Ich hatte vor der Wahl unter anderem über die Piratenpartei geschrieben, dass ich mir aufgrund der fehlenden feministischen Feinfühligkeit nicht vorstellen könnte, diese Partei zu wählen. Gerade das fehlende Problembewusstsein stieß mir auf. Dazu erhielt ich einen Kommentar:
Also sorry das kann ich jetzt nicht ganz nachvollziehen? Du willst die Piraten nicht wählen weil sie ihre Mitglieder geschlechtsunspezifisch betrachten. Uns kann man als Partei echt viel vorwerfen (das muss ich einfach zugeben) aber das wir frauenfeindlich sind ist einfach lächerlich. Besuch einfach mal einen Stammtisch und unterhalte dich mit den dortigen Frauen. Wir haben relativ wenig weibliche Mitglieder und freuen uns über jede. Vielmehr stellen wir uns die Frage warum sich so wenig Frauen überhaupt für Politik interessieren. Diese Fragen stellen übrigens vorallen unsere weiblichen Mitglieder die sich meist am stärksten gegen Frauenquoten aussprechen.
Meine Antwort kann man im Thema lesen, aber weil sie mir so ärgerlich-leicht von der Hand ging, nutze ich sie für einen Blogbeitrag:
Oh ja, wir haben ja auch Frauen bei uns. Nicht viele, aber trotzdem. Und die sprechen sich natürlich alle am stärksten gegen Frauenquoten aus. Sie wundern sich, dass es wenige Frauen hier gibt, aber fördern wollen sie Frauen auch nicht speziell, warum auch.
Ist wahrscheinlich einfach so, dass Frauen sich nicht für Politik interessieren. Komisch. Frauen bloggen auch nicht, darum sind immer Männer bei den Top-Blogs, und Frauen gehen nicht ins Kino, darum kann man auch Filme auf Männer zuschneiden, und Frauen schreiben keine normalen Bücher, darum fehlen die in Anthologien gerne mal. Was machen Frauen eigentlich? Stricken, Liebesromane… na ja, da dürfen die sich ja nicht wundern.
Sorry, aber diese Argumentation der Piratenpartei ist *GENAU DAS PROBLEM*. Das ist ein Diskurs, der eigentlich für fortschrittliche Parteien – also alle außer der CDU – seit mindestens zehn Jahren ad acta gelegt sein sollte. Das zeigt ein wenig, dass die PP eine junge Partei ist, da das Problembewusstsein “Feminimismus” tatsächlich in der jungen Generation nicht sehr ausgeprägt ist, aber das lässt das Problem nicht verschwinden. Genau, weil solche Antworten auf die Frage nach Frauenförderung kommen, sind die Piraten eben nicht wählbar. Genau, weil beim Stammtisch der PP in Essen eine Frau am Tisch von 25 sitzt und sich niemand wundert, sind die Piraten nicht wählbar. Genau, weil diese angeblich junge demokratische Partei keinerlei Fehlerbewusstsein zeigt oder Bereitschaft zur Reflexion, OB DA VIELLEICHT ein Problem ist, sondern offensiv den Vielleicht-Wählern sagt, dass diese keine Ahnung hätten, sind die Piraten nicht wählbar. Und genau, weil jede einzelne Diskussion zu diesem Thema, die ich bislang gesehen habe, in denselben Verteidigungen der PP endeten, macht die PP eben weniger den Eindruck einer ausgereiften Partei und eher einer Versammlung von jungen Internetnutzern, die sich um ihre Daten sorgen, denen aber sexistische Kommentare oder Morddrohungen gegen weibliche Blogger egal sind, die auf X-Box Live Schwulenwitze reißen und bei WoW Mädels anbaggern – also genau die Klischeekiste sozial nicht ganz auf der Höhe seiender Zocker. Das sind die Piraten in der Mehrzahl nicht, aber sie benehmen sich so wie 4Chan oder andere Foren das eben tun, wenn sie kritisiert werden – Attacke.
