BoW: Surprise / Innocence (Buffy 2×13/14)

(Für Neulinge würde ich vor diesen Episoden nur erwähnen, dass Spike Drusilla in einem Ritual stärker gemacht hat, dabei aber verletzt wurde – und dass Cordelia und Xander sich geküsst haben. Eventuell kann man auch jetzt schon Kendra erwähnen, die neue Jägerin.)

Die erste Liebesnacht. Für alle sexuell interessierten Menschen ist sie etwas Besonderes, auch wenn wir Jungen und Mädchen höchst unterschiedliche Erwartungen mitgeben. Die Selbstbestimmtheit, unsere Sexualpartner wählen zu können, ist uns wichtig. Gleichzeitig birgt diese Freiheit das Risiko, dass wir uns irren. Was, wenn die Person uns in Wahrheit ausnutzt? Diese Thematik nimmt die Doppelfolge im Herzen der zweiten Buffystaffel auf und richtet außerdem die Staffel auf ihr eigentliches Ziel aus.

»Willow Kissage.«

Als Buffy im Fernsehen lief, war es eine Seltenheit, dass Serien einen übergreifenden Plot hatten, der eine ganze Staffel lang bedeutsam war und nicht nur im Hintergrund einzelner, allein stehender Folgen ablief, sondern tatsächlich die Staffel zu einer geschlossenen Erzählung machte. Babylon 5 wurde durch eine ähnlich zusammenhängende Erzählstruktur bekannt. Heute ist Lost nur eine Serie von vielen, die durchgehende Geschichten erzählt. Bei Buffy schien es so, als seien Spike und Drusilla die Schurken der Staffel, und das letztendliche Ziel sei, sie zu besiegen.

Angelus: You got a lot to learn about men, kiddo. Although I guess you proved that last night.

Aber diese beiden sind nicht thematisch dicht genug dafür. Spike und Drusilla sind unberechenbar, aber Buffy kämpft nicht mit Unberechenbarkeit und für Ordnung und Kontrolle. Chaos ist nicht der Gegner, den es zu bekämpfen gilt. Natürlich haben die beiden auch eine Verbindung zu Angel, und hier wird es schon etwas saftiger, nämlich damit, dass der Geliebte unserer Heldin eine unrühmliche Vergangenheit hat, die Buffy akzeptieren muss. Daraus hätte man vielleicht etwas machen können – aber der Weg, der eingeschlagen wird, ist so viel ertragreicher.

Eigentlich geht es mir hier um die vierzehnte Folge, Innocence, aber diese ist mit Surprise so eng verbunden, dass man sie als Doppelfolge sehen muss, um sie wirklich wertzuschätzen. Denn dann erleben wir, wie es Buffy und Angel immer schwerer fällt, ihre Zuneigung nur durch Küsse auszudrücken, und wir spüren, dass Buffy kurz davor steht, Sex zu haben.

The Judge: [regarding Dalton] This one is full of feeling. He reads.

Dann taucht der Judge auf, ein Dämon, der das Gute vom Bösen trennt und das Gute verbrennen kann. Der Judge ist ein reiner Plotgegenstand, eine mächtige Waffe – zuerst ist er unter der Kontrolle von Spike und Drusilla, später Angelus. Als solcher erkennt er die Menschlichkeit in dem Vampir, der gerne liest, und verbrennt ihn, aber er greift Spike und Drusilla trotz ihrer gegenseitigen Leidenschaft nicht an. In Wahrheit aber dient der Judge primär dazu, dass er die Hand auf Angel(us) legt und feststellt, dass in ihm nichts Gutes mehr wohnt. Der Judge ist der Detektor für den Zuschauer, der signalisiert: Dies ist kein Trick. Angel ist böse. Richtig böse.

Rupert Giles: A true creature of evil can survive the process. No human ever has.
Xander: What’s the problem? We send Cordy to fight this guy and we go for pizza.

