ZS: Glitzern (S. 228)

Dies ist Teil 31 von 61 der Serie Zwielicht am Sonnabend

Letzte Woche haben wir kurz show, don’t tell angesprochen. Es passt also, dass Stephenie Meyer das dreizehnte Kapitel von Twilight mit den Worten beginnt:

Edward im Sonnenlicht war schockierend.

Man bemerke auch die Satzkonstruktion, die im Englischen keineswegs eleganter ist. Und es ist nicht so, dass Bella von Edward im Sonnenlicht schockiert war – nein, Edward ist schockierend. Für alle.

Das Kapitel beginnt also nicht besonders verheißungsvoll.

Natürlich wissen die meisten, was jetzt kommt. Es kommt das, was in der Filmversion m.E. nicht drastisch genug rüberkommt. Es kommt das, was einer der schnellsten und einfachsten Kritikpunkte der Reihe geworden ist. Aber bevor das kommt – und es kommt in diesem Beitrag, also keine Sorge –, will ich etwas ausholen.

Es ist keineswegs schlecht, wenn Autor_innen bekannte Muster aufbrechen und Stereotypen ihren eigenen Stempel aufdrücken. Man macht sich ja eher über Fantasy-Autoren lustig, deren Romane zu eng an das tolkiensche Vorbild des Herrn der Ringe halten. Gleichzeitig wird zugegebenermaßen kritisiert, wenn man sich zu weit von bekannten Vorlagen entfernt, auch wenn ich das nicht unbedingt für gerechtfertigt halte.

Jedenfalls ist der Vampir ohnehin eine dehnbare Kreatur – Guillermo del Toro hat in The Strain ja sogar Zombies daraus gemacht. Bram Stokers Dracula und die Vampire von Anne Rice sind unterschiedlich, und auch Buffy hat ihre ganz eigenen Vampire bekämpft. Und in Blade schmieren sich Vampire mit Sonnenschutz ein, um dem Tageslicht eins auszuwischen.

Ich finde es also nicht grundsätzlich schlimm, dass die Sonne in Twilight die Vampire nicht verletzt. Stephenie Meyer hat das Recht, vielleicht sogar die Pflicht, ihre eigene Interpretation von Vampirismus zu verwenden, und ich weiß, dass ich manchmal damit liebäugele, einen Vampirroman zu schreiben, der diese untoten Blutsauger möglichst “realistisch” unmenschlich und grausam darstellt. Sozusagen als Gegenentwurf.

Das Problem ist nicht per se, dass die Sonne die Vampire nicht verletzt. Aber irgendwie doch.

Der typische Vampir ist übermenschlich. Er ist stärker, schneller und hat vielleicht sogar besondere Fähigkeiten bis hin zu einer Form der Gedankenkontrolle. Er ist sogar schwer zu töten, nämlich nur mit ganz bestimmten Vorkehrungen: ein hölzerner Pflock im Herzen lähmt ihn (oder tötet ihn), und dann schlägt man ihm den Kopf ab (und füllt evtl. seinen Mund mit Knoblauch). Dafür bekommt der Vampir aber auch besondere Schwächen, die seine Natur umschreiben, die es den Menschen ermöglichen, sich gegen diese Kreatur zu erwehren. Vielleicht muss er in Heimaterde schlafen, oder kann fließendes Wasser nicht überschreiten, oder wird von Kreuzen abgeschreckt oder von Knoblauch, oder er kann ein Haus nicht ohne Einladung betreten. Und vor allem wird er von Sonnenlicht verletzt. Im Tageslicht also kann man sich halbwegs sicher fühlen.

Diese Schwächen sorgen dafür, dass das Superman-Problem vermieden wird. Superman ist nämlich verdammt langweilig, weil er keine Schwächen hat. Er kann alles, er ist unverwundbar, er ist hat keine Charakterschwächen, nichts. Das ist so langweilig, dass mit der Zeit nicht nur Kryptonit eingeführt wurde, sondern ein ganzer Batzen von unterschiedlichem Kryptonit, nur um diese Figur etwas interessanter zu machen. Schwächen machen Figuren interessant.

Stephenie Meyer hält nichts von Schwächen. Ihre Vampire haben keine Schwächen, nicht einmal das Sonnenlicht, und sie können nur getötet werden, indem man ihre Körper zerstückelt – was normalen Menschen unmöglich sein dürfte. Darum ist das mit dem Sonnenlicht ein Problem. Oder besser: auch darum.