Die Tatsache, dass es Frauen gibt, die keine Frauenquote wollen, heißt überhaupt nichts. Es gibt auch Internetnutzer, die eine Internetsperre befürworten. Es gibt Homosexuelle, die ihre Neigung für pervers halten. Zwangsverheiratete, die nichts gegen die Zwangsehe haben.
Und die Idee, Sexismus spiele in unserer Gesellschaft oder im Netz 2.0 keine Rolle mehr, ist lachhaft. Siehe die Blogcharts, die Kommentare bei im Netz aktiven Frauen, seien es Bloggerinnen oder Online-Spielerinnen oder Amazon-Rezensentinnen((beide via Mädchenmannschaft)) , seien es Ken-und-Barbie-Puppen, bei denen bei Ken immer noch steht: “Ich will Erfinder werden” und bei Barbie: “Das Kleid ist so schön”. Wir leben nicht in einer post-sexistischen Gesellschaft und das Netz stellt schon längst keine solche dar.
Die dritte Antwort der Piraten ist dann: Beteilige dich. Mach mit, ändere was. Um ehrlich zu sein, habe ich in meinem Umfeld genug zu tun, Leute auf solche Problematiken aufmerksam zu machen, da muss ich nicht auch noch in einer Partei, die NULL Bereitschaft oder Offenheit für dieses Thema signalisiert, gegen Windmühlen kämpfen. Wenn ich mit feministischen Problemen zu den Piraten gehe, begegnen mir verständnislose Blicke, was ich denn gerade bei den Piraten damit will, die sind doch längst darüber hinaus. Na danke. Dann lieber zu den Grünen, die sind zumindest halbwegs netzaffin, oder der FDP, die tut wenigstens so, als würde die Freiheitsrechte schätzen, und dort ein unperfektes, aber halbwegs komplettes Paket zu bekommen.
Wenn selbst in der CDU die Frauenquote höher ist, ist es vielleicht nicht so, dass sich Frauen nicht für Politik interessieren, sondern nur, dass sich Frauen nicht für die Piratenpartei interessieren. Aber das liegt dann eben auch an den Frauen – wenn sie die Piraten interessanter machen sollen, sollen sie sich da eben beteiligen. Ist doch ganz einfach. Man wird bestimmt auch freundlich begrüßt: “Ich weiß zwar nicht, was du hier willst, aber willkommen.”
Na denn, ahoy.

Comments 18
Hallöchen, ich bins wieder
ich kann deinen Gedanken echt gut nachvoll ziehen. Aber leider hab ich das Gefühl das du dich noch nicht wirklich aktiv mit den Piraten auseinander gesetzt hast, sonst würdest du sowas nicht schreiben.
Wir haben das Problem das sich nur sehr wenig Frauen bei uns aktiv beteiligen und haben uns die Frage gestellt “Warum ist das so”.
Ich spreche gerade mit einer Freundin die auch Mitglied ist und gerade sie spricht sich gegen eine Förderung, gegen eine Frauenqoute aus. Weißt du warum? Weil sie es als diskriminierend empfindet wenn andere Menschen (wie du) ihr mehr oder weniger sagen sie braucht Förderung weil sie ja eine Frau ist. Ist es nicht auch eine Art von Intoleranz in denen man Frauen vorschreiben möchten das sie sich politisch einbringen sollen?
Hier ist eher ein grundsätzlicher Diskurs gefragt warum sich allgemein Frauen weniger für Politik interessieren als Männer. Erziehung? Gesellschaft? Ich weiß es nicht, aber meine Beobachtungen sind das Politik allgemein weniger Interessant für Frauen sind und die Kernthemen der Piraten noch weniger. Wieso bekommen wir das als Vorwurf? Hindern wir Frauen sich zu beteiligen? Wo diskiminieren wir? Was tun wir aktiv dagegen das Frauen bei uns Politik machen können?
