ZS: das schwache Geschlecht (S. 244-249)

Dies ist Teil 34 von 61 der Serie Zwielicht am Sonnabend

Zeit, das dreizehnte Kapitel abzuschließen. Bella und Edward stehen aneinander gelehnt für einen »unermesslichen Moment«, dann kann Bella sehen. Ähm, sie kann sehen, dass das Licht nachlässt – sie sieht, dass das Licht nachlässt, würde ein Lektor schreiben, und weiß, dass sie nach Hause muss. Edward will ihr zeigen, wie er den Wald bereist. Er nimmt Bella auf den Rücken, und sie »klammert [ihre] Beine und Arme so eng um ihn, dass es einen normalen Menschen würgen würde. Es war, als hinge man an einem Stein.«

Hach, ich hätte so gerne meinen eigenen Stein zum Verlieben.

Wer übrigens nicht glaubt, dass Twilight auch als Film schlecht ist, braucht sich nur diese nachgespielte Szene anzusehen, in der deutlich wird, wie grotesk langgezogen die Dialoge sind. Sehr gut nachgespielt und gleichzeitig sehr lustig.

Aber zurück zum Stein. Edward, Bella auf dem Rücken, rennt los. Und Bella beschreibt: »Wenn ich mich jemals in seiner Gegenwart vor dem Tod gefürchtet hatte, war das gar nichts verglichen mit dem, was ich jetzt fühlte.« Natürlich erfahren wir sonst nichts von der Panik, die Bella fühlt, aber immerhin erfahren wir, dass Edward das Date beendet, indem er noch einmal seiner Angebeteten Todesangst einflößt. Und da er ja über die Weide hinweg den Schlag ihres Herzens hören kann, wird er das auch merken – es ist ihm nur egal, er rast durch den Wald, ohne einen Laut zu verursachen.

Was schwierig ist, da er ja auftreten muss und seine Beine bewegen muss – zumindest das Geräusch bewegender Kleidung und auch einiger knackender Äste und touchierter Blätter müsste zu hören sein. Ist es aber nicht. Dafür wird Bella schwindlig, bevor die beiden nach wenigen Minuten zurück beim Auto sind. Das schwache Mädchen muss sich erst Mal hinlegen und den Kopf zwischen die Beine nehmen, um sich zu erholen.

Und dann endlich kommt es zum Kuss. Und nicht nur dass, es kommt zu einer guten Beschreibung:

Er zögerte – aber nicht auf normale Art, auf menschliche Art.

Nee, nicht das. Das direkt danach.

Nicht so, wie ein Mann zögern würde, bevor er eine Frau küsst, um ihre Reaktion abzuschätzen, um zu sehen, wie er empfangen wird. Vielleicht würde er zögern, um den Moment zu verlängern, diesen idealen Moment der Erwartung, manchmal besser als der Kuss selbst.

Ja, dieser Moment der Erwartung ist toll. Ich persönlich spiele gerne mit diesem Moment, nicht nur beim Küssen. Es ist ein menschliches Phänomen, dass unsere Erwartungen sehr viel stärker wirken können als das, was dann passiert. Irgendwann muss die Erwartung aber erfüllt werden, sonst tut unser Hirn die Erwartung als zu unrealistisch ab oder wird frustriert. Nur so als Tipp an die Abstinenzautorin.

Edward jedenfalls zögert nicht deshalb, sondern um sich seiner Selbstbeherrschung zu vergewissern.

Und dann drückten sich seine kalten Marmorlippen sehr sanft auf meine.

Und nein, Bella hat keine Marmorlippen, auch wenn sich das so liest. Untrügliches Zeichen dafür, dass jemand auf dich steht: wenn du der schlechteste Küsser der Welt bist und die geküsste Person deine kalten Marmorlippen total sexy findet.

Blut brodelte unter meiner Haut, brannte in meinen Lippen. Mein Atem kam in einem wilden Keuchen. Meine Finger knoteten sich in sein Haar, pressten ihn an mich. Meine Lippen teilten sich, als ich seinen schweren Duft einatmete.

