Twilight hat uns nun bereits fast fünfzig Beiträge lang begleitet. Ich war oft frustriert und manchmal vielleicht etwas zu hart in meiner Kritik. Ich hoffe, die Leser dieser Reihe sind wenigstens nicht so gelangweilt gewesen wie ich bisweilen bei der Lektüre selbst. Wir nähern uns einem entscheidenden Moment in Twilight. Dem Moment, an dem ich wirklich alle Hoffnung fahren lasse und dieses Buch zu hassen beginne.
Man kann sich also auf etwas freuen.
Es ist eine Sache, ein eindeutig minderwertiges Buch zu lesen und zu verreißen. Eigentlich wäre Twilight die Mühe nicht wert, wäre es nicht so erfolgreich. Ähnlich wie Garry-Marshall-Filme ist das Buch die Pixel nicht wert, die meine Blogbeiträge darstellen. Der Roman versagt in so vielen Formen, die ihn alle zu einem besseren Leseerlebnis machen würden, dass eine harte Kritik daran eher wirkt, als würde man einen Hund dafür bestrafen, dass er nicht lesen kann – nur, dass der Hund in diesem Fall zum gefeierten Hörbuchinterpreten wird.
Das war bisher. Jetzt aber wird Stephenie Meyer zu Michael Bay. Nicht nur ist das Buch gefüllt mit hässlichen Vorurteilen und Stereotypen, sondern Meyer setzt nun an, ihre These von der Überlegenheit des Mannes zuerst in Frage zu stellen und dann triumphierend zu bestätigen. Sie gönnt der Leserschaft einen Moment der Hoffnung, um diese dann umso freudiger zu zerquetschen.
Denn in der Diskussion darum, was Edward mit Bella anfangen soll, wo jetzt der Jagdvampir auf sie aufmerksam geworden ist, passiert das Unglaubliche. Bella hat einen Plan.
Der Stand der Diskussion ist, dass Edward partout nicht umkehren will. Bella hingegen verlangt, ihren Vater nicht allein zu lassen – er ist in Gefahr durch den Vampir, und er könnte das FBI rufen und den Cullens Probleme machen. Alice gibt Bella Recht, was aber egal ist; dass Emmett ebenfalls auf ihrer Seite steht, hilft jedoch. Alice hört niemand zu:
»Es gibt eine andere Möglichkeit«, sagte Alice still. Edward drehte sich wütend zu ihr um, seine Stimme ein beißendes Knurren:
»Es – gibt – keine – andere – Möglichkeit!«
Es entsteht ein Schweigen, und wir werden nie erfahren, welche andere Möglichkeit Alice – die ja immerhin die Zukunft sehen kann – wohl im Sinn gehabt hat. Denn nun, urplötzlich, ist Bellas Auftritt:
»Will irgendjemand meinen Plan hören?« »Nein«, knurrte Edward.
(…)
»Hör zu«, bat ich. »Du bringst mich zurück.«
»Nein«, unterbrach er.
Ich starrte ihn an und fuhr fort. »Du bringst mich zurück. Ich sage meinem Vater, dass ich nach Phoenix zurückkehre. Ich packe meine Sachen. Wir warten, bis der Spurenleser zuschaut, und dann hauen wir ab. Er folgt uns und lässt Charlie in Ruhe. Charlie ruft nicht das FBI. Und ihr könnt mich bringen, wohin ihr wollt.«
Die Cullens sind ebenso erstaunt wie die Leserschaft. Nicht, dass Bella damit die Kontrolle übernähme:
»Ich verlange, dass du mich nach Hause bringst.« Ich versuchte, entschlossen zu klingen. (…)
»Bitte«, sagte ich wesentlich leiser.«
Aber immerhin, Edward folgt ihrer Idee. Er sagt ihr, sie habe 15 Minuten, um Charlie irgendeine Geschichte zu erzählen und ihre Sachen zu packen, und zu verschwinden, egal, was Charlie sage. Fünfzehn Minuten, wiederholt er noch einmal. Und noch einmal. Aber immerhin folgt er Bellas Idee.
