BoW: Becoming (Buffy 2×21/22)

Auch wenn Buffy eine originelle Serie ist, so ist es doch gleichzeitig noch eine Serie mit relativ klassischem Aufbau: die einzelnen Episoden folgen der 4-Akt-Struktur, und die Vorliebe für ironische Szenenübergänge und ähnlich altbekannte dramaturgische Kniffe kann bisweilen sogar überhand nehmen. Und bei einer klassischen Serie weiß man, dass am Ende eigentlich alles wieder so ist wie am Anfang. Es gibt vielleicht begrenzten Wandel bei den Figuren, aber selbst das nur begrenzt. Und hier ist Buffy so gar nicht traditionell.

»It's a big rock. I can't wait to tell my friends, they don't have a rock this big.«

Buffy hat zwar externe Einflüsse: Bedrohungen, Dämonen, Zauberei, aber wenn in anderen Serien diese Einflüsse im Fokus stehen, geht es Joss Whedon darum, wie diese Einflüsse sich auf die Figuren niederschlagen. Natürlich rettet Buffy die Welt, aber wichtiger ist, welchen Preis sie dafür zahlt oder was das über sie aussagt. Am Ende der ersten Staffel ist Buffy bereit, in den Tod zu gehen, aber eigentlich ist dies die einfache Wahl, denn als Tote muss sie nicht mit den Konsequenzen ihrer Taten leben.

Whistler: Bottom line is, even if you see them coming, you’re not ready for the big moments. No one asks for their life to change, not really. But it does. So, what are we, helpless? Puppets? Nah. The big moments are gonna come, you can’t help that. It’s what you do afterwards that counts. That’s when you find out who you are.

Nun sind Konsequenzen nicht unbedingt etwas, das man in Fernsehserien findet. Wenn Buffy im ersten Teil dieser Doppelfolge die Diskette mit dem Ritual findet, das Angels Seele zurückbringen kann, dann ist eigentlich klar, was passieren wird. Im letzten Moment wird dieses Ritual Angel wiederherstellen und alles geht gut aus. Dann gilt es nur noch, Spike und Drusilla zu besiegen und fertig. Es ist viel passiert, aber am Ende ist der Status Quo wieder hergestellt. Klassisches Serienmuster.

Principal Snyder: This isn’t an orgy, people, it’s a classroom.
Buffy: Yeah, where they teach lunch.

Nicht so hier. Angel lockt Buffy von ihren Freunden weg, Drusilla greift an und tötet Kendra (hier wäre es gut, Neulingen zu erklären, warum es eine zweite Jägerin gibt), verletzt Xander und Willow und entführt Giles.Die Hoffnung, die Buffy gerade noch hatte – vielleicht kommt Angel doch zurück –, zerschlägt sich, und sie wird sogar von der Polizei verfolgt. Gleichzeitig bereitet Angelus das Ende der Welt vor. All das erhöht den Einsatz, auch wenn diese erste Folge nur dazu dient, die letzten Dominosteine aufzubauen.

Whistler: There’s moments in your life that make you, that set the course of who you’re gonna be. Sometimes they’re little, subtle moments. Sometimes they’re not. I’ll show you what I mean.

Dazu sehen wir, wie Angel zum Vampir wurde (mit schaurigem irischen Akzent), wie er Drusilla traf, wie er von Zigeunern verflucht wurde, wie er Buffy zum ersten Mal sah. Die Welt von Buff wird breiter und detaillierter, ambitionierter. Wir erleben als Rückblende, wie Angel zu Angel wurde, die wichtigsten Momente – und wir erleben als Gegenwart, wie Buffy einem derart entscheidenden Moment zustrebt, der ihren Charakter fortan prägen wird.

Joyce: Have we met?
Spike: Uh, you hit me with an axe one time. Remember, uh, “Get the hell away from my daughter”?

In der zweiten Folge dann fallen die Dominosteine um. Buffy wird erneut geprüft: wir wissen, dass sie ihr Leben geben würde, aber würde sie es auch aufgeben? Buffy ist bereits auf der Flucht vor der Polizei, als Spike ihr einen Handel offeriert. Und die Jägerin, die ihre Stärke auch durch ihren Freundeskreis gewann, ist auf sich allein gestellt: ihre Freunde sind im Krankenhaus oder entführt. Sie nimmt den Handel an, und im Zuge dessen muss sie ihrer Mutter die Wahrheit über die Vampirjägerin erzählen.

