ZS: Abschied (S. 341-347)

Dies ist Teil 50 von 61 der Serie Zwielicht am Sonnabend

Charlie war aufgeblieben. Das Haus war hell erleuchtet. Mein Kopf war leer, während ich nach einer Möglichkeit suchte, ihn dazu zu bringen, mich gehen zu lassen.

Das ist der Konflikt, der sich Bella stellt. Dabei ist nicht ganz klar, woher der Konflikt kommt – bislang war Charlie eigentlich ganz froh, sich aus Bellas Leben rauszuhalten, und man könnte annehmen, wenn Bella fahren wollte, würde er sie gehen lassen. Auch, wenn er vermissen wird, dass Bella für ihn kocht, putzt und einkauft.

Immerhin ist Charlie ein geschiedener Mann und damit per se nicht mehr in der Lage, ein idealer Vater zu sein. Auch wenn er zumindest keine neue Freundin hat, sondern eher wie ein Witwer lebt. Da Charlie von seiner Frau verlassen wurde, ist ziemlich klar, auf welcher Seite hier die Schuld gefunden werden kann. Und passenderweise ist Bellas Mutter auch in einer neuen Beziehung, die auch wieder nicht ganz perfekt läuft.

Jetzt hat Bella, wie Edward netterweise noch einmal erwähnt, genau fünfzehn Minuten Zeit. Nicht, um sich von Charlie zu verabschieden, sondern um ihn dazu zu bringen, sie gehen zu lassen. Oberflächlich geht sie nach Phoenix, aber natürlich muss Charlie sie auch metaphorisch gehen lassen und der Kontrolle von Edward übergeben. Und das ist es ja, was Väter bei der traditionellen Hochzeit tun: sie geben ihre Tochter dem Ehemann. Der Sohn wird nicht von Mutter zu Ehefrau übergeben. Da kann Charlie eigentlich froh sein, dass es Edward ist, denn der würde Bella nicht einfach gehen lassen oder ihr zu viel eigene Entscheidungen geben.

Der Abschied ist tränenreich, weil Bella – ganz emotionales Mädchen – schon anfängt zu weinen, als sie sich von Emmett für etwa eine halbe Stunde verabschieden muss. Und dann kommt der Moment, an dem Bella ihren großen Plan in Gang setzen muss. Wir dürfen nicht vergessen, dass Charlie der Sheriff ist und daher, sollte er misstrauisch werden, einiges an Kompetenzen besitzt – in den USA kann ein Sheriff’s Department schon mal vollautomatische Waffen oder alte Armeefahrzeuge haben, geschweige denn einen sehr dehnbaren Rechtsbegriff. Wie also will Bella Charlie zugleich beruhigen und abweisen? Ein Vorzeichen könnte sein, dass sie Edward warnt, nichts zu glauben, was sie nun sagen wird…

»Geh weg, Edward!«, schrie ich ihn an, rannte rein und schlug ihm die Tür vor der immer noch geschockten Nase zu.
»Bella?« Charlie hatte im Wohnzimmer gelauert und war aufgesprungen.
»Lass mich in Ruhe!«, schrie ich ihn durch meine Tränen hindurch an, die nun unaufhaltsam flossen. Ich rannte die Treppe hoch in mein Zimmer, warf die Tür zu und schloss ab.

Ich bin kein Vater, aber mir scheint, die beste Möglichkeit, um meinen Beschützerinstinkt zu wecken – und entsprechend eine der schlechtesten Möglichkeiten für Bellas Plan – wäre, wenn mein Kind derart aufgelöst von einem Date zurück käme. Entsprechend hämmert Charlie vor die Tür und fragt, ob Edward Bella weh getan hätte. Ob er mit ihr Schluss gemacht hätte. Bella verneint beides. Stephenie Meyer beschreibt seine Reaktion:

»Was ist passiert?«, brüllte er. (…) Er packte meinen Ellenbogen, als wir in der Küche waren. (…) Er wirbelte mich herum, damit ich ihn ansehen konnte, und ich sah in seinem Gesicht, dass er nicht vorhatte, mich gehen zu lassen.

Das ist schon etwas beängstigend, wie handgreiflich Charlie da wird. Aber gleichzeitig zeigt sich, dass Bellas Plan nicht funktioniert. Und wie auch? Ein schlecht gelaufenes Date zu simulieren und deswegen weglaufen zu wollen ist ein Verhalten, dass eher von Unreife und hoher Emotionalität zeugt und nicht dazu anregt, die Entscheidung zu respektieren.