Ehrlich, was hat Stephenie Meyer mit dem Duft? Immerhin vergisst sich Bella hier kurzfristig, und sofort wird Edward zu Stein unter ihren Lippen. Im Unterschied zu vorher, wo seine kalten Marmorlippen… nicht aus Stein sind? Hm. Edward ist jedenfalls not amused, dass Bella sich so ungehörig verhalten könnte. Er darf sie küssen, wann er will, aber sie darf natürlich nur küssbar sein, nicht zurück küssen. Wo kämen wir da hin?

Und dann wird das Beziehungsverhältnis noch schnell klar gestellt:

»Vielleicht solltest du mich fahren lassen?« (…) »Ich kann besser fahren1 als du an deinem besten Tag.«
(…)
»Nein. Keine Chance.«
Edward hob ungläubig seine Augenbrauen.

Jawohl, zeigs ihm! Er mag es ja nicht glauben wollen, aber Bella sagt eindeutig, dass sie fahren wird. Sie lässt ihn nicht fahren:

Ich begann, um ihn herumzugehen, in Richtung Fahrerseite. Er hätte mich vielleicht vorbeigelassen, wenn ich nicht leicht gewankt wäre. Andererseits vielleicht auch nicht.

Oh. Und Bella kann ihm nicht widerstehen: »Ich konnte ihm nicht widerstehen.«

Also fährt Edward doch, wie es sich gehört. Das schwache Fräulein darf mal kurz so tun, als habe es was zu melden, aber ehrlich, in Edwards Beisein kann sie sich kaum aufrecht halten, was soll sie da auch zu sagen haben.

Ehrlich: meinetwegen. Macht eine Beziehung mit Machtgefälle, in denen Edward klar die Kontrolle hat, ruhig mit Vertrag und allem. Aber dann sollten sich beide / alle sehenden Auges darauf einlassen und entsprechend auch die Möglichkeit, da raus zu kommen. Und vor allem ist das dann eine persönliche Entscheidung.

So steht das hier aber nicht. Hier steht das so, als sei das ganz normal und natürlich, der typische Mist von natürlicher Überlegenheit der Männer. Hier steht das so, als sei das die universelle, idealtypische Beziehung. Und vor allem steht das hier so, als sei Edward ein kontrollierendes Arschloch, dass kein Nein akzeptiert und sich über die Versuche Bellas, eine eigene Meinung zu haben, nur amüsiert mit seinem schiefen Lächeln, als sei dies mehr der Weg Bellas in häusliche Gewalt. Und weil Bella auch noch so unfassbar ich-bezogen ist, würde sie dem stereotypen verprügelten Opfer gleich alle Misshandlung brav auf sich beziehen und sich schuldig fühlen.

Das liest sich wie Christliche Häusliche Disziplin, wo die biblischen vier Gebote für Frauen lauten: Liebe deinen Ehemann (1), liebe deine Kinder (2), gehorche deinem Ehemann (3) und Bleib zu Hause (4).

Eine gewollte, offen eingegangene Beziehung dieser Art könnte vielleicht (mit anderer Autorin) romantisch beschrieben werden. Aber das ist nicht romantisch. Ganz im Gegenteil.

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  1. Ich fahre besser, Anm. des Lektorats []

Comments 11

  1. avatar Lia wrote:

    Was ich mich seit jener Szene im Buch frage ist, welche Geschwindigkeit Edward da eigentlich drauf hat. Ich bin nicht gut im Rechnen, aber Bella erzählt von einer mehrstündigen Wanderung. Nehmen wir also mal ein Minimum von drei Stunden an. Sie brechen früh auf und es dürfte etwa Mittag sein als sie auf der Lichtung eintreffen. Gehen wir davon aus, dass Bella als Stadtkind keine schnelle Wanderin ist und durch ihre Ungeschicklichkeit noch ein wenig langsamer. Außerdem geht es bergauf. Nehmen wir also eine Strecke von etwa 3 km in einer Stunde an. Dann hätten wir also 9 km, ok sagen wir 10 km, damit rechnet es sich leichter. Noch weniger wäre recht unrealistisch. Edward ist innerhalb weniger Minuten zurück. Nehmen wir also mal 5 Minuten an. Dann wäre er 10 km in 5 Minuten gelaufen. Das wären dann also etwa 120 km/h. Als Minimum gedacht. Vermutlich eher das Doppelte, also 240 km/h. Und zwar völlig unangestrengt, lautlos und offensichtlich nimmt er sich wegen Bella ja noch zurück.

