Auf der Mädchenmannschaft wurde der angeblich »kluge, reflektierte und ausführliche Text« Burka oder Sexuelle Revolution? mit dem Untertitel Verschleiern oder lieber so nackt und schlank auftreten wie möglich? verlinkt. Ich hatte mich auf eine ausführliche und reflektierte Auseinandersetzung mit der Burka gefreut, bekam aber stattdessen das hier zu lesen:
Ich fasse zusammen: Durch die sexuelle Revolution wurde die Frau zwar unabhängiger, was das gebären von Kindern und somit ihre Lebensgestaltung angeht, aber wurde dafür mehr oder weniger zum Sexobjekt degradiert, das perfekt gestylt, schlank und gut aussehend sein muss. (Das ist jetzt natürlich extrem dargestellt, aber man kann es nicht gänzlich bestreiten).
Also jetzt ausführlich und hoffentlich reflektierter hier. Dafür mit weniger Bildern.
Der grundsätzliche Konflikt: Freiheit
Der Grund, warum die Burka kontrovers diskutiert werden kann, liegt darin, dass hier eins der höchsten Güter überhaupt mit sich selbst konkurriert, nämlich die Freiheit. Genauer gesagt die Freiheit, sich so zu kleiden, wie man möchte. Betroffen ist die muslimische Frau, die idealerweise selbst entscheiden soll, was sie anzieht, auch wenn das eine Burka ist oder eine Nikab.
Nun ist es aber so, dass das Tragen dieser verhüllenden Kleidungsstücke aber traditionellen Ursprung hat und in der islamischen Kultur noch mehr Gewicht hat als bspw. die christliche Vorschrift, nach der Frauen ihren Kopf bedecken sollen, wenn sie zum Gottesdienst gehen. Um Männer nicht zu verführen, sollen Frauen sich komplett bedecken, denn nackte Haut sei aufreizend. Das ist natürlich ein bescheuerter Grund – Millionen von Männern schaffen es, nicht jeder Frau, die nackte Haut zeigt, hinterherzusteigen (verheiratet oder nicht), und in muslimischen Ländern gibt es sicherlich auch Ehebruch, Burka hin oder her. Der Grund für dieses Kleidungsstück ist also religiöse Tradition.
Nichts desto trotz wird in einer Kultur, in der Frauen, die das Kopftuch ablegen, belästigt und bedroht werden können, Frauen diese Kleidung (oder auch das “harmlosere” Kopftuch) aufgezwungen. Diese Frauen entscheiden sich also nicht freiwillig, die Burka zu tragen, sondern sie müssen sie tragen. Gegen diesen Zwang möchte man vorgehen, wenn man die Burka verbietet – man begegnet also Zwang mit Zwang.
Von absoluter Freiheit und Zwang
Geht das überhaupt? Hier regt sich schnell der Widerstand der Linken, die zu sehr von moralischem Relativismus beeinflusst sind, von der Idee des Multikulturalismus als müheloses Nebeneinander. Nach dieser Denkart ist jede Bemühung, kulturspezifischen Auswüchsen Einhalt zu gebieten, unzulässig. Diese Denkart ist jedoch zu simpel. Wenn die universellen Menschenrechte oder auch nur das Ideal der persönlichen Freiheit überlebensfähig sein sollen, müssen sie gegen Triebe, die speziell gegen sie gerichtet sind, verteidigt werden. Ansonsten erlaubt Freiheit, dass Zwang sich ausbreitet.
Insofern ist es nicht grundsätzlich abzulehnen, die Burka zu verbieten. Die Frage ist, was man damit bezwecken will, und was man damit erreichen würde. Bezwecken möchte man, dass in entsprechend unterdrückenden Familien aufwachsende Frauen nicht dazu gezwungen werden können, sich zu verschleiern, und damit eher Teilhabe an der Gesellschaft haben können, anstatt sich schon allein visuell auszugrenzen. (s.u.) Aber ist das wirklich die wahrscheinlichste Folge?
