ZS: Der Teufel im Detail (S. 258-262)

Dies ist Teil 37 von 61 der Serie Zwielicht am Sonnabend

Bevor wir loslegen: auf Seite 253 äußert sich Edward zu seiner geheimen Identität: »Je jünger wir zu sein vorgeben, desto länger können wir an einem gegebenen Ort bleiben. Forks sah perfekt aus, also meldeten wir uns in der High School an.«

Im Gegensatz zu der üblicherweise in TV-Serien gezeigten Belegschaft sehen Schüler an der High School nicht wie fünfundzwanzigjährige Studenten aus. Gerade in der Jugend verändern sich Leute oft in sehr kurzer Zeit um ein ganzes Stück. Es ist also Unsinn, dass die Vampire an der High School besonders sicher seien. Zum Glück habe ich das schon einmal beschrieben.

Jetzt aber zum Thema des Tages.

Während Edward und Bella noch miteinander reden, fährt Bellas Vater vor. Edward verschwindet nach Rücksprache mit Bella, und Charlie kommt ins Haus von seinem Angeltrip. Seine ersten Worte:

»Kannst du mir was davon machen? Ich bin am verhungern!«

Dann zieht er sich die Schuhe aus. Natürlich gehorcht sie:

Ich nahm mein Essen mit mir und schlang es herunter, während ich seines bereitete. Es verbrannte mir die Zunge. Ich füllte zwei Gläser mit Milch, während seine Lasagne heiß wurde, und stürzte meine herunter, um das Feuer zu löschen. Als ich das Glas absetzte, bemerkte ich, dass die Milch wackelte, und erkannte, dass meine Hand zitterte. Charlie saß auf dem Stuhl, und der Unterschied zwischen ihm und seinem vorherigen Gast war zum Lachen.

Hier fehlt kein Umbruch. Von Beschreibung der Tätigkeiten (es fehlt leider, wie lange die Lasagne in der Mikrowelle ist) gehen wir zu Bellas zitternden Händen und danach direkt zu Charlie auf dem Stuhl. Normalerweise würde das bedeuten, dass Charlie die Erklärung für die zitternden Hände ist – aber es wirkt nicht so, als unterdrückte Bella ein Lachen und würde daher zittern. Das ist einfach nur schlechte Schreibe.

Das fürsorgliche elterliche Gespräch geht weiter:

»Danke«, sagte er, als ich ihm das Essen hinstellte.

»Wie war dein Tag?«, fragte ich. Die Worte kamen schnell; ich wollte unbedingt auf mein Zimmer flüchten.

»Gut. Die Fische haben gebissen… und du? Hast du alles geschafft, was du tun wolltest?«

Wir erinnern uns, was das war: Hausaufgaben machen, die Wäsche waschen, zur Bibliothek und einkaufen. Da kommt der Vater am Samstag abend vom Fischen nach Hause. Er sagt nicht einmal Hallo. Seine Tochter, die gerade isst, muss ihm erst Mal was zu essen machen. Dann fragt er sie, ob sie eingekauft hat und die Wäsche fertig ist.

Die fleißige Kommentatorin Lia äußerte sich mehrfach über den mormonischen Glauben. Unter Anderem glauben Mormonen, dass die besten von ihnen nach dem Tod zu Göttern werden (das ist quasi die Himmelsvorstellung); die Übrigen bekommen die Herrschaft über die Erde. Insofern ist es also normal für Mormonen, sich göttliche oder gottgleiche Gestalten vorzustellen, nämlich sich selbst nach dem Tod.

Edward ist so eine Gestalt – er starb, und jetzt besitzt er gottgleiche Kräfte. Als solches ist der Unterschied zwischen ihm und Charlie wirklich zum Lachen – aber die Gemeinsamkeiten sind gleichzeitig auch vorhanden. Das traditionelle Rollenverständnis der Frau wird sowohl von Charlie als auch Edward gestützt, auch wenn das nicht explizit geschieht – schließlich ist Bella ein gehorsames Frauchen und muss nicht darauf hingewiesen werden, was zu tun ist. Umso grotesker natürlich die Unterschiede, weil Charlie immer noch ein sehr unperfekter Mensch ist, Edward jedoch… Stephenie Meyer wird nicht müde, es zu betonen: perfekt. Beide verlassen sich auf Bellas Dienstbarkeit, aber mit dem Gott im eigenen Schlafzimmer wird es natürlich schwer für Bella, Charlie treu zu bleiben. Unmöglich sogar.

Als Charlie also plötzlich etwas genauer nachforscht, ob Bella denn noch keinen Jungen getroffen habe, der ihr gefällt – das Sexleben der Tochter ist natürlich von großem Interesse –, gibt Bella ausweichende Antworten und huscht nach oben, weil sie müde sei. Charlie riecht anscheinend die Ausrede. Und um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede gleich noch hervorzuheben, folgt das:

»Bis morgen früh, Dad.« Bis heute um Mitternacht, wenn du in mein Zimmer schleichst, um mich zu kontrollieren.