    Kann mir bitte jemand erklären, warum diese Vampire überhaupt mit Autos fahren? Autos müssten ihnen doch total langsam vorkommen. Zu Fuß sind sie viel schneller überall, wo sie hin wollen. Kostet auch kein Benzin und macht keine Umstände wegen TÜV etc. Warum haben die nicht eher einen Privathubschrauber? Macht wegen der Jagden mehr Sinn, finanziell dürfte es ja kein Problem sein und ungewöhnlich ist das in Amerika auch nicht. Zeit genug für den Pilotenschein hätte bestimmt jemand gehabt.

    Zwischen zwei Menschen, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind und freiwillig zustimmen, kann auch die Form des Christian Relationships ein gut funktionierendes Lebensmodell darstellen. Ich bin mir sicher, dass es da jede Menge glückliche Paare gibt. Bei Bella fehlt schon die Freiwilligkeit (denn die hat sie nicht wirklich) sondern vor allem der Vollbesitz der geistigen Kräfte. Sie ist ein mental sehr angeschlagenes Mädchen, das offensichtlich von absolut blinden und tauben Erwachsenen umgeben ist, die nicht bemerken, wie schlecht es ihr tatsächlich geht.

    Übrigens finde ich die Filme um einiges besser als die Bücher. Da hat jemand mit Hirn wenigstens versucht zu retten, was noch zu retten ist. Längen wurden gekürzt, vieles ein wenig stimmiger gestaltet und die Werwölfe besser heraus gearbeitet. Sind wir ehrlich, das sind die eigentlich Stars der Filme. Wen interessiert schon Robert Pattinson, wenn man Taylor Lautner ansehen kann. *ggg*

    Posted 09 May 2010 at 19:32
  2. avatar Patrick wrote:

    An die Geschwindigkeit habe ich mich nicht rangetraut, danke! :)

    Ich glaube auch, dass man mit einem Auto sehr viel schlechter ausweichen kann als zu Fuß – wenn die Cullens also mit 120 durch die Stadt fahren, haben sie viel weniger Sicherheit, dass nichts passiert, als wenn sie rännten.

    Mit 120 bis 240 km/h wären sie jedenfalls nicht unsichtbar, sie könnten also gesehen werden. Außerdem fahren sie ja schnelle, schnittige Fahrzeuge wie z.B. einen Volvo.

    Na ja, die Christian Domestic Discipline entstammt ja einer Interpretation der Bibel, inwiefern man sich da noch freiwillig darauf einlässt, kann man schon fragen. Stimmt natürlich, wenn man eine solche Beziehung mit offenen Augen eingeht, ist das okay – aber die Idee beruht ja schon auf “Gott sagt, du musst also”.

    Ja, die Filme sind definitiv besser als die Bücher. Nur kitschig sind sie mitunter doch noch. Und blau. Stimme aber voll zu, dass die Werwölfe viel netter anzusehen sind :)

    Posted 09 May 2010 at 20:32
  3. avatar Lia wrote:

    Ganz andere Frage: wie lange ist der Bremsweg eines Vampirs bei dieser Geschwindigkeit? *ggg*

    Zur Christian Domestic Discipline fühlen sich vermutlich nur sehr gläubige Menschen hingezogen und bei denen wäre der Tatbestand der Freiwilligkeit innerhalb des christlichen Konsens ja wieder gegeben. Meiner Meinung nach ist das schlicht und einfach eine BDSM-Version einer christlichen Ehe, bei der man verzweifelt eine gottgebene Begründung gesucht hat, warum Sex abseits der Missionarsstellung eben doch Spaß machen kann und ganz bestimmt auch keine Sünde darstellt.

