Bislang bei Zwielicht am Sonnabend: Bella Swan ist ein hübscher Schwan, der sich für ein hässliches Entlein hält. Bellas einziges Hobby ist der Haushalt ihres Vaters – sie kocht, putzt, kauft ein und macht Hausaufgaben. Außerdem verlieben sich fünf Jungs in Bella… und einer davon ist Edward Cullen, der perfekte Typ aus ihrer Schule mit Aggressionsproblemen. 220 Seiten lang nähern sich Bella und Edward an, bis kurz vor ihrem ersten richtigen Date die Menge von Nichts, die passiert, diese Reihe tötet.
Dann, an Karfreitag, gingen ein paar Leute – Berichte sind unklar, wer – an ihrem Grab vorbei und fanden es leer vor. Ganz Recht, Twilight hat die Kreuzigung Jesu ausgenutzt um zwei Tage vor dem Gottessohn wieder aufzuerstehen. Bella wird ihr erstes Treffen mit Edward also doch haben. Beobachtet von mir.
Frohlocket.
(Wer jetzt erst einschaltet: Zwielicht am Sonnabend ist eine Reihe von Beiträgen, in denen Stephenie Meyers Machwerk Twilight Stück für Stück durchleuchtet wird. Dies ist Teil 28.)
Vorher aber müssen wir noch den Freitag erleben. Der Freitag nämlich zeigt auf wunderbare Weise, dass Edward zwar ein Arschloch ist, Bella aber nicht viel besser. Außerdem kriegen wir eine moralische Beziehungslektion gleich mitgeliefert.
Edward holt Bella morgens von zu Hause ab, obwohl er weiß, dass er sie nachmittags nicht nach Hause bringen kann. Er will schließlich mit seiner Schwester jagen gehen, um für das Date am kommenden Samstag einen vollen Magen zu haben. Bella, ganz die geprügelte Hausfrau, sagt zurückhaltend, dass der Fußweg ja nicht weit sei – aber selbst diese passive Akzeptanz ihres Schicksals lässt Edward nicht gelten: ungeduldig erklärt er ihr, er werde sie ja wohl nicht nach Hause laufen lassen. Ob sie das will oder nicht, natürlich.
Was die Jagd angeht, so will Edward ja nur sicherstellen, dass er möglichst wenig Lust dazu verspürt, Bella zu töten. »Du kannst immer noch absagen, weißt du«, sagt er in flehendem Ton.
Okay. Erstens haben wir bislang im ganzen Buch keinen einzigen Anhaltspunkt dafür, dass Edward irgendetwas, das Bella für sich entscheidet, tatsächlich gelten lässt. Zweitens kann Edward auch absagen, oder habe ich da was vergessen? Aber natürlich sind beide derart voneinander eingenommen – Edward sieht schließlich perfekt aus, und Bella riecht wie ein Steak –, dass keiner absagen wird. Was aber wird Bellas Vater denken, wenn sie nicht heim kommt?
Diese Frage beantwortet Bella, die perfekte Tochter, so: »Er weiß, dass ich die Wäsche machen wollte. Vielleicht wird er denken, ich sei in die Waschmaschine gefallen.« Sehr rücksichtsvoll. Auch wenn dieser Satz eindeutig schnippisch gemeint war, so macht sich Bella tatsächlich keinerlei Gedanken, ob ihre Eltern ihren Tod betrauern würden. Nachdem Edward einen kurzen Wutanfall hat, bei dem Bella ihn nicht berührt, weil ihre Berührung es noch schlimmer machen würde (gutes Zeichen), und nachdem er sie mit verhärteter Miene zwingt, ihm zu versprechen, auf sich aufzupassen, während Edward nicht in der Stadt ist, denkt sie über das Treffen nach: wie kann sie es sicherer für ihn machen?
Nicht für sie, wohlgemerkt. Sicherer für ihn. Also belügt sie alle, die sie kennt, und sagt ihnen, sie werde nicht mit Edward zusammen sein – damit der ein Alibi hat, sollte er sie umbringen –, und fragt sich, ob der Tod sehr schmerzhaft werden würde.