Auch Charlie schleicht sich also nachts in Bellas Zimmer – wenn er vermutet, dass sie sich aus dem Fenster schleichen und zu einem Jungen will. Aber hier klingt das beunruhigend, zu viel des Guten, während Edwards nächtliche Besuche schmeichelhaft sind. Wer würde sich nicht geschmeichelt fühlen, wenn ein Gott am eigenen Bett säße?

Edward wartet in Bellas Bett – aber keine Angst, es bleibt züchtig. Bella sinkt vor Überraschung zu Boden, wie Frauen das so tun, dann geht sie ins Bad, und Stephenie Meyer verabschiedet uns für diese Woche mit ihrer großartigen Prosa:

Ich sprang auf, schnappte meinen Pyjama von Boden, meine Waschsachen vom Tisch. Ich ließ das Licht aus und schlüpfte raus, schloss die Tür. (…)

Ich wollte mich beeilen. Ich putzte mir fest die Zähne, um sowohl sorgfältig und schnell zu sein, und entfernte alle Spuren von Lasagne. Aber das heiße Wasser in der Dusche konnte sich nicht beeilen. Es entknotete die Muskeln in meinem Rücken, beruhigte meinen Puls. (…) Ich stellte das Wasser ab, trocknete mich hastig ab, beeilte mich wieder. Ich zog mein löchriges T-Shirt an und die graue Jogginghose. (…)

Ich rubbelte das Handtuch noch Mal durch meine Haare, dann zog ich schnell die Haarbürste durch. Ich warf das Handtuch in den Wäschekorb, Haarbürste und Zahnpaste in meine Tasche.

Sind wir noch wach? Es ist tatsächlich ein Phänomen, wie Stephenie Meyer es schafft, interessante und relevante Details von ihrem Gegenstück zu unterscheiden. Leider beschreibt sie dann in aller Ausführlichkeit die falsche Gruppe. Edward hat derweil reglos auf Bella gewartet. Zuerst machte er »eine Show daraus, zur Statue zu erstarren«, und am Ende ist er »ein Holzschnitt von Adonis auf meiner ausgeblichenen Decke«. Wie man eine Show daraus macht, sich nicht zu bewegen, in welcher Position Edward verharrt – all das erfahren wir nicht. Geschweige denn etwas von den Hormonen und den Gedanken, die Bella durch den Kopf gehen, sodass ihre Behauptung:

»Du machst mich wahnsinnig«

aus dem Nichts kommt. Die beiden sitzen da ruhig, Edward hat seinen Kopf an Bella gelehnt, und wir erfahren nichts. Vorher aber en detail, wie Bella sich wäscht. Mal sehen, ob ich das Folgende ab sofort immer als Schlusssatz verwende:

Das hätte ein guter Roman sein können, wenn… machen wir uns nichts vor: Wenn jemand anderes ihn geschrieben hätte.

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Comments 4

  1. avatar Lia wrote:

    Vor allem zeigt diese Szene sehr deutlich, welche Stellung Bella im Hause ihres Vaters einnehmen will – die einer Dienstbotin.

    Sogar ihren Kulturbeutel hat sie in ihrem Zimmer, statt im Badezimmer wie jedes andere Familienmitglied einen gewissen Raum einzunehmen. Normalerweise ist das in Familien so üblich und weder Eltern noch Kinder haben ihr ganzes Zeugs gepackt im jeweiligen Zimmer.

    Und natürlich muss sie auf ihr Essen verzichten, es hinunter schlingen, damit sie schnellstmöglichst ihren Vater bedienen kann. Auf die Idee, ihr sowieso viel zu heißes Essen erst mal zur Seite zu stellen um dann gemeinsam mit ihrem Vater zu essen kommt sie gar nicht. Immerhin dauert die Fertigstellung der Mahlzeit ja nur ein paar Minuten. Das ist sowieso eine der unrealistischeren Szenen, die sich hoffentlich kein Mädchen als Vorbild fürs spätere Familienleben nimmt.

    Der Witz dabei ist, dass Bella nicht so handeln müsste, dass das niemand von ihr verlangt. Aber erinnern wir uns: Bella ist ein psychisch schwer gestörtes Mädchen. Sie muss zeigen wie sehr sie leidet, wie sehr sie sich für ihre Familie aufopfert. Damit auch jeder genau weiß, wie sehr er sie dafür verehren muss, dass sie so aufopferungs- und leidensbereit ist.

