Mensaner, na und?

In meinem kleinen Skeptikerverein wurde kürzlich vorgeschlagen, ob man nicht mit Mensa zusammenarbeiten solle – da bestünden doch sicher Überschneidungen. Ich nehme das zur Gelegenheit, mal meine eigenen Gedanken zu dieser Organisation aufzuschreiben. Und um es gleich zu sagen, ich bin kein großer Fan.

Mein erster Kritikpunkt ist, dass Mensa nicht jeden aufnimmt, und ich finde, dass eine gesamtgesellschaftliche Organisation wie die Skeptiker eher entschieden für Offenheit und fehlende Zugangsbeschränkungen eintreten sollte – wer zu uns passt, soll auch bei uns reindürfen.

Ich bin kein Gegner von Eliten – eine Meritokratie hat zumindest mehr für sich als eine Aristokratie. Wohlgemerkt geht es dabei um die Verdienste, also um Taten. Mensa hingegen misst Intelligenz – ein umstrittener Begriff. Es ist allein schon nicht klar, ob unsere Vorstellung von Intelligenz nicht bestimmte biografische Hintergründe bevorzugt, und es ist nicht klar, ob Mensas überhaupt eine zulässige Vorstellung von Intelligenz ist bzw. ob man diese wirklich einwandfrei messen kann. Auch ist unklar, wie groß der angeborene Anteil an der Intelligenz ist, und ich tue mich sehr schwer damit, eine Elite anzuerkennen, die qua Geburt und vielleicht auch durch das Glück, in eine förderliche Familie hineingeboren zu werden, zu dieser Elite wurden und nicht, indem sie etwas geleistet haben. Wohlgemerkt lässt sich argumentieren, dass die Voraussetzungen, Großes zu leisten, auch von diesen Einflüssen abhängen – aber wenigstens ist die Leistung dabei.

Aber meine Kritik an Mensa geht noch weiter. Ich verstehe die Idee, sich einfach nur mit Gleichgesinnten zu treffen – das ist bei den Skeptikern ja auch der Fall. Bei Mensa ist die gleiche Gesinnung jedoch sehr grob angelegt – das ist wie bei einem Verein für Rothaarige, da hat man auch keine Gewähr, dass da jemand ist, mit dem man sich versteht.

Trotzdem gibt es zwischen rothaarigen und intelligenten Menschen noch einen entscheidenden Unterschied. Nimmt man die Intelligenz als Maß ernst, so ist sie ein Indikator dafür, dass die Person geeignet ist, die Gesellschaft voranzubringen und Großes zu leisten. Als Genie anerkannt zu werden.

Mensa ist jedoch keine soziale Bewegung. Sie ist nur eine Versammlung intelligenter Menschen, die zufällig intelligent sind und Intelligenz feiern. Das bedeutet, Mensa versammelt in den eigenen Augen die theoretisch fähigsten Menschen – und macht dann nichts aus dem Potential, außer sich selbst zu lieben.

Als Skeptiker ist es ein großer Teil meines Selbstverständnisses, für Bildung und Aufklärung einzutreten und kritisches Denken anzuregen. Es ist durchaus eine Rolle mit gesellschaftlichem Sendungsbewusstsein. Dieses geht Mensa aber ab. Von Genies wird viel verlangt – und Mensa widersetzt sich solchem Verlangen.

Mensa nimmt als Geld dafür, dass Leute sich für eine Elite halten dürfen, die aber gerade nicht handlungsbezogen sind. Bei Mensa versammeln sich nicht die Vordenker, die Intellektuellen, die Erfinder, die Zukunftsmotoren, die Problemlöser – sondern die Testableger.

Ein konzentrierter Bildungsvorstoß wäre vielleicht sogar gegen die Interessen der Mensaner – denn da der IQ ja ein fluktuierender Maßstab ist, bestünde bei steigender »Gesellschaftsintelligenz« die Gefahr, aus den ersehnten 2% herauszufallen und sich nicht mehr elitär fühlen zu können.

Darum könnte ich zwar Mensaner werden – will es aber nicht. Lieber lasse ich mir von einem nicht ganz so intelligenten Fachmann sein Metier erklären, als einfach nur Intelligenz abzufeiern. Das ist spannender.