Die Emma hat uns mal einen Paschaaward vergeben weil wir so wenig Frauen in der Partei haben. Das nenne ich mal intolerant. Was können unsere Mitglieder für ihr Geschlecht?
Gerade dein letzter Absatz ist, entschuldigung einfach nur lächerlich. Wir haben unsere Politischen Kernthemen (Freiheit, Bürgernähe, Netzpolitik…) und das sollen keine Themen sein für die sich Frauen interessieren. Wir sollen Themen bringen für die sich Frauen interessieren damit wir unsere Quote erhöhen?
Egal ich könnt noch einiges schreiben, mache ich vielleicht später.
Wann kommt eigentlich der nächste Twilight Artikel
Posted 15 Feb 2010 at 22:00 ¶Hola Jogurtbecher, ist euer Forum immer noch im “Privatbesitz”;-)
Posted 16 Feb 2010 at 10:36 ¶Jogurtbecher: Ich war immerhin schon mal bei einer Versammlung der Essener Piratenpartei – wo feministische Themen mit Stirnrunzeln begrüßt wurden – und habe die Diskussion um Frauen bei den Piraten verfolgt.
In deinem Kommentar machst du wieder dasselbe: “Aber wir haben ja Frauen bei uns, und die wollen auch keine Frauenförderung.” Siehe erstens, was ich oben dazu geschrieben habe, und zweitens, dass das keinen reflektierten Standpunkt ausmacht. In der Tat gibt es ja die Diskussion auch unter Feministen, ob man völlige Gleichbehandlung will oder aber mit besonderen Gesetzen eine faktische Gleichbehandlung erreichen will. Das ist also eine Diskussion, die nicht so einfach über Kommentare zu führen ist und auch nicht einfach abzutun ist.
Viel problematischer finde ich deine Äußerung, Frauen seien einfach politisch weniger interessiert. Wirklich? Woher weißt du das? Gibt es da Statistiken? Und selbst wenn: warum fällt die Piratenpartei trotzdem noch mit sehr geringer Frauenbeteiligung auf? Wenn bspw. in politisch aktiven Kreisen 20% Frauen sind und bei den Piraten 5% (Zahlen aus der Nase gezogen), kann man nicht einfach nur auf die 20% verweisen.
Freiheit, Bürgernähe und Netzpolitik sollen keine Frauenthemen sein? Eine der besten Blogger_innen zu dem Thema ist annalist. M.E. ist die Piratenpartei einfach betriebsblind. Zu Netzpolitik, Freiheit und Bürgernähe gehören auch Themen wie Belästigung im Internet.
Und ja, wenn eine Partei antritt, um in den Bundestag zu kommen, muss sie ein Profil entwickeln, das mehr als nur drei Themen abdeckt, beziehungsweise diese Kernthemen dann auch ausarbeitet. Das bedeutet beispielsweise auch, etwas zur Wirtschaft sagen zu können. Letzten Endes wähle ich die Partei, mit der ich die meisten Überzeugungen teile, ohne dass Ausschlusskriterien ins Spiel komme. Und ein derart blinder Umgang mit feministischen Themen ist für mich ein solches Ausschlusskriterium, da es von Naivität zeugt.
Stell dir vor, man würde fragen, warum so wenig Leute mit Migrationshintergrund bei einer Partei sind, und die Partei sagt: “Wieso, wir haben doch einen Migranten? Migranten interessieren sich eben nicht so sehr für Politik, wir wissen auch nicht warum? Und Freiheit und Bürgernähe und das Internet sind eben keine Migrantenthemen.” Während gleichzeitig auch noch in allen anderen Parteien etwa 20% der Mitglieder Migrationshintergrund haben. Geschweige denn gut die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.
Nein, klar, das Problem haben halt die Frauen, nicht die Piraten. Dusselige Frauen halt.
