Dave Lizewski (Aaron Johnson) ist ein Comicfan und an seiner High School so ziemlich das Gegenteil eines Frauenschwarms, der sich fragt, warum es in der wirklichen Welt eigentlich keine Superhelden gibt. Also kauft er sich ein Kostüm, nennt sich »Kick-Ass« und wird zusammengeschlagen. Sechs Monate später kommt er aus dem Krankenhaus mit Stahlplatten im Körper und verkümmerten Nervenenden und versucht es mit diesen quasi-Superkräften erneut – und er wird ein Erfolg. So ein Erfolg, dass Big Daddy (Nicholas Cage) und Hit Girl (Chloe Moretz) auf ihn aufmerksam werden… ebenso wie Gangsterboss Frank D’Amico (Mark Strong) und sein Sohn Chris (Christopher Mintz-Plasse). Gleichzeitig lernt Dave seinen Schwarm Katie (Lyndsy Fonseca) besser kennen – die glaubt aber leider, er sei schwul…

Kick Ass (2010)
Vorher aber zu anderen Punkten. Kick-Ass ist ein über weite Strecken unterhaltsamer Film, der Comic-Brutalität ein wenig ins Wahre Leben holt und gleichzeitig das Wahre Leben in ein Comic verwandelt. Dave erlebt die Konsequenzen seiner Fantasien am eigenen Leib, und eine Superkraft, die darin besteht, wirklich gut zusammengeschlagen werden zu können, ist das Höchste, was er erhoffen kann. So weit, so gut die Comicsatire. Wobei die Brutalität höchst blutig sein mag, aber natürlich keinmal ein nackter Busen zu sehen ist. Wegen der Moral.
Gleichzeitig ist Hit Girl als elfjährige Supermörderin vielleicht Schreckgespenst der konservativen Presse – die Filmkritik in der englischen Daily Mail ist grandios: Verbrechen gegen das Kino – aber sie ist nicht sexualisiert (comic-untypisch) und vielleicht nicht einmal so weit vom Möglichen entfernt. Wer weiß, was passierte, wenn man ein Kind ab einem Alter von fünf Jahren rigoros zur Killerin ausbildete? Allerdings wird es dann doch etwas extrem, wenn sie Pistolenmagazine in die Luft wirft und so ihre Waffen nachlädt. Realität ist das nicht mehr, unterhaltsam allerdings immer noch.
Was nicht so funktioniert ist der Bösewicht ganz am Ende. Anders als bei Unbreakable fehlt dieser Enthüllung einfach die Dramatik und das Gewicht, um wirklich zu zünden.
So weit, so ein ganz guter Actionspaß mit leichtem Biss, der sich gegen Eskapismus richtet.
Aber dann…
Leider nimmt der Film Big Daddy ein wenig seiner moralischen Fragwürdigkeit, wenn er die im Comic angebliche Entstehungsgeschichte dieses Heldenpaares für bare Münze nimmt. Big Daddy behauptet, Frank D’Amico hätte ihn zu Unrecht in den Knast gebracht und seine Frau in den Selbstmord getrieben – im Buch entpuppt sich das aber als Lüge, und Big Daddy hat einfach seiner geschiedenen Frau die gemeinsame Tochter geklaut, was die nachfolgende Ausbildung zum Hit Girl noch fragwürdiger macht.
Wichtiger aber ist, wie der Film Dave und Katie behandelt. Kick-Ass verliert seinen satirischen Biss, als er zur völligen männlichen Wunscherfüllung wird. Dave fliegt nicht nur einmal zur Rettung von Hit Girl, sondern gleich zweimal, und er darf sogar Frank D’Amico töten. Im Comic ist es stets Hit Girl, die ihn rettet, und sie nimmt auch Rache. Aber hier wird klargestellt, dass Hit Girl zwar unfassbar gut ist, aber letzten Endes doch die Hilfe eines Mannes benötigt, und zwar gleich zweimal.
Und Dave kriegt auch das Mädchen, womit wir bei Katie sind.
Es gibt für Frauen oft das Dilemma, entweder Madonna oder Hure sein zu müssen (oder Mutter). Entweder werden Frauen als rein und schön und jungfräulich dargestellt, oder sie sind verruchte Verführerinnen. Katie darf sogar beides sein: Sie ist schön. Sie liest Comics. Sie arbeitet freiwillig in einer Drogenberatungsstelle. Sie ist sozusagen perfekt. Allerdings hat sie einen Exfreund, der sie nicht in Ruhe lässt – und der entpuppt sich seltsamerweise als Schwerverbrecher, der Kick-Ass beinahe umbringt.
Der Verbrecher ist in den Comics der Ex einer anderen Frau, die man mit Katie zusammengelegt hat, was verständlich wäre, wenn sich jemand überlegt hätte, wie so ein Typ zu dieser perfekten Schülerin passt. Hat sich aber niemand.
Darüber hinaus spielt Dave Katie vor, schwul zu sein, um ihr nahe sein zu dürfen. Er findet sich sogar in ihrem Zimmer wieder, beide nur mit Unterhose bekleidet, um ihr Hautcreme einzureiben (wie behindern ihn da eigentlich die verkümmerten Nervenenden?). Als er ihr die Wahrheit sagt, reagiert Katie im Comic so, dass sie ihn erst verletzt, dann schickt sie ihm noch Bilder von ihr und ihrem neuen Freund. Der Vertrauensmissbrauch wird also nicht belohnt. Im Film hingegen flucht sie zweimal, dann landet sie mit Dave im Bett – und wird von der Madonna zur Hure, weil sie dann davon redet, Kick-Ass das Hirn rauszuficken und mit Dave Sex zwischen Müllsäcken hat.
Das Problem, um es klarzustellen, sind nicht die Unterschiede zum Comic, sondern, dass Katie keinerlei eigene Funktion hat. Am Anfang darf sie als perfektes Objekt angehimmelt werden, dann darf sie vernascht werden und wird zum Betthasen, und schließlich darf sie noch um Dave zittern und eine Träne verdrücken. Ähnlich wird übrigens Daves Freundin behandelt, die mit einem Typen zusammenkommt, der vorher heimlich an ihren Haaren riecht.
Diese männliche Wunscherfüllung macht Kick-Ass zu einem wesentlich weniger erfreulichen Film, als er hätte sein können. Anstelle von Biss oder gar einer Umkehr von Konventionen wird er am Ende höchst konventionell. Der Film beginnt intelligent und in unserer Welt, und er endet in der Comicwelt, ohne etwas Neues oder Besonderes gesagt zu haben. Schade.

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