ZS: Mütter (S. 277-291)

Dies ist Teil 41 von 61 der Serie Zwielicht am Sonnabend

Das Kapitel heißt »Die Cullens«, und als Leser erwarte ich ungeduldig den Moment, in dem wir die Cullens tatsächlich denn auch mal treffen. Aber Stephenie Meyer ist nicht so nett, diesen Moment herbeirauschen zu lassen.

Stattdessen erleben wir, wie Edward sich von Bella versucht fühlt:

»Soll ich erklären, wie du mich versuchst?«, sagte er. Es war eindeutig eine rhetorische Frage. Seine Finger fuhren langsam mein Rückgrat entlang, sein Atem ging schneller auf meiner Haut. Meine Hände lagen taub auf seiner Brust und ich fühlte mich wieder leicht im Kopf. Er neigte seinen Kopf langsam und berührte mit seinen kühlen Lippen die meinen zum zweiten Mal, sehr vorsichtig, und schob sie leicht auseinander.

Und dann brach ich zusammen.

Edward lässt sie in Ohnmacht fallen. Wie Frauen das nun mal tun.

Aber das Problem ist natürlich gleich erkannt: »Ich glaube, ich vergaß zu atmen.«

Mann, das hasse ich. Da sitzt man gemütlich zusammen, und dann vergisst einer aus der Runde zu atmen. Ehrlich.

Bella jedenfalls ist besorgt, nicht weil die Vampire sie umbringen könnten, sondern weil sie nicht gemocht werden könnte. Edward schüttelt seinen Kopf, und dann geht es endlich zu den Cullens. Die Cullens wohnen im Grünen:

»Und dann, nach ein paar Meilen, wurde der Wald etwas dünner, und wir waren plötzlich auf einer kleinen Weide, oder war es sogar eine Wiese?

Ich weiß nicht, Bella? Wie wäre es, wenn du es mir sagst, so als Erzählerin? Oder wenn Fräulein Meyer das sagen würde? Puh. Das Haus der Cullens ist »wohl proportioniert« – was immer das heißt –, und Bellas Truck das einzige Auto in der Umgebung. Was genau machen die Cullens mit ihren ganzen Fahrzeugen? Stellen sie die irgendwo im Wald ab? Nicht an ihrem Haus? Aber endlich, auf Seite 9 dieses 19 Seiten langen Kapitels, treffen wir, wie Bella es ausdrückt, »Edwards Eltern«. Natürlich sind Edwards Eltern tot, und Esme ist jünger als Edward – aber Esme gibt eine gute Mutter ab, wie wir sehen werden.

Carlisle Cullen ist unfassbar perfekt, was bedeutet, dass wir auch ihn nicht näher beschreiben müssen. Esme an seiner Seite ist die einzige Vampirin, die Bella noch nicht gesehen hat. Denn Esme geht ja nicht zur Schule oder arbeitet im Spital. Esme ist die Mutter, also bleibt sie zuhause. Den ganzen Tag. Das ganze Jahr. Das ganze Jahrzehnt. Womöglich bis in alle Ewigkeit ist Esme die Hausfrau.

Alice und Jasper sind auch da, und während Esme und Carlisle höflich sind und bemüht, dass Bella sich wohlfühlt, ist Alice ganz die jüngere übermütige Schwester, die Bella gleich ins Herz schließt. Jasper hält sich etwas auf Abstand, verursacht in Bella aber das Gefühl der Ruhe und Sicherheit, das ihr für einen Moment bei diesem Treffen abgeht. Alle tauschen kurze Hallos aus, und dann spricht Esme Bella auf das große Klavier an, das mitten in dem großen Raum im Erdgeschoss steht. Und siehe da, das Klavier gehört Edward.

»Ich hätte es wahrscheinlich wissen müssen.«
Esme hob verwirrt ihre zarten Brauen.
»Edward kann alles, oder?«, erklärte ich.

Und sogleich muss Edward vorspielen.

Ich fühlte, wie mein Kinn fiel, mein Mund vor Erstaunen offen, und hörte leises Gekicher hinter mir wegen meiner Reaktion.