Posted 16 Feb 2010 at 15:29 ¶—
Twilight ist “on hold”, wusste nicht, dass Leute das lesen. Wenn das gewünscht ist, setze ich das gerne fort, nur ohne Belohnung war das zu nervig *g*
Ich glaube du hast mich etwas falsch verstanden. Ich unterstelle Frauen nicht das sie sich weniger für Politik interessieren, das sind beobachtungen von mir und vielen anderen. Und ich frage mich ernsthaft warum das so ist. Ich habe einen relativ ausgeglichenen Freundeskreis mit etwa gleich viel Frauen und Männer. Mit den Kerlen kann ich mich eher stundenlang über Politik unterhalten als mit den Frauen. Da sind andere Themen wie Familie usw. viel wichtiger. Wenn ich auf so etwas wie Datenschutz, Bürgernähe, Außenpolitik komme dann werden meist die Augen gerollt bzw. oft aber auch erstaunen weil sie sich bis dahin noch nie mit diesen Themen auseinander gesetzt haben.
Frauen und Männer sind halt unterschiedlich und interessieren sich damit auch für unterschiedliche Themen. Daraus kann man der Piratenpartei keinen Strick drehen.
An anderen Themen wird übrigens fleißig gearbeitet und kommen auch weiter dazu.
Wie gesagt ich finde den Vorwurf wegen fehlender Frauen einfach nicht nachvollziehbar aber wenn du uns sagst das du uns nicht wählst weil wir zu wenig ausgearbeitete Themen haben verstehe ich das viel mehr
Weil das ein Punkt ist wo ich deine Kritik voll nachvollziehen kann.
—–
Posted 16 Feb 2010 at 22:06 ¶Ich fand deine Twilightserie sehr interessant und amüsant zu lesen. Hab sie auch noch anderen weiter empfohlen. Mich würds freuen davon mehr zu lesen
Doch, du unterstellst Frauen, dass sie sich nicht für Politik interessieren. Ich könnte im Gegenzug sagen, dass ich gleich zwei Frauen kenne, die Politologie studiert haben, und keinen einzigen Mann, und ich kann mit Frauen super über Politik reden – also interessieren sich Männer einfach nicht dafür.
Wenn du so was behauptest, musst du schon Zahlen haben. Vielleicht interessieren sich Frauen ja gar nicht weniger für Politik?
Ich nehme dir das mal ab: hier gibt es Daten dazu, die eventuell nicht völlig korrekt abbilden, wie es aussieht, aber immerhin.
Demnach sind etwas unter 30 Prozent der Parteimitglieder weiblich. In der CDU und der FDP waren 2004 1/4 der Mitglieder weiblich, bei PDS waren es fast die Hälfte, SPD und Grüne liegen dazwischen. 2002 wurden 32 Prozent der Bundestagsmandate von Frauen besetzt. In Schweden ist es fast die Hälfte, der EU-Schnitt liegt aber auch bei 25 %.
Und die Piraten? Wie sieht es da aus?
Der Verweis auf geschlechtsspezifische Unterschiede ist sehr einfach, weil er einen Ausweg bietet, ohne darüber nachzudenken. Warum sollten Frauen weniger Interesse an Politik haben? Wenn dieses interesse nicht sozialisiert wird oder einfach dadurch behindert, dass die Politik immer noch von Männerbünden geprägt ist? Sind das nicht auch alternative Erklärungen? Aber welche, gegen die man etwas tun könnte? “Frauen sind eben so” ist da zu einfach. Frauen gehen eben gerne shoppen, Frauen heulen, Frauen sind unsicher, Frauen wollen keine Karriere machen, Frauen sind eben dümmer, Frauen sind gerne Hausfrau, Frauen wollen sich eben unterwerfen, das ist halt so.
Das Vorgehen der PP erinnert mich eben wirklich stark an Diskussionen in der Uni, wo Leute, die anscheinend nicht mit Benachteiligung in Kontakt gekommen sind, glauben, es gebe keine. So, wie nach der Wahl von Obama in den USA geschrieben wurde, der Rassismus sei am Ende, ist auch das ein Irrtum.
