Shutter Island

Ich kannte das Geheimnis von Shutter Island, bevor ich den Film sah. Ich hatte die Hoffnung, das Geheimnis zu kennen, würde den Film sehenswert machen, und dann hätte ich das Geheimnis hier skrupellos offenbart. Leider komme ich zu dem Schluss, dass Shutter Island einfach nicht richtig funktioniert, weder mit noch ohne Vorkenntnisse. Insofern werde ich das Geheimnis trotzdem verraten, aber nur mit Vorwarnung.

Weiterlesen also auf eigene Gefahr.

Shutter Island (2010)

Andrew Laidden (Leonardo diCaprio) ist ein alkoholsüchtiger Marshall in den USA der Fünfziger Jahre. Andrew war als Soldat bei der Befreiung von Dachau dabei, und dieses Erlebnis hat ihn traumatisiert. Eines Tages tötet seine Frau Dolores (Michelle Williams) seine Kinder, und er tötet sie. Daraufhin landet er in einer Anstalt auf Shutter Island, geleitet von Doktor Crawley (Ben Kingsley) und Doktor Naehring (Max von Sydow). Andrew erfindet sich als Marshal Teddy Daniels neu, der nur auf der Insel sei, um eine verschwundene Patientin zu suchen, die ihre Kinder umgebracht hatte. Als Naehring Andrew einer Lobotomie unterziehen will, versuchen Crawley und Andres behandelnder Arzt (Mark Ruffalo) ein gewagtes Spiel: sie bestätigen Andrews Fantasie und lassen ihn tatsächlich als Marshall auf die Insel kommen, um die Verschwundene zu suchen. Wird ihn das heilen?

Martin Scorcese dreht mit Shutter Island einen Film, der mit einer zentralen Wendung operiert, ähnlich wie die Filme von M. Night Shyamalan. Diese Wendung ist jedoch wirklich B-Film-passend, und Scorcese alles andere als ein B-Film-Regisseur. Darum denke ich, dass es Zuschauer eher aus dem Film reißt, wenn diese plötzliche Wendung kommt. Vielmehr hatte ich die Hoffnung, Scorcese werde den Film so aufbauen, dass ein wissender Zuschauer kleine Elemente mitbekommt und genießen kann, wie sich Andrew mehr und mehr in seine Phantasien steigert, bis sie unhaltbar werden.

Das ist jedoch nicht der Fall. Zwar nutzt Scorcese die Kamera wie üblich, um die Perspektive der Hauptfigur einzunehmen, was bedeutet, dass er verzerrt oder Schnittfehler und Sprünge einbaut, um Andrews Wahrnehmung zu zeigen und anzudeuten, dass es sich hier keineswegs um einen verlässlichen Erzähler handelt. Aber durch die Sprünge und einige Schnittfehler, die durchaus auch Nachlässigkeit sein könnten – es lässt sich viel dadurch erklären, die Hauptfigur halluziniere eben – wird der Zuschauer eher aus dem Film gerissen, weil er sich fragt, was da vorgeht. Versucht man tatsächlich, die Frage zu lösen, so wird die Auflösung enttäuschend sein. Kennt man die Lösung schon, ergibt sich leider kein Mehrgewinn, sondern vielmehr tauchen andere Fragen auf, die dieses Experiment fragwürdig erscheinen lassen.

Nur in seinen letzten Sekunden vermag Scorcese, diesem Film plötzlich Schwere mitzugeben. Hätte er die Frage, die Andrew am Ende stellt, an den Anfang des Filmes gerückt und mit ihr im Hinterkopf gedreht, hätte es hier ein großes Meisterwerk geben können. Stattdessen bleibt unbenommen, dass Scorcese inszenieren kann, dass seine komplette Darstellerriege schauspielern kann und dass das alles wirklich gut aussieht, aber nicht fesselt. Es bleibt ein B-Film-Thriller, bei dem ausnahmsweise die Psychiater die Guten sind und der eben ungewöhnlich hochwertig inszeniert wurde, aber dafür gänzlich ohne die wissende Freude, einem B-Film beizuwohnen – wir sollen den Plot stattdessen ernst nehmen.

Und das funktioniert nicht. Darum vertan. Auf hohem Niveau vertan, aber dennoch.

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