Im Prolog von Lars von Triers Antichrist hat ein Ehepaar Sex, während ihr kleines Kind dem Laufstall entkommt und aus dem Fenster fällt. Dazu ist folgendes zu sagen: Die Ehepartner heißen Er (Willem Dafoe) und Sie (Charlotte Gainsburg). Von Trier vergleicht den Ausdruck des fallenden Kindes mit den Ausdrücken der ekstatischen Partner. Und am Ende schlägt das Kind auf dem Boden auf, die beiden kommen zum Orgasmus, und die Wäsche ist fertig.
Entweder hält man das für abstruse Anwandlungen von Kunstfilmen oder man empfindet den Prolog als beunruhigend. Davon hängt dann auch ab, wie man den Rest des Filmes sieht.
Der Rest des Films handelt oberflächlich von der Trauer nach dem Tod des Kindes. Er ist ein erfolgreicher Therapeut und versucht, Sie von ihrer Depression und Angst zu befreien. Dabei wird es im Verlauf des Films plakativ symbolisch. Wie die Namen schon andeuten, geht es auch um mehr: es geht um Vernunft und Irrationalität, um Distanz und Nähe, um Ordnung und Chaos und Geschlechterdifferenzen und um Sex.
Wenn man zu den Leuten gehört, die bereits zu Anfang des Films mit den Augen rollen, dann wird man sicherlich im weiteren Verlauf mehrmals laut auflachen. Ich gehörte jedoch nicht dazu. Für mich entwickelt der Film eine große Spannung und Unruhe, die bedrohlich wirken. Dabei würde ich nicht behaupten, alle Andeutungen zu verstehen oder auch nur, dass der Film an sich vollständig verständlich ist oder sein will. Aber ich muss doch sagen, dass ich von dem Film gefesselt war, bis…
Hier muss ich doch eine Warnung aussprechen. Der letzte Akt des Films enthält Szenen, die ich nur sehr schwer ansehen konnte. Das Gerücht geht ja, dass Leuten im Kino über wurde, und es gibt einige Kritiken, die Antichrist für die Bilder, die er zeigt, verdammen. Ich war froh, dass ich den Film ein paar Mal stoppen konnte, um Luft zu holen.
Sind Frauen von Natur aus böse? Sie glaubt daran. Gleichzeitig wird sie von Ihm den ganzen Film hindurch bevormundet – Er mit seiner Rationalität versucht Ihr, über ihre Emotionalität hinwegzukommen. Das klassische (und überholte) Geschlechterbild wird aufgebaut, und Er unterdrückt sie. Insofern können ihre Taten auch als Ausdruck der Befreiung gelten, auch wenn Sie sich dann später von der Bösartigkeit ihres Geschlechtes zu distanzieren sucht.
Von Trier inszeniert sowohl den Sex als auch die Gewalt nicht mit der sonst typischen Attraktivität. Sex ist hier – mit Ausnahme der Eingangsszene – zerstörerischer Trieb. Gewalt ist ebenso zerstörerisch und noch schwerer anzuschauen. Dies ist kein Folterporno, und obwohl es sehr viel nackte Haut zu sehen gibt, ist es auch kein sonstiger Porno.
All das soll am Ende eine Empfehlung sein, wenn man denn glaubt, nicht zu empfindlich zu sein. Als jemand, der kaum Horrorfilme sieht, hatte ich mit Antichrist Schwierigkeiten – und es ist definitiv ein Horrorfilm. Aber das Resultat ist ein Film, der mich so schnell ganz sicher nicht los lassen wird. Antichrist ist eine Erfahrung, ich habe das körperliche Gefühl, den Film »geschafft« zu haben.
Lars von Trier ist ein Bastard. Aber ein guter.

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