Posted 16 Feb 2010 at 22:43 ¶Also ich bezweifel nicht das es keine Benachteiligung gibt aber ich kann bei den Piraten keine erkennen. Weder lehnen wir Frauen ab, noch müssen sie dumme Kommentare hören usw.
Im Gegenteil wir hätten gerne mehr weibliche Mitglieder und haben uns aktiv darum bemüht das sie auch mit auf die Listen kommen. Sie wollten aber nicht.
Sollen wir es wie bei den Grünen mache wo die Posten Frauen sein müssen? Ist das Gleichberechtigung?
Ich kann dir nur sagen das wir Frauen nicht diskriminieren. Punkt aus. Wir sind chaotisch, bei uns weiß manchmal nicht die Linke Hand was die Rechte tut usw. usw. aber wir diskriminieren keine Frauen, dagegen wehre ich mich einfach.
Ich bin gelernter Gesundheits und Krankenpfleger, ein Job der von 80% Frauen gemacht wird. Werden Männer deswegen dort diskriminiert? Nein! Werden sie nicht aber es hat seine Gründe warum das so ist (Gehalt, Ansehen …).
Posted 21 Feb 2010 at 16:56 ¶Wieso bin ich eigentlich immer ein so böser blickender Seestern
Posted 21 Feb 2010 at 16:57 ¶Die Brille haut ja hin aber eigentlich lächel ich meist.
Ich hab so ein komisches Ding eingestellt, wo Avatare zufällig zugeordnet werden, wenn man keinen eigenen hat – du bist halt der wütende Seestern *g*
Ansonsten interessanter Punkt – ich glaube auch nicht, dass die PP jetzt besonders diskriminiert, aber sie ist m.E. taub, wenn es um solche Benachteiligung geht. Diskriminierung ist ja nicht nur ein Typ, der sich hinstellt und sagt: “Ich will keine Frauen”, sondern kann auch institutionell oder systemisch sein. Von meinem Standpunkt aus müsste die PP eben allein schon dadurch ein Problem sehen, dass so wenig Frauen da sind, und nicht schulterzuckend akzeptieren, dass das so ist. Und ja, ich bin auch für Frauenquoten als Maßnahme der forcierten Gleichberechtigung, solange diese ohne Zwang unerreichbar ist.
Zum Beispiel wird erst durch eine solche Quote eine Partei gezwungen, nach geeigneten Frauen zu suchen und diese zu umwerben, anstatt sich hinsetzen zu können und zu sagen: wenn die nicht wollen, wir haben ja genug Typen zur Verfügung. Dadurch ändert sich nämlich nichts.
Aber ich bin auch Institutionenethiker und halte nur wenig von der Hoffnung, dass Menschen en masse sich selbstständig für “das Richtige” entscheiden.
Posted 21 Feb 2010 at 17:20 ¶Als jemand der sich desöfteren am fehlenden Problembewusstsein der Piraten in Bezug auf Diskriminierung aufgrund des Geschlechts abarbeitet, kann ich Patricks Wahrnehmungen nur bestätigen. Aus Gründen, die zu hinterfragen interessant sein könnte, ist es oft schwierig mit Piraten(sympathisanten) über Feminismus zu diskutieren.
Woran mag das liegen? Wie gesagt: Es scheint (aufgrund der vorwiegend männlichen Mitglieder?) an Problembewusstsein zu mangeln. Benachteiligung von Männern wird bei den Piraten ja gern und oft diskutiert, Maskulisten haben regen Zulauf.
Weiterhin sehe ich ein Problem im Selbstverständnis vieler Piraten. Oft wird von ihnen argumentiert: Wir sind postfeministisch, Punkt. All den Feminismus- und Genderquatsch brauchen wir nicht. Das geht bis zu obskuren Verschwörungen, wie: Alle anderen Parteien sind feministisch unterwandert.