    Posted 10 May 2010 at 20:12
  4. avatar Patrick wrote:

    Das ist ja eine interessante Lesart, find ich gut :)

    Der Bremsweg eines Vampirs ist bestimmt 0 Meter. So was wie Trägheit gilt für die nicht. Wäre aber lustig, wenn Edward vorschießt, um Bella vor dem Auto zu retten, und dann an ihr vorbei rutscht.

    Posted 10 May 2010 at 20:25
  5. avatar Lia wrote:

    Stimmt, Trägheit kann für diese Vampire nicht gelten, weil sie ja auch von 0 auf äähh ja was auch immer für eine Geschwindigkeit beschleunigen können.

    Bei der Szene mit dem Auto ist Edward so schnell, dass ihn keiner dabei sieht und auch später beim Baseballspiel wird erwähnt, dass sie so schnell sind, dass Bella sie nicht mehr sehen kann.

    Wie schafft es ein Vampir dann eigentlich, langsam neben Bella zu gehen oder auch wandern? Das ist dann ja nicht mal mehr Schneckentempo sondern eine Zeitlupenaufnahme. Wie schaffen sie es nur, ihre ganze Motorik auf Menschenmaß herunter zu regeln? ;-)

    Posted 11 May 2010 at 17:54
  6. avatar Patrick wrote:

    Oh Gott, stell dir das vor, du lebst unter Schnecken und bewegst dich die ganze Zeit in deren Tempo. Langsamer reden, langsamer bewegen, langsamer lesen… und wenn du zu schnell wirst, dann gehen die Tastaturen kaputt, gerät deine Kleidung wegen der Reibung in Brand, usw.

    Posted 11 May 2010 at 17:58
  7. avatar Jogurtbecher wrote:

    Bei der Szene musste ich auch anfangen zu rechnen und kam auf das selbe Ergebnis. Edward rennt minimal 120/kmh.

    Wenn ich jetzt wirklich ahnung von Physik hätte würde ich weiterrechnen.
    Wieviel g muss Bella auf Edwards Rücken aushalten?
    Wann fängt die Hose an zu brennen?
    Welche Reaktionszeiten während nötig um mit 120 kmh durch einen Wald zu rennen?

    Es wird wieder überdeutlich das SM ihre Vampire einfach Gottgleich dargestellt hat. (Blasphemie?)

    Posted 11 May 2010 at 22:38
  8. avatar Lia wrote:

    Nein, Joghurtbecher, keine Blasphemie. Ziel eines jeden Mormonen ist es, Gott ähnlich zu werden. SM hat da also nur ihre Idealvorstellung eines gottgefälligen Lebens zu Papier gebracht.

    Edwards Geschwindigkeit ist immerhin ausreichend hoch, dass Bella alle Anzeichen von Reiseübelkeit entwickelt. Er mag ja lautlos rennen, aber offensichtlich nicht sehr gleichmäßig. Übel wird einem ja nicht von der Geschwindigkeit, sondern weil die Augen und das Sehzentrum sich nicht so schnell auf den sich permanent verändernden Horizont einstellen können.

    Posted 11 May 2010 at 23:00
  9. avatar Patrick wrote:

    Das stimmt übrigens: die guten Mormonen werden Götter.

    Posted 12 May 2010 at 18:23
  10. avatar Lia wrote:

    Übrigens musste für den dritten Film nachgedreht werden, weil er zu düster, zu kämpferisch war und zu wenig Edward und Bella enthielt. ;-)

    Kann es sein, dass den Regisseur die Vorlage auch nervt und er deshalb alle denkbaren Möglichkeiten auslotet?

    Posted 12 May 2010 at 20:34
  11. avatar Patrick wrote:

    Heh, na ja, wenn es ein guter Regisseur ist, dann will er einen guten Film machen, und die konfliktlose Herzelei… na ja.

    Posted 12 May 2010 at 20:49

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