Buffy: Do-do you think I chose to be like this? Do you have any idea how lonely it is, how dangerous? I would *love* to be upstairs watching TV or gossiping about boys or… God, even studying! But I have to save the world. Again.

Und Joyce reagiert verständlich, aber nicht verständnisvoll. Es kommt zum Streit und zum Ultimatum. Wenn Buffy geht, gibt es kein zurück mehr, dann wirft Joyce sie raus. Das mag eine Drohung sein, die sie nicht wahr machen will, aber in diesem Moment klingt sie wahr. Und Buffy geht trotzdem. Natürlich. Kurz darauf wird sie von der Schule verwiesen. Und wieder lässt sie sich nicht abbringen.

Rupert Giles: It’s a trick. They get inside my head, make me see things I want.
Xander Harris: Then why would they make you see me?
Rupert Giles: Oh, right. Let’s go.

Die zweite Staffel von Buffy hat sich von der Mitte an zu einer sehr persönlichen Affäre gewandelt, es ging jeweils direkt um die Hauptfiguren, und so sind auch die Konsequenzen, die Buffy in Kauf nimmt, nicht serientypisch: nicht, dass sie eine Narbe davonträgt oder ihr Lieblingshemd verliert. Sie verliert ihr Zuhause und den Ort, der am ehesten Zufluchtsort ist: die Schulbibliothek. Die Schule ist zudem ihre Verbindung zu ihren Freunden, und wie sie sagt, würde sie sogar lieber lernen als Vampire zu jagen.

Spike: [to Buffy] Dru bagged a slayer? S-She didn’t tell me. Hey, good for her!
[at Buffy's look]
Spike: Though not from your perspective, I suppose.

Gleichzeitig sind dies Konsequenzen, die nicht allzu einfach wieder verschwinden. Ein magisches Ritual kann Angels Seele beschwören, aber einen Schulverweis macht das nicht rückgängig. Und doch ist dies noch nicht alles, was passieren kann. Buffy glaubt, sie habe nun nichts mehr zu verlieren, aber das ist falsch.

Spike: We like to talk big, vampires do. “I’m going to destroy the world.” It’s just tough guy talk. Struttin’ around with your friends over a pint of blood. The truth is, I like this world. You’ve got… dog racing, Manchester United, and you’ve got people. Billions of people walking around like Happy Meals with legs. It’s all right here. But then someone comes along with a vision. With a real… passion for destruction. Angel could pull it off. Goodbye, Piccadilly. Farewell, Leicester bloody Square. You know what I’m saying?

Willow, die ihre Schwärmerei für Xander nun überwunden zu haben scheint – und es ist Xander hoch anzurechnen, wie schnell und selbstverständlich er Oz Platz macht – will jedoch die Hoffnung nicht aufgeben. Sie beginnt das Ritual erneut und bringt Angels Seele zurück. Xander jedoch, der Angel nie leiden konnte und Angelus tot sehen will, verrät die Freundschaft, als er Buffy nichts davon erzählt.

Angelus: No weapons… no friends… no hope. Take all that away and what’s left?
Buffy: Me.

Xander rettet Giles, den Drusilla mit einem Traumbild von Jenny quälte (ein Moment, den Anthony Steward Head großartig spielt), und Spike flieht mit Drusilla. Die Randfiguren verschwinden und es kommt zum Kampf zwischen Buffy und Angelus, ein Kampf, der sich acht Folgen lang anbahnte und nun endlich und zurecht den Höhepunkt der Staffel bildet. So cool Spike auch ist, der Konflikt mit Angelus ist es, der Zähne hat und beißt. Buffy ist nun auf sich allein gestellt, aber sie siegt. Sie siegt im denkbar schlechtesten Moment.

Whistler: You know, raiding an Englishman’s fridge is like dating a nun. You’re never gonna get the good stuff.

Sie glaubt, alles verloren zu haben, und sie ist bereit, Angelus zu töten. Nicht nur, um die Welt zu retten, sondern auch, weil er es verdient. Und dann ist Angelus fort, und Angel steht vor ihr. Für einen kurzen Augenblick scheint es, als sei alles gut, und der Zuschauer atmet auf: also doch alles wie gehabt, Angel ist wieder da, alles wird gut. Dann öffnet Athkathla seinen Mund, um die Welt zu verschlingen, und wir verstehen gemeinsam mit Buffy: nicht Angelus muss getötet werden, sondern Angel. Buffy muss ihren Geliebten opfern, um die Welt zu retten. Und so verliert sie wirklich alles.

