ZS: Flotter Dreier (S. 331-334)

Dies ist Teil 48 von 61 der Serie Zwielicht am Sonnabend

Der aufkommende Wind sorgt dafür, dass die Wildvampire Bella riechen können. James reagiert am stärksten, und Edward bleckt verteidigend die Zähne.

»Was ist das?«, rief Laurent in offener Überraschung.
(…)
»Sie gehört zu uns.« Carlisles strenge Antwort richtete sich an James. Laurent schien meinen Geruch weniger heftig als James zu empfinden, aber jetzt machte sich Erkenntnis auf seinem Gesicht breit. »Ihr habt einen Snack mitgebracht?«, fragte er, sein Gesichtsausdruck ungläubig, während er einen unfreiwilligen Schritt vorwärts tat.


Laurent steht großzügige zehn Meter von Bella entfernt, und es dauert so lange, bis er merkt, dass sie ein Mensch ist? Selbst von dem Moment aus gesehen, an dem der verräterische Wind Bellas Duft herüber wehte? Enttäuschend. Noch enttäuschender jedoch ist der Unglaube, dass hier ein Sterblicher sein soll.

Erste Frage: Soll ich wirklich glauben, dass Vampire niemals einen Snack mitbringen? Das erscheint mir relativ normales Verhalten, Menschen nicht immer sofort zu töten, sondern auch mal aufzubewahren. Zumindest normal genug, dass Laurent nicht so völlig ungläubig sein sollte.

»Ich habe gesagt, sie gehört zu uns«, korrigierte Carlisle mit harter Stimme. »Aber sie ist ein Mensch«, protestierte Laurent. Die Worte waren nicht aggressiv, nur erstaunt.

Zweite Frage: Soll ich wirklich glauben, dass es so unerhört für Vampire ist, mögliche Neuvampire führ ihr Rudel zu testen? Gerade, weil Vampire sehr vorsichtig sein müssen, nicht zu vielzählig zu werden und alle Menschen auszulöschen (oder zumindest einen Krieg auszulösen); gerade, weil ein unvorsichtiges Rudelmitglied alle gefährden könnte – mir ist die Idee sehr plausibel, Rekruten erst einmal als Menschen bei sich zu behalten. Zumindest plausibel genug, dass Laurent nicht so erstaunt sein sollte.

Aber Stephenie Meyer will nicht über das Verhalten von Vampiren nachdenken. Sie will zeigen, wie besonders die Vampire des Wahren Wegs und Unseres Propheten Cullen sind. Wie erstaunt Wildvampire darüber sind, auch nur die Nähe von Menschen zu ertragen. Wie undenkbar Bellas Anwesenheit für Wildvampire wäre. Das ist zumindest verständlich – aber wenn es tatsächlich so undenkbar wäre, dann kann man als Autor einfach nicht einen Absatz später so weitermachen:

Als Laurent sprach, war sein Ton beruhigend – versuchend, die plötzliche Unfreundlichkeit zu vertreiben. »Es scheint, wir haben voneinander viel zu lernen. (…) Aber wir würden Eure Einladung gerne annehmen. (…) Und natürlich werden wir das menschliche Mädchen nicht verletzen. Wie ich gesagt habe, werden wir in eurem Revier nicht jagen.«

Das ist zu jovial, es gibt keine Spur von einer Idee, dass Laurent die Cullens für verrückt hält oder sie anlügt. Man stelle sich vor, man trifft seine neuen Nachbarn, und die erzählen, dass sie regelmäßig Katzen aus dem Tierheim holen und sie lebendig verspeisen – nur, um eine ähnlich unvorstellbare Handlungsweise zu simulieren. Da ist »anscheinend können wir viel voneinander lernen, und übrigens könnt ihr im Urlaub auf unser Kätzchen aufpassen« nicht unbedingt eine realistische Reaktion.

James ist ähnlich ungläubig, was das angeht, und tauscht noch einmal mit Victoria einen Blick. Carlisle bietet sich an, den Wildvampiren den Weg zu zeigen, und Alice und Emmett stellen sich neben Edward, um Bella zu schützen und fortzubringen. Und dann möchte ich laut schreien.

Die ganze Zeit war ich wie angewurzelt, vor Angst völlig unbeweglich.

Das sagt uns die Erzählerin, das sagt uns die Autorin, nachdem der Moment vorbei ist. Anstatt, dass wir von Bellas Furcht erfahren, während sie sie empfindet; anstatt, dass die beinahe gefährliche Situation durch ihre Angst verstärkt würde; stattdessen bekommen wir ein »ach übrigens, ich hatte vorhin echt Schiss.« Stephenie Meyer macht so ziemlich das Gegenteil von dem, was Autoren normalerweise machen, und ich weiß nicht, ob Twilight dadurch zu einem hoch intellektuellen Genrebrecher wird, einer versteckten Anklage für all jene, denen das Buch gefällt, oder einfach nur zu einem schlechten Buch. (Zugegeben, ich habe starke Vermutungen).

