Inception

Verdammter Christopher Nolan. Da macht er einen Film, der Konzepte gegen die Wand wirft, die dort nicht halten; einen Film voller Action, die nicht wirklich gefährlich wirkt; einen Film voller Exposition und langer Erklärungen – und macht doch gleichzeitig einen Film, der mich wie aufgeladen aus dem Kino kommen lässt.

Leonardo diCaprio ist ein Dieb, der in den Träumen anderer Menschen Ideen stiehlt – sobald man das weiß, ist klar: es geht darum, ob die Realität mit der Traumwelt verwischt, es geht um einen Hirnfick, es geht um die Frage, was noch wirklich ist.

Sollte man zumindest meinen. Und damit das klar ist: diese Kritik kümmert sich nicht um Spoiler. Wer nur wissen will, ob man diesen Film angucken soll: JA!

Inception (2010)

DiCaprio hat seine Frau verloren und wird sogar für den Mörder gehalten. Darum kann er nicht nach Hause zurück. Und während wir erleben, wie DiCaprio einen neuen, besonders riskanten Traumeinbruch plant und durchführt, erfahren wir auch von seiner Vergangenheit mit seiner Frau und seinem Wunsch, nach Hause zu seinen Kindern zu kommen. Wir tauchen durch vier oder fünf verschachtelte Träume voller Hetzjagden und Erklärungen, während Marion Cotillard – seine tote Frau – als Phantom auftaucht und die Frage stellt: was, wenn das alles ein Traum ist?

Und es ist ein Traum. Von Anfang bis Ende. Es gibt untrügliche Anzeichen dafür, wiederholte Sätze und Kleidungsdetails zum Beispiel. Alles, was Nolan zweieinhalb Stunden lang an die Leinwand wirft, ist ein Traum, der dazu gedacht ist, uns bei der Stange zu halten, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln.

Und das tut er sehr gut. Zwar sind die Feuergefechte erschreckend unwirklich: Maschinengewehre aus nächster Nähe bleiben ineffektiv, als wären wir in einer Fernsehserie aus den Achtzigern. Zwar sind die Träume wenig kreativ – nicht einmal besonders tolle Waffen gestatten sich die Traumdiebe, sondern gestalten jeden Traum möglichst real. Und Sex, Scham, Schande – düstere und alltägliche Traumideen – kommen gar nicht vor. Zwar sind die Hauptfiguren im Großteil leider doch sehr weiß und männlich und bleiben oberflächlich (Traumprojektionen eben), und die einzige lebende Frau Ellen Page ist als Ariadne, die diCaprio durchs Labyrinth führt, mit rumstehen und reden beschäftigt, wenn andere schießen. Ich bin nicht sicher, ob die Tatsache, dass dies Traumprojektionen von diCaprio sind, das entschuldigen. Aber für diesen Film tun sie das wahrscheinlich.

Aber die Idee, eine Idee in ein Hirn zu pflanzen (und sie nicht zu stehlen) gibt genug her, um unser Hirn aktiv zu halten und zu versuchen, den verschiedenen Erzählebenen zu folgen. Ein komplexer Plot, der uns ebenso fesselt wie die guten Darsteller – aber allen voran will ich nicht die mitunter genialen Bilder nennen (Joseph-Gordon Lewitt ist nicht nur cool, sondern kriegt auch eine ganze sehr beeindruckende Sequenz für sich – ein Hoch auf physische Effekte), sondern die Musik. Ich gebe zu, Hans Zimmer war für mich immer der Inbegriff von Durchschnittsmusik, aber hier ist eine Oscarnominierung nicht nur fällig, sondern berechtigt. Eine derart energetische Musik, die zugleich bedrohlich und inspirierend ist, habe ich lange nicht gehört. Und die eigentliche »Inception« ist auch etwas, das mir sehr gefallen hat.

Darum vergehen die zweieinhalb Stunden recht gut, und so langsam kommen wir dem Geheimnis näher, das diCaprio in sich trägt. Und wir fragen uns spätestens jetzt, was eigentlich wahr ist. Nolan schneidet am Ende die Antwort weg… sollte man meinen.

Aber hier ist das Geheimnis: er gibt die Antwort. Wir sehen nicht, ob diCaprios Totem umkippt. Wir sehen nicht, ob seine Wiedervereinigung mit seinen Kindern ein Traum ist oder Wirklichkeit. Und das ist die Antwort: es ist egal. Es ist verdammt noch mal egal.

Das ist die Antwort auf die postmoderne Frage, woher wir denn wissen, dass wir nicht in der Matrix leben. Woher wir wissen, dass unsere Naturgesetze wirklich funktionieren und wir nicht im nächsten Augenblick an die Decke fliegen. Die Antwort ist: wir wissen es nicht, und trotzdem müssen wir davon ausgehen, dass das nicht passiert. Es könnte einen Gott geben, der plötzlich auftaucht und alle Atheisten in die Hölle schickt – aber ohne Anzeichen dafür können wir nicht davon ausgehen, dass das passiert. Und bleibt nichts übrig, als die Realität zu leben, die wir als solches wahrnehmen. DiCaprio und Cotillard werden zusammen alt, bevor sie aus dem Traum aufwachen, und dieses gemeinsame alt werden kann ihnen niemand nehmen.

Wenn wir in einem Traum leben, aus dem wir durch unseren Tod entkommen können, es dafür aber keinerlei Hinweise gibt – warum das dann riskieren? Wohlgemerkt eine andere Frage als zu wissen, das man träumt, aber die wirkliche Welt nicht zu kennen.

Und darum begeistert mich Nolans Inception trotz aller Schwächen und manchmal auch Längen: weil er die Antwort auf die Frage gibt, die wirklich wichtig ist. Nicht die Frage nach der Realität, sondern die nach dem Unterschied. Es gibt keinen. Es ist egal.

Träum weiter.

(Weiterlesen: Film Freak Central ist nicht beeindruckt; Devin Faraci sieht eine Parallele zum Filmemachen)

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