Bella und Edward sitzen also auf der Lichtung, und Bella kann ihre Augen nicht von Edwards Perfektion nehmen. Und dann berührt sie ihn. Bei Stephenie Meyer liest sich das dann so:
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt.«
Wie denn? WIE? Dafür ist die Autorin da, um Gefühle und Ereignisse zu beschreiben. Sich nicht vorstellen zu können, wie sich etwas anfühlt, ist gerade nicht, was eine Autorin ausmacht. Bella fühlt wiederholt nur »weich und kalt wie Stein«, und Edward fühlt irgendwas.
Aber wir sind für was anderes hier.
Wir sind hier, um diese romantische Szene, das erste wirkliche Date dieser beiden Liebesvögel – manchmal macht eine wörtliche Übersetzung mehr Sinn als das Original – mit einer der gruseligsten Szenen zu unterbrechen. Alles beginnt noch relativ harmlos und in gewohnt brilliant beschriebener Art und Weise:
Ich roch seinen kühlen Atem in meinem Gesicht. Süß, köstlich, der Geruch ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Er war anders als alle anderen Gerüche. Instinktiv, ohne nachzudenken, lehnte ich mich vor und atmete ein.
Nachdem wir jetzt genau wissen, wie Edward riecht – nämlich anders als alles andere, und irgendwie wie ein frisches Steak –, sehen wir uns Edwards Reaktion an. Er springt blitzschnell ans andere Ende der Lichtung, weil erstens nur der Akt des Einatmens schon beinahe zu viel für den satten Blutsauger ist – ein gutes Zeichen für die Beziehung. Und dann beginnt die erwähnte gruselige Szene.
Adrenalin pulsierte durch meine Adern… Er konnte es von dort riechen, wo er saß. Sein Lächeln wurde verächtlich.
»Ich bin das beste Raubtier der Welt, oder? Alles an mir lädt dich ein – meine Stimme, mein Gesicht, sogar mein Geruch. Als ich ob das brauchte!
Sagen wirs gemeinsam: Das hätte ein gutes Buch sein können, wenn… Stellen wir uns das vor: eine übernatürliche Kreatur, die tatsächlich mit jeder Pore Anziehungskraft schwitzt. Wie kann Bella sich sicher sein, dass sie Edward wirklich liebt und nicht nur auf diese Eigenschaften reagiert? Natürlich wird das niemals Thema. Stattdessen verhält sich Edward wie ein Bösewicht bei James Bond.
Er sprang plötzlich auf die Füße, raste davon, sofort außer Sicht, nur um unter dem selben Baum wieder aufzutauchen, nachdem er die Weide in einer halben Sekunde umrundet hatte.
»Als ob du mir davon laufen könntest«, lachte er bitter.
Er hob die Hand und, mit betäubendem Krachen, riss ohne Anstrengung einen sechzig Zentimeter dicken Ast vom Stamm des Baumes. Den wog er kurz in der Hand, dann warf er ihn mit blitzartiger Geschwindigkeit und zertrümmerte ihn gegen einen anderen gewaltigen Baum, der unter dem Aufprall zitterte und wankte.
Und dann war er wieder vor mir, nur sechzig Zentimeter entfernt, starr wie Stein.
»Als ob du mich abwehren könntest«, sagte er sanft.
Bellas Reaktion können wir wohl alle nachvollziehen:
Er war niemals unmenschlicher gewesen… oder schöner.
Ich hätte es nicht gedacht, aber hier mein offizieller Tipp an alle Singles: wenn sich euer Date die Zeit nimmt, euch zu demonstrieren, dass ihr niemals davonlaufen oder euch wehren könntet, ist das kein Grund, das sexy zu finden. Das ist ein Grund, so zu tun, als fändet ihr das sexy, und dann schnellstens die Polizei zu rufen.
Zwar verspricht Edward dann, er werde Bella nichts tun, aber kurz darauf seufzt er, wie leicht man ihn doch frustrieren könne. Und dann sagt er: »Ich begehre nicht nur deine Gegenwart! Vergiss das nie. Vergiss niemals, dass ich für dich gefährlicher bin als für irgendjemand sonst.«
Das scheint mir ein sehr verlässliches Versprechen zu sein, das Edward da abgibt, wenn er trotzdem noch so gefährlich für Bella ist.
Natürlich wird dann alles noch viel schlimmer, weil Edward Bella erklärt, was sie für ihn ist – und mehr. Hier wollte Stephenie Meyer wenigstens bedrohlich sein und zeigen, wie mächtig Edward ist. Aber wenn sie romantisch sein will… wird es erst richtig gruselig.
Wer sagt, Twilight sei kein Horrorroman?

