Auslese, Elite und DSDS

Ich bin ja ein Fan von Eliten. Genauer gesagt mag ich es zwar nicht, wenn jemand sich ganz elitär verhält und Leute ablehnt, nur weil sie ihm nicht gut genug erscheinen. Darum missfällt mir zum Beispiel die Aufnahmepraxis von Mensa, wo man ja nur mit bestimmtem IQ reinkommt (und das liegt nicht etwa daran, dass ich an diesen Aufnahmekriterien gescheitert wäre). Im Grunde möchte ich es also demokratisch: jeder darf rein.

Aber nur, weil man dadurch am ehesten garantiert, dass die besten Personen obenauf kommen. Denn eigentlich bin ich, wie gesagt, ein Fan von Eliten.

Wenn ich mir bspw. den IPCC-Bericht durchlese, um mich über den Stand zum Klimawandel zu informieren, dann auch, weil ich Fachleuten eben eine bessere Übersicht über die Lage zutraue. Die kennen sich am besten aus, die sind die Elite. Das heißt nicht, dass sie deswegen immer Recht haben, und sie müssen kritisiert und widerlegt werden können. Aber Eliten sind nicht per se schlecht, sondern erst einmal nur besonders gut darin, was sie tun. Zur Fußball-WM nimmt man ja auch nur die hoffentlich besten Spieler mit und nicht noch jemanden aus der Kreisliga, nur weil man auf Eliten nix gibt.

Allerdings kommt Elite ja von Auslese, und Auslese kann durchaus auch sozialdarwinistische Züge haben – was übrigens nicht so sehr viel mit der Evolutionstheorie zu tun hat, aber gut, so nennt man das eben. Oder sogar leicht nach Faschismus schmecken. So, wie die Rede, die Marco Schreyl im Finale von Deutschland sucht den Superstar gehalten hat, und die im Fensehblog dokumentiert wurde:

Deutschland hat entschieden. Das Ergebnis im Finale von Deutschland sucht den Superstar 2010. Was für ein dramatischer, einzigartiger Abend. Mehrzad Marashi und Menowin Fröhlich. Gleich ist eure Schlacht geschlagen. Und ihr habt sie mit absolutem Einsatz ausgefochten, und zwar beide. Und: Ihr habt uns ein traumhaftes Finale geschenkt. Ihr seid beide ziemlich harte Jungs und ihr kämpft hart. Und das ist gut so. Alles andere wäre eine Schande.

Dieses Duell heute ist persönlich. Jeder von euch ist für den anderen der Gegner, den ihr am meisten fürchtet. Ihr steht auf dieser Bühne so nah beieinander und seid euch doch so fern. Kaum zu glauben, aber es ist noch gar nicht so lange her, da wart ihr Freunde. Beim Recall in der Karibik. Sogar noch in der ersten Motto-Show. Aber aus Freunden sind Feinde geworden. Mit dem absoluten Willen, den anderen zu besiegen.

Wer weiß, wenn ihr keine Kandidaten bei DSDS wärt, aus euch hätten richtig gute Kumpels werden können. Stattdessen wurdet ihr knallharte Rivalen. Und das musste so sein, wenn zwei große Talente wir ihr aufeinander treffen, zwei so starke Persönlichkeiten, und vor allem: Wenn es so unglaublich viel zu gewinnen gibt.

Kapiert? Das Leben ist Schlacht. Der Gegner muss vernichtet werden. Es braucht harte Kämpfer. Und Freundschaften? Nix. Aus Freunden müssen Feinde werden. Geht gar nicht anders.

An einem Strang ziehen? Gemeinsamkeiten? Bloß nicht. Wer weiß, wozu das führt. Lieber die Kandidaten und alle Kleinen auseinander halten und noch so tun, als müsste das sein. Teile und herrsche, damals wie heute.

Dieser Abend wird für einen von euch ein völliger Neuanfang im Leben sein. Für den Sieger dieses Wettkampfs tut sich eine neue Welt aus. Er wird das, wovon Millionen träumen. Er – wird ein Star. Bei DSDS gibt es nicht einfach einen netten Hauptgewinn. Hier gibt es ein komplett neues Leben. Ein Leben XXL. Ein Leben in der Kategorie fünf Sterne plus.
(Pause)
Für einen von euch wird dieses Märchen jetzt wahr. Ihr lebt beide bislang in eher bescheidenen Verhältnissen. Jetzt aber wird sich das ändern. Einer von euch wird jetzt der neue Superstar. Bekommt einen Plattenvertrag. Wird berühmt. Verdient locker Hunderttausende Euro. Kann seiner Familie ein sorgenfreies Leben bieten und als Vater seinen Kindern eine gute Zukunft ermöglichen.