Edward packt sich jedenfalls Bella auf den Rücken und flieht durch den Wald, Alice und Emmett im Schlepptau. Edward wirft Bella auf den Rücksitz des Jeeps und befiehlt Emmett, sie anzuschnallen, und zu viert fahren sie los.

»Wohin fahren wir?«, fragte ich. Niemand antwortete. Niemand sah mich auch nur an. »Verdammt, Edward! Wo bringst du mich hin?«
»Wir müssen dich von hier weg bringen – weit weg – jetzt.«
(…)
»Nein! Edward! Nein, du kannst das nicht tun.«
»Ich muss, Bella, und jetzt sei bitte still.«

Okay, für einen Moment habe ich Hoffnung, dass Bella hier für sich einsteht. Dass sie selbst entscheiden will, was mit ihr passiert – einfach, weil sie selbständig ist. Natürlich ist Edward Reaktion wie gewohnt, er rechtfertigt sich nicht. Er muss sie wegbringen, und ob sie bitte still sein kann? Hier spricht der Herr im Haus. Währenddessen strampelt Bella heftig, aber völlig sinnlos – Frauenzimmer können sich eben nicht mal aus Gurten befreien. Aber sie bleibt nicht still – leider, denn sie zerstört meine oben erwähnte Hoffnung.

»Du musst mich zurückbringen – Charlie wird das FBI rufen! Sie werden deine Familie aushorchen – Carlisle und Esme! Sie werden abreisen müssen, sich für immer verstecken!«
»Beruhige dich, Bella.« Seine Stimme war kalt. »Wir haben das vorher schon mal durchgemacht.«
»Nicht wegen mir, das werdet ihr nicht! Ihr ruiniert nicht alles wegen mir!«

Bella ist nicht wirklich selbstbestimmt – sie ist nur davon angetrieben, nicht dafür verantwortlich zu sein, dass die Cullens Probleme bekommen. Sie selbst hat kein solches Problem, dass Edward sie einfach an einen ihr nicht bekannten Ort verschleppt, ohne ihrer Familie, ihren Freunden, irgendjemandem Bescheid zu sagen. Die Sorgen dieser erweiterten Familie, Bellas Leben, all das ist egal, aber die Möglichkeit, dass die Cullens mit dem FBI zu tun bekommen könnten…

Ich darf nicht darüber nachdenken, dass dieses Mädchen mit einem derartigen Selbstwertgefühl Teil einer idealisierten Romanze ist; dass die Fans Bella als Vorbild sehen. Wirklich, da möchte ich jede einzelne dieser Leserinnen packen und schütteln, bis sie aufwachen. Wie hier die Erzählerin ihren eigenen Status derart reduziert – hier kommt die Frau wirklich zu allerletzt, muss vor allen anderen Sorgen zurückstehen. Ich will einfach nicht davon ausgehen müssen, dass Eva Herman wirklich so viele Gleichgesinnte hat. Ein furchtbarer Gedanke.

Alice bittet Edward, rechts ranzufahren, damit man in Ruhe reden kann. Aber Edward brüllt, dass sie nicht verstünde, dass James ein Spurenleser sei. Alice bittet wieder, er möge anhalten, aber er beschleunigt weiter.

»Hör zu, Alice. Ich sah seine Gedanken. Spurenlesen ist seine Leidenschaft, er ist besessen davon – und er will sie, Alice – ganz Besonders sie. Er beginnt die Jagd heute Nacht.«

Unklar ist, warum James gerade auf Bella so scharf ist. Er riecht sie und sofort will er ganz besonders sie jagen. Warum? Ihr Geruch kann es nicht sein, denn der ist nicht besonders – nur für Edward riecht Bella so toll, schließlich hat Gott die beiden füreinander bestimmt. Hat ER vielleicht auch Bella zu James’ Lieblingsessen gemacht? Wir wissen es nicht. Wir sollen nur akzeptieren, dass James ganz unbedingt und nur Bella jagen will. Das ist halt so.

Und ich bin geneigt, das zu akzeptieren. Schließlich bedeutet das, dass etwas passiert. Und gute hundert Seiten vor dem Ende wird das auch langsam Zeit.

Dieses Buch könnte so gut sein, wenn… James auf den ersten hundert Seiten auftauchte.

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Comments 4

  1. avatar Lia wrote:

    Wäre ich ein Vampir würde ich mir vielleicht auch eine kleine Herde halten für schlechte Zeiten, gut ausgewählt, versorgt und mit besten Blut oder so. *lach* In Steph’s Vampiruniversum werden Menschen offensichtlich immer nur durch einen plötzlichen Beschluss zum Vampir gemacht. Da auch die Volturi später nicht anders reagieren, dürfte das auch immer schon so gewesen sein. Es gibt keine Anwärterschaft und keine Probezeit.

    Die Geschichte um James hat einen weiteren, noch völlig wahnsinnigeren Aspekt. Ein Buch später wird Alice’ Hintergrund aufgedeckt. Eigentlich schon am Ende des ersten Buches, aber da fällt es nicht sonderlich auf. James ist nämlich jener Vampir, der Alice zum Vampir gemacht hat.

