Bella ist vollends damit beschäftigt, menschliche Gefühle vorzutäuschen, als der lustige Teil dieser Szene beginnt. Stephenie Meyer schreibt die nächsten Seiten, als wären sie sehr komisch – man hört gerade zu verspielte Geigen im Hintergrund – aber sie sind es nicht.
Nun beginnt also die Sitcom – ich würde es eher eine Farce nennen, aber ohne das bei alten Sitcoms eingespielte Lachen wüssten wir als Leser leider nicht, wo es lustig sein soll, daher passt das TV-Format wohl besser.
Charlie ist gerade heimgekommen, und Bella versucht, so zu tun, als freue sie sich über die Fischpanade. Charlie reagiert so:
Charlies Augen leuchteten. »Das ist meine Lieblingspanade.«
Anbei ein Bild von Charlie, als er diese Nachricht hört. Ha Ha. Schnell macht Bella das Essen, und dann sitzen die beiden still am Tisch. Schließlich bekommt Bella Gelegenheit, von Edward zu erzählen. Charlie fragt nach ihrem Tag, und sie sagt, sie sei morgens bei den Cullens gewesen.
Charlie ließ seine Gabel fallen.
»Dr. Cullens Haus?«, fragte er erstaunt.
Er lässt seine Gabel fallen. Ha Ha.
»Na ja, ich habe heute abend so was wie ein Date mit Edward Cullen, und er wollte mich seinen Eltern vorstellen… Dad?«
Es sah aus, als habe Charlie ein Aneurysma.
Okay. Ich habe extra recherchiert, ein Aneurysma ist erst einmal nur eine Gefäßblutung, und ich habe keine Ahnung, wie es aussieht, wenn jemand eine solche »hat«. Ist Charlie bleich? Ist er rot angelaufen? Zittert er? Gleichzeitig kann ein Aneurysma natürlich platzen und dann sehr gefährlich werden, vielleicht sogar lebensgefährlich – was wiederum nicht besonders tauglich für eine lustige Szene ist. Und eine lustige Szene soll das ganz gewiss sein, denn so geht es weiter:
»Du gehst mit Edward Cullen aus?«, donnerte er.
Oh-oh. »Ich dachte, du magst die Cullens.«
»Er ist zu alt für dich«, zürnte er.
»Wir sind in der selben Klasse«, stellte ich richtig, aber er hatte mehr Recht, als er sich erträumte.
»Halt…« Er machte eine Pause. »Welcher ist Edwin?«
Ha ha. Er meint den falschen Cullen, dabei sind alle Cullens körperlich höchstens Mitte 20 und für eine Siebzehnjährige in Reichweite. Charlie wird nun zum letzten Volltrottel gemacht. Hat er schon Bellas Mutter gehen lassen, wird nun gezeigt, wie ineffektiv dieser Mann ist, der ja eigentlich der Sippe vorstehen sollte. Wo ein Vater ein Auge auf die Freunde seiner Tochter haben sollte, kann er nur kurz donnern und sagt dann Edwards Namen falsch als Edwin. Bella korrigiert ihn:
»Edward ist der jüngste, der mit dem rotbraunen Haar.« Der Schöne, der Göttgleiche…
»Oh, nun, das« – er kämpfte mit sich – »ist besser, schätze ich. Ich mag das Aussehen von dem Großen nicht. Ich bin sicher, er ist ein netter Junge und so, aber er sieht zu… erwachsen für dich aus. Bist du mit diesem Edwin zusammen?«
In diesen kurzen misslungen komischen Momenten versteckt sich ein Kern feministischer Hausfrauenliteratur, in der die Damen sich gegenseitig kichernd versichern, dass ihre Männer eigentlich doch auf sie angewiesen sind. Die Ehefrauen mögen zu Hause bleiben, einkaufen, und kochen müssen, aber wenn es um Familienthemen geht, können sich die Männer nicht einmal den Namen der Freunde merken. Ha ha. Diese Art von Feminismus macht Frauen nicht stark und greift bestehende Strukturen an, sondern sichert diese Strukturen ab und tut so, als hätte das alles seine Ordnung, und anstatt die Frauen mit Macht zu versehen, nimmt man Männern diese Macht und versucht so, die Kluft zu verringern. Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann.
Wegen der Verabredung erlaubt Charlie Bella, heute mal nicht den Abwasch zu machen, und dann fährt Edward schon vor.
Ich hatte nicht mitbekommen, wie stark es draußen regnete.
Kurzer Stopp: Ich kriege das in meinem kleinen Zimmer mit, wenn Regen ans Fenster klopft – bei starkem Regen sollte man das in einem Haus definitiv hören.
Edward stand im Kreis des Verandalichtes und sah aus wie ein männliches Model in einer Werbung für Regenmäntel.
Ich nehme an, er trägt einen Regenmantel (beschrieben wird das nicht), und freue mich, dass Stephenie Meyer klarstellt, dass Edward nicht wie ein weibliches Model aussieht.
