“Sexting” ist ja anscheinend gerade schwer “in” in der Hysteriemaschine. Oh mein Gott, Jugendliche nutzen ihre Handys, um sich Nacktbilder zuzuschicken, am Ende noch von sich selbst! Wer hätte das gedacht? Also mit Ausnahme aller, die auch nur eine grundlegende Ahnung von Pubertät und Geschlechtstrieb haben. Diese Praxis ist tatsächlich problematisch, aber eher, weil nach einer Trennung oder, wenn die Bilder an die Falschen geraten, die Veröffentlichung oder drohende Veröffentlichung der Bilder (oder Filme) enormen psychologischen Druck ausüben kann, ganz zu schweigen davon, dass man vielleicht plötzlich ungewollte Nacktbilder von sich im Internet findet.
Dabei wäre auch das halb so schlimm, wenn die Reaktion der Mitmenschen auf so etwas nicht so schlimm wäre. Da wird schnell igittisiert und abgewunken und mit der Stirn gerunzelt und ausgeschlossen. So was tut man nicht – vor allem nicht als Mädchen oder Frau. Bloß kein Sex außer Missionarsstellung.
Die Reaktionen können wirklich schlimm sein und werden von den Medien nicht besser. So, wie über Selbstmorde manchmal berichtet wird, obwohl das nachweislich zu Selbstmorden führt (Enke ist eben berichtenswert); so, wie über Amokläufer berichtet wird, obwohl das nachweislich zu Nachahmern führt. Hier wird die Hysterie geschürt.
Der Fall der dreizehnjährigen Hope Witsell ist ein tragisches Beispiel. Hope schickte ihrem Schwarm ein Bild aufs Handy, auf dem sie oben ohne zu sehen war. Daraufhin bekam sie einen mehrtägigen Schulverweis, ihre Eltern verboten ihr Internet und Handy und gaben ihr Stubenarrest für den Sommer, und ihre Mitschüler durften sie anscheinend halbwegs ungestraft Hure und Schlampe nennen. Das Ganze wurde so schlimm, dass Hope Selbstmord beging.
Und wer ist schuld? Natürlich das “Sexting” – nicht etwa die Reaktion darauf. Nein, in Zukunft muss man noch härter durchgreifen, das ist die Lehre, die man aus den Medienberichten ziehen sollte.
Solange, bis die Angst davor, zum Selbstmord getrieben zu werden, größer ist als der Drang, seinem Schwarm ein Bild von nackten Brüsten zu schicken.
Oder nehmen wir einen anderen Fall: ein Siebzehnjähriger hat eine fünfzehnjährige Freundin (oder umgekehrt: eine Fünfzehnjährige einen siebzehnjährigen Freund). Zur Strafe wurde er für zehn Jahre (dann bis 2013) auf die Liste für Sexualstraftäter gesetzt. Zur Strafe für was? Siehe oben: er ist 17, sie 15. Das reicht.
Trotz der Strafe sah er sie wieder, und er stahl ein Videospiel, ist also ein gefährlicher Verbrecher. Ergo bleibt er jetzt bis 2028 auf der Liste.
Na und? Das Problem ist, wer auf der Liste steht, hat gewisse Bedingungen zu erfüllen: er darf beispielsweise nicht näher als 350 m von einem Ort entfernt sein, an dem sich Minderjährige aufhalten: Schulen, Kirchen, Bushaltestellen, Spielplätze, … Ganz abgesehen von dem sozialen Druck, ein Sexualstraftäter zu sein. Der Junge hat seine Schulausbildung überraschenderweise nicht beendet.
Als er vor kurzem mit seiner Mutter umzog, fragte diese extra bei der Polizei nach, ob das neue Heim den Anforderungen genüge, also nicht zu nah an einem verbotenen Versammlungsort ist – es gibt in Miami ja die legendäre Brücke, die der einzige Ort ist, wo sich solche Leute aufhalten können, was dann dazu führt, dass die Sexualstraftäter – echte und solche wie oben – sich unter der Brücke versammeln. Die Polizei jedenfalls beschied, dass das Haus okay sei.
Leider war es nur 120 m von einer Schule entfernt, und der Junge – inzwischen 23 – wurde vor seiner Haustür beim Basketballspielen erwischt und verhaftet. Ihm drohen nun 10 Jahre Gefängnis.
So sieht es aus, das Verhalten derjenigen, deren Schlachtruf “Denkt an die Kinder!” ist. Rigoroser Druck und Zwang soll die Kinder vor allem schützen, was auch nur ansatzweise gefährlich ist – außer der Gefahr, die von rigorosem Druck und Zwang ausgehen. Und Sex ist da natürlich ganz oben mit dabei. Bewahre, dass eine Dreizehnjährige sich mit Sexualität beschäftigt. Pfui!

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[...] Derangierte Einsichten – Sexting – na und? "Oh mein Gott, Jugendliche nutzen ihre Handys, um sich Nacktbilder zuzuschicken, am Ende noch von sich selbst! Wer hätte das gedacht? Also mit Ausnahme aller, die auch nur eine grundlegende Ahnung von Pubertät und Geschlechtstrieb haben." – Wir haben echt momentan keine richtigen Probleme in Deutschland… (tags: blog) [...]
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