Buffy und Angel versuchen, ein Körperteil des Judges, den »keine von Menschen geschmiedete Waffe« besiegen kann, in Sicherheit zu bringen, um ihn gar nicht erst zum Leben erwecken zu können. Das geht schief, aber erst, nachdem Buffy sich mit dem Gedanken vertraut machen musste, dass Angel aus ihrem Leben verschwindet. Als sie dann noch knapp dem Tod entrinnen, passiert es: sie haben Sex. Und Angel erlebt einen Moment perfekten Glücks – und verliert seine Seele, wird zum Monster.

Das ist brutal, denn nicht nur, dass Buffys Geliebter nun ein Bösewicht ist – sie hat ihn dazu gemacht. Und als sie ihn wiedersieht, sagt Angelus denn auch all die Dinge, die Buffy besonders schmerzen müssen. David Boreanaz ist meines Erachtens immer besser, wenn Angel besessen oder böse ist, weil er dann nicht so schwermütig spielt, und die Art und Weise, wie er Buffys tränenreiches »Ich liebe dich« mit einem abgezockten »Ich lieb dich auch« kontert, ist erwähnenswert. Wie überhaupt Sarah Michelle Gellar oft ein wenig für ihre Darstellung belächelt wird, aber wieder und wieder in solchen Momenten alles gibt.

Oz: I’m gonna ask you to go out with me tomorrow night. And I’m kinda nervous about it, actually. It’s interesting.
Willow: Oh. Well, if it helps at all, I’m gonna say yes.
Oz: Yeah, it helps. It-it creates a comfort zone. Do you wanna go out with me tomorrow night?
Willow: Oh, I can’t!
Oz: Well, see, I like that you’re unpredictable.

Auch sonst ist der Beziehungsreigen in vollem Gange. Willow hat endlich ihr erstes Date mit Oz (Hey, Oz!), bevor sie herausfindet, dass Xander, ihr jahrelanger Schwarm, mit Cordelia knutscht. Xander wiederum möchte seine Beziehung öffentlich machen, aber Cordelia will nicht, dass sie mit diesem Klassenclown in Verbindung gebracht wird. Diese Scham wird in der späteren Folge Bewitched, Bothered and Bewildered in den Fokus gebracht – hier sei nur erwähnt, dass diese Folge wirklich lustig und sehenswert ist, auch wenn ich sie nicht genauer besprechen werde. Ansehen kann man sie sich trotzdem, immer wieder.

Xander: Willow, we were just kissing. It doesn’t mean that much.
Willow: No. It just means that you’d rather be with someone you hate than be with me.

Willow, gekränkt, will mit Oz knutschen – und als Oz sich weigert, und wie er sich weigert, wird er für den Zuschauer zu einem möglichen Liebhaber. Willow war immer das Nesthäkchen, hoffnungslos in Xander verknallt und diejenige, die es am Besten schafft, das Schutzbedürfnis des Publikums zu wecken. Wir wollen nicht, dass sie irgendeinen Gitarristen abkriegt. Aber Oz zeigt Klasse, wir lassen unsere Vorbehalte Vorbehalte sein im selben Maße, wie Alison Hannigans Mimik zeigt, wie Willow Oz mit neuen Augen sieht.

Oz: Sometimes when I’m sitting in class… You know, I’m not thinking about class, ’cause that would never happen. I think about kissing you. And it’s like everything stops. It’s like, it’s like freeze frame. Willow kissage. Oh, I’m not gonna kiss you.
Willow: What? But freeze frame.
Oz: Well, to the casual observer, it would appear that you’re trying to make your friend Xander jealous or even the score or something. And that’s on the empty side. See, in my fantasy when I’m kissing *you*, you’re kissing *me*. It’s okay. I can wait.

Ebenso sind wir als Zuschauer jetzt anderthalb Jahre mit Buffy und Angel gewachsen, und auch wenn wir sehen, dass er nun böse ist – der Judge bestätigt es schließlich –, so fällt es uns ebenso schwer wie Buffy, ihn tot sehen zu wollen. Oh, er soll bestraft werden für die bösen Dinge, die er ihr gesagt hat, und dafür, dass er Buffys Freunde bedrohte, aber sterben… dazu ist es noch etwas zu früh, und Buffy sieht es ebenso.