Comments 7
An dieser Stelle im Buch fand ich zwei Dinge bemerkenswert:
1) Edwards völlig sinnlose Rennerei. Gut, vielleicht braucht er das, um sich abreagieren zu können. Sinn macht es aber eigentlich keinen. Wenn er das Adrenalin in ihrem Blut auch meterweit entfernt noch riechen kann, könnte er auch neben Bella stehen bleiben. Macht eh keinen Unterschied. Selbst wenn sie wegläuft, hat sie ja keine Chance. Wozu also der ganze Tanz?
2) Wieso hat Edward Körpergeruch? Der entsteht durch funktionsfähige Drüsen und bakterieller Zersetzung. Laut SM sind Vampire tot und haben keinerlei Körperfunktionen mehr (was sie später selbst widerlegt, aber das ist eine andere Sache). Wieso sollte Edward also irgendeine Art von Pheromon absondern?
Man könnte annehmen, dass der Duft tatsächlich als Lockstoff auf irgendeine unbekannte Weise entsteht, damit so ein Vampir noch weniger Anstrengung bei der Nahrungsbesorgung hat. Macht die Jagd ja doch einfacher, wenn die Beute freiwillig näher kommt.
Warum reißen sich dann aber nicht sämtliche Mädels in der Schule um Edward und Jasper? Wo sind die hübschen Girls aus reichem Hause, die sich sowieso für unwiderstehlich halten und die beiden fantastischen, absolut verlockend riechenden Jungs verfolgen? Interesse zeigen die Mädchen an der Schule schon, aber nicht mehr als an jedem anderen hübschen Jungen.
Oder aber Edward riecht nach dem, was er isst. Also nach Blut. Laut SM kann Bella aber Blut nicht riechen, ihr wird schlecht und schummrig davon. Sogar von einem Tropfen Blut, wenn man sich mit einer Nadel in den Finger piekst. (Auch wenn sie im Krankenhaus keinerlei Probleme hat, sich mit einem verwundeten Jungen minutenlang zu unterhalten. Aber lassen wir das beiseite. *ggg*). Nach Blut kann Edward also auch nicht riechen, sonst würde Bella ja einfach ohnmächtig werden. Außerdem riecht Blut ja nicht so besonders toll.
Das ist wieder so ein Punkt, bei dem unsere Lieblingsautorin so gar keine Gedanken an Ursachen oder die Kontinuität der Geschichte verschwendet hat.
Posted 18 Apr 2010 at 17:35 ¶Wow – das ist eine tolle Beobachtung. Tatsächlich beschreibt SM ja, dass Edward sich brüstet, was für eine tolle Jagdmaschine er sei, weil sogar sein Geruch appetitlich ist. Aber dann müssten die Cullens an ihrem pheromonischen Mittagstisch tatsächlich Rockstars gleichen – und das ja wahrscheinlich auch Jungs anziehen, Vampire wollen ja Blut, da ist das Geschlecht egal.
Bellas Blutreaktion ist eh sofort wieder vergessen, oder vielleicht wollte SM Bella nicht jetzt schon wieder fast in Ohnmacht fallen lassen, das macht Bella eh ständig.
Ich war aber tatsächlich von Mundgeruch ausgegangen.
Warum Edward rumrennt ist aber klar: das ist einfach ein totaler Angeber und Poseur.
Posted 19 Apr 2010 at 13:23 ¶Mundgeruch? Darauf bin ich gar nicht gekommen. Putzen sich SM’s Vampire eigentlich die Zähne oder duschen sie mal?
)
Anfang Juni kommt übrigens ein weiterer Bis-Band auf den Markt. Nein, nicht Midnight Sun sondern “Biss zum ersten Sonnenstrahl”. Darin gehts anscheinend um Bree Tanner, diese junge Vampirin aus dem dritten Band, die kurz nach ihrem Erscheinen von den Volturi getötet wird. Die Cullens hatten ihr zwar Schutz zugesagt, aber davon hatte sie nicht wirklich viel.
Dieses Buch verdankt die Welt einer Schreibübung SM’s. Ja, sie scheint tatsächlich so etwas gemacht zu haben. Warum aber grad über diese Nebengestalt ist mir unklar. Wäre vielleicht doch interessant, dieses Buch zu lesen.
Posted 20 Apr 2010 at 18:53 ¶Na ja, süßlicher Geruch = Aas? Würde ja Sinn ergeben, dass Edward danach Mundgeruch hat
Oh je, noch ein Buch? Hat Stephenie Meyer geübt, große Summen zu schreiben, und dann gedacht, da muss noch ein Buch her?