Comments 13

  1. avatar Wonzling wrote:

    Ich kenne als wenig engagiertes Mitglied nur die deutsche Mensa, aber ich kann anhand der Kontakte, die ich innerhalb des Vereins bisher hatte nicht feststellen, dass sich jemand als Elite sah. Die mangelnde Aussagekraft des Intelligenzbegriffs wird im Verein ziemlich offen gehandhabt- laut irgendeinem Vereinstext misst der IQ-Test im Prinzip nur, wie gut man IQ-Tests lösen kann.
    Davon abgesehen scheint es zur Zeit aber noch kein besseres Mittel zu geben, um überdurchschnittlich hohe Intelligenz “auf die Schnelle” feststellen zu können.
    Ich habe in meiner Schullaufbahn meine Intelligenz als Behinderung erlebt und Mensa ist ein Weg, sich weniger ausgestoßen zu fühlen. Insofern finde ich den Gedanken sonderbar, ich hätte aufgrund meiner Mitgliedschaft jetzt irgendeine besondere Verpflichtung, mit meiner Intelligenz die Gesellschaft voranzubringen.

    So wie ich es erlebt habe, wird bei Mensa nicht die Intelligenz gefeiert. Die Leute haben eine bestimmte Eigenschaft gemeinsam, die oft auch Probleme macht, ansonsten gibt es genauso viele Interessen wie bei anderen auch.

    Posted 16 Jun 2010 at 15:19
  2. avatar Patrick wrote:

    Danke für deine Meldung, als Außenstehender sieht man ja vielleicht einige Dinge nicht so ganz korrekt. Da hilft so ein Erfahrungsbericht schon.

    Posted 16 Jun 2010 at 15:42
  3. avatar Lia wrote:

    Also ist Mensa im Grunde nichts anderes als eine Art Selbsthilfeverein für Leute mit hohem IQ oder zumindest der Fähigkeit IQ-Tests effektiv und schnell zu lösen?

    Posted 16 Jun 2010 at 20:01
  4. avatar Wonzling wrote:

    Das liegt beim jeweiligen Mitglied. Für mich trifft das schon zu, aber gewiss nichts für alle. Begabtenförderung in der Schule ist aber auf jeden Fall ein Thema, vor allem auch mit Rat für Eltern.
    Könnte aber wie gesagt sein, dass das von Land zu Land verschieden ist.

    Posted 17 Jun 2010 at 10:10
  5. avatar Patrick wrote:

    Ich kenne auch mindestens eine Person, die da ist, um einfach mal kluge Gespräche zu führen und sich nicht immer “außen vor” zu fühlen, und vielleicht auch wegen der Partnersuche.

    Posted 17 Jun 2010 at 10:20
  6. avatar Settembrini wrote:

    Mmm…. ich kann mich an einen sehr, sehr unschönen meta-rassistischen Artikel in der Mensa-Postille erinnern. Da wollte ich auf die Seiten kotzen.

    Posted 17 Jun 2010 at 19:18
  7. avatar Settembrini wrote:

    Hab es gerade wieder gefunden:

    http://web.fu-berlin.de/akip/5_projekte/improved%20reading/presse/2006/mindmag54_okt2006.pdf

    Ab Seite 35.

    Posted 17 Jun 2010 at 19:22
  8. avatar Lia wrote:

    Begabtenförderung ist an den meisten Schulen tatsächlich eine interessante Sache. Sie ist eindeutig vorhanden. Auch an der Schule meines Sohnes. Diese hochbegabten Kinder dürfen extra Kurse belegen in Sprachen oder was auch immer. Als Nachweis für die Hochbegabung dienen dabei die Schulnoten. Denn ein hochbegabtes Kind wird sich ja in erster Linie dadurch zeigen, dass es super Schulnoten hat.

    Letzthin war ein Bericht im Fernsehen wonach hochbegabte Kinder oft alles andere als gut sind in der Schule, sich dort oft auch gar nicht wohl fühlen. Es soll sogar welche geben, deren Hochbegabung erst erkannt wurde nachdem sie auf der Sonderschule gelandet waren.

    Diese Kinder landen also schon mal nicht in den Hochbegabten-Kursen, weil ihre Schulnoten ja zeigen, dass sie gar nicht hochbegabt sein können.