    Kurzfassung: Alice ist in einer psychiatrischen Anstalt, ihr behandelnder Arzt ist ein Vampir (scheint ein weit verbreiteter Beruf unter Vampiren zu sein), James jagt Alice, der andere Vampir will nicht, dass sie sein Opfer wird und macht sie zum Vampir. Ab da ist sie nämlich für James uninteressant. Aus Wut darüber tötet James diesen anderen Vampir. Alice erleidet – vermutlich durch die grausamen Schmerzen der Umwandlung – komplett das Gedächtnis. So! Irgendwie kommt sie aus der geschlossenen Abteilung raus, in der sie offensichtlich war, jagt, tötet, ohne jede Erinnerung wer oder was sie ist, findet Jasper und schließt sich den Cullens an. Irgendwann im Verlauf dieser Zeit wird sie zum süßen, lebensfrohen (wenn das kein Widerspruch zum Vampirdasein ist) Mädel mit Girlie-Allüren.

    Allein das wäre eine viel spannendere und interessantere Geschichte gewesen als die um Edward und Bella. Dass Alice ihre Familie findet und sogar noch lebende Verwandte hat, wird im zweiten Buch nur kurz gestreift. Ist ja total unwichtig.

    Halt an, sagt Alice – ohne Begründung. Halt an, denn James ist uns auf den Fersen und dann kriegt er Bella immer noch? Allerdings kann Edward ihre Gedanken lesen. Steph lässt keine Möglichkeit, Alice zu der zwielichten Gestalt zu werden, die sie sein könnte. Ihre Geschichte würde tausendmal genügen, aus ihr eine wahre Psychopathin zu machen.

    Dass James vielleicht auf Alice’s Gegenwart reagiert und deswegen zu den Vampiren geht, dass er vielleicht deswegen hinter der Famlie Cullen her sein könnte fällt Steph als Begründung gar nicht erst ein. Alice ist unwichtig, weil sie nicht Bella ist. James nur ein unkontrollierter wilder Vampir mit Gier auf Bellas besonderes Blut.

    Mir macht nicht nur Bellas Gestalt Angst, wenn ich an die halben Kinder denke, die für diese Geschichte schwärmen. So ziemlich jede Frauenfigur in diesen Büchern ist wenig als Vorbild geeignet, wenn nicht sogar komplett psychopathisch. Es gibt einfach keine einzige, halbwegs normale Frauenfigur.

    Übrigens riecht Bella lt. Brees Geschichte für alle Vampire völlig unwiderstehlich – und zwar süß. Sie muss also einen relativ hohen Zuckergehalt im Blut haben, was auf zumindest Diabetes Typ 2 schließen lässt. Damit könnte man auch die Ohnmachtsanfälle erklären. Edward finden andere Vampirmädels übrigens völlig normal aussehend. Der wird nur als halt gut aussehender Rotschopf beschrieben.

    Posted 14 Aug 2010 at 12:42
  2. avatar Lia wrote:

    Oh mein Gott – wir sind wahrlich nicht alleine!! Kennst du diesen Blog: http://community.sparknotes.com/index.php/2009/07/16/blogging-twilight-index-page/

    Der Typ wurde von wohlmeinenden Freunden dazu verdonnert, Twilight zu lesen. Er hats durchgezogen und – so wie du hier auch – die Kapitel kommentiert. Er geht nicht so sehr ins Detail, kommt aber sehr oft auf dieselben Ergebnisse. Und er wird von Kapitel zu Kapitel bissiger. *ggg*

    Er hat den Büchern eine echte Chance gegeben, aber inzwischen ist bei ihm auch schon ziemlich Schluss mit lustig. Wundert mich auch nicht, 329 Seiten und bisher nur Edward als potentieller Bösewicht.

    Schade, dass dieser Dan vermutlich kein Deutsch lesen kann (obwohl er angeblich eine deutschsprachige Großmutter hat), sonst hätte er bestimmt auch eine Menge Spaß mit diesem Blog hier.

    Posted 16 Aug 2010 at 19:45
  3. avatar Siri wrote:

    Man, wieso könnt ihr alle so gut Englisch? :)

    Als ich das Buch las, war ich total verärgert über dieses Aufeinandertreffen. Und zwar nicht nur, weil schlichtweg nichts Spannendes passierte, sondern vor allem, weil so geschwollen und lächerlich unrealistisch geredet wurde. Die schmierten sich da gegenseitig einen Honig um’s Maul, dass es an eine Schmonzette erinnerte oder so was. Boah, war das furchtbar!
    Aber andererseits auch sehr lehrreich. So erfährt man, wie man es nicht machen sollte. Von daher kann ich dir nur danken, Patrick. Durch das Sezieren von Twilight habe ich sehr viel über das Schreiben dazugelernt :)

    Posted 19 Feb 2013 at 02:45
  4. avatar Patrick wrote:

    Gerne :-)

    Posted 19 Feb 2013 at 06:04

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