Wenn sich der Sieger dieses Kampfes nicht dumm anstellt, wird er für lange Zeit ausgesorgt haben. Der Sieger bei DSDS bekommt: all das! Der Verlierer: nichts! Der Sieger steht im Licht. Der Verlierer steht für immer in seinem Schatten. Und das ist ein Schicksal, mit dem sich der Verlierer wahrscheinlich niemals versöhnen wird.

Ganz abgesehen von dem Unsinn, der da als “Leben XXL” beschrieben wird – denn aller Wahrscheinlichkeit nach dürfen Sieger_in und Zweitplatzierte_r eine Platte aufnehmen, einen harten Zeitplan lang den Produzenten nach der Nase tanzen und dann mit ein paar tausend Euro wieder in sein Leben zurückkehren, von den Medien verkorkst und um einen Traum ärmer. Und wie gesagt werden die Finalisten beide eine Platte aufnehmen.

Aber diese extreme Ausleserhetorik: der Sieger alles, der Verlierer nichts; der Sieger Licht, der Verlierer für immer im Schatten – damit kann man auch Kriege führen. Vor allem, wenn sich der Verlierer damit niemals versöhnen wird.

Elf Minuten redet Marco Schreyl, geht noch genau auf die Herkünfte der Finalisten ein, die traditionell eher aus der Unterklasse stammen - da ist DSDS tatsächlich eine Hoffnung auf den Aufstieg, ein Weg nach oben, wo viele Wege direkt verschlossen bleiben. Wer will schon einen anstellen, dem sechzehn Jahre lang nix gelingt? Oder einen, der im Knast und auf der Flucht war und dabei noch Kinder zeugte? Es gibt nur wenige, aber Marco Schreyl lässt es sich nicht nehmen, das noch mal genüsslich vor dem Publikum auszubreiten.

Da werden die Kandidaten richtig, richtig kleingemacht, beschämt, fast erwartet man, dass Schreyl sagt: »Ihr seid Abschaum, seid froh, das wir euch singen lassen.« Um dann einen zum Helden zu machen, für ein halbes Jahr, und den anderen live in sein Loch zurückzustoßen.

Und da zeigt Menowin, wer er ist, denn der Knacki, den Schreyl beschreibt, hätte mindestens dem Moderator danach eine runtergehauen – hat er aber nicht.

Ich weiß nicht, ob ich diese Selbstbeherrschung besessen hätte. Diese Rede nur zu lesen gibt mir das Gefühl, schmutzig zu sein. Dass sich jemand nicht zu schade ist, elf Minuten lang derartige Verachtung zu dokumentieren und diese Rede zu halten, ist tragisch. Dass das auch noch gewollt ist und vielleicht als normal aufgenommen wird, ist bedenklich.

Aber Guido Westerwelle hatte bestimmt seinen Spaß.

Comments 4

  1. avatar hawthorne wrote:

    Wenn ich gerade so mal die kriminelle Laufbahn von Menowin Fröhlich in spiegel online lese, dann denke ich mir, der sollte erstmal ein paar Jahre in einer Fabrik arbeiten, damit der mal auf den Boden der Tatsachen zurückkommt. Für Drogenhändler und Konsumenten habe ich Null Verständnis.

    Posted 20 Apr 2010 at 13:18
  2. avatar Lia wrote:

    Ich frage mich zeitweise, ob Marco Schreyl mit seinem christlichen Hintergrund manchmal ein schlechtes Gewissen hat nach solchen Reden. Vermutlich nicht, aber grad diese Ansprache fand ich extrem dramatisch. Und natürlich ist der Inhalt totaler Quatsch.

    Ein Star bei DSDS verdient keine Unsummen und selten hört man länger als ein Jahr von diesen Leuten. Im Radio werden sie seltener gespielt als manche Casting-Stars aus Amerika oder England. Abgesehen davon, dass das Leben so oder so weiter geht. Als ob DSDS jemals die einzige Chance im Leben wäre, seine Träume zu verwirklichen.

    Posted 20 Apr 2010 at 18:44
  3. avatar Patrick wrote:

    Ja, das kommt dazu, dass das nicht mal ansatzweise der Wahrheit entspricht. Das RTL sich aber aufspielt, kann ich noch verstehen, dass die dafür die Kandidaten runtermachen müssen, eher weniger.

    Posted 20 Apr 2010 at 18:48
  4. avatar Patrick wrote:

    Sorry, da hing ein Kommentar in der Spamliste, der mir entgangen ist!

    Posted 05 May 2010 at 22:50

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