Oder wird stattdessen eine Familie, in der Tochter oder Frau dazu gezwungen würde, nur verschleiert auf die Straße zu gehen, diese Tochter oder Frau ohne Schleier eben nicht auf die Straße lassen? Nach der Schule kommt die Tochter dann direkt nach Hause und wird eingesperrt? Es gibt ja auch Berichte, nach denen Frauen unter der Burka dann westliche Kleidung tragen und dann, wenn sie unter Freunden sind, ihre Burka ablegen. Erreicht man also mit einem Verbot eher nur, dass die Unterdrückung der Frauen verstärkt und in die Privatheit verlagert wird? Ist die Burka vielleicht ein Zwang, den man in Kauf nimmt, gerade weil er unterdrückten Frauen zumindest die theoretische Gelegenheit bietet, an der Gesellschaft teilzuhaben? Ist der Burkini zu begrüßen, weil er muslimischen Mädchen ermöglicht, Schwimmen zu gehen?
Kontakt mit dem Fremden
Ich persönlich habe auch immer widerstreitende Gefühle, wenn ich verschleierte Frauen sehe. Ich sehe darin entweder ein Zeichen von Unterdrückung oder aber Ausdruck großer Religiösität, und bei beidem fühle ich mich unwohl. Anscheinend ist allerdings das ein Hauptgrund für viele, ein Verbot der Burka zu fordern, persönliches Unwohlsein. Ich habe allerdings kein Recht darauf, mich nicht unwohl zu fühlen, und Freiheit hat es nun mal in sich, dass auch Leute die Freiheit zu Dingen benutzen, die mir nicht gefällt. Anderen wird unwohl, wenn sie küssende Männer oder Frauen sehen, wenn sie Leute in Ledermänteln und Nasenringen sehen, wenn die Love Parade im Fernsehen kommt oder wenn der Atheistenbus durch die Heimatstadt fahren soll. Unwohlsein? Pech gehabt. Das ist kein Grund. Bei der Burka habe ich oft den Eindruck, die erhoffte Folge ist einfach: “Aus den Augen, aus dem Sinn.”
Es gibt natürlich auch jene, die ernsthaft gegen die Unterdrückung der Frau arbeiten, und das ist definitiv auch der Punkt, der mich am ehesten gegen die Burka disponiert. Unterdrückung von irgendjemandem geht nicht, das kann man nicht zulassen – auch wenn wir Zwang in vielen Fällen natürlich trotzdem ertragen; allein der Zwang, Geld zu verdienen (für Essen und Unterkunft), beschränkt meine persönliche Freiheit schon ungemein. Man muss sich jedoch fragen, ob ein Verbot von Verschleierung wirklich zielgerichtet ist.
Es gibt spezielle Orte, an denen ich das nachvollziehen kann. Ein Verbot von Verschleierung in Institutionen kann ich mir vorstellen, zumal es die Schulpflicht gibt und Eltern entsprechend (idealerweise) gezwungen sind, ihre Kinder zur Schule zu schicken, Schleier oder nicht. Ich bin ohnehin gegen öffentliche religiöse Symbolik seitens der Lehrer. Solange aber eine der Aufgaben der Schule nach der NRW-Verfassung und dem Schulgesetzt ist, »Ehrfurcht vor Gott« zu vermitteln, muss dies auch Allah einschließen und entsprechend hat man wohl keine Handhabe für ein generelles Verbot von Verschleierung.
Ansonsten ist es immer besser, mit Bildung und Aufklärung zu agieren. Ich halte ein Verbot der Burka wie oben beschrieben für wenig zielgerichtet; besser wäre es, es gäbe “Staatsbürgerkunde” o.ä. für Einwanderer und gleichzeitig vielfältige Hilfs- und Beratungsangebote für unterdrückte Frauen. Wenn der Staat in der Lage ist, bedrohten Frauen aus ihrer Zwangslage zu helfen, anstatt ihr nur etwas freizügigeres zum Anziehen zu geben, dann kann auch effektiv gegen diese Zwangslagen vorgegangen werden. Das allerdings kostet Geld; Geld, das nicht ausgegeben werden will. Verbieten ist dann doch einfacher.
