Es fing gerade an zu nieseln, als Edward den Wagen in meine Straße lenkte. Bis zu diesem Augenblick hatte ich nicht daran gezweifelt, dass er bei mir bleiben würde, während ich ein paar Stunden in der Wirklichkeit verbrächte.
So beginnt das siebzehnte Kapitel von Twilight, und ein Schelm, wer nun denkt, dass der Nieselregen etwas mit Bellas Zweifeln zu tun hatte – obwohl sich der Absatz so liest. Aber bei Stephenie Meyer kommt die Begründung erst im nächsten Absatz: ein schwarzes Auto, ein Ford, steht in der Einfahrt. Wohlgemerkt ein schwarzes Auto; obwohl wir Billy Blacks Auto bereits kennen, schreibt Meyer nicht davon, der Wagen der Blacks stünde in der Einfahrt. Billy Black wartet mit unbewegtem Gesicht auf der Veranda, Jacob bei ihm, zu Tode erschrocken.
Und so beginnt der erste Teil von zweien, die wir bis zum Baseballspiel zu ertragen haben. Dieser Teil ist der dilettantische Versuch, Konflikt zu schaffen, der zweite Teil ist der Moment, an dem dieses Buch zur Sitcom wird. Aber der Reihe nach.
Billy will Charlie vor den Cullens warnen – so behauptet jedenfalls Edward. Wie genau er Charlie warnen will bleibt ungewiss, zumal Billy nicht erzählen wird, dass die Cullens Vampire sind. Bella bittet darum, dass Edward sie die Sache klären lässt, und Edward stimmt zu. Er küsst sie noch einmal zum Abschied, und nun ist Billys Gesicht »nicht mehr unbewegt«. Welche Regungen sich auf dem Gesicht zeigen, bleibt jedoch Geheimnis der Autorin. Insofern interpretiere ich das mal: es ist Eifersucht. Billy hatte schon lange ein Auge auf Edward geworfen.
Offensichtlich steht uns nun ein Streitgespräch ins Haus, bei dem Billy Bella ins Gewissen reden wird (Billy Bella Billy Bella Billy Bella… heh). Vorher bekommen wir aber noch eine Ahnung, was uns danach erwartet: die Sitcom. Billy hat nämlich etwas vorbei gebracht.
»Es ist Harry Clearwaters Fischpanade – Charlies Lieblingsessen. (…)«
»Danke«, wiederholte ich, aber diesmal mit Nachdruck. »Ich hatte schon Schwierigkeiten, neue Möglichkeiten der Fischzubereitung zu finden, und er bringt heute bestimmt wieder welchen mit.«
Die arme Bella weiß schon nicht mehr, wie sie ihrem Vater noch schöne Fischgerichte machen soll… aber zurück zum Streitgespräch. Billy schickt Jacob – der weiß ja noch nicht, dass er ein Werwolf ist, auch wenn das für die Leser absolut eindeutig ist – zurück in den Regen, um aus dem Kofferraum ein Bild zu fischen, das Billy Charlie schenken will. Billy verschafft sich also ein paar kostbare Momente alleine mit Bella, um deren Kopf zurecht zu rücken. Und so nutzt er sie:
Billy und ich sahen uns schweigend an.
Hm. Okay, das gleicht einer Duellsituation, das will ich noch mal akzeptieren. Ein wenig herauszögern, schafft Spannung.
»Charlie wird noch lange fort bleiben.« Meine Stimme war fast unhöflich.
Er nickte zustimmend, aber sagte nichts.
»Danke noch mal für die Panade«, deutete ich an.
Er fuhr fort, zu nicken.
Das ist – abgesehen von der seltsamen Andeutung mit der Panade –, nicht unbedingt konfliktreich. Aber jetzt:
»Bella«, sagte er, und dann zögerte er.