Leider sind viele Piraten nicht “postfeministisch”, sie sind nicht einmal gut informiert über Feminismus (was eine postfeministische Denke ja erfordern würde).
Und oft wollen sie sich auch nicht damit beschäftigen, scheint es.
Posted 21 Feb 2010 at 18:39 ¶Erstens: “Wir sind nicht diskriminierend”. Krass. Ich hab’ schon mal ‘nen Piraten getroffen, der war diskriminierend. Ich hab auch schon mal ‘nen Grünen getroffen, der auch. Ich denke mal, du meinst das nicht so, aber dann solltest du es auch nicht so sagen. Ich interpretiere an dieser Stelle mal: “Wir sind nicht mehr oder weniger diskriminierend, als andere auch”. Falls du tatsächlich sagen wolltest, dass Piraten niemals Frauen diskriminieren, dann würde ich das gerne noch mal diskutieren.
Zweitens: Ich muss an dieser Stelle mal was zugeben: Tatsächlich sind mir schon viele Piraten positiv aufgefallen. Im Internet treffe ich immer wieder Maskulisten-Piraten, Piraten, die leugnen, dass es Sexismus gibt, und Piraten, die behaupten, dass Frauen “nun mal anders sind” und sich “nicht für Politik interessieren” (ich kenne so viele tolle politische Frauen, sogar mehr als Männer. Vielleicht liegt es an dir?). Dennoch: In Real-Life habe ich fast nur sehr coole Piraten getroffen, die mich tatsächlich weniger (als andere) als Frau behandelt haben. Obwohl ich zu den weniger technik-versierten gehöre, hatte ich nie das Gefühl, dass jemand von ihnen eine du-bist-ja-auch-ne-Frau-Haltung an den Tag legte. Woran das liegt, dass ich so unterschiedliche Erfahrungen mache, weiß ich nicht. Vielleicht drängen sich die weniger “netten” online mehr in den Vordergrund?
Drittens: Vielleicht gibt es einen konstruktiveren Erklärungsversuch als “das sind nun mal Sexisten”. Nämlich diesen: Als das Internet aufkam, gingen mehr Männer ins Internet, und vor allem mehr an die Technik. Das lag auch daran, dass sich relativ schnell “rumgesprochen” hatte (also: erfunden wurde), dass Frauen das irgendwie nicht so können (die Urzeit-Gene, natürlich, welche Frau hatte schließlich in der Höhlenzeit einen Rechner?) – und Frauen haben es dann eben auch eher gelassen (so wie Menschen grundsätzlich die Dinge eher lassen, von denen ihnen erzählt wird, dass sie sie nicht können). Und als dann politische Fragen zum Netz aufkamen, da waren da schon weniger Frauen als Männer. Nun hat sich also eine Gruppe gegründet, die sich damit weiter beschäftigt, und da sind dann eben auch mehr Männer (denn es gab ja mehr, die daran Interesse hatten). Was tun? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen generell eher in Gremien gehen, in denen mehr Menschen sind, denen sie sich ähnlich fühlen. Welcher fünfzehn-jährige geht schon gerne zu einem Treffen, wo sonst nur Ü30 rumhängen, auch wenn die noch so nett und nicht diskriminierend sind? – Viele Frauen denken sich vielleicht: “Nee, da sind nur Männer, das will ich nicht” (das ist von diesen Frauen natürlich sexistisch, aber imo verständlich). Warum nicht mal Neu-Piratinnen-Treffen machen? Das Piratinnen ist dann so ein Augenzwinkern (schließlich gibt es, ich weiß, bei euch nur Piraten). Als lustige Werbung stelle ich mir extrem coole Bilder berühmter Piratinnen (also: echter Piratinnen) vor, die Treffen werden von weiblichen Piraten, die schon länger dabei sind, moderiert. Das soll dann nicht heißen: Ihr seid anders. Sondern bloß: Wir machen euch erst mal bewusst, dass euch das auch was angeht, dass wir das auch wichtig finden, und dass es bei uns auch Frauen gibt. Auf diesen Treffen kann doch dann gleich erklärt werden, dass es bei den Piraten nicht um Geschlechter-Unterschiede geht.
