Sherlock

Ich bin ein Fan von Jon Rogers’ Konzeption von Sherlock Holmes, seit ich sie gelesen habe:

John Watson ist ein harter sechsundzwanzigjähriger Kriegsveteran mit Mujahedin-Schrapnell im Bein (oder der Schulter), nicht irgendein aufgetakelter Idiot mit Melone. Sherlock Holmes ist ein drogensüchtiger Dauerstudent, der Fälle für die Unterwelt / die Arbeiterklasse löst, an die sich die Polizei nicht rantraut. (…)

Oh, und beides sind Frauen.

Ich wünsche mir, dass jemand diese Vision mal verfilmt, in etwa so wie Jane Austens Fight Club:

In Steven Moffats und Mark Gatissens Sherlock ist Sherlock ein Soziopath mit höchstens kurz zurückliegender Drogenvergangenheit, wahrscheinlich asexuell und nicht sehr sympathisch. Watson ist ein Kriegsveteran, der aus Afghanistan mit psychosomatischem Humpeln zurückgekehrt ist. Holmes liebt das »Spiel«, Rätsel zu lösen, ihm sind die Opfer egal. Watson hingegen ist süchtig nach der Gefahr, der Spannung, in der er seine vorgeblichen Gebrechen vergisst, und er hat kein Problem damit, jemanden zu erschießen.

Das ist eine sehr schöne und in der ersten Folge absolut stringent durchgezogene Charakterisierung. Erinnert sich jemand an die Zeit, in der House noch ein Ekel war? In dieser ersten Folge ist Holmes nicht sympathisch, und man kann nur hoffen, dass die weiteren Folgen (zwei sind noch gedreht, weitere in Planung) da nichts aufweichen. Es ergibt Sinn, warum diese beiden auf Verbrecherjagd gehen, und es ergibt auch Sinn, dass Holmes sich freiwillig in die Fänge eines Psychopathen begibt, wenn dieser seinen Intellekt reizt.

Ebenfalls schön ist die Begegnung mit einer mysteriösen Figur, die sich sehr besorgt über Sherlock gibt und sich gleichzeitig als sein Erzfeind bezeichnet; Holmes-Freunde ahnen, wer sich dahinter verbirgt.

Ach ja, und dann ist da am Ende noch der Moment, als der ertappte Killer von seinem »Sponsor« spricht und Holmes ihm einen schmerzerfüllten Namen abringt, den einen Namen, der noch mehr Gewicht hat als der unserer Hauptfiguren; tritt dieser Professor doch nur in zwei oder drei Geschichten auf und ist doch fast ebenso bekannt, dieser Name, der Holmes noch wenig sagt, uns aber mehr: Moriarty.

Benedict Cumberbatch ist absolut großartig in der Rolle von Sherlock Holmes; nicht nur bringt er das Genie und die Arroganz und die Blässe über den Bildschirm, sondern er hat auch eine Energie, die mich mitreißt. Wenn Holmes erklärt oder sich auch nur herausgefordert fühlt, dann reicht Cumberbatch, damit das Spaß macht.

Ebenfalls sehr nett fand ich, dass Holmes und Watson durchgehend als schwules Pärchen gesehen werden, ohne dass sich jemand daran stört (nur Holmes selbst, der Watsons angebliche Avancen halbwegs sanft abwehrt). Leider wartet bereits eine mögliche Liebschaft sowohl auf Holmes als auch auf Watson, und ich hoffe, dass keine der beiden Damen mit einem der beiden Herren verkuppelt wird.

Auch leider ist dies eine Serie voller weißer, gesunder Männer. Es gibt eine schwarze Frau und ein paar weiße Frauen in kleinen Nebenrollen, und das wars. Das Trio im Zentrum der Fälle: Holmes, Watson und Inspektor Lestrade wird von drei weißen Männern gespielt, was wirklich, wirklich schade ist. Nicht, dass die Darsteller schlecht wären – und Cumberbatch ist, wie gesagt, nahezu perfekt – aber ich mag es lieber, wenn mir Dinge nicht trotz solcher Schwachpunkte gefallen, sondern wenn diese Schwachpunkte nicht existieren.

Trotzdem meine klare Zuschau-Empfehlung für alle, die britisches Fernsehen empfangen.

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  1. From Derangierte Einsichten - Sherlock und die Frauen on 12 Jan 2012 at 16:08

    [...] und die Frauen TweetIch hatte ja schon etwas zu der BBC-Serie »Sherlock« geschrieben. Die Serie ist nun in die zweite Staffel gegangen – mit Irene Adler und einer guten Portion [...]

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