Buffy: I told you. I’m a vampire slayer.
Joyce: Well I just don’t accept that.

Es ist kein Wunder, dass sie danach ausreißt, ihre Koffer packt und verschwindet. Es ist ein Staffelende, das eben nicht alles ins Lot rückt, sondern einige Probleme erst in den Vordergrund bringt. Einzig kann man Buffy vorwerfen, dass die externen Merkmale dieser Konsequenzen in der dritten Staffel zu schnell vergessen werden: sehr bald ist Buffy wieder zurück, und wieder in der Schule, und sogar Angel kommt aus der Hölle zurück. Aber die Veränderungen, die sie durchmacht, die weiteren Schritte zum Erwachsenwerden, die verschwinden nicht.

Angelus: [to Giles] I wanna torture you. I used to love it, and it’s been a long time. I mean, the last time I tortured somebody, they didn’t even *have* chainsaws.

Es ist erstaunlich, dass Buffy es schafft, einen Charakter wie Angel vom romantischen Partner zu einem Monster zu machen, das man als Zuschauer tot sehen will, nur um dann am Ende den Boden unter den Füßen verschwinden zu lassen – sie geben uns seinen Tod und wir wollen ihn nicht, wir trauern. Die zweite Hälfte der Staffel wirkt daraufhin, dass Buffy Angel töten muss, macht diese Tat immer leichter, und am Ende ist es doch das Schwerste, das man sich vorstellen kann. Die Rettung der Welt wird zur Tragödie, und ich ziehe meinen Hut.

Principal Snyder: [into the phone] It’s Snyder. Tell the Mayor I have good news.

Kaum zu glauben, dass die dritte Staffel noch besser wird. Wird sie aber.

Comments 2

  1. avatar Lia wrote:

    Was ich jetzt nicht verstehe: Buffy ist Vampirjägerin, kein Vampir oder sonst ein übles Monster. Was hat die Mutter dagegen? Was gibt es daran zu akteptieren? Buffy hat sich das ja nicht mal selbst ausgesucht, wenn ich das richtig verstanden habe.

    Darf Buffy nur die brave, angepasste Tochter sein, das Vorzeigekind ohne Probleme? Ich meine, ich wäre nicht begeistert, wenn mein Kind mit so was ankommt (und es auch beweisen kann *grusel*), aber eher würde ich dafür sorgen, dass die Waffen geschliffen sind, als dass ich es deswegen rausschmeiße.

    Also ich hätte an der Stelle eher mit Unglauben gerechnet und den Versuch, das Kind therapeutisch betreuen zu lassen. Naja, ich kenne diese Serie nicht gut genug, um zu lästern. Aber vielleicht ist Buffys Mutter ja so ein Bella-Typ, der die ganze Zeit nur sein schreckliches Los bejammern kann. *ggg* Sorry, wenns nicht so ist.

    Posted 31 Aug 2010 at 18:28
  2. avatar Patrick wrote:

    Ja, zum Teil reagiert Buffys Mutter über. Aber Buffy wurde von ihrer ersten Schule verwiesen, weil sie die Sporthalle angezündet hat (waren Vampire drin) und wie sie in der Szene hier sagt, kommt sie oft mit Blut in der Kleidung heim. Sie bleibt lange weg usw. In der betreffenden Situation wird sie sogar wegen Mordes gesucht. Dass sich die Mutter Sorgen macht, kann man schon verstehen – und Buffy sagt hier mehr oder weniger: “Ich bin eine Vampirjägerin, also finde dich damit ab”, was natürlich auch nicht so nett ist.

    Und was das Aussuchen angeht, lebt die Mutter ja mehr oder weniger in unserer Welt. Wenn meine Tochter käme und mir erzählte, das Schicksal habe sie auserwählt… hm, so plausibel wäre das für mich auch nicht unbedingt.

    Aber ja, Buffys Mutter ist auch Plot Device, wenn sie aufatmen würde: “Ach so, na dann ist ja gut”, wäre die Entscheidung für Buffy nicht so schwer.

    Posted 31 Aug 2010 at 19:05

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