Aber die fünfzehn Minuten laufen ab, also muss Bella gemeiner werden. Hier ist ihre Begründung: sie hat mit Edward Schluss gemacht, weil sie ihn so sehr mag. Denn, so Bella, sie hasst Forks so sehr, dass sie nicht riskieren will, hierzubleiben. Sie will nicht wie ihre Mutter enden.

Das ist harter Tobak und zumindest glaubwürdig. Als Tochter weiß sie sicher genau, wie sie Charlie verletzen kann, und mit den Vorwürfen ihrer Mutter zu kommen, kann wirksam sein. Gleichzeitig gefällt mir nicht, dass Bella so ein typisch weibliches Verhalten zeigt, indem sie komische Logik benutzt und dann Vorwürfe macht, die im Endeffekt den stereotypen Ausruf bedeuten: Meine Mutter hatte Recht. Ein emotionaler Anfall ist klischeehaft – aber zumindest kann ich mir vorstellen, dass es funktioniert.

Kurzfristig. Denn im Endeffekt ist dies nur ein Streit, und auch, wenn sie ihren Vater hier verletzt, um womöglich aus dem Haus zu kommen, so wird sich die Situation beruhigen. Zum Glück hören die Figuren in diesem Buch auf, zu existieren, sobald sie aus Bellas Nähe verschwinden, sodass wir uns nicht darum sorgen müssen, was Charlie zwischen seinen Auftritten im Buch anstellen mag.

Interessant bei diesem Streit sind zwei Dinge. Erstens der Satz, den Bella benutzt, um Charlie endgültig abzuweisen:

»Lass mich einfach gehen, Charlie«, wiederholte ich die letzten Worte meiner Mutter, als sie vor sie vielen Jahren aus der selben Tür ging.

Okay. Ernsthaft. Bella war nur wenige Monate alt, als ihre Mutter ihren Vater verließ (und Charlie einer sexlosen Zukunft überließ – zumindest, was Sex mit anderen Leuten angeht). Woher weiß sie, was ihre Mutter genau gesagt hat? Ist das eine der Geschichten, die jedes Jahr zu Weihnachten wiederholt werden? »Und dann habe ich ihm gesagt: Lass mich einfach gehen, Charlie! und ihn stehen lassen. Ach, und hab Spaß mit deinem Vater, Bella!« Oder hat Charlie den Spruch irgendwo eingraviert, als Erinnerung?

I call bullshit. (Mal wieder)

Die zweite interessante Sache hat mit Bellas Plan zu tun. Wir erinnern uns, eigentlich klang Bellas Plan halbwegs gut. Aber nicht nur stellt sie sich nicht so geschickt an, um ihren Vater auszutricksen, und muss sich auf Autorenwissen verlassen, um diesen Part umzusetzen. Nein, zu ihrem Plan gehört ja auch, den Spurenleser James wissen zu lassen, dass sie nach Phoenix fährt, um ihn dann dadurch zu überraschen, dass sie nach Phoenix fährt.

Bella erwähnt mit keinem Wort niemals, wo sie hinwill. Edward bestätigt, James habe das Ende ihres Auftritts mitbekommen. Das also hört James:

»Lass mich einfach gehen, Charlie. (…) Es hat nicht gepasst. Ich hasse Forks wirklich, wirklich, wirklich! (…) Ich rufe dich morgen an!«

Da kann James ja gar nicht anders als zu denken: Die fährt überall hin, aber bestimmt nicht nach Phoenix.

Dieses Buch könnte so gut sein, wenn… Figuren außerhalb von Bellas Sichtweite weiter existierten.

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Comments 8

  1. avatar Lia wrote:

    Ok, diesmal muss ich dir in zwei Punkten widersprechen.

    Erstens bezüglich der Scheidung und der Art wie Bellas Eltern danach mit der Situation umgegangen sind. Charly mag verlassen worden sein, aber das kann auch an Bellas Mutter gelegen haben, die sich vom Leben in einer verregneten Kleinstadt möglicherweise höchst fantasievolle Illusionen gemacht hat. Charly dürfte als Ehemann recht pflegeleicht zu sein, ist aber sicher ein sehr introvertierter Mensch während Bellas Mutter recht extrovertiert sein dürfte. Zu einer Scheidung gehören immer zwei. Dass Charly im Gegensatz zu seiner Ex-Frau keine neue Beziehung mehr eingegangen ist, mag ein Zeichen sein, dass er sie eigentlich immer noch geliebt hat. Der Mann ist ja kein Redekünstler. Schon gar nicht, wenns um Gefühle geht.