Und viertens: Dass deine Bekannte sich durch solche Maßnahmen diskriminiert fühlt, kann ich verstehen. Sie muss ja auch nicht hingehen zu solchen Treffen. Das Ganze richtet sich überhaupt nicht an sie. Das Ganze richtet sich nicht an alle Frauen, sondern an die, die zu Hause gesagt bekommen haben: “Nee, das mit dem Computer lässt du lieber Papi machen, der kann das besser”. Und dass das vermutlich mehr Mädels als Jungs gesagt bekommen haben, das werdet ihr doch nicht abstreiten? Ob die deswegen “nun mal anders” sind, oder nicht, ist ein “weites Feld”. Aber wenn ich als Frau dieses Diskussion lese, und lese, dass da gleich mal jemand schreibt, ich sei “nun mal anders”, dann hab’ ich schon wieder null Bock, mich zu beteiligen. Wenn solche Sprüche in der PP an der Tagesordnung sind, dann wundert mich gar nix.
LG
Posted 21 Feb 2010 at 20:54 ¶Eigentlich hatte ich gedacht, dass Du ein wenig übersensibel bist. So kann man sich irren….
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,680985,00.html
Posted 02 Mar 2010 at 17:18 ¶Sehr schöner Artikel. Die PP argumentiert wie ein pubertierender Jugendlicher: “Aber das kann nicht sein, weil ich es nicht sehe!”. “Ich habe recht und alle anderen haben unrecht”. “Wenn es bei uns weniger Frauen gibt, dann liegts natürlich an allem, nur nicht an uns”.
Ich glaube: Die wollen einfach nicht gewählt werden! Die versuchen jetzt so viele Stimmen loszuwerden wie geht mit so viel Blödsinn wie sie zustande bekommen.
Posted 13 Mar 2010 at 17:56 ¶Ein großartiger Beitrag! Ich danke!
Ich, als an Politik interessierte Frau, habe mir die Satzung der Piratenpartei angeguckt, ob ich darin die verkündete Basisdemokratie, die Gleichstellung und Emanzipation finden, die mir versprochen wurde und ich habe nichts dergleichen gefunden, sondern recht ansehnliche Liste an Kritikpunkten. Dann war ich auf einem Stammtisch und stellte fest, dass mir werbende Höflichkeit und das “Mitmachenkönnen” nicht ausreicht. Die letzten Zweifel, mein negatives Urteil könne falsch sein, erledigte die “Männerpolitik” im Forum und ich verstand, dass genau die oben angesprochenen Mängel in der Satzung auch tatsächlich die Konsequenzen zeitigen, warum ich eben die Satzung ändern wollen würde.
MfG
Isi
Posted 13 Mar 2010 at 18:11 ¶Danke an die Verlinkungen, die hier heute eintrudeln. Leider stecke ich momentan tief in Examensvorbereitungen, daher stocken die neuen Beiträge ein wenig und sind, wenn, dann eher Filmkritiken oder so was. Würde mich trotzdem freuen, wenn neue Leser_innen öfter mal hier vorbei schauen.
Zum Thema gibt es übrigens auch bei der Mädchenmannschaft einen Beitrag, in dem sich kein groß anderes Bild abzeichnet. Bezeichnend dazu diese meine Kommentare:
Ich muss sagen, die Piratenpartei ist ein Herzensbrecher. Bei der CDU habe ich so wenig Übereinstimmungen, dass es mich nicht besonders schmerzt, dass sie unwählbar ist. Aber die Ziele der Piratenpartei sind mir eigentlich sehr sympathisch, und trotzdem macht sie sich genauso unwählbar – und meint dann noch, dass das meine Schuld sei. Das ist schade.