Nicht vergessen will ich übrigens, dass auch Giles Beziehungsprobleme hat. Bahnte sich doch eine Liebschaft mit Miss Calendar an, so entpuppt sie sich hier als Zigeunerin, die ein Auge auf Angel halten sollte und dessen Unglück gewährleisten. Sie verschweigt ihre wahren Motive, und Buffy, als sie es herausfindet, fasst das verständlicherweise als Betrug auf – Giles hält zu Buffy und schickt Jenny weg. Und als Angelus zu Spike und Drusilla stößt, bahnt sich auch hier Beziehungsstress an, weil der im Rollstuhl sitzende Spike Angelus nicht ebenbürtig gegenüber stehen kann.

Angelus: You can’t do it. You can’t kill me.
Buffy: [kicks him in the groin] Give me time.

Man sieht, eine melodramatische Folge voller Liebeschaos – aber auch eine Folge mit großartigem Action-Höhepunkt. Joss Whedons Serien erzählen davon, dass Gewalt Probleme lösen kann, und auch wenn das nicht unbedingt pädagogisch wertvoll ist, so ist es doch befriedigend. Zuerst bekommt der Judge den Raketenwerfer, und dann Angel einen Tritt zwischen die Beine. Wir wollen ihn noch nicht tot sehen, aber ein bisschen leiden ist okay. Und damit ist klar, dass die zweite Hälfte der Staffel davon handelt, mit dem bösen Angel umzugehen: vielleicht muss Buffy ihn töten, vielleicht aber gibt es auch noch Hoffnung. Wir kennen das Ziel der Reise nicht, aber den Weg, den können wir nun sehen. Nächster Halt: Passion.

Comments 2

  1. avatar Lia wrote:

    Buffy habe ich bisher nie gesehen. Ich habs nicht so sehr mit Serien und vor allem sehr wenig Zeit für fernsehen übrig.

    Was fasziniert dich am meisten an dieser Serie?

    Posted 20 Aug 2010 at 19:10
  2. avatar Patrick wrote:

    Fernsehen ist ein Autorenmedium, und gute Fernsehserien transportieren die Idee des Hauptautoren ziemlich eindeutig. Bei Buffy ist es einfach so, dass ich die gesamte Mixtur mag:

    Da ist die weibliche Hauptfigur mit Schwächen, die gleichzeitig Monster jagt. Die Serie hat einen ungemeinen Wortwitz und spielt mit Genre-Klischees. Und die besten Episoden sagen eben auch etwas über die menschliche Erfahrung aus.

    Dazu kommt, dass Buffy einerseits durchlaufende Plots hat, also nicht nur für sich stehende Einzelfolgen (wie CSI oder so), gleichzeitig aber nicht nur schwergewichtig ist wie The Wire. The Wire ist super, aber da muss man fast die ganze Staffel gucken, bei Buffy kann man auch mal nur einzelne Folgen reinschieben und für sich genießen.

    Eben Unterhaltung, aber nicht oberflächlich. Ich kann das Gehirn anlassen und, wenn ich will, sogar analysieren, interpretieren, mitdenken. Die Serie fasziniert mich kurz gesagt sowohl intellektuell als auch emotional. :)

    Und ja, ich erkenne an, dass die Effekte manchmal sehr schlecht sind (vor allem zehn Jahre später) und dass man ein wenig Toleranz für Albernheiten mitbringen muss. Meines Erachtens lohnt es sich, Buffy eine Chance zu geben, aber es gibt natürlich sowohl reine Unterhaltungsshows, wenn man das will, als auch rein anspruchsvolles Fernsehen.

    Aber es ist eben trotzdem in meinen Augen wirklich hervorragendes Fernsehen, gerade weil Melodrama, Ernsthaftigkeit und Humor sich hier so häufig abwechseln und man sich weder scheut, tiefgründig zu werden, noch darüber einen Witz zu machen.

    Dabei gelingt nicht immer alles, aber der Anspruch ist wenigstens da, und die besten Folgen sind wirklich Folgen, die jedem gefallen sollten. Wer 5×13 (The Body) guckt und nicht beeindruckt ist, der hat sich in meinen Augen disqualifiziert, über Fernsehen zu sprechen.

    Posted 20 Aug 2010 at 20:16

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