    Zweitens kann auch ein geschiedener Mann ein wunderbarer Vater sein. Mein Sohn hätte dir jetzt nämlich gehörig die Meinung gegeigt, hätte er das gelesen. Scheidung mag ein Einbruch in der Beziehung zweier Menschen sein, aber die Beziehung zum Kind muss darunter nun absolut nicht leiden. Sonst wären ja auch alle geschiedenen Mütter per se nicht mehr in der Lage, gute Mütter zu sein. Abgesehen davon, dass das Wort “ideal” nicht komibinierbar ist mit dem Wort “Elternschaft”. Das gibts gar nicht. “Ideal” ist ein starrer Zustand, der nichts mit dem täglichen Leben mit Kindern zu tun hat.

    Charly ist sicherlich überfordert mit der Tatsache, eine fast erwachsene Tochter im Haus zu haben. Schließlich haben sie sich davor nur jeweils einen Monat im Sommer gesehen. Den Charly übrigens penibel eingehalten hat, wenn man der Anfangsbeschreibung Glauben schenken darf. Wenn du mal überlegst, dass Urlaub in den USA nicht bezahlt wird, zeigt das durchaus, dass Charly Bella liebt. Wer von uns würde einen Monat unbezahlten Urlaub nehmen, um das eigene Kind sehen zu können? Und jetzt bitte ganz ehrlich sein. Im übrigen verliebt Charly sich später in Witwe Clearwater, was aber von Steph mit einem Nebensatz abgetan wird, statt diese nette Geschichte in den Plot zu integrieren. Hätte den Büchern bestimmt gut getan.

    Der Gedanke, dass an diesem Punkt, die Verantwortung für Bella von Charly auf Edward übergeht, ist absolut richtig. Das hatte ich bisher nicht so gesehen, aber du hast vollkommen recht. Das zeigen auch alle weiteren Szenen, in denen Bella Edwards Willen über den ihres Vaters stellt.

    Im übrigen ist gerade diese Szene komplett unnötig. Da steht die gesamte Cullen-Familie (also sechs Vampire) gegen drei “wilde” Vampire und alles was ihnen einfällt ist weglaufen. Häh? James ist ein Tracker, er liebt es, Fährten zu folgen. Es wäre sicherer gewesen, Bella in einer Käsefabrik zu verstecken oder James eine Stinkbombe vor die Nase zu werfen. Ich bin mir sicher, ersteres hätte dazu geführt, dass er Bella nicht mehr riechen kann und zweiteres (mit der richtigen Sorte Stinkbombe) dazu, dass er nie mehr wieder irgendetwas riechen kann.

    Wozu der ganze Aufwand? Ok, die Cullens sind friedliebende Vampire, aber spätestens jetzt wäre es ein sinnvoller Weg gewesen, Bella zum Vampir zu machen. Der Rest der Geschichte hätte sich um Bellas Zurechtfinden in der neuen Situation und den Kampf gegen die Volturi drehen können. Die sind sowieso viel bessere Bösewichte, als James oder Viktoria es jemals sein könnten.

    Die Werwölfe hätte es ja trotzdem geben können. *ggg* Die sind schließlich tausendmal interessanter als alle Vampire zusammen.

    Ab hier beginnt der Plot extrem unlogisch zu werden. Im Grunde geschieht alles nur noch, damit überhaupt ein Ansatz von Plot- und Charakterentwicklung da ist. Denn leider ist Steph nicht imstande, ihre Figuren wirklich lebendig werden zu lassen.

    Wie du sagst, existieren sie nur, wenn sie gerade gebraucht werden. Bellas Mutter bleibt ein ferner Schemen, ihr Vater wird angeln geschickt sobald er nicht mehr gebraucht wird. Bellas Schulfreunde verschwinden im Nirvana des Schulgebäudes sobald ihre Aufgabe erfüllt ist. Die Figuren sind platt und führen gestelzte, absolut unreale Dialoge. Wir erfahren nicht, was Charly wirklich denkt, genauso wenig wie Carlisles Ansichten über die moderne Welt.

    Diese Bücher wären besser, wenn irgendjemand Steph mal ein Buch übers Bücher schreiben in die Hand gedruckt hätte.

    Posted 29 Aug 2010 at 13:11
  2. avatar Patrick wrote:

    Lia: Ich hatte das aus Sicht der Mormonin Meyer gemeint. Da ist die Mutter schuld, und alleinerziehende Eltern immerhin besser als Eltern in einer Zweitbeziehung oder gar – schluck – gleichgeschlechtliche Eltern, aber das ideale Paar ist verheiratet über den Tod hinaus.