Und die sexuelle Revolution? Pro Burka?
Wir sollten festhalten, dass sich jeder durch seine Kleidung einer oder der anderen Subkultur zuschreibt und damit vor anderen verschließt. Es ist gleichzeitig so, dass selbst bestimmte Orte auch mit eigenen Kleidungsvorschriften einhergehen, mehr oder weniger streng. Ich kann im Anzug vielleicht in eine linke Anti-G8-Versammlung gehen oder mich im rosa Hemd in eine Rockerkneipe setzen und werde nur komisch angeguckt, aber ich gehe nicht im G-String (oder Bikini) ins Büro – was auch wieder zeigt, dass bei uns »freizügig« nicht unbedingt »besser« ist.
Ist denn aber die Burka ein Gegenmittel für die Freizügigkeit unserer Zeit? Haben es verschleierte Frauen nicht gut, weil sie nicht Stunden vor dem Spiegel verbringen müssen?
Dieses Argument zielt entweder auf einen generellen mit Freizügigkeit zusammen hängenden Werteverfall ab – den ich erst einmal bewiesen haben möchte – oder behauptet wie in dem oben verlinkten Text, mit Freiheit sei Oberflächlichkeit einhergegangen und die Frau zum sexuellen Objekt verkommen.
Das ist Unfug, um es klar zu sagen. Denn ein sexuelles »Objekt« charakterisiert sich m.E. dadurch, dass es keine eigenen Triebe hat, keine Entscheidungsbefugnis. Eher sind Frauen Sexualsubjekte geworden; Sexualobjekte waren sie schon lange. Pornografie gab es zu biblischen Zeiten, und bei den Viktorianern war es eben sexy, den Knöchel zu zeigen anstatt den Bauchnabel. Ich halte es auch für fraglich, ob Frauen unter der Burka wirklich immer ungeschminkt, ungewaschen und ungekämmt sein »dürfen«.
Außerdem kann man gegen Oberflächlichkeit nicht damit vorgehen, indem man ihr nachgibt und die Oberfläche wegnimmt. Ähnlich würde ich auch gegen das Argument reden, die Burka schütze die Frauen vor zudringlichen Blicken – das Problem ist die Oberflächlichkeit bzw. die Zudringlichkeit, nicht der Frauenkörper. Durch die Verschleierung aber wird die Verantwortung wieder den Frauen überantwortet. Ich gucke Frauen auf den Busen, wer das nicht will, muss ihn verdecken. Ich muss nicht aufhören, auf Busen zu starren.
Auch hier bedarf es eher Sensibilisierung, Aufklärung, Bildung anstelle des Versteckens hinter schwarzem Tuch. Letzten Endes ist das der Weg gegen die Zwangsburka: den Zwingern klar machen, dass – ebenso, wie Hände nicht schwanger werden – Männer durch Frauenhaut eben nicht von unkontrollierbarer Lust mitgerissen werden, dass Zwang nicht gut es, dass Unterdrückung nicht nur falsch ist sondern auch nicht funktioniert, dass Sex viel besser ist, wenn beide oder alle Partner nicht nur widerwillig mitmachen, usw. Anstatt den Frauen zu verbieten, von Männern zu etwas gezwungen zu werden, muss man Männern verbieten, zu zwingen, und sie gleichzeitig dazu bringen, dass sie gar nicht zwingen wollen.
Und dann darf auch jede(r) Burka tragen, denn es geschieht ja freiwillig.

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[...] Fragen: Auf p-pricken.de erläutert Patrick seine Antwort auf „Verschleiern oder lieber so nackt und schlank auftreten wie möglich?” – Burka, Nikab und Freiheit. [...]
[...] realistisch (frustrierend realistisch?). Darum habe ich auch kein Problem damit, das Thema des Burka-Verbots mit einer Analogie über The Wire zu verargumentieren. In der dritten Staffel der Serie ist ein [...]
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