Grizzly Man

Werner Herzog ist vielleicht der beste Gesprächspartner, wenn es um Obsession geht. Seine Einstellung zu Wahn und zur Natur lassen sich in vielen Filmen sehen, aber zeigt sich auch gut in einer Anekdote. Als er Begegnungen am Ende der Welt drehte, wollte er eigentlich auf keinen Fall Pinguine beobachten. Zu sehr widerstrebt ihm (und ich teile diese Ansicht) die niedliche Personifizierung, die Tierfilmen normalerweise innewohnt. Aber er wurde überzeugt, sich doch diese Tiere anzusehen – und aus dem ganzen Rudel pickt er diejenigen heraus, die sich vom Rudel trennen und dem sicheren Tod entgegen gehen, Pinguine mit Geistesstörung:

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Es passt also, dass sich Herzog in Grizzly Man Timothy Treadwells annimmt.

Grizzly Man (2005)13 Jahre lang fuhr Treadwell jeden Sommer in ein Bärenreservat, um dort diese großen Raubtiere zu “schützen”. Er betrachtete sie als Freunde und Familie. Im 13. Jahr wurden er und seine Freundin von einem Bären getötet und gefressen. Herzog hat die über 100 Stunden Videoaufnahmen, die Treadwell in den letzten fünf Jahren seines Lebens machte, gesichtet und zu einer Dokumentation verdichtet, die durch Gespräche mit Freunden und dem Gerichtsvollzieher angereichert wurden.

Treadwell und Herzog könnten unterschiedlicher nicht sein. Treadwell liebt die Tiere und die Natur und weigert sich sogar, ihre härteren Seiten anzuerkennen – Herzog hingegen bemerkt, dass er als Naturkonstante »Chaos, Feindschaft und Tod« sehe, und wo Treadwell Freundschaft im Blick eines Bären sieht, erkennt Herzog nur die »Unbekümmertheit der Natur und ein vages Interesse an Fleisch«.

Trotzdem sind die beiden füreinander gemacht. Herzog kennt Obsession und Getriebenheit aus seinen anderen Filmen und natürlich auch der langen Zusammenarbeit mit Klaus Kinski. Ich weiß nicht, ob jemand anderes es geschafft hätte, ein ähnliches Portrait zu zeichnen und ich bezweifle, dass der thematisch ähnliche Into the Wild von Sean Penn auch nur ansatzweise so facettenreich und ehrlich die Hauptperson beleuchtet.

Zu Beginn sehen wir den Naturschützer Treadwell und auch den von Herzog ausdrücklich gelobten Filmemacher Treadwell, und seine harmlose Art bringt uns auf seine Seite. Er unterrichtet Kinder, ist selbstlos, hat ein Ziel. Erst über die Dauer des Films eröffnen sich die dunklen Seiten, die ein derart einseitig lebender Mensch zweifellos haben muss: Drogensucht, Jähzorn, Paranoia und Sentimentalität lassen den Mann unsympathischer werden. Herzog zeigt in Treadwells eigenen Bildern Abgründe und Höhepunkte, verbindet tolle Naturaufnahmen mit dem Schrecken, den man dadurch erfährt, dass man das Ende kennt.

Die Tatsache, dass Timothy Treadwell seinen eigenen Tod (und den seiner Freundin) auf Ton aufnahm, führt zuerst zu einer ausführlichen und leicht morbiden Beschreibung des Leichenbestatters, der die Freundin lobt, in diesen letzten Minuten nicht weggerannt zu sein – man wünschte ihr, sie wäre es –, und dann zum eindrucksvollsten Augenblick, in dem Herzog sich die Aufnahme anhört. Der Zuschauer hört sie nicht, und Herzog kann sie nicht zu Ende hören, dann beschwört er eine Freundin Treadwells, sich diese Aufnahme niemals anzuhören und sie tatsächlich sogar zu vernichten.

Grizzly Man ist eine packende Dokumentation einer einzigartigen Persönlichkeit, eines tragischen Schicksals und, geht man nach Herzog, der unbarmherzigen Natur, die früher oder später ihr Recht einfordert. Ein Ausnahmefilm.

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