    Da ich bei meinem geschiedenen Vater aufgewachsen bin, sehe ich das auch etwas anders. :)

    Posted 29 Aug 2010 at 16:02
  3. avatar Lia wrote:

    Uff, da bin ich jetzt aber froh! So hatte ich dich nämlich nicht eingeschätzt. Andererseits sind gerade Scheidungskinder oft sauer auf ihre Eltern.

    Aber eines sollte klar sein: für Mormonen gibt es keine Scheidung! Die Ehe ist von Gott vorher bestimmt, wird für alle Ewigkeiten versiegelt und kann daher auch nicht aufgelöst werden.

    Ja, gegen Homosexuelle wettern sie auch immer. Aber gegen wen wettern sie nicht? Vielleicht sollten wir also stolz darauf sein, immerhin des Wetterns wert zu sein. *ggg* Gegen Pädophile zB wettern sie nicht und mit denen möchte ich ungern auf einer Stufe stehen.

    Posted 29 Aug 2010 at 19:02
  4. avatar Jule wrote:

    Schön finde ich auch, dass ihr Kopf leer ist, während sie sich eine Ausrede für Charlie überlegt. Ein Vampir hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bella zu frühstücken, sie muss ihre Vater für unbestimmte Zeit verlassen, sie sieht ihren Edward für ein paar Tage nicht (!!!) und sie fährt mit zwei Leuten, die sie eigentlich kaum kennt (Alice und Jasper) nach Phoenix. Also mein Kopf wäre da alles andere als leer.
    Mal ganz außen vor gelassen, dass es total kindisch ist, ein Date als Grund zum Abhauen zu nehmen. Wäre ich Charlie, hätte ich sie nicht einfach gehen lassen. Sie ist 17 und seine Tochter, da sollte er doch eigentlich ein bisschen Mitspracherecht haben. Interessant wäre es geworden, wenn er ihr einen Tag später nach Phoenix gefolgt wäre, um sie zu suchen und sie zu überreden, wieder mit nach Forks zu kommen. Dann hätte er genau in den Kampf der Vampire geraten können. Aber das hätte ja spannend werden können, das geht ja nicht.

    Posted 30 Aug 2010 at 15:33
  5. avatar Lia wrote:

    Das fantastische ist: Bellas Kopf ist immer leer! Ich wüsste nicht, dass man in den ganzen Büchern jemals viel von ihren Gedanken erfährt. Außer vielleicht im zweiten Band als sie zum Adrenalinjunkie wird, um möglichst oft Edwards Stimme herbeifantasieren zu können. Ich wollte ja immer schon wissen, wie Süchtige denken.

    Mein Kind würde damit auch nicht durchkommen. Schließlich sollte man annehmen, dass alle Beteiligten in einem Alter sind, in dem man miteinander reden kann.

    Bellas Mutter habe ich ja so ein wenig im Verdacht einer extrem destruktiven Beziehung zu ihrer Tochter. Die scheint ja eher nach dem Vater zu kommen als nach der Mutter, was für Geschiedene oft tatsächlich eine Belastung darstellt. Aber vor allem scheint sie Bella auch nicht mit den kleinsten Details ihrer kaputten Ehe verschont zu haben. Bella weiß absolut alles über diese Zeit, obwohl sie da noch ein Baby war. Das kann ihr also nur ihre Mutter immer wieder erzählt haben.

    Für Steph scheint Spannung gleich der Teufel zu sein. Sie vermeidet sie, wo sie nur kann, mindert sie ab, sollte sich doch mal ein spannender Moment ergeben haben. Ist die Frau echt so langweilig oder fürchtet sie sich vor ein wenig mehr Spannung im Leben? Das lässt schon tief blicken. *ggg*

    Posted 31 Aug 2010 at 18:23
  6. avatar Patrick wrote:

    Hehe. Für ein wenig Spannung legt ihr der Ehemann mal pelzige Handschellen an und eine Schlafbrille, und dann kommt die ganze Zeit: ”Was machst du jetzt? Und jetzt? Und jetzt?” bis es ihm zu doof wird *g*

    Ähh… da musste ich halt dran denken.

    Posted 31 Aug 2010 at 19:07
  7. avatar Lia wrote:

    Nicht, dass wir da drüber nachdenken würden, oder? *ggg* Ich denke, in dem von dir beschriebenen Fall hat der Ehemann den Knebel vergessen. Die Plüschdinger und die Schlafbrille sind bestimmt rosa mit Strasssteinchen.

    Posted 01 Sep 2010 at 22:25
  8. avatar Patrick wrote:

    Hehe, die glitzern im Sonnenlicht *g*

    Posted 01 Sep 2010 at 22:50

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