Das andere Problem kommt daher, was denn im Sonnenlicht passiert:

Seine Haut, weiß trotz des leichten Rots vom gestrigen Jagdausflug, funkelte im wahrsten Sinne des Wortes, als wären tausende kleiner Diamanten in die Oberfläche eingelassen. Er lag völlig regungslos (perfectly still) im Gras, sein Hemd offen über seiner gehauenen, weißglühenden Brust, seine schillernden Arme nackt. Seine glitzernden, blass lilafarbenen Lider waren geschlossen, obwohl er natürlich nicht schlief. Eine perfekte Statue, aus irgendeinem unbekannten Stein gehauen, glatt wie Marmor, glitzernd wie Kristall.

Nachdem wir uns von diesem Absatz erholt haben und von der Tatsache, dass Meyer »im wahrsten Sinne des Wortes” zusammen mit einem Vergleich benutzt, und nachdem wir registrieren, dass die Autorin einen Wortschatzduden besitzt (aber trotzdem zweimal in kurzer Abfolge »perfekt« benutzt), kommen wir also zum wichtigen Punkt:

Vampire funkeln in der Sonne.

Das Problem damit ist, dass es die Coverstory von Edward noch viel unwahrscheinlicher macht. Denn nicht nur, dass Edward und seine älteren Geschwister auf die High School gehen, wo sie erstens zu alt wirken und zweitens von Menschen umgeben sind, die in diesem Alter die größten Veränderungen erleben und daher vielleicht bemerken, wenn sich die Vampire nicht verändern. Oder dass nach den paar Jahren bis zum Abschluss unweigerlich die Frage gestellt wird, was die Cullen-Geschwister denn nun tun werden – sie können ja nicht einfach wieder in der zehnten Klasse anfangen. Oder dass dadurch Aufzeichnungen und so etwas über sie existieren.

Nein, sie müssen auch jeden verdammten Sonnentag blau machen. Weil sie sonst funkeln würden, und das fiele nun wirklich auf.

Wir haben schon gelernt, dass Edward und seine Geschwister ohnehin einfach von der Schule wegbleiben, wann es ihnen passt. Jetzt lernen wir, dass sie nicht nur blau machen, um zu jagen oder sonst was zu tun, sondern auch um der Sonne zu entgehen. Es wäre ein Vielfaches klüger, wenn die Vampire einfach nicht zur Schule gingen und Berufe ergriffen, die sie abends oder nachts verfolgen können. Wo die Gefahr, in Sonnenlicht zu geraten, niedriger ist. Noch dazu gibt es keinen einzigen Grund, warum Edward in die Schule gehen muss. Er könnte Bella auch in seinem Posten als Bibliothekar oder Nachtwächter oder Mechaniker oder Leichenbestatter begegnen.

Darum ist das Glitzern m.E. ein erlaubter Kritikpunkt. Nicht, weil die Vampire bei Stephenie Meyer nicht wie typische Vampire sind, sondern weil das Glitzern sie einerseits langweiliger (weil noch perfekter) macht und es andererseits die ohnehin schon schwer zu glaubende Cover Story der Vampire noch erschwert – so würden sich glitzernde Vampire wahrscheinlich nicht verhalten. Und natürlich, weil der obige Absatz so geschrieben wurde.

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Comments 9

  1. avatar Lia wrote:

    Ich denke nicht, dass sich SM sehr viele Gedanken über die Hintergründe ihrer Figuren gemacht hat. Daran kranken ja die ganzen Bücher. Sämtliche Figuren tauchen einfach auf, stehen beinahe vollkommen für sich und hatten kein Vorleben. Speziell Bella fängt erst an zu existieren als sie zu ihrem Vater zieht.

    Dadurch können alle Figuren sämtliche Eigenschaften haben, die SM gerade passend findet. Ist ja auch kein Problem, dass aus der extrem schüchternen und unbeholfenen Bella nach der Verwandlung in einen Vampir urplötzlich eine elegante und selbstsichere Frau wird. Selbst die falschen Pässe besorgt sie erfolgreicher und gewandter als Jasper das vorher jemals hingebracht hat.

