergessen oder kümmert sich nicht um das Limit, und fordert das Model auf, doch ihr Safewort zu benutzen. Die Implikation ist jedoch klar: weniger Geld bei diesem Shooting und wahrscheinlich keine weiteren mehr. Hier wird das Safewort, das eigentlich zur Sicherheit der Models bzw. der submissiven Beteiligten dienen soll, zur emotionalen Manipulation benutzt, und als Vorwand: solange das Model nicht abbricht, ist doch alles in Ordnung. Oder?
Diese Frage stellt sich wirklich, wie weit die Einwilligung der Models geht. Aber letzten Endes hatten sie die Möglichkeit abzubrechen, das kann man nicht bestreiten, und so sind diese Grenzüberschreitungen eine moralische Grauzone, die durch den finanziellen Aspekt noch verstärkt wird – im Privatbereich bestreiten die Sexualpartner ja nicht ihren Lebensunterhalt mit diesen Überschreitungen.
Natürlich ist das keine Situation, die auf die Pornobranche beschränkt ist. Auch in anderen Jobs gibt es sexuelle Nötigung und Übergriffe, auch dort lässt man sich zu Handlungen zwingen, die man nicht tun will, um nicht die Stellung zu gefährden. Dann geht man eben Samstags arbeiten oder hängt noch ein paar unbezahlte Überstunden dran. Die Stärke von Graphic Sexual Horror ist es, dass die Art und Weise, wie PD über die Stränge schlägt, nicht einfach durch die Branche an sich erklärt wird.
Es gibt noch eine weitere Grenzüberschreitung, die aber diesmal Insex passiert. Die US-Regierung will die Seite stoppen, hat aber keine rechtliche Handhabe dazu – schließlich haben die Models sogar auf Video den Aktivitäten zugestimmt. Also schicken sie Briefe an die Banken, in denen sie implizieren, über Insex würde Geld für Terroristen gewaschen. Durch diesen Druck seitens Homeland Security kann Insex keine Kreditkarten mehr verarbeiten und geht pleite. Dieser Staatseingriff ist denn doch am Ende der Dokumentation nicht nachzuvollziehen, zumal über derartige Tricks.
Das Problem von Graphic Sexual Horror ist nicht, dass es sich einem uninteressanten Subjekt widmet. Vielmehr ist es interessant, über Insex zu erfahren, aber die Dokumentation ist zu offen und nicht fokussiert genug, um wirklich zu fesseln. Die Offenheit erlaubt es allerdings auch, über Insex, die Frage des Konsens und sogar das Vorgehen der US-Regierung zu diskutieren, da der Film hier keinerlei Stellung bezieht. Interessant auch, dass PD weiterhin (auf anderen Seiten) aktiv ist – ich frage mich, wie sehr er sich dort im Zaum hält.
Im Endeffekt würde ich Graphic Sexual Horror also doch sehenswert nennen, allerdings mit der Zugabe, dass ein guter Teil des Films aus Szenen von Insex.com besteht, und auch, wenn man keine Penetration sieht, so sieht man doch viele nackte Frauen in Extremsituationen mit Bildern, die sicher nicht jugendfrei sind und die Leuten, die weder Horrorfilme sehen noch mit BDSM zu tun haben, vielleicht schwer im Magen liegen oder zumindest heftige Reaktionen hervorrufen können. Selbst bei den eindeutig in beiderseitigem Einvernehmen begangenen Aktivitäten.
Wobei auch das wahrscheinlich nur zu einer noch interessanteren Diskussion führen würde. Vielleicht also einfach beim nächsten Freundestreffen zeigen.


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