Ich habe ein sehr, sehr großes Problem damit, diese Beziehung, die in so unglaublich vielen Punkten einer Missbrauchsbeziehung gleicht, als romantisches Ideal zu begreifen. Und als wäre das nicht genug, findet Bella nach der Schule ihren Truck auf dem Schulparkplatz – mit einem Zettel von Edward, der sie noch einmal an ihr Versprechen gemahnt, auf sich aufzupassen. Und dann erfahren wir, dass sie ihren Autoschlüssel in ihrer alten Hose hatte und Edward, um den Truck zur Schule zu schaffen, anscheinend völlig selbstverständlich in ihr Haus eingebrochen ist, um dann ihre schmutzige Wäsche zu durchsuchen und den Schlüssel zu finden. Romantisch?
Edwards Verhalten hat längst Ausmaße angenommen, die von normal denkenden Menschen zu einer gerichtlichen Verfügung führen würden, sich fernhalten zu müssen. Und ganz ehrlich: das könnte ein tolles Buch abgeben. Würde Bella sich unwohl fühlen und dennoch zu Edward hingezogen, oder würden andere Leute dieses Verhalten bemerken, dann würde das Komplexität und auch ein düsteres Element in die Geschichte bringen. Aber »das könnte ein tolles Buch abgeben« ist gewissermaßen der Kampfschrei für Twilight. Es gibt eben kein tolles Buch ab, weil Stephenie Meyer keine Ahnung hat, wie Menschen sich fühlen, oder keine Lust hat, dies zu beschreiben. Und so erfahren wir auch, als Edward Bella nach ihrem Liebesleben fragt, keine menschliche Reaktion, sondern eine theologische Lektion:
»Ich war erleichtert, dass ich niemals mit jemandem zusammen gewesen war.«
Ganz Recht, Mädels: richtig reine Frauen sind nur mit einem Mann zusammen – dem EINEN WAHREN MANN. Dem, den Gott für uns auserkoren hat. Da Sexualität ohnehin nur der Fortpflanzung dient, ist es auch nicht wichtig, ob man in diesem Bereich kompatibel ist. Ich will jetzt nicht wiederholen, was ich anderswo gesagt habe. Aber Stephenie Meyer ist ganz klar Vertreterin der schicksalhaften einen Liebe. Und in Bellas Fall ist diese Liebe eben ein ihr in allen Belangen überlegener, kontrollierender, aufbrausender Mörder. Hosianna!
Auf diesen Seiten findet auch der endgültige Abschied von der High School statt. Ich weiß nicht, ob es erstaunlicher ist, dass Meyer darauf verzichtet, Bellas Schultag genauer zu beschreiben, oder dass es dem Leser nicht auffällt. Es ist ein Zeichen, dass die Zeit, die wir vorher in der Schule verbrachten, nicht dazu führte, dass wir über ein stereotypes Schulbild hinauskamen und wirklich am Schulalltag teilhatten. Hier bekommen wir nur kurz zwei Gespräche mit, damit wir sehen, wie Bella ihre Freunde für Edward anlügt.
So, wie Bella nur für Edward zu leben beginnt, gerät alles andere in Vergessenheit. Das mag für Bella verständlich sein, aber die Welt dreht sich nun mal weiter. Hier ist ein schönes Konfliktpotential, und es könnte ein tolles Buch sein, wenn diese Konflikte ausgelotet würden. Aber das interessiert nicht. Stattdessen wird die Welt einfach ausgeblendet. Bellas Vater geht am Samstag fischen, alle anderen sind tanzen, niemand wird Bella vermissen.