    Kleine Mädchen mögen nun mal glitzernde Sachen. SM ist vielleicht nie aus dieser Phase hinaus gewachsen. Ist ja nicht nur der sprachliche Ausdruck in den Büchern, der sehr unreif wirkt (das könnte man noch auf die Übersetzung schieben). Bellas Sicht auf die Welt und die Handlungen der anderen Personen zeigen aber ebenfalls ihre sehr eingeschränkte Gemütslage. SM mag volljährig und verheiratet sein, auch Kinder haben – erwachsen und reif ist sie absolut nicht.

    Posted 10 Apr 2010 at 10:48
  2. avatar Patrick wrote:

    Nee, du hast Recht. Die hatte diesen Traum und dann die Idee, die beiden in der High School zusammenzubringen, und fertig.

    Posted 10 Apr 2010 at 22:08
  3. avatar Lia wrote:

    Highschool musste natürlich sein, weil Edward nicht sehr viel älter (zumindest an Menschenlebensjahren) sein durfte als Bella. Das scheint in Amerika üblich zu sein, dass Pärchen gleichalt sind (zumindest halbwegs). Ein älterer Edward, der schon einen Beruf ausübt, hätte da natürlich nicht gepasst.

    Posted 11 Apr 2010 at 13:09
  4. avatar Patrick wrote:

    Das sehe ich anders, Edward ist ja sehr viel älter als Bella, so wie ihr Auto auch. :)

    Es ist eben das Beste von beidem: der erfahrene, ältere Mann im jugendlichen Körper.

    Posted 11 Apr 2010 at 13:17
  5. avatar Lia wrote:

    In Sachen Perfektion stimme ich dir zu. Edward ist der perfekte Ehemann – alt im jungen Körper – so wie viele Firmen gern ihre Mitarbeiter hätten. *ggg* 25 Jahre alt, aber mit 20 Jahren Berufserfahrung.

    Kennst du die Serie “Eine himmlische Familie”? Eine wahre Fundgrube, wenn man mehr über das Weltbild fundamentalistischer Christen wissen möchte. Da gibt es jede Menge Parallelen zu Edward und Bella. Ausgehen dürfen die Mädels dieser Familie nur mit Gleichaltrigen +/- ein Jahr. Das ist schon das höchste der Gefühle. Jeder ältere Mann wäre nämlich eine Gefahr für die Tugendhaftigkeit der Mädchen. Also gibts da jedes Mal Probleme, wenn die 16-Jährige mit einem 18-Jährigen ausgehen möchte. Ausgehen beinhaltet natürlich maximal Händchenhalten. Zum Küssen ist es da noch weit.

    Für SM ist Edward auch da die perfekte Lösung. Vom Aussehen her gleich alt wie Bella, aber dafür mit jahrhundertelanger Erfahrung. Wenn auch nicht als Liebhaber und/oder Ehemann, denn Bella ist ja seine erste Freundin. (Was für eine Vorstellung! *schauder*) Deswegen gibt es auch vermutlich so wenig Probleme mit Bellas Vater. Ganz typisch amerikanisch sieht er Bella in der Gesellschaft eines gleichaltrigen Jungen und damit ist die Sache auch in Ordnung. Er will ja nicht, dass Bella zu Hause versauert. Solche Dates sind ja ok. Ganz wie bei der “himmlischen Familie”.

    Auch Bellas Auto ist zwar ein alter Wagen, der aber von Jacob perfekt repariert wurde. Also zwar alt, aber vermutlich mit einer Menge an neuen Teilen drin. Wäre der Wagen noch super drauf gewesen, wäre er ja nicht am Schrottplatz gelandet. Immerhin fährt Bella da beinahe einen Oldtimer, oder?

    Posted 11 Apr 2010 at 17:54
  6. avatar Patrick wrote:

    Na ja, der Wagen ist vielleicht alt, aber beständig und robust.

    Ich war übrigens mal Fan von der Himmlischen Familie, habe die eine Zeit lang regelmäßig geguckt. Kann ich heute nicht mehr nachvollziehen.

    Na ja, SM ist ja nicht einfach nur Christin, sondern Mormonin. Da gehen Jugendliche ja auf die Mission ins Ausland, und wenn sie zurückkommen, gibt es sanktionierte Single-Abende zum Verkuppeln, und wer mit 30 noch nicht verkuppelt ist, der darf nur noch zu den Treffen für die alten Jungfern. Und ich glaube nicht, dass SM zu den Mormonen gehört, die Jugendliche mit Erwachsenen verkuppeln und Vielehe praktizieren, insofern stimmt das mit dem Gleichaltrigen schon etwas.

