Bei der WM hat es ja nun einige Fehlentscheidungen gegeben, und die Rufe nach einer Überprüfung von strittigen Szenen durch Fernsehbilder werden lauter. Ob sich Sepp Blatter allerdings wirklich dazu bringen lässt, eine solche Instant-Replay-Regelung einzuführen, ist ungewiss. In der Diskussion um den – in meinen Augen längst fälligen – Videobeweis jedoch gibt es auch immer wieder das Argument, die Spieler könnten ja selbst zugeben, wenn sie bspw. mit der Hand ein Tor erzielt hat. Gleichzeitig heißt es als Gegenargument, das könne man von den Spielern nicht verlangen, wo es doch um so viel Geld ginge.
Und da regt sich dann in mir doch Widerspruch.
Ethik ist heutzutage oft eher eine Sache für den Feierabend. Die Wirtschaft, so wird gerne gesagt, sei kein Ort für Ethik. Wann immer es um viel Geld geht, muss die Ethik draußen bleiben – so auch bei der WM? Ich denke nicht. Vielmehr ist es gerade dann wichtig, ethische Grundsätze zu befolgen.
Die Fußballspieler bei der WM sind Vorbilder, und zugleich sind sie Spiegelbilder der Gesellschaft. Und in dieser Gesellschaft, die sie zeigen, zählt anscheinend nur der Erfolg, und wenn man dazu betrügen muss, wenn man Tätlichkeiten vortäuscht, indem man sich ans Gesicht fasst und fallen lässt; wenn man klare Tore nicht als solche deklariert oder Fouls nicht eingesteht, dann wird das vom Zuschauer vor dem Fernseher zwar mit Unmut begrüßt, aber in der Regel auch nur, wenn der betreffende Spieler nicht dem eigenen Land angehört. Schlimmer aber noch: diese Taten bleiben ungestraft.
Hier ist der Knackpunkt zu sehen. Es wäre wünschenswert, wenn Spieler ihre Verstöße zugäben oder unterließen, um einen gerechteren Sport zu ermöglichen und auch bessere Vorbilder zu sein. Nun ist es aber ohnehin schon viel verlangt, dass Menschen allein aus dem Gefühl ethischer Notwendigkeit heraus auf einen Vorteil verzichten sollen – so etwas erreicht man i.d.R. nur bei ethisch sehr reflektierten und vorgebildeten Personen. Man müsste Fußballer also mindestens einer intensiven Ethik-Schulung unterziehen – und selbst dann hätte man nicht die Garantie, dass sie die für Fairness notwendigen Prinzipien akzeptieren.
Die zweite Möglichkeit, ethisches Verhalten zu bekommen, ist der Zwang bzw. ein Belohnungssystem. Zwang führt dazu, dass oberflächlich vielleicht so gehandelt wird, wie man es wünscht, aber sobald die Gefahr der Bestrafung nicht groß genug ist, wird unter der Hand das getan, was den größten Vorteil bringt. Ergo verdeckte Fouls. Aber Bestrafung kann zumindest helfen und mögliche Übeltäter zögern lassen und zwar umso besser, je besser die Kontrolle von Missetaten ist – ein Argument für den Videobeweis könnte also sein, dass die Gefahr nachträglicher Bestrafung oder Tor-Aberkennung dazu führt, dass Spieler von vorneherein weniger Tätlichkeiten begehen oder Handspiele zugeben.
Besser noch wäre eine Belohnung für ethisches Verhalten, damit die Spieler sogar einen Anreiz haben, offen richtig zu agieren. Beispielsweise könnte man, wenn der Spieler ein Handspiel auf Nachfrage zugibt, von einer Karte absehen. Oder man arrangiert einen Turnierbaum so, dass die sieben besten und die fairste Mannschaft ins Viertelfinale einer WM einziehen. Mit anderen Worten müsste man die Spielregeln so verändern, dass auch die betrügerischen Spieler, die nur auf den eigenen Vorteil aus sind, geneigt sind, ehrlich zu bleiben.
Mindestens aber müsste man den Spielern, die grundsätzlich ehrlich sind oder gerne wären, entsprechende Konsequenzen androhen. Das passiert aber nicht. Und wenn der Spieler die Wahl hat, ein Handtor zuzugeben und dadurch nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren, dann ist selbst eine ehrliche Haut manchmal nicht in der Lage, das Richtige zu tun – es drohen das Ausscheiden der Mannschaft, der Spott der Teamkollegen und Vorwürfe der Heimatpresse, und selbst wenn es nachher aufgedeckt wird, erfolgt nicht einmal eine persönliche Bestrafung, geschweige denn eine Strafe für die Mannschaft.
Auch hier gleicht also die WM der freien Wirtschaft und den Finanzmärkten, denn die Spielregeln dieser Bereiche sind so ausgelegt, dass sie unethisches Verhalten belohnen und ethisches Verhalten bestrafen, aber trotzdem verlangen manche individuell ethisches Verhalten – eine Illusion, die höchstens von selten starken Personen erfüllt wird –, und andere ziehen daraus den Schluss, ethisches Verhalten sei hier generell fehl am Platze. Beides stimmt nicht.
Aber darum ist ein Verweis auf die Spieler und deren Verantwortung auch kein Argument gegen den Videobeweis.

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