Es folgt das Gespräch zwischen Vater und möglichem Schwiegersohn.
Edward setzte sich fließend in den einzigen Stuhl und zwang mich, mich neben Chief Swan auf das Sofa zu setzen. Ich warf ihm schnell einen wütenden Blick zu. Er zwinkerte hinter Charlies Rücken zurück.
Drei Fragen: Warum ist es so schlimm für Bella, neben ihrem Vater zu sitzen? Welche Person nennt ihren Vater in Gedanken »Chief Swan«? Und wenn wir mal annehmen, dass der Stuhl nicht im Rücken des Sofas steht, wie kann Edward im Rücken von Charlie zwinkern? Argh!
Charlie und Edward verstehen sich aber blendend, denn sie haben ein gemeinsames Thema: erst über Bella lustig machen, dann Bella bevormunden, als wäre sie weder anwesend – insgesamt also, Bella unwohl sein zu lassen.
»Ich höre du bringst mein Mädchen dazu, beim Baseball zuzusehen.« (…)
»Ja, Sir, so ist der Plan.« (…)
»Na ja, du musst es ja wissen.«
Charlie lachte, und Edward fiel ein.
»Okay.« Ich stand auf. »Genug Witze über mich. Lass uns losfahren.«
(…)
»Keine Sorge, Charlie, ich sorge dafür, dass sie früh nach Hause kommt«, versprach Edward.
»Du kümmerst dich um mein Mädchen, okay?«
Ich stöhnte, aber sie ignorierten mich.
»Bei mir ist sie sicher, das verspreche ich, Sir.«
(…)
Ich stapfte raus. Sie lachten beide und Edward folgte mir.
Übrigens verstehe ich vielleicht, dass Bella mit ihrer legendären Tollpatschigkeit, die sie seit über hundert Seiten nicht mehr gezeigt hat, nicht erste Wahl beim Baseballspielen ist, aber ich verstehe nicht, wieso Charlie es so komisch findet, dass sie zusehen will.
Edward ist mit Emmett’s Jeep gekommen, und wie jeder Mann ist Charlie Autoliebhaber und natürlich ganz begeistert von diesem schmucken Wagen, er stößt sogar ein Pfeifen aus. Bella hingegen ist etwas überfordert von der Größe des Fahrzeugs, und nun wird klar, dass das obige Gespräch einen Wandel bewirkte: nicht mehr Charlie, sondern Bella ist nun Gegenstand der schwachen Witze.
Edward folgte mir auf meine Seite und öffnete die Tür. Ich schätzte die Distanz und bereitete mich darauf vor, einen Sprung zu riskieren. Er seufzte und hob mich mit einer Hand in den Wagen.
Ha ha. Kleines Mädchen, großes Auto.
Während er in normaler, menschlicher Geschwindigkeit auf die Fahrerseite ging, versuchte ich, mich anzuschnallen. Aber da waren zu viele Schnallen.
Ha ha. Frauen und Sportsitze.
Ich versuchte, die richtigen Plätze für all die Schnallen zu finden, aber es ging nicht sehr schnell. Er seufzte wieder und griff rüber, um mir zu helfen.
Ha ha, diese Bella.
»Das ist ein… ähm… großer Jeep, den du hast.«
»Er gehört Emmett. Ich dachte nicht, dass du den ganzen Weg laufen wolltest.«
(…)
»Schnallst du dich nicht an?«
Er warf mir einen ungläubigen Blick zu.
Ha ha. Mädchen kennt Vampire immer noch nicht.
Dann machte es Klick.
»Den ganzen Weg laufen? Wie in: wir werden immer noch einen Teil des Weges laufen?« Meine Stimme rutschte ein paar Oktaven höher.
Ha ha.
Er grinste dünn. [Wie? Wie grinst man dünn? Grinsen = Zähne zeigen! PP] »Du wirst nicht laufen.«
»Mir wird schlecht werden.«
»Schließ die Augen und alles wird gut.«
Ich biss mir auf die Lippen und kämpfte gegen die Panik an.
Eins muss man Stephenie Meyer lassen. Nachdem sie Bella so unsympathisch gemacht hat, gelingt es ihr gleich darauf, wieder Mitgefühl zu erzeugen, weil Edward sich so benimmt. Das ist auch eine Leistung, zwei Hauptfiguren mit gegenseitig hochschaukelnder Unsympathie zu schaffen. Wenn das noch gewollt wäre…
Dieses Buch könnte so viel besser sein, wenn… Bellas Vater eine Gehirnblutung hätte und Edward ihm als Not-Operation den Schädel aufmeißelt und sein Blut trinkt, um ihm das Leben zu retten.

Comments 4
Oh, da ist ja noch eine Folge!
Nein, die Szene sehe ich nicht als Comedy. Bleiben wir doch lieber gedanklich bei dem Messer in Bellas Hand. Dieses hält sie immer noch krampfhaft umklammert als Charly heim kommt.