Allein, wenn ich in einem Forenbeitrag lese – in dem Forum auf piratenpartei.de, das gleichwohl nicht nur für Parteimitglieder offen ist, aber dennoch zumindest i.S. der Partei moderiert sein sollte –, wie eine Userin grob beleidigende Kommentare veröffentlicht, die sie bekommen hat, und von Stalkern spricht, und die ganzen Reaktionen sind nur “Pech gehabt”, “Selbst schuld”, “Na und?”…
Und jetzt kann man sagen, das sind nicht alle Piraten – aber andere lese ich da nicht. Und das sind nicht mal verdeckte Kanäle wie PN oder E-Mail, wer weiß, was da dann steht.
Ganz furchtbar.
Posted 13 Mar 2010 at 20:59 ¶Ich kenne bei den Piraten niemanden, dem Morddrohungen egal sind. Wenn das der Eindruck ist, den diese Partei auf dich macht, dann sagt das viel darüber aus, wie gut du sie kennst.
Zeige mir bitte auch einen Piraten, der behauptet, Sexismus spiele in der Gesellschaft keine Rolle.
Es gibt dagegen durchaus Piraten, die behaupten, in der PP spiele das Geschlecht keine Rolle. Darüber kann man sich streiten.
Dass es aber Frauen dort schwerer hätten, Einfluss auszuüben, kann man bezweifeln.
Schau dir dazu einmal die Geschlechterverteilung in den einzelnen Landesvorständen an.
Bitte nimm zu Kenntnis, dass es durchaus verschiedene Ansichten gibt, wie man zu einer post-sexistischen Gesellschaft kommen kann. Nimm zu Kenntnis, dass man sich für eine Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen und gleichzeitig klassische Frauenförderungsmittel wie Quoten ablehnen kann.
Posted 30 Mar 2010 at 22:38 ¶Zur Kenntnis genommen. Bitte nimm zur Kenntnis, dass bislang IMMER NOCH kein offizielles Statement der Parteiführung zu ungebührlichem, sexistischem Verhalten der Mitglieder oder etwaiger Forenstrolle existiert.
Und dann zeig mir bitte – gegeben, dass man sich für Gleichberechtigung in der Gesellschaft einsetzen kann und auf erwiesen funktionierende Methoden wie Quoten verzichten kann – wo die PP sich denn aktiv für Gleichberechtigung einsetzt. Vielen Dank.
Posted 30 Mar 2010 at 22:42 ¶Auch zur Kenntnis genommen.
Zu Piraten-Genderpolitik: Ich habe nicht behauptet, dass sich Piraten prinzipiell und für alle Bereiche gegen Quoten aussprechen. Ich möchte nur unterstreichen, dass es eine durchaus legitime und auch feministische Position sein kann, Quoten falsch zu finden.
An Initiativen für Gleichberechtigung in der PP seien genannt: AG Männer, AG Frauen, AG Queeraten und AG Gender. (Hatte so schöne Links zu allen rausgesucht, aber dann konnte ich den Kommentar nicht abschicken. Einfach im Piraten-Wiki schauen / wiki.piratenpartei.de)
Interessant finde ich vor allem diese Initiave, die einen Schritt weiter als Geschlechter-Gleichberechtigung geht.
Posted 31 Mar 2010 at 21:54 ¶Danke für den Link und die Namen.
Queerpolitik ist tatsächlich eine gute Idee.
Posted 31 Mar 2010 at 23:30 ¶Trackbacks & Pingbacks 3
[...] Derangierte Einsichten – Piraten Rant Hier findet eine sehr interessante und spannende Diskussion in den Kommentaren statt. [...]
[...] wieder ganz den Faden zu verlieren. Hab das eben auf dem Webrundgang bei Patrick gefunden: Eine sehr, sehr interessante Diskussion, die am 15. Februar begonnen hat und bis heute [...]
[...] schon etwas älter, aber immer noch eine lesenswerte Analyse der nicht-existenten Geschlechterpolitik der Pirat_innen-Partei von [...]
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