Das ist geradezu unerhört, dass diese junge Frau, die bislang trotz aller Proteste so willig und gehorsam und unscheinbar war, auf einmal eine Idee haben soll, die sich als gut erweist. Ist Bella am Ende in der Lage, selbst auf sich aufzupassen? Stephenie Meyer weiß es besser, ich jedoch hoffe plötzlich.
Bellas Plan geht noch weiter, und Edward protestiert zuerst:
»Bitte, Bella, lass es uns auf meine Art tun, nur dieses eine Mal.«
Ja, es ist okay, wenn ihr lacht. Lachen ist hier okay. Ebenso übrigens wie bei den »unverständlichen Flüchen«, die Edward während der letzten Seiten ausstößt. Nicht, dass Stephenie Meyer wirklich einen Fluch schreiben müsste, darum flucht Edward so schnell, dass Bella es kaum versteht. Flüche sind zu schmutzig, ebenso wie Sex.
Bellas Plan jedenfalls sieht vor, dass Edward in der Stadt bleibt, damit Charlie nicht glaubt, er habe sie entführt – und nein, auch beim dritten Lesen ergibt das für mich keinen Sinn. Ich könnte mir vorstellen, dass Charlie glaubt, Bella würde mit Edward abhauen, aber mit dem hohen Ansehen der Cullens und Charlies Schlafmützigkeit weiß ich wirklich nicht, was da passieren soll. Ach, und Emmett soll auch in der Stadt bleiben, um eventuell den Jäger stellen zu können. Jasper und Alice werden Bella beschützen, und Edward soll dann nach Phoenix nachkommen.
Denn Bella will wirklich nach Phoenix, in ihre alte Heimatstadt zurück. Die Begründung ist idiotisch, aber mit einem so guten Spurenleser, wie der Jäger sein soll, ist es meines Erachtens egal, irgendwo muss Bella ja hin.
Edward beweist derweilen, dass er zu allen ein Arschloch ist:
»Halt die Klappe, Emmett.«
(…)
Edward lächelte [Alice] an. »Aber behalte deine Meinung für dich.«
Und nur der Vollständigkeit halber: das sind Edwards letzte Worte an Bella, bevor sie ins Haus gehen, um Charlie auszutricksen (Bella hat 15 Minuten):
Edwards Stimme war sanft. Alice und Emmett sahen aus ihren Fenstern. »Wenn du zulässt, dass dir irgendwas passiert – egal, was –, dann mache ich dich persönlich dafür verantwortlich. Verstehst du das?«
»Ja«, schluckte ich.
Abgesehen davon, dass Alice und Emmett nicht aus »den«, sondern speziell »ihren« Fenstern sehen: das ist die Art von Romantik, die ich vom Rest des Buches gewohnt bin. Da wird Bella von einem Superspurenleservampir gejagt, aber Edward macht es tatsächlich zu einer Drohung, sollte ihr etwas passieren. Bella versteht es zumindest als solche, nicht als ironisches Bekenntnis von Sorge. Und während das vor einem weniger dramatischen Kontext vielleicht zumindest den Fans einer besitzergreifenden Liebe zusagen könnte, ist das bei Lebensgefahr doch nicht wirklich sexy.
Umso erstaunlicher ist es also, dass Bella ihren Plan wirklich durchsetzt. Und obwohl ein paar der Ideen etwas überkomplex sind – Bella sagt, sie fährt nach Phoenix; der Jäger hört das und weiß, dass es ein Trick ist; also fährt Bella wirklich nach Phoenix, weil er das nie erwarten würde – wirkt es so, als könnte sie sich hier freistrampeln aus Edwards Einfluss, als könne sie sich vielleicht wirklich behaupten.
Jetzt muss der Plan nur noch gutgehen.
Dieser Roman könnte soviel besser sein, wenn… Bellas Plan gut ginge.

Comments 5
Ich fürchte, nicht mal dann wäre das Buch besser. Denn diese ganze Sache mit James und der Flucht ist total unlogisch und vor allem unnötig.
