Gesellschaftsfrage

Erst fragte Stephanie, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen, und dann führte das Piratenweib die Diskussion fort. Und jetzt komme ich und mansplaine1 den Damen das mal.

Na ja, jedenfalls hab ich auch meine Meinung.

Zuerst mal auch von mir Stephanies wohl entscheidende Passage:

Und wie viele andere Menschen durften in der Vergangenheit, dürfen jetzt und in der Zukunft ähnliche Erfahrungen machen? Was muss passieren, damit wir eine gesamtgesellschaftliche Priorität auf die psychische Unversehrtheit im virtuellen und physischen Leben legen? Den Straftatbestand der Bedrohung gibt es bereits – doch welche Relevanz wollen wir diesem geben?

Auch der Shitstorm zum „Das andere Geschlecht“-Panel auf der re:publica hat gezeigt, dass es einer Debatte bedarf, inwiefern fehlende Zensur Andere zensiert. In welcher Welt wollen wir leben, virtuell und physisch? Wie gehen wir mit aggressiven Widerlichkeiten um – strafrechtlich und gesellschaftlich? Wollen wir eine Kultur die aus Angst vor einer resoluten Entscheidung gegen Bedrohungen und Beleidigungen, lieber keine Entscheidung trifft und damit implizit die Opfer ausschließt?

Es liegt in unserer Hand, was für unsere Gesellschaft Priorität hat.

Und hier ein Ausschnitt vom Piratenweib:

Wenn ich es verschweige, dass ich belästigt werde, dass ich bedroht werde, dass meine Webseite durch Spam attackiert wird, dass meine eMail-Adresse missbraucht wird, dass mein Name und meine Adresse gestohlen und für Dinge verwendet werden, die ich nicht will – dann verliere ich meine persönliche Freiheit. Und meine persönliche Würde. Die ich auch im Internet behalten möchte. Die psychischen Belastungen, die aus derartigen Vorfällen resultieren, sind eine Einschränkung meiner Freiheit zugunsten irgendwelcher anonymer “Spaßvögel” aka Täter/innen, die ihre eigene Freiheit voll ausleben dürfen, ohne dass ihnen Einhalt geboten oder Grenzen gesetzt werden.

Und ich vermisse auch Solidarität mit Opfern. Das Aufstehen, das Brechen des Schweigens, das Anprangern von Missständen. Ich vermisse oft ganz menschliches Verhalten. Ich bin kein Computer, nur weil mir eine IP Adresse zugeordnet ist oder ein denic-Eintrag. Ich bin ein Mensch. Ich habe Gefühle. Ich will nicht verfolgt werden. Ich will die Meinungsfreiheit, die das Internet biete, genießen, ohne mit meinen Texten Trollattacken zu riskieren, denen ich dann nichts entgegen zu setzen habe. Ich will nicht gezwungen werden, meine Zeit mit der Abwehr solcher Dinge zu verbringen. Auch im Internet sollte gelten, was in der Welt gilt: Freiheit endet dort, wo die Freiheit eines anderen beschnitten wird.

Beide Beiträge sind allerdings auch zur Gänze lesbar.

Wenn ich mich nun dazu äußere, will ich zunächst festhalten, dass ich mich da auf unsicheres Terrain begebe. Ich bin kein Opfer von Online-Stalking. Ich erlebe im Netz und realen Leben zwar auch mal Zurückweisungen und Beleidigungen, aber die halten sich doch sehr in Grenzen. Da ist es natürlich einfach für mich, über dieses Onlinegebaren zu reden. Die Gefahr, hier als Außenstehender den Zeigefinger zu erheben, ist mir bewusst, sollte das also passieren – nagelt mich drauf fest.