Und mit dieser Vorbereitung kommt Bella nach Hause, und »obwohl sie dieses Verhalten niemals gutheißen würde«, nimmt sie Erkältungsmedizin, um besser schlafen zu können. Hier – wie auch in ihrem Gespräch mit Jessica, die wegen Edwards angeblicher Absage »enttäuschter war, als es für einen Außenstehenden wirklich nötig wäre«, zeigt Bella wieder ihre unglaublich unsympathische moralische Überlegenheit. Sie ist der Inbegriff der lästernden Hausfrau. Man sieht förmlich vor sich, wie sie im Auto zur Tea-Party-Versammlung sitzt und ihrer Freundin Maude anvertraut: »Weißt du, normalerweise würde ich dieses Verhalten ja nicht gutheißen, aber ich war gestern abend tatsächlich so aufgeregt, dass ich Erkältungsmedizin geschluckt habe.«
Es ist bezeichnend, dass Bellas einzige wirkliche Wesenszüge – völlige Humorlosigkeit und die Verurteilung anderer – diesem Klischeebild entsprechen. Denn Bella ist ansonsten ein Chiffre, eine Person ohne Persönlichkeit. Sie ist ein leeres Bild, in das jedes Mädchen sich selbst versetzen und damit Edwards persönlicher Schwan werden kann. Bella hat keine wirkliche Religion, keine besonderen Werte, keine Meinungen, die über das Fehlverhalten ihrer Freunde hinausgeht. Aber es gelingt Meyer doch nicht, diese so nervigen Wesenszüge abzustellen. Hier wird die Autorin in ihrer Kreation lebendig. Es passt, dass jemand, der ein Buch über eine Abstinenz-Romanze schreibt, derart unangenehme Wesenszüge aufweisen würde.
Das Date mit Edward steht also direkt vor der Tür, und ich als Leser habe nur zwei Hoffnungen. Die erste ist, dass diese unerträgliche Person von ihrem Lover getötet wird – weil erst die Hälfte des Buches erreicht ist, vergebene Hoffnung –, die zweite ist, dass wenigstens irgendetwas passiert, das Spannung oder Konflikte oder Überraschung bietet. Da es sich um einen Vampir handelt, könnte man etwas düsteres erwarten. Stattdessen gibt es…
…Glitzerndes.

Comments 7
Juchhu, es geht mit Zwielicht am Sonnabend weiter
Posted 03 Apr 2010 at 11:25 ¶Hätte ich gewusst, dass es echte Fans gibt, wäre es vielleicht früher weitergegangen. Jetzt weiß ich wenigstens, für wen ich mir das antue *g*
Posted 04 Apr 2010 at 17:49 ¶Ich liebe diese Beiträge zur Biss-Serie. Sie sprechen mir so sehr aus der Seele. Vielen Dank dafür.
Übrigens durchwühlt nicht Edward Bellas Wäsche, sondern Alice. Er spannt also seine Schwester für Überwachungsdienste und Stalking ein. Diese Familie hat schon einen sehr kriminellen Unterton, meiner Meinung nach.
Ich hab alle Bände gelesen (und erhole mich immer noch von dieser Erfahrung). Meine “Lieblingshorrorszene” steht seither nicht mehr bei Stephen King sondern im vierten Band der Biss-Reihe, wenn Bella ihr Baby bekommt. Sollte das so verfilmt werden wie es im Buch beschrieben ist, gibts Probleme mit der Altersgrenze.
Posted 04 Apr 2010 at 18:51 ¶Heh, danke! Auch wegen der Korrektur zu Alice. Die Familie kommt ja noch mehr ins Spiel
Ich muss zugeben, nur weil ich weiß, was da am Ende von Buch 4 passiert, habe ich Lust, diese Serie bis dahin durchzuziehen. Das ist wirklich… puh. Aber das wäre auch sehr, sehr lang und ziemlich zermürbend für mich.
Posted 04 Apr 2010 at 18:54 ¶Wir könnten ja alle mithelfen.
) Da sind ja noch einige Schönheiten, die gemeinsam genossen vermutlich noch sehr viel mehr Freude bereiten.
Ganz im Ernst: ich finds wichtig, einen Gegenpol zur allseits vorhandenen Biss-Manie zu setzen. Die meisten denken wenig über den Inhalt nach sondern genießen nur die romantische Stimmung dieser Bücher. Und warten dann auf den einen, absolut wunderbaren Helden, der sie rettet und zur Frau nimmt.
Posted 04 Apr 2010 at 22:03 ¶Ich freu mich auch das es weitergeht. Seit Wochen schaue ich regelmäßig nach ob auch wieder ein neuer Teil auftaucht.
Ein kleinen Teil Fans hast du also
Posted 06 Apr 2010 at 10:14 ¶Danke, das freut
Posted 06 Apr 2010 at 13:31 ¶Post a Comment