Hallo! Da stehen sechs Vampire auf dem Platz, die doch locker mit den drei anderen Vampiren fertig werden müssten. Und alles was ihnen einfällt ist weglaufen? Emmett alleine wäre mit den drei fertig geworden, da könnte ich wetten. Zusammen mit Jasper auf alle Fälle. Die wissen genau, wie gefährlich James für Bella werden kann und sie tun rein gar nichts dagegen.
Wie wir wissen, hasst Steph Action. Das ist echt doof, sonst wäre diese Szene kurz und für die bösen, wilden Vampire sehr schmerzhaft geworden. Wenn auch nicht lange.
Dass Edward absolut tyrannisch gegenüber Bella und auch seiner restlichen Umwelt ist, merkt man nicht nur an dieser Stelle. In Buch 3 gibt es eine Szene, in der Charly von Billy nach La Push eingeladen wird und Bella überlegt, dass Edward sie nie dorthin zu den Werwölfen gehen lassen wird – nicht mal unter elterlicher Aufsicht. Wohlgemerkt wohnt sie da immer noch zu Hause bei Papa. Aber das Wort Edwards wiegt natürlich schwerer als alles was ein Vater von sich geben könnte.
Gruselig, oder? Und das sehen so viele Mädchen und Frauen als perfekte, idealisierte Partnerschaft? Noch schlimmer: das ist offenbar das, was Steph unter einer perfekten Ehe ansieht. Sie scheint überhaupt kein Problem mit dieser Art Tyrannei zu haben.
Posted 21 Aug 2010 at 20:46 ¶Oh Mann, da “freue” ich mich ja auf Buch 3…
Ich bin mir auch nicht sicher, was die Flucht soll.
Edward weiß, dass James niemals aufgeben wird – wenn er einmal eine Jagd begonnen hat, führt er sie auch zu Ende. Also ist es unausweichlich, dass die Cullens James töten müssen (oder Bella opfern). Ich kann vielleicht noch verstehen, dass sie nicht gegen alle drei Vampire losschlagen wollen, da könnte vielleicht einer der Cullens auch dran glauben.
Aber die Alternative wäre ja, dass Bella entweder jahrelang versteckt lebt.
Was ich nicht erwähnt habe, ist außerdem, dass Alice erst einmal in der Zukunft sieht, dass James nicht angreift, wenn sie zu Bellas Haus zurückkehren, und außerdem weiß, dass sie vor James bei Bella ankommen. Das ist doch sehr spezifisch und sogar auf bestimmte Handlungen abgestimmt – sogar James’ Vorhaben kennt sie (“er wird warten, bis Bella ungeschützt ist”). Diese Wahrsagerei wird wirklich konfus dargestellt.
Ich überlege übrigens, ob ich zu einer kapitelweisen Kritik übergehen soll, mindestens ab Buch 2, vielleicht schon vorher. Einfach, weil sich doch viele Vorwürfe wiederholen. Ich will ja wirklich nicht langweilen.
Posted 21 Aug 2010 at 21:25 ¶Keine Bange, du langweilst nicht. Außerdem ist diese Detailtiefe sehr interessant.
Übrigens hab ich grad das hier gefunden:
http://unorthodoxology.blogspot.com/2009/05/twilight-saga-mormon-theology-and.html
Was wäre eigentlich, wenn Alice gar keine Visionen hat, sondern nur so tut als ob? *ggg*
Posted 21 Aug 2010 at 22:42 ¶Also ich finde es auch nicht langweilig. Was habe ich mich gestern gefreut, als ich sah, dass wieder drei neue Kritikseiten online sind.
Ich bin gespannt, wenn du vielleicht über das Ende von Buch 4 schreibst. Ich glaube, ich war noch nie so enttäuscht über das Ende eines Buches wie bei Breaking Dawn. Ein riesen Wirbel um nichts. Ich hoffe, dein Kopf bleibt ganz, wenn du ihn dann auf die Tischkante schlägst.
Posted 30 Aug 2010 at 15:09 ¶Das hoffe ich auch. Allerdings sollte das beim aktuellen Tempo ca. Februar 2019 sein, da haben die vielleicht schon Ersatzköpfe im Angebot *g*
Posted 30 Aug 2010 at 15:15 ¶Post a Comment