Ich wartete. [Wir auch, PP]
»Bella«, sagte er wieder. »Charlie ist einer meiner besten Freunde.«
Ach, zur Hölle damit. Es dauert noch ein paar Zeilen, dann sagt Billy endlich: »Vielleicht geht mich das nichts an, aber ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist«, wenn Bella sich mit den Cullens einlässt. Das ist doch mal ein klares Wort, eine echte Barriere. Bella antwortet, dass es Billy tatsächlich nichts angehe. Und dann kommt das, was Billy wahrscheinlich auch Charlie sagen wollte:
»Du weißt es wahrscheinlich nicht, aber die Cullen-Familie hat einen schlechten Ruf im Reservat.«
Na dann. Wenn die einen schlechten Ruf haben, eine »unpleasant reputation«, ist ja alles klar. Billy sagt nicht, ob die Cullens irgendwas getan haben oder woraus dieser Ruf besteht. Nur, dass es ihn gibt. Gut, dass Bella ebenso idiotisch antwortet:
»Aber dieser Ruf kann doch nicht verdient sein, oder? Schließlich betreten die Cullens das Reservat nie, oder?«
Denn einen Ruf kann man nur da haben, wo man persönlich anwesend ist. Was ein ziemlich bescheuertes Argument darstellt. Jedenfalls schließt Billy daraus, dass Bella über die Cullens Bescheid weiß, was sie auch bestätigt. Er geht aber darauf nicht ein, und ungesagt bleibt: »Ach, du weißt, dass die Cullens untote Monster sind, die sich von Blut ernähren? Na, dann…« Aber so ganz will Billy sich nicht abspeisen lassen:
»Das ist nicht meine Sache«, sagte er. »Aber vielleicht Charlies.«
»Aber es ist meine Sache, ob ich glaube, dass es Charlies Sache ist, oder?«
Und davon lässt er sich überzeugen.
Nehmen wir mal eine Parallele dazu: sagen wir, Bella verbrächte Zeit mit einem Scientologen (oder Mormonen?). Die Gefahr besteht, dass sie in einen Kult abrutscht, in eine Sekte. Und Billy, der weiß, dass Edward Scientologe ist, besucht Bella. Er weist sie darauf hin, dass Edward keinen guten Ruf hat, aber Bella sagt: »Ich weiß Bescheid.« Er fragt nicht einmal nach, ob Bella damit auch Scientology meint, oder ob sie weiß, was sich dahinter verbirgt. Und dann lässt er sich auch noch davon abbringen, wenigstens ihrem Vater zu sagen, er solle einmal ein Auge darauf haben.
Katie Holmes würde sich davon jedenfalls nicht abhalten lassen, bei Tom Cruise zu bleiben.
Die Parallele ist nicht so weit hergeholt: wenn Bella bei Edward bleiben will, muss sie zur Vampirin werden. Dadurch wird sich ihr Leben so verändern, dass sie ihre Familie mehr oder weniger aufgeben muss, ebenso ihre Freunde – spätestens, wenn klar wird, dass sie nicht altert. Vielleicht muss sie sogar ihren Tod vortäuschen. Sie muss sich den Zielen ihrer neuen Gemeinschaft verschreiben und abseits wohnen.
Eine Warnung vor solchen kultischen Gemeinschaften muss schon deutlicher erfolgen, und ich halte es nicht für verwerflich, wenn bei einer Minderjährigen der Sorgerechtler ebenfalls gewarnt werden soll. Zumindest aber wäre das die Gelegenheit für ein zündendes Streitgespräch gewesen, bei dem Billy nicht nur für Spannung und Konflikt sorgen, sondern auch ein paar zusätzliche Infos zum Vampirismus liefern könnte. Das passiert aber nicht.
Stattdessen kommt Jacob zurück – ohne Bild natürlich, das war ja nur eine Ablenkung. Die Schultern seines Shirts sind durchnässt, nicht aber der Rücken, was bedeutet, dass sich Stephenie Meyer nicht mal vorstellen kann, wie es aussieht, wenn jemand einen Kofferraum durchsucht: gebückt. Und dann darf Jacob so langsam die Sitcom einleiten:
Jacob rollte dramatisch mit den Augen.
(…)
Jacob war überrascht.
(…)
Jacob sah enttäuscht aus.
Das alles innerhalb weniger Zeilen bedeutet, dass der junge Jacob von einer Emotion in die nächste springt wie Jim Carreys Gummigesicht. Wer übrigens meint, dass die Sitcom nicht witzig sei… nun ja, sie ist halt immer noch von Stephenie Meyer geschrieben.
Aber erst einmal rollen wir dramatisch mit den Augen, weil wieder fünf Seiten vergingen, ohne das etwas Besonderes passierte.
Dieser Roman könnte so viel besser sein, wenn… Konflikte existierten oder sonstwie Spannung herrschte.

Comments 3
Ja, das ist mit Sicherheit eines der unbefriedigensten Kapitel im ersten Biss-Buch. Nicht nur, dass es zu keiner echten Konfrontation kommt, nein, sie erklärt auch nicht, warum es dazu nicht kommen muss.