    Aber immer, wenn Bella ihren Truck verteidigt, denke ich, da verteidigt SM die älteren Männer.

    Posted 11 Apr 2010 at 19:39
  7. avatar Lia wrote:

    Zwei solche Mormonenmissionare habe ich mal gelinde zur Verzweiflung getrieben. Selbst wenn die als Pärchen unterwegs sind und schon verheiratet sind, müssen sie sich während dieser Zeit siezen als Zeichen des gegenseitigen Respekts vor der Missionarstätigkeit.

    Vielleicht hat SM da ihre eigenen Wunschvorstellungen bezüglich eines Ehemannes beschrieben? Jede Menge Erfahrung ohne jeglichen Altersunterschied.

    Bellas Probleme mit der Tatsache, dass sie sofort nach ihrem Abschluss heiratet passt übrigens auch gut zur himmlischen Familie. Da war ja auch klar, dass eine Hochzeit speziell bei den Jungs erst in Frage kommt, wenn sie eine entsprechende Ausbildung und ein Grundeinkommen vorweisen konnten. Bis dahin war Enthaltsamkeit angesagt.

    Haben wir diese Serie nicht alle eine Zeit lang geliebt? Genau so wie die Kleine Farm? Da wird sehr viel heile Welt vermittelt, nach der wir uns wohl doch alle ein wenig sehnen.

    Posted 12 Apr 2010 at 17:11
  8. avatar Patrick wrote:

    Na ja, heute wirkt das für mich eher wie ein Kult – die armen Kids. :)

    Aber ja, die Mädels dürfen sofort heiraten, die Jungs müssen erst was werden, und Sex gibts eh nur zum Kinderkriegen und nach der Ehe.

    Ich will übrigens nicht wissen, was da bei zwei jungen Erwachsenen schon mal abgeht, wenn die auf Mormonenmission nach Europa kommen und die ganze nackte Haut hier sehen :)

    Posted 12 Apr 2010 at 17:35
  9. avatar Lia wrote:

    Ich bin mir ehrlich gesagt, nicht so sicher, ob Steph nicht doch zu der Sorte fundamentalistischer Mormonen gehört, die schon Kinder spirituell verheiraten.

    Einiges in den Büchern weist darauf hin, dass Steph einen sehr rigiden Kurs für Frauen vorsieht. Keine Selbstbestimmung, Gehorsam gegenüber Vater oder Ehemann, College wird sofort für Hochzeit und Familiengründung aufgegeben und – nun ja – das Prägen der Werwölfe.

    Erst vor kurzem hab ich nachgelesen, dass viele fundamentalistische Splittergruppen der Heiligen der letzten Tage tatsächlich noch laufend Probleme mit den Behörden bekommen, weil sie Minderjährige verheiraten. In einem Bericht wurde davon gesprochen, dass die betreffende Ehe natürlich nur spirituell wäre. Ganz klar – fragt sich nur bis zu welchem Alter.

    Diese Prägung der Werwölfe erinnert erstens an das “Sealing” bei den Mormonen, bei dem sich ganze Familien für alle Ewigkeit miteinander verbinden können. Der Mann bestimmt dann übrigens den Stand der restlichen Familienmitglieder in dieser Ewigkeit.

    Außerdem ist die ganze Sache mit dem “Imprinting” extrem krank. Sorry, aber das kann noch so platonisch beschrieben werden, ich kriegs gedanklich einfach nicht auf die Reihe.

    Ich bin ein misstrauischer Mensch und es gibt wenige Infos über Steph im Internet. Sie ist verheiratet, hat drei Söhne, ihr Mann war früher Angestellter und widmet sich jetzt ganz der Familie (klar, arbeiten muss er nicht mehr), sie hat vorher wohl auch gearbeitet und schreibt jetzt Bücher. Sie verdient bestimmt genug damit. Ihre mormonische Erziehung ist in den Twilight Büchern mehr als spürbar. Sie trieft aus allen Seiten. Welchen Einfluss hat das nun wirklich auf Jugendliche, die dann später vielleicht mal mit so nem netten Mormonen-Pärchen in Kontakt kommen und auf vertraute Töne treffen. Wie bereit ist man, denen zuzuhören, wenn man damit diese ach so wunderbare romantische Liebe zwischen Bella und Edward verbindet?

    Posted 29 Aug 2010 at 13:36

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