Plädoyer für die Pharmaindustrie?

Man muss schon vorsichtig sein, wie positiv man sich zur Pharmaindustrie verhält. Nicht nur, dass sie bei Befürwortern sowohl von alternativer Medizin als auch Verschwörungen als Instanz des reinen Bösen gilt – im Falle der alternativen Medizin hat dies eine besondere Komik, weil dieselben oder zumindest ähnliche Unternehmen sich an eben jener alternativen Medizin eine goldene Nase verdienen. Aber die Pharma-Lobby ist auch für realitätsbezogene Menschen sehr einflussreich und kritikwürdig – wie z.B. dieses Interview beweist, in dem ein Pharma-PR-Mann glaubt, er werde von der heute-Redaktion besucht und könnte die Nachrichten nach Werbewirksamkeit, nicht Wahrheit anpassen:

Aber trotzdem muss ich jetzt mal was Gutes sagen.

Da findet sich im Freitag der Bericht über ein vermeintliches Krebs-Wunderheilmittel, das aber nicht durch Studien finanziert werden soll. Nicht nur, dass hier Alarmglocken klingeln:

1) Ein einfach herzustellendes und bekanntes Mittel, dass Allheilmittel gegen Krebszellen sein soll (»Krebs« ist ja ein Sammelbegriff für verschiedene verwandte Erkrankungen)?

2) Ein Heilmittel, das bekannt ist, aber von den großen Pharmaunternehmen ignoriert wird?

Das erinnert an Heilung unerwünscht, mit dem sich Frank Plasberg und Hart aber Fair kürzlich die Glaubwürdigkeit zerschossen haben. An eine Werbemaßnahme, die sich mit Verschwörungstheorien beliebter machen will.

Zumal die DCA-Behauptungen von einem einzigen Forscher stammen – Wissenschaft lebt davon, dass sich Ergebnisse von anderen Forschern wiederholen lassen. Ein Wissenschaftler kann (gewollt oder ungewollt) Fehler machen und Ergebnisse verfälschen.

Ist es überhaupt glaubwürdig, wenn im Freitag steht:

Dichloressigsäure ist ein längst bekannter Stoff, er wurde schon vor Jahrzehnten als Medikament gegen Stoffwechselstörungen eingesetzt, alle Patente sind abgelaufen, er ist billig herzustellen, niemand hat ein Monopol. DCA verspricht also keine großen Gewinne.

Wirklich? Wir wissen von Aspirin, wie geschickt Pharmaunternehmen darin sind, Patente auszudehnen. Und ganz ehrlich, egal wie günstig ein Medikament herzustellen ist – ein Heilmittel gegen Krebs verspricht Gewinne. Und bei der abzusehenden andauernden Nachfrage auch für das Unternehmen, das die Studie durchführt – selbst wenn es nicht durch Patente einen Innovationsschutz bekäme (den es sich aber womöglich durch Lobby oder Kollusion mit anderen Pharmern erarbeiten könnte). Ein einfach zu synthetisierendes Mittel gegen Krebs klingt wie der ehilige Gral, nicht wie etwas, das man links liegen lässt.

Aber nehmen wir mal an, das Mittel ist tatsächlich ein solches Wundermittel, dass es auch die schweren Nebenwirkungen (siehe Link oben) wert wäre. Und dass Pharmaunternehmen aus dem Mittel (oder den Mitteln, welche die Nebenwirkungen hemmen) keinen Gewinn schlagen könnten. Dann ist es trotzdem falsch, die Schuld bei Pharma zu suchen.

Denn es sind nun einmal Pharmaunternehmen. Vielmehr wäre dieses Beispiel ein gutes, um die Grenzen der freien Marktwirtschaft aufzuzeigen. In diesem Fall würde die Erforschung des Medikamentes eindeutig für stark verbessertes Allgemeinwohl sorgen, aber nicht finanziell lukrativ sein. Anstelle von Unternehmen wäre es dann Aufgabe des Staates (oder anderer, nicht profitträchtiger Gesellschaften, z.B. Stiftungen), diese Forschung zu finanzieren. Der Vorwurf sollte also nicht lauten, warum Big Pharma das nicht bezahle, sondern warum der Staat diese Forschung nicht an staatlichen Universitäten durchführe.

Und das nimmt, wie gesagt, an, dass dieses Mittel wirklich so toll ist und sich damit trotzdem kein Geld verdienen ließe.

Comments 4

  1. avatar Ben wrote:

    *rofl* War der Typ echt? Bei den Lobbyisten der Wirtschaft fragt man sich ja schon manchmal, wie sie es schaffen, morgens in den Spiegel zu schauen, ohne sich übergeben zu müssen, aber das ist doch echt hart. Ich kenne die Leute nur so gut gedrillt, dass sie sich eben nicht versprechen, sondern sehr überzeugend den Eindruck vermitteln, sie glaubten ihre Lügen.

    Die Geschichte mit dem Krebsmittel klingt wirklich komisch. Andererseits: welches Unternehmen investiert Unsummen in Forschung, nur damit am Ende die ganze Branche das Produkt auf den Markt werfen kann? Insofern würde ich mal sagen: typischer Fall von Marktversagen.

    Posted 28 May 2010 at 12:48
  2. avatar Patrick wrote:

    Ja, kann natürlich sein. Unter all den unglaublichen verkannten Wundermitteln muss ja mal eins sein, das wirklich funktioniert :)

    Posted 28 May 2010 at 13:00
  3. avatar Abracadabra wrote:

    Hier ein Artikel zu DCA:

    http://esowatch.com/ge/index.php?title=Dichloracetat

    Posted 07 Jun 2010 at 15:12
  4. avatar Patrick wrote:

    Danke! Der war zwar im Beitrag schon verlinkt, aber anscheinend wird das ja leicht übersehen, und doppelt hält besser :)

    Posted 07 Jun 2010 at 15:15

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