Dass es dann ein Buch ist, dessen Ende schon feststeht, macht mich jetzt nicht besonders gespannt…
Posted 20 Apr 2010 at 18:59 ¶Aasgeruch? Igitt! “Liebling, putz dir doch bitte mal die Zähne. Du riechst so nach altem Puma und diese Hautfetzelchen zwischen deinen Zähnen….”
Dass ich das Ende kenne, hat mich noch nie bei einem Buch gestört. Ich mags nur nicht, wenn ich nach drei Seiten sagen kann, wie der Rest des Buches abläuft. Es könnte eine sehr interessante Geschichte sein, aus der Sicht der anderen Seite (der Bösewichter) geschrieben. Aber ich fürchte, bei SM mache ich mir über die Qualität nur Illusionen.
Posted 20 Apr 2010 at 19:06 ¶Ja, Vorhersehbarkeit ist schlimm – aber SM wird ja wahrscheinlich mehrere bekannte Figuren erwähnen, und die müssen ja alle so enden, dass es dann zu Buch 3 passt. Und wenn das Ziel der Reise schon klar ist, dann muss man den Reiseweg besonders lesenswert machen. Ob die das kann?
Posted 20 Apr 2010 at 19:10 ¶Nö, kann sie vermutlich nicht. Zumindest lesen sich ihre Bücher, als wäre sie über einen ersten Entwurf nie hinaus gekommen.
Dabei könnte die Geschichte um Bree Tanner hochspannend sein. Natürlich kennt man eines der Grundthemen und den Ausgang, aber beides muss absolut keine Rolle spielen. Bree Tanner gehört zu Victorias Armee der Neugeborenen. Eine Gruppe von Vampiren, über die man von SM so gut wie nichts erfährt. Nicht mal über Victoria wissen wir viel. Es gibt also durchaus einige interessante Gesichtspunkte in der Geschichte wie ZB:
- welche Menschen rekrutiert Victoria zu ihrer Armee der Neugeborenen? Macht sie das mit gesunden, jungen Menschen kann es ihr passieren, dass die Neugeborenen mit ihrer immensen Kraft und ihren Aggressionsproblemen auf sie selbst los gehen. Damit scheint sie aber keine Probleme zu haben, es dürfte sich also um
Menschen handeln, die vom Leben schwer enttäuscht sind und/oder irgendwelche
größeren psychischen Probleme haben (so wie Bella ja auch). Bree Tanner hat immerhin etwa 16 Jahre als Mensch gelebt. Wie beeinflusst das ihr Leben als Vampir?
- Schon vor Eclypse wird klar, dass Victoria Bella ausspioniert. Was für eine Chance, einen anderen Blickwinkel auf Bella, Edward und deren Umfeld zu bekommen!
- Offensichtlich wird Bree durch Jasper auf die Seite der Cullens gezogen, die ihr Schutz zusagen. Was bringt Bree dazu, Victoria zu verlassen und ihre Meinung zu ändern? Wie schafft Jasper es überhaupt, so nahe an Victorias Armee ran zu kommen, ohne von einem der überaus starken und hemmungslosen Neugeborenen getötet zu werden. Jaspers Rolle in SM’s Büchern ist trotz seines Wissens und seiner Fähigkeiten sehr mickrig angelegt. Auch eine der Figuren, aus der sie nichts gemacht hat.
- Bree wäre eine interessante Persönlichkeit, an der man die Entwicklung hin zur vegetarischen Lebensweise der Cullens gut nachvollziehen könnte. Von Victorias Armee zur Familie der Cullens zu gehen ist schon eine bemerkenswerte persönliche Entwicklung. Sie könnte eine wirklich tolle, in sich zerrissene Heldin sein, die am Ende noch dazu ihr Leben verliert.
- Brees Ermordung durch die Volturi, die sich damit immerhin über die Familie Cullen hinweg gesetzt haben, könnte der Auslöser für einen Ausbruch der Konflikte zwischen vegetarischen und natürlich lebenden Vampiren darstellen. Schade, dass das SM nicht selbst bemerkt hat. Aber faktisch könnte dieser Mord an einer kleinen Neugeborenen, die noch dazu bereit war, ihr Leben zu ändern, der Tropfen zuviel gewesen sein. Die Volturi spielen ihre Macht in diesem Moment gnadenlos aus und das hätte genau der Punkt sein können, an dem sich der Widerstand aller Alternativler und Freiheitsdenker unter den Vampiren formiert.
Die Chance hat SM leider vertan.
Die Biss-Bücher könnten eine grandiose Reihe
Posted 21 Apr 2010 at 17:00 ¶von Geschichten sein, in der es um die Freiheit der persönlichen Lebensgestaltung
und deren Grenzen geht.
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