    Meiner Meinung nach sollte das erweiterte Angebot für alle Kinder gelten, wenn sie sich dafür interessieren. Warum sollen nur Hochbegabte japanisch lernen oder spezielle Zusatzfächer in den Naturschwissenschaften besuchen dürfen? Erstens mal sitzen in dieser Schule bestimmt nicht nur Hochbegabte drin sondern auch eine Menge normal begabter, sehr fleißiger Kinder, dann könnte man das doch gleich für alle anbieten. Und zweitens geht das Angebot sowieso am Bedarf vorbei, wenn die Ermittlung der hochbegabten Kinder durch Vorschlag der Lehrer und Schulkameraden erfolgt. Ein hochbegabter Außenseiter mit mittelmäßigen Noten aus Langeweile wird da sicher schon mal nicht vorgeschlagen.

    Posted 17 Jun 2010 at 21:11
  9. avatar Patrick wrote:

    Das ist der Irrwitz der Begabtenförderung. Die meisten Lehrer haben keine Ahnung, wie sie Hochbegabung überhaupt diagnostizieren sollen (siehe auch ADHS), und die Lösung ist dann nicht unbedingt, zusätzliche Kurse anzubieten – die sollten tatsächlich jedem zu Gute kommen, oder vielleicht setzt man damit wirklich einen Notenanreiz (mindestens ein Zweierschnitt oder so).

    Begabtenförderung ist wichtig, dass sie *im* Unterricht stattfindet – unterschiedliche Leistungsstufen im Klassenverbund berücksichtigen.

    Posted 17 Jun 2010 at 21:23
  10. avatar Lia wrote:

    Tja, damit dürfte dann ein mathematisch unbegabtes Kind immer noch nicht japanisch lernen, weil es sich regelmäßig den Notendurchschnitt versaut – wenn man es mal ganz beinhart nimmt.

    In erster Linie wäre eine bessere Schulung der Lehrer nötig. Wie soll man etwas fördern oder auch nur erkennen, wenn man gar nicht so genau weiß, was das eigentlich ist.

    Unterschiedliche Leistungsstufen kann man aber meist nicht mehr berücksichtigen, wenn man 30 Kinder in der Klasse hat. Da ist Bildung nur noch Massenabfertigung. Auf den Einzelnen einzugehen kann in einer solchen Situation nicht mehr funktionieren.

    Posted 17 Jun 2010 at 22:36
  11. avatar Patrick wrote:

    Ja, aber ich habe da an die Schule gedacht, die ein Zusatzangebot für alle Schüler_innen wahrscheinlich nicht finanzieren kann und dann vor der Wahl steht, entweder nichts oder nur wenigen die Chance zu geben.

    Und Binnendifferenzierung ist ein wichtiges Schlagwort. Als Lehrer_in muss ich eigentlich auf unterschiedliche Leistungsstufen eingehen. Natürlich macht es da Probleme, dass unser Schulsystem altbacken ist, dass man idealerweise in kleineren Klassen mit zwei Lehrkräften arbeitet – aber zumindest in begrenzter Weise kann man sehr wohl auch so im Unterricht differenzieren, z.B. mit Mentoren.

    Posted 17 Jun 2010 at 22:43
  12. avatar Wonzling wrote:

    Ich bin auch eindeutig für Förderung innerhalb des Unterrichts, nicht für Absonderung von Mehr- oder Minderbegabten. Allerdings waren meine Erfahrungen in dieser hinsicht durchweg schlecht, gerade für Hochbegabte. Beispielsweise bei der Wertung von mündlicher Beteiligung: Drei falsche oder das ziel verfehlende Äußerungen waren grundsätzlich mehr wert als eine richtige. Gerade für jemanden wie mich, dessen Talente besonder im sprachlichen Bereich lagen, war das verheerend.

    Posted 18 Jun 2010 at 11:42
  13. avatar Lieschenmüller wrote:

    “Bei Mensa ist die gleiche Gesinnung jedoch sehr grob angelegt – das ist wie bei einem Verein für Rothaarige, da hat man auch keine Gewähr, dass da jemand ist, mit dem man sich versteht.

    Trotzdem gibt es zwischen rothaarigen und intelligenten Menschen noch einen entscheidenden Unterschied. Nimmt man die Intelligenz als Maß ernst, so ist sie ein Indikator dafür, dass die Person geeignet ist, die Gesellschaft voranzubringen und Großes zu leisten. Als Genie anerkannt zu werden….”

    Ich bin rothaarig und Mensaner! Und? Wo ist da der “Unterschied? Du sprichst hier von Dingen, die du nicht verstehst und die dich nichts angehen. Also halt den Rand.

    Posted 20 Sep 2010 at 18:11

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