Außerdem vorab: m.E. geht es im Netz sehr wohl auch um Authentizität. Natürlich kann ich mich Sandra nennen und mich als Frau darstellen – diese Art von Identität ist tatsächlich im Netz nicht herauszufinden. Aber auch im Internet begegnet man einigen Leuten länger als 140 Zeichen. Und dann kristallisiert sich trotzdem eine Identität heraus. Ich bin seit zehn Jahren in ein und demselben Forum unterwegs, und selbst Leute, die ich noch nie gesehen habe, »kenne« ich bis zu einem gewissen Grad und kann sie einschätzen. Gerade Blogger haben doch oft ihre Art, ihre Sichtweise, ihren Stil, der ihnen Authentizität verleiht.

Jetzt aber…

Trolle gibt es nicht nur im Netz
An meinem Fahrrad ist ein kleiner Behälter für Flickzeug. Kürzlich wurde mir der Deckel dieses Behälters gestohlen. Mit diesem Deckel kann niemand etwas anfangen. Aber er wurde gestohlen. Auch findet man Kritzeleien und geschmierte Beleidigungen an vielen Wänden oder Stromkästen oder auch auf den Sitzen in der S-Bahn. Wie das Piratenweib zurecht sagt, ist das kein Internet-Verhalten, sondern ein Verhalten, das durch Anonymität gefördert wird.

Jedoch ist es hier wie anderswo keinesfalls so, dass »niemand« Interesse an zivilisiertem Umgang hätte. Das Netz ist nur wie für alle anderen Menschengruppen Versammlungsort, und da fallen die unzivilisierten Leute eben stärker auf. Wenn ich im Café sitze, höre ich zwanzig Meter entfernt schon nicht mehr den Unsinn, den irgendwelche Halbstarken erzählen – aber im Netz lese ich deren Kommentare. Ausblenden ist immer mit einem Mausklick oder ähnlichem verbunden.

Trotzdem kommt es im Netz ständig zu zivilisiertem Umgang. Und in der Welt zu Trollerei.

Politisch korrekt oder beleidigend?
Wie also soll man mit diesen Idioten umgehen? Da stehe ich vor einem großen Problem. Einerseits krankt unsere Gesellschaft daran, dass psychische Erkrankungen nicht ernst genommen werden. Depression, Burn-Out, Mobbing usw. werden belächelt, weil sie ja »nichts Richtiges« seien. Insofern kann ich Stephanies Ruf, psychische Unversehrtheit zu fordern, gut verstehen.

Wo aber kreuzt sich das mit der Meinungsfreiheit? Ich persönlich bin ein Verfechter davon, jeden das sagen zu lassen, was er sagen will – durch Unsinn entlarvt man sich dann selbst. Und ich bin auch ein Freund direkter Kritik und harter (sachlicher) Argumentation – wer sich da beleidigt fühlt, hat unter Umständen Pech gehabt. Ist das aber eine Haltung, die eben gerade psychische Unversehrtheit nicht ernst nimmt?

Das ähnelt meinem Problem mit politischer Korrektheit. Ich finde es richtig, dass man darauf achtet, nicht unfreiwillig beleidigende Formulierungen zu verwenden und darauf zu achten, alle zu repräsentieren. Dazu gehört genderisierte Sprache ebenso wie die Vermeidung von Wörtern wie »behindert« oder »schwul«, wenn ich »schlecht« sagen will. Und ehrlicherweise sind bislang alle, die für sich in Anspruch nahmen, gewollt politisch inkorrekt sein zu wollen, dann nicht direkt, sondern beleidigend geworden.

Wehrhafte Freiheit
Trotzdem glaube ich, dass ohne Redefreiheit alles andere keinen Wert hat. Sie ist für mich das höchste Gut, weil nur dann, wenn man alles ansprechen kann, auch Fortschritt in allen Bereichen möglich ist. Freiheit beinhaltet aber auch Kosten, und Opfer, da es Menschen gibt, die diese Freiheit ausnutzen. Zum Teil ist es dann sicher so, dass diese Kosten getragen werden müssen – und da kommt dann ins Spiel, dass ich hier leicht reden habe, da die Kosten, die ich trage, vergleichsweise äußerst gering sind.

