Alice im Wunderland

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits ist Alice im Wunderland ein Film voller fantastischer weiblicher Charaktere mit einer weiblichen Heldenfigur an der Spitze, aber gleichzeitig ist Tim Burton ein wenig zu hektisch, macht ein paar Fehler und inszeniert vor allem längst nicht düster genug. Letzten Endes überwiegt bei mir wohl die ideologische Übereinstimmung, aber das ist nicht unbedingt ein Zeichen für einen guten Film.

Hm.

Alice im Wunderland (2010)

Alice ist in diesem Film eine klassische feministische Heldin: sie verweigert sich Konventionen und will auch nicht einfach nur jemanden heiraten, den man für sie ausgesucht hat. Es ist zehn Jahre her, seit sie das erste Mal ins Wunderland kam, und sie hat die Erinnerungen daran als Träume abgetan. Dann fällt sie wieder in das Loch und muss sich erst einmal selbst wiederfinden, bevor sie die Prophezeiung erfüllen und den Jabberwocky töten kann, um die Herrschaft der Roten Königin zu beenden.

Leider lädt das Drehbuch den Film von vorne herein mit ein paar Problemen auf. Muss Alices auserkorener Ehemann wirklich so ein Langweiler mit Verdauungsproblemen sein? Muss sie wirklich das Wunderland vergessen haben? Und muss sie ihre guten Eigenschaften wirklich von ihrem Vater haben? Auf das letztere bezogen erfüllt Alice tatsächlich die typisch männliche Filmrolle, und während das auf eine Art und Weise wunderbar anzusehen ist, komme ich doch nicht darüber hinweg, dass es letzten Endes trotzdem eine stereotype Rolle ist, die da den Endkampf in silberner Rüstung verlangt und dann suggeriert, Alice würde eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Als wäre das alles so einfach: Frauen müssen eben einfach mehr wie Männer sein.

Zum Glück wird all das abgefedert erstens durch die visuelle Gestaltung des Films, die wie bei Burton gewohnt bunt und fantastisch ist, wenn auch eher das Gefühl von Popcorn-Unterhaltung entsteht und weniger von Gefahr, selbst angesichts köpfender Königinnen und böser Knappen. Zu einfach werden die meisten Konflikte gelöst, und der Kampf gegen den Jabberwocky erscheint da fast schon unpassend, weil er diese Dramatik tatsächlich transportiert.

Neben der Gestaltung brilliert aber auch die Darstellerriege. Hier ist es nicht Johnny Depp, der zwar meist beworben wurde, aber den verrückten Hutmacher nie so ganz unter Kontrolle zu haben scheint, sondern es sind Crispin Glover, Helena Bonham Carter, Anne Hathaway und Neuling Mia Wasikowska, die dem Film Leben einhauchen und für großes Vergnügen sorgen. Auch erwähnt werden sollte die Mauskämpferin, die zwar einmal an ihrer Größe zu knappsen hat, aber ansonsten großartig selbstbewusst selbst den Bandersnatch angreift. Und die Grinsekatze ist immer gut. Beide sind aber animiert; Bonham Carter hingegen hat nur eine vergrößerten Kopf und gibt ihrer Königin doch die nötige Mischung aus Bedrohung und Absurdität, Hathaways weiße Königin ist seltsam und schön und irgendwie Lady Gaga, Crispin Glover kann schmierige Charaktere sowieso. Und obschon ich bedauere, dass Alice nicht träumerischer war – ein Goth-Girl hätte m.E. besser gepasst – und so männlich endet, spielt Wasikowska alle Phasen ihrer Entwicklung wunderbar und wird durch keinen der ihr gegenüber stehenden großen Namen beeinträchtigt.

Und am Ende darf dann eben doch die Frau in silberner Rüstung den Drachen töten, nicht irgendsoein Fuzzi. Und mal so ganz ohne Liebesgeschichte. Das ist ja auch was wert und genug, um auch diesen manchmal holprigen Film zu empfehlen.

Allerdings nicht in 3D. 2D reicht hier vollkommenst.

P.S.: Notiz an Johnny Depp: Tanzszenen in Filmen funktionieren nicht. Nicht niemals nie.

Comments 2

  1. avatar lerad wrote:

    “Und am Ende darf dann eben doch die Frau in silberner Rüstung den Drachen töten”.
    Nicht “darf”, sie muss es tun, weil es so in der Prophezeiung steht. Ich hoffe ich vertue mich jetzt nicht, da es ca. schon ein Monat her ist seit ich den Film gesehen habe, aber ich meine mich zu erinnern, das sie es eigentlich nicht wollte … Aber schlussendlich hat sie dann doch das getan, was ihr prophezeit wurde. Ich finde ohne diese Prophezeiungs-Geschichte hätte der Film hinzugewonnen.

    “Allerdings nicht in 3D. 2D reicht hier vollkommenst.” <– Absolute Zustimmung, ich fand 3D echt mies (mag aber auch an dem Winkel gelegen haben, wo ich saß…)

    Manchmal hatte ich allerdings das Gefühl in einem klischeemäßigen Fantasyfilm "Held/Heldin erhält Prophezeiung, findet Schwert und tötet dann den Drachen" zu sitzen, der nur rein zufällig im Wunderland spielt.

    Posted 14 Apr 2010 at 17:46
  2. avatar Patrick wrote:

    Ja, das Gefühl kann ich verstehen, und die Sache mit der Prophezeiung ist auch doof und so ausgespielt.

    China Mieville in UnLunDun macht das ja großartig, weil da die prophezeite Heldin relativ früh schon ausscheidet und dann die “Sidekicks” plötzlich gefordert sind.

    Posted 14 Apr 2010 at 17:55

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  1. From Derangierte Einsichten - Film 2010, 2011 on 03 Jan 2011 at 10:33

    [...] sind die »besten» Filme des Jahres in meinen Augen alle mit Fehlern behaftet. Alice im Wunderland verliert sich in Johnny Depp und einer gewaltsamen [...]

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