Wenn es noch eines Beweises bedürft hätte, dass Fantasy-Leser nicht unbedingt anspruchsvoll sind, dann hätte man sich nur die Rezensionen zu Joe Abercrombies Kriegsklingen durchlesen müssen. Denn Abercrombie wird derart hoch gelobt, dass ich fast glaube, das falsche Hörbuch gehört zu haben. Auch sind es durchaus deutsche Rezensionen, die so positiv sind, es kann also nicht an einer schlechten Übersetzung gelegen haben, dass dieses gänzlich durchschnittlich schlechte Buch derart gut bewertet wurde.
Die Geschichte von Kriegsklingen ist dabei nicht schnell erzählt: der Barbar Logen Neunfinger trifft im Norden des Reiches den legendären Magier Bayaz und reist mit ihm in die Hauptstadt. Logens Gefährten halten ihn für tot und müssen sich mit dem Barbarenkönig rumschlagen. Der adelige Soldat Jezal dan Luthar trainiert in der Hauptstadt für das große Turnier, lernt die Schwester seines Kampfpartners Ardy West kennen und verliebt sich in die Frau trotz ihres niedrigen Standes. Der Inquisitor Glokta, ehemaliger Meisterfechter und heute verkrüppelt, fälscht derweil Geständnisse. Die entflohene Sklavin Ferro trifft im Süden des Reiches einen Magier und reist mit ihm in die Hauptstadt. Und das wars so ziemlich.
Kriegsklingen ist der erste Band einer epischen Trilogie, in dem allerdings noch nicht so viel passiert. Das wäre verzeihlich, wenn Abercrombie seine diversen Hauptfiguren zum Leben erwecken würde oder das politische Ränkespiel, das er andeutet, auch umsetzen könnte. Allerdings ist Abercrombies Unwille, Landkarten für seine fiktionale Welt zu erstellen, hier als Zeichen zu verstehen: die Ereignisse wirken nicht detailliert geplant, und für Ränkespiele braucht man genaue Pläne, welche Fraktion mit welcher zusammenhängt.
Lebendig werden die Figuren sowieso nicht. Sie agieren plotgesteuert und besitzen keine wirklich eigene Perspektive. Ganz schlimm wird es zum Ende des Buches, wenn Abercrombie in einem Kapitel gleich mehrere Perspektiven vereint und wild wechselt. Auch vorher wechseln sich Stellen, die stark von der Erzählfigur geprägt scheinen mit solchen ab, die überhaupt nicht zu diesen Figuren zu passen scheinen, sodass am Ende alle gleich wirken.
Das größte Verbrechen aber sind Abercrombies Dialoge. Der Mann kann keine Dialoge schreiben. Also schreibt er kleine Reden – in diesem Buch bestehen Dialogszenen in der Regel daraus, dass eine Figur lange Reden schwingt und alle anderen zuhören, stumm dastehen oder zumindest warten, bis sie an der Reihe sind. Zu diesem Zweck sind bis auf maximal zwei Personen alle anderen in jeder Szene verblüfft und verwirrt und erstaunt und sprachlos und geben allerhöchstens ein “Hä” von sich. Selbst wenn ein Soldat der Wache jemanden verhaften soll, überfordert ihn diese Situation derart, dass er nichts sagen kann. Die Figuren in diesem Buch sind unfähig, ein auch nur ansatzweise interessantes, glaubwürdiges oder lesenswertes Gespräch zu führen. Dafür sind sie aber alle in der Lage, in süffisantem Ton zu sprechen – selbst der angsterfüllte Barbar kann mitten in der Schlacht denken, dass die Armbrust seines Gegners doch ein »ganz schön nützlicher kleiner Bogen« sei anstelle von »scheißgefährlich«. Süffisant oder verwirrt, das sind die hauptsächlichen Geisteszustände der Figuren.
Dies gekoppelt mit Ereignissen und Enthüllungen, die sich Abercrombie aus seinem Hintern zu ziehen scheint, weil sie plötzlich und ohne Vorwarnung kommen, um irgendwie dramatisches Gewicht zu entwickeln, wirken auf mich eher so, als hätte Abercrombie sich eher gefragt, was in beliebiger Situation cool wäre und das dann geschrieben, ohne wirklich auf Charaktertreue oder Konsistenz zu achten: hey, warum machen wir den Vater nicht zu einem Frauenprügler? Und so entsteht ein Buch, dass aufgeplustert daherkommt und mit mysteriösen Ereignissen protzt – warum hat Bayaz durch Betrug Luthar das Turnier gewinnen lassen? – das aber niemals wirklich zum Punkt kommt und halb so lang hätte sein können. Und vor allem wesentlich spannender. Das Buch repräsentiert die schlimmste Tendenz von Autoren, nämlich expositorischen Dialogen Raum zu geben, und die zweitschlimmste dazu, nämlich Geheimnisse selbst dann den Lesern zu verheimlichen, wenn die Figuren sie kennen müssten.
Ich habe auch den zweiten Band als Hörbuch, aber keine große Lust, ihn zu hören. Das Buch gehört verrissen, vor allem, weil es sonst so gelobt wird. Allein schon als Gegenreaktion. Total verschenkte Zeit.

Comments 2
Ist das so ein richtig schlechtes Buch? Noch schlimmer als die Biss-Reihe? *ggg* Ich glaub, ich muss da mal reinlesen. Wo findet man schon schlecht geschriebene Dialoge und mangelndes Lebensgefühl bei den Figuren?
Ganz im Ernst, ich liebe Fantasy und stelle sehr wohl Ansprüche an eine gewisse Qualität. Es gibt nur jede Menge schlechter Bücher im Bereich Fantasy, weil dieses Genre zur Zeit boomt und Verlage daher Geschreibsel veröffentlichen, das sie sonst nicht mal mit der Zange anfassen würden. Manchmal kommt mir vor, dass Verlage und Lektoren eher ihr Gefühl für Qualität verloren haben als die Leser.
Posted 19 May 2010 at 21:04 ¶Nee, schlimmer als die Biss-Reihe ist das nicht. Nur gerade als Hörbuch unendlich nervig, weil man nicht einfach vorspulen kann oder umblättern/überfliegen.
Ich lese ja auch noch Fantasy, aber versuche (wahrscheinlich wie du), nur Anspruchsvolleres zu finden. Und stoße da schnell an so Grenzautoren wie China Mieville.
Posted 19 May 2010 at 21:15 ¶Post a Comment