Billy muss seinen besten Freund nämlich nicht grundsätzlich darauf hinweisen, dass Bella in Lebensgefahr ist. Das ist sie nämlich aus seiner Sicht nicht. Leider hat Steph es aber auch nicht geschafft, genau diese wichtige Information schon mal an den Leser zu bringen.
Billy weiß nämlich ganz genau, dass Edward Bella nicht beißen darf, wenn er nicht gegen den Vertrag zwischen Indianern im Reservat und den Vampiren verstoßen will. Vertragsmittelpunkt ist nämlich, dass den Vampiren verboten ist, im Reservat, in der Stadt und deren Umkreis zu jagen (klar, die wollen die Grizzlys schützen) und jemanden zum Vampir zu machen.
Billy weiß das ganz genau. Im Gegensatz zu Bellas Vater, der zwar der Sheriff der Stadt ist, aber offensichtlich keine Ahnung hat, welche Leute dort wohnen oder was im Reservat los ist. Da hilft die ganze beste Freundschaft mit dem Häuptling nichts.
Billys Information ist rein an Bella gerichtet, die wissen soll, dass die Indianer Bescheid wissen. Spannend wäre jetzt gewesen, wenn Billy Bella erklärt hätte, dass Edward – egal ob er will oder nicht – sie gar nicht zum Vampir machen darf. Weil es die Indianer verboten haben. *ggg* Keine Ahnung ob Steph diese Chance zu diesem Zeitpunkt gar nicht erst bemerkt hat oder ob selbst dieser Konflikt ihr schon zu groß vorgekommen ist.
Tatsache ist, dass es die Beziehung zwischen Jacob und Bella maßgeblich beeinflusst hätte. Nicht unbedingt zum schlechten, da ja auch Jacob anfangs durchaus die Mythen seines Volkes hinterfragt.
Dieses Buch wäre viel besser, wenn Steph drauf achten würde, was sie grad geschrieben hat.
Posted 14 Jul 2010 at 19:56 ¶>>Dieses Buch wäre viel besser, wenn Steph drauf achten würde, was sie grad geschrieben hat.<<
Schade, dass sie genau dieses für nachlässig hält. Ich frage mich sowieso immer was die Gründe dafür sind. Und warum sie allen Konfilkten aus dem Weg geht. Die einfachste Erklärung wäre, dass es einfach eine Konsequenz aus Talentfreiheit in Sachen Schriftstellerei ist. Vielleicht ist sie aber einfach zu faul, um den ersten niedergeschriebenen Gedankengang ihres Manuskripts zu bearbeiten (stimmt es, dass sie besagtes nie durchgelesen hat?). Oder sie liebt ihre Charaktere einfach zu sehr, um sie in Schwierigkeiten zu bringen, was das Geschwulste ja noch unerträglicher macht. Möglicherweise geht Meyer im normalen Leben auch Konflikten aus dem Weg. Gibt es in ihrem Leben überhaupt offene Konfilkte? Ich glaube fast nicht. Das passt auch zu ihren Figuren, die ihre Probleme mit sich ausmachen, ohne das mit Außenstehenden (Lesern) zu teilen.
Posted 07 Oct 2011 at 00:51 ¶Ich kann mir kaum vorstellen, dass es im Leben einer Steph Meyer, ihres Zeichens Mormonin, verheiratet und Mutter vierer Söhne keine Konflikte gibt. Allerdings bin ich ebenfalls davon überzeugt, dass die Konfliktlösung selten ihr selbst überlassen ist und sie wohl auch wenig Einfluss auf den Fortlauf hat. Ihre Rolle als Hausfrau und Mutter ist sehr eng gestaltet. Von ihr wurde und wird bestimmt sehr oft verlangt, dass sie ihre Gefühle unterdrückt und in einem Konflikt nachgibt.
Bella ist ebenfalls wenig konfliktfreudig und tut alles, um auf anderen Wegen an ihr Ziel zu kommen. Sie lügt wie gedruckt, hält Informationen zurück und weicht aus, wenn sie es nur kann. Ähnlichkeiten zwischen ihr und Steph sind bestimmt reiner Zufall und keine Absicht.
Posted 07 Oct 2011 at 22:48 ¶Trackbacks & Pingbacks 1
[...] wir die nicht sehr spannende Intervention hinter uns gebracht haben – danke noch mal an Lia, die zurecht schreibt, dass aus Sicht von Billy Black Bella ja nicht in Lebensgefahr schwebt und [...]
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