    Und das wirft kein gutes Bild auf Steph Meyer. Die Abkürzung SM hab ich schon recht bewusst gewählt. Die Figuren eines Romans basieren recht oft auf zumindest einem Teil der Persönlichkeit des Autors. Im Grunde kann man nichts erfinden, was man nicht in sich hat. Ein komplett romantischer Mensch wird schwer einen harten, kalten Thriller schreiben können.

    Ich glaube nicht, dass ich mich im Haushalt Meyer wohl fühlen würde. Denn sollte Bella auf Steph’s Persönlichkeit basieren, hätte diese Familie eine Mutter, die jederzeit bereitwilligt zeigt, wie sehr sie doch immer für alle da ist, wie sehr sie sich aufopfert und wie sehr sie zu leiden hat unter ihrem aufopferndem Leben für die ganze Familie. Ich kenne diese Art Frauen und meide sie wie die Pest. Denn solche Frauen verlangen üblicherweise ein gewaltiges Ausmaß an Dankbarkeit von seiten ihrer Familien für ihre Opferbereitschaft.

    Allerdings ist es bestimmt nicht so schlimm, denn Steph Meyer hat ja nur erzählt, dass Bella und auch später Nessie ihrer Vorstellung von perfekten Töchtern entsprechen. Wie gut, dass Madame Meyer nur Söhne hat. Gott weiß schon, was er tut.

    Bella lebt also im Haus ihres Vaters und gibt sich selbst die Rolle einer Dienstmagd, die absolut und vollkommen ihrem Arbeitgeber unterstellt ist. Sie putzt, kocht, wäscht, erledigt auch sonst alles an Arbeiten, bedient den Mann im Haus, steht Rede und Antwort über ihr Privatleben (vergessen wir mal nicht, dass Bella fast volljährig ist) und nimmt keinerlei extra Platz im Haus ein, abgesehen von dem Zimmer, dass eben auch einer Hausangestellten zustehen würde.

    Und keiner der Erwachsenen – auch Edward nicht – findet das seltsam. Papi weist nicht darauf hin, dass seine Tochter gefälligst ihre Sachen in den Badezimmerschrank räumen soll. Mami fragt nicht indigniert nach und Edward ist natürlich zu sehr Vampir um sich über solche unwichtigen Menschenangelegenheiten Gedanken zu machen. Immerhin steht er auf einer höheren Stufe, wo er essen und waschen etc. nicht nötig hat. Was übrigens ein Hinwesi darauf ist, dass Bella mit ihm tatsächlich das große Los gezogen hat, weil sie für ihn weder kochen, noch putzen noch räumen muss. Später vertreiben sie sich die Zeit ja auch ausschließlich anderweitig. ;-) )

    Die ganze Biss-Reihe erzählt die Geschichte eines schwer gestörten Mädchens, das in seiner Not von den Erwachsenen überhaupt nicht wahr genommen wird und sich deshalb einer Gruppe gefährlicher, mörderischer Außenseiter anschließt. Und alle finden das völlig normal und toootal romantisch.

    Posted 30 May 2010 at 19:58
  2. avatar Patrick wrote:

    Ich glaub, ich bin verliebt… ;)

    Ehrlich, vollste Zustimmung. ich habe das mit dem Essen und dem Kulturbeutel nicht ausgewalzt, weil StephMey eben keinerlei Aufschluss darüber gibt, warum sie das tut. Insofern könnte ich mir vorstellen, dass andere Autoren schreiben würden: »Ich wollte jetzt auf keinen Fall ein Gespräch mit Paps beim Abendessen führen, also musste ich wohl oder übel mein heißes Essen runterschlingen, bevor seines warm war.«

    Aber ja, das ist schon recht seltsam. Ich frage mich nur, ob Bella später das ganze putzen und Übermutter und Jesusfigur sein nicht fehlen wird, die Aufopferung und so.

    Posted 30 May 2010 at 20:26
  3. avatar Lia wrote:

    Da sie am Ende ja zur allbeschützenden Übermutter (Jungfrau Maria?) wird, vermisst sie das bestimmt nicht. Sie leidet dann auch noch ausreichend um keinerlei psychische Probleme zu bekommen. *ggg* Nur vom putzen ist keine Rede mehr. Das dürfte sie (und Steph) wirklich nicht vermissen.

    Posted 03 Jun 2010 at 14:27
  4. avatar Jule wrote:

    Eigentlich ist es total schade, dass Bella so eine gestörte Person ist, denn an sich mag ich die Grundidee: Tochter von geschiedenen Eltern zieht vom sonnigen, großen Phoenix ins verregnete, kleine Forks und lernt dort einen Vampir kennen und lieben. Du hast schon Recht, Patrick, es hätte ein gutes Buch werden können, wenn nicht Steph Mey es geschrieben hätte mit einer Hausfrau/Dienstbotin in der Hauptrolle. Wirklich schade. :(

    Posted 13 Jun 2010 at 22:23

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