Erst fällt sie in Ohnmacht, dann sitzt sie da wie eine Cartoonfigur mit offenem Mund. Bella fühlt sich sehr unbedeutend, und als Antwort darauf ändert Edward das Stück das er spielt, und es wird zu einer zuckersüßen Melodie, bei der er von Bella inspiriert wurde. Und als Bella sich umdreht, ist der Raum leer – die Cullens haben sich zurückgezogen und sind nach nurmehr vier Seiten wieder aus diesem Kapitel verschwunden.

Allerdings erfahren wir, dass Esme Bella mag, weil sie dachte, Edward sei schwul oder asexuell. Alice mag Bella auf ihre Art – Edward verrät nicht, wie das gemeint ist –, Jasper hält sich etwas zurück, weil er noch nicht so fest im vegetarischen Sattel sitzt. Rosalie hingegen mag Bella nicht und ist neidisch auf sie (sie wäre halt auch gerne noch ein Mensch, die undankbare Person, nachdem Carlisle sie doch extra für Edward schuf); sie und Emmett sind nicht da, wobei Emmett allerdings nichts gegen Bella hat. Das ist die entscheidende Frage hier, ob Bella gemocht wird, und zum Glück wird sie bejaht.

Aber es gibt auch schlechte Neuigkeiten: Alice hat vorausgesehen, dass ein paar Besucher kommen – andere Vampire –, und Edward wird deshalb »übermäßig behütend [sein] in den nächsten Tagen – oder Wochen – und ich will nicht, dass du denkst, ich wäre von Natur aus ein Tyrann.«

Natürlich ist er das nicht, dieser Vampir, der jede Nacht in ihrem Zimmer hockt, der ihr in fremde Städte nachfährt, der sie gegen ihren Protest trägt, fährt, ins Auto setzt, usw. Kein Tyrann, nein nein.

Als Edward zu spielen aufhört, treten Bella Tränen in die Augen, und es passiert das:

Er berührte den Rand meines Auges und fing eine, die ich nicht bemerkt hatte. Er hob seinen Finger und betrachtete brütend den Tropfen Feuchtigkeit. Dann, so schnell, dass ich nicht sicher sein konnte, dass es wirklich geschah, steckte er seinen Finger in seinen Mund, um ihn zu schmecken.

Ich sah ihn fragend an, und er blickte für einen langen Moment zurück, bevor er endlich lächelte.

»Willst du den Rest des Hauses sehen?«

Das ist erstens gruselig geschrieben – der »drop of moisture«, dass er »his finger to his mouth« führt (wessen sonst?) – und zweitens blickt Bella Edward hier fragend an, und als der endlich spricht, hat das überhaupt nichts mit der Träne zu tun, die Edward gerade geschmeckt hat. Argh!

Edward führt Bella durch den Rest des vampirfreien Hauses, und sie bleibt vor einem alten Holzkreuz stehen, das von 1630 oder so stammt, ein Kreuz, von Carlisle leiblichem Vater selbst angefertigt. Davon inspiriert erzählt und Edward Carlisles Geschichte: er wuchs in London als Sohn eines Pfarrers auf, der Vampire und ähnliches (meist erfolglos) jagte. Carlisle trat in die Fußstapfen seines Vaters und fand ein paar Vampire. Einer von denen fiel Carlisle an und trank von ihm, dann ließ er ihn liegen. Carlisle schleppte sich in einen Kartoffelkeller, weil sein Vater ihn unweigerlich verbrannt hätte, und als er drei Tage später wieder auftauchte…

»Da war es vorbei, und er erkannte, was er geworden war.«

Was genau hat Carlisle denn gedacht, was mit ihm passieren würde? Hat er sich bewusst entschlossen, lieber Vampir zu werden, als zu sterben? Oder werden Menschen, die von Vampiren gebissen wurden, nur dann zu Vampiren, wenn sie mit faulenden Kartoffeln in Berührung kommen?