Aber so, wie Demokratie sich verteidigen muss, muss dies auch Freiheit tun. Freiheit ist nicht Gleichgültigkeit und auch nicht Relativismus. Nur, weil jeder die Freiheit haben soll, alles zu sagen, heißt das noch lange nicht, dass wir auch alles, was gesagt wird, gut finden müssen. Darum sollten alle, denen etwas an Redefreiheit liegt, diese offensiv einsetzen, um jenen, die sie ausnutzen, entgegenzutreten.

Trollen, Stalkern und Beleidigern muss deutlich gezeigt werden, dass ihr Verhalten nicht gut geheißen wird. Und nur, weil sie im Internet die Freiheit haben, alles zu sagen, haben sie nicht die Freiheit, das auch auf meiner Webseite zu tun. Ich muss deutlich sagen, dass ich einen zivilisierten Umgang will, und diesen einfordern. Ich muss jenen, die ihn nicht leisten, das sagen.

Gleichzeitig ist es wichtig, jenen, die unter diesen Idioten zu leiden haben, beizustehen. Zu versuchen, die Kosten der Freiheit zu verteilen oder abzuschwächen.

Es ist eben nicht damit getan, dass das Internet eben voller Trolle ist. Dass man sich damit abfinden müsse. Die Aktionen solcher Trolle sind nämlich dazu geeignet, die Redefreiheit selbst zu beeinträchtigen, indem die Betroffenen zum Schweigen gebracht werden – oder einfach übertönt. Und da muss Schluss sein.

Ich will eine Gesellschaft, in der Freiheit das höchste Gut ist. Und die dieses Gut verteidigt. Mit Zähnen und Klauen, wenn es sein muss.

Nachtrag: hätte ich fast vergessen – natürlich müssen außerdem Straftaten im Netz ebenso verfolgt werden wie außerhalb. Was Stephanie bspw. beschreibt, ist skandalös. Auch wenn ich nicht weiß, ob das nicht auch ohne Internet ähnlich skandalös verlaufen würde.

und noch ein Nachtrag:

Der Link führt zum Feministischen Zentrum.

Darf ichs wagen? Gerade im Feed-Reader aufgetaucht, über die Forderung, ein dickeres Fell zu haben. Zurecht steht dort, dass diese Forderung nur das störende Verhalten legitimiert – wer es kritisiert oder nicht aushält, ist nicht hart genug und lässt alle anderen (Frauen) schlecht aussehen. Dadurch nimmt die Störung bzw. der Sexismus aber nicht ab. Und den müssen wir abschaffen, wenn wir unsere Gesellschaft entsprechend gestalten wollen.

  1. ein Amalgam von “man” und “explain”, also wenn Männer Frauen erklären, wie Frauen denken []

Comments 4

  1. avatar Piratenweib wrote:

    Aber so, wie Demokratie sich verteidigen muss, muss dies auch Freiheit tun. Freiheit ist nicht Gleichgültigkeit und auch nicht Relativismus. Nur, weil jeder die Freiheit haben soll, alles zu sagen, heißt das noch lange nicht, dass wir auch alles, was gesagt wird, gut finden müssen. Darum sollten alle, denen etwas an Redefreiheit liegt, diese offensiv einsetzen, um jenen, die sie ausnutzen, entgegenzutreten.

    Das ist einer der schönsten Texte, die ich in den vergangenen Tagen im Internet gelesen habe.

    Posted 21 Apr 2010 at 21:56
  2. avatar Patrick wrote:

    ui, danke!

    Posted 21 Apr 2010 at 21:59
  3. avatar charlotte wrote:

    deiner meinung.

    Posted 25 Apr 2010 at 20:56
  4. avatar Magda wrote:

    Toller Beitrag! Gar nicht so mansplainer-mäßig ;)

    Vor allen Dingen der letzte Absatz zum dicken Fell zulegen ist stark.

    Posted 25 Apr 2010 at 22:13

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