Würden wir nicht alle diese Panade zu unserer absoluten Lieblingsspeise erklären unter diesen Umständen? Würde ein Polizeichef nicht womöglich wirklich ein Aneurysma bekommen, wenn er feststellt, dass seine Tochter eine gefährliche Psychopathin ist?
Edward scheint der einzige zu sein, der vor Bella keine Angst hat sondern der sogar als Einziger imstande ist, eine gewisse Furcht in ihr zu erzeugen. Was vermutlich genau der Punkt ist, der eine solche Faszination auf sie ausübt.
Bella ist psychisch schwer gestört. Jemand wie Edward, der Menschen gegenüber so gleichgültig ist, muss ihr wie ein Ideal erscheinen. Denn genau dieselbe Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leben spürt sie wohl auch in sich selbst. Genau bei diesen Szenen frage ich mich immer, wie viel auf Steph’s Charakter und wie viel auf die mormonische Lebensgrundlage zurück zu führen ist in ihren Büchern.
Ich habe Mormonen kennengelernt und sie als ganz normale Menschen mit Humor, einer sehr restrektiven Lebensweise und viel mitmenschlicher Anteilnahme eingeordnet. Allerdings waren das vorwiegend Männer. Vielleicht steckt in jeder mormonischen Frau eine dunkle Seite, die durch die permanente Unterdrückung und Herabsetzung entsteht.
Posted 31 Jul 2010 at 11:05 ¶Mormonen sind oft sehr freundlich, auch wenn sie an komische Dinge glauben. Aber es ist wirklich etwas besorgniserregend, wenn man Bella mit Stephenie vergleicht – spürt Meyer dieselbe Isolation von ihren Freundinnen, denen sie nur der Form halber zuhört?
Posted 31 Jul 2010 at 11:43 ¶>>Dieses Buch könnte so viel besser sein, wenn… Bella Billy angreifen und ausweiden würde.<>Dieses Buch könnte so viel besser sein, wenn… Bellas Vater eine Gehirnblutung hätte und Edward ihm als Not-Operation den Schädel aufmeißelt und sein Blut trinkt, um ihm das Leben zu retten.<<
Wir sind aber ganz schön blutrünstig ^^
Also ich denke, dass Bellas Charakterzüge, gerade weil sie so extrem und seltsam erscheinen, auf Meyer zurückgehen. Sie verhält sich ähnlich wie Bella. Sie ist gestört, überfordert und frustriert. Sie bemitleidet sich selbst und hat demnach kein großes Interesse an anderen, denn sie hat ja mit sich selbst genug zu tun. Der Höflichkeit halber, täuscht man Interesse vor. Diesen Umstand haben wir alle mal erlebt. Für Meyer scheint es aber normal zu sein. Ist sie deshalb vielleicht sogar eine Narzisstin oder Egomanin? Nur sie ist interessant und sonst niemand? Oder ist sie so frustriert in ihrem Leben, dass sie mit diesem Desinteresse und der geistigen Abwesenheit auf ihre Leiden und Probleme aufmerksam machen will?
Spekulationen über Spekulationen.
Die Sache mit dem "Chief Swan" erinnert stark an streng katholische Haushalte vor einigen Jahrzehnten, bei denen die Kinder ihren Vater mit "Herr Vater" anreden mussten (der Film "Das weiße Band" zeigt das eindrucksvoll).
Zufällig kenne ich mich auch in Medizin und Biologie aus. Die Schilderung mit dem Aneurysma zeigt, dass Meyer keinen Peil von solchen Dingen hat. Ein Aneurysma kann man nicht sehen. Weder, wenn es im Torso platzt, noch im Gehirn. Sollte ein solches Aneurysma im Torso platzen, würde Charlie nicht lange aufrecht sitzen können. Die Chance auf ein Überleben wäre extrem gering. Platzte es dagegen im Gehirn, würde es in Sekundenschnelle mit Blut vollaufen und Charlie wenige Augenblicke später töten. Gerade das Aneurysma im Gehirn kann durch extreme Anstrengung platzen (Fußballspiel anfeuern, sich tierisch aufregen, rumschreien, sportliche Überlastung, zu langer Kopfstand…) Charlie könnte sich wegen Edward so tierisch aufregen, dass besagte Ader platzt (wozu aber echt eniges gehört, sofern sie nicht ohnehein kurz vorm Platzen gewesen wäre).
Posted 07 Oct 2011 at 01:54 ¶Das einzige, was Bella demnach hätte sehen können, wäre ein rot angelaufender Kopf, was Bella und Meyer falsch interpretieren. Ein Aneurysma kann man nicht sehen, man kann es sich nur vorstellen, wie es aussieht, wenn das Gegenüber plötzlich umkippt. Solche Vorstellungen passen irgendwie zu Bella ^^
Coole einsichten. Danke.
Posted 07 Oct 2011 at 11:25 ¶Post a Comment