Es scheint, als sei die Vampirwerdung bei Stephenie Meyer etwas untypisch für den generellen Kanon. Normalerweise muss eine Person heutzutage nicht nur von einem Vampir gebissen werden, sondern auch das Blut des Vampirs zu sich nehmen. Da erfolgt der Austausch der Flüssigkeiten beidseitig.

Bei Meyer hingegen ist der Vampirismus noch stärker wie eine Krankheit: eine einseitige Infektion genügt – eine Penetration durch Vampirzähne reicht aus. Das bedeutet natürlich, dass Vampire ihre Opfer nicht am Leben lassen können (und nur ein bisschen trinken). Sie müssen sogar dafür sorgen, dass ihre Opfer sterben, denn ansonsten würden Vampire viel zu schnell die Erde übernehmen und es bliebe keine Nahrung mehr übrig. Jedes Mal, wenn ein vermeintlich Toter doch noch ins Krankenhaus kommt oder nicht so ganz tot ist, entsteht ein neuer Vampir. Jedes Mal, wenn ein neuer Vampir mitten im Angriff abbricht, weil er nicht fassen kann, was er da tut, entsteht ein neuer Vampir. Jedes Mal, wenn man sich mit einem Vampir die Zahnbürste teilt…

All das ist jedoch nicht besonders interessant. Dieses Kapitel scheint aus noch belangloserem Gerede zu bestehen, und meine Hoffnung für das nächste ist nicht besonders groß, auch wenn es »Carlisle« heißt. Na, wir werden sehen.

Das könnte ein gutes Buch sein, wenn… endlich mal was passierte.

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Comments 3

  1. avatar Lia wrote:

    Och jo, das weiß doch jeder, dass Frauen beim Petting permanent in Ohnmacht fallen. ;-) Ich dachte, ihr Männer legt es gern drauf an?

    Sowohl die Ohnmacht als auch diem Träne sind vermutlich ungeschickte Versuche, die Tiefe der gegenseitigen Liebe darzustellen. Wo doch Bella sonst total vernunftbetont ist und Edward nie etwas anderes zu sich nimmt als Tierblut.

    Die Autos parken im Übrigen nicht im Wald, sondern es gibt eine luxuriöse Garage für die Luxus-Autos der Familie. Davon haben sie auch nicht wenige. Beinahe jedes Familienmitglied hat ein eigenes, zusätzlich gibts noch die Familienkutsche. Später kommt noch Bellas Luxuswagen dazu und Alice’ kleiner Sportwagen. Ich befrüchte also, dass da viel Wald gerodet wurde um Platz für die ausgedehnte Garage zu schaffen.

    Esme ist nicht jünger als Edward, sie wurde zwar später vampirisiert (*ggg*), aber das erst im Alter von 26 Jahren. Sie ist damit übrigens das älteste Mitglied der Cullens. Carlisles Menschenalter bei der Verwandlung war 23, Edward war 17, Jasper 20, Rosalie 18 und Emmet 20. Außerdem wird erwähnt, dass sie Häuser renoviert. Sie rein nur Hausfrau und Mutter auf ewig sein zu lassen hat nicht einmal die liebe Steph gewagt.

    Und natürlich kann Edward alles. Der gute Junge macht ja seit 100 Jahren nichts anderes, als in die Schule zu gehen oder auf ein College oder eine Uni, verschiedenes zu studieren und irgendwie die Zeit totzuschlagen. Mehrfach wird erwähnt, wie sehr er sich an der Schule langweilt. Nicht, dass Papa Carlisle mal auf die Idee käme, ein Beerdigungsunternehmen zu gründen oder einen Supermarkt eröffnet, der nachts von den Familienmitgliedern geführt wird (da gäbe es bestimmt keine großartigen Überfälle) – nein, alle müssen sich jahrelang mit immer demselben Schulstoff herumquälen bis ihnen die Langeweile regelrecht zu den Ohren raus kommt. Ein Wunder, dass die “Kinder” nicht verhaltensauffälliger sind. Ein zusätzliches Wunder, dass vor Bella noch niemand hinter das Geheimnis der Cullens gekommen ist trotz ihrer Wahnsinns Wirkung auf ihre potentielle Beute.

    Edward hatte also Zeit genug, alles perfekt einzuüben. Wir alle könnten super Klavier spielen, wenn wir hundert Jahre Zeit zum üben hätten.

    Stephs Variante der Vampir-Werdung ist so wenig durchdacht wie die gesamte Geschichte. Natürlich wird die Zahl der Vampire dadurch reguliert, dass Neugeborene sich sowieso nicht zurückhalten können und auch “erwachsene” Vampire sehr große Probleme damit haben, wenn sie erst mal am Trinken sind. Es wird ja erwähnt, dass lange nicht alle die Kraft dazu haben.

    Ich fand aber auch die andere Variante, in der auch das Opfer das Blut eines Vampirs trinken muss, wesentlich interessanter. Denn da muss das Opfer ja selbst aktiv werden. Diese Bürde wollte Steph ihren Vampiren wohl nicht auferlegen. Eine eigene Entscheidung existiert hier nicht, nur bei dem Vampir, der sich für ein Opfer entscheidet und die ganze Sache durchzieht.

    Die Bücher würden schon an Qualität gewinnen, wenn die Akteure und speziell die Nebenfiguren ein wenig mehr Leben hätten.

    Posted 26 Jun 2010 at 21:09
  2. avatar Patrick wrote:

    Ich war schon vom Vampir-Alter ausgegangen, aber… Moment mal, das körperlich älteste Familienmitglied ist 26?! Also ist dieser unglaublich fähige und erfahrene Chefarzt 23? Wo will der denn studiert und sein Praktikum absolviert haben? Mein Kopf tut weh.

    Und ja, Beerdigungsinstitut, ein großer Supermarkt, ein Job, bei dem man den ganzen Tag arbeitet (und ergo drinnen ist), Nachtwächter, Nachtportier, Händler am Großmarkt, … – es ist ja nicht so, als hätten wir in unserer Gesellschaft nur Stellen, bei denen die Angestellten dem Tageslicht ausgesetzt werden oder an der frischen Luft sind. Stattdessen Schule, Schule, Schule. Und bei einem Nachtjob wäre nicht mal komisch, wenn die am Sonnentag nicht zu sehen wären, die sind halt müde.

    Das ist wirklich eines der schlimmeren Details in den Büchern, weil es nicht einmal Kreativität oder Einfühlungsvermögen oder irgendetwas benötigt hätte, sondern so unfassbar einfach hätte umgangen werden können. Es ist ja nicht so, als könnte Bella Edward nicht treffen, während sie einmal spätabends noch schnell fürs Essen einkauft oder so was.

    Posted 26 Jun 2010 at 22:40
  3. avatar Lia wrote:

    Carlisle hat natürlich schon x mal in seinen 350 Vampirjahren Medizin studiert und kann daher natürlich einfach seine Unterlagen einreichen. Die Cullens lassen sich ihre diversen gefälschten Pässe und Unterlagen übrigens von einem halbkriminellen Rechtsverdreher erstellen, der panische Angst vor Emmet hat. Nach der Verwandlung Bellas zum Vampir übernimmt sie dann ganz Gangsterbraut im Trenchcoat diese Aufgabe als sie falsche Papiere für Nessie und Jacob braucht. *ggg* Wir erinnern uns an Bella, die jede Form von Aufmerksamkeit hasst, total schüchtern ist und sich nie produzieren würde?

    Immerhin wird einige Male erwähnt, dass Carlisle immer wieder Schwierigkeiten hat, als Adoptivvater anerkannt zu werden, weil er so jung aussieht. Andererseits gibts natürlich viele Menschen, die jünger aussehen als sie tatsächlich sind.

    Steph hat einfach wenig Fantasie, wenig Erfahrung im realen Leben und ich wage gar nicht, mir ihr Familienleben vorzustellen. Überleg mal, wie die Familien, die in den Büchern vorkommen, geschildert werden